Als Hitler den Ersten Weltkrieg gewann
Die Nazis und die Deutschen 1921-1940

Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2024
ISBN
9783451385681
Gebunden, 352 Seiten, 26,00
EUR
Klappentext
Die bis heute wohl wichtigste Frage zum Nationalsozialismus ist: Wie konnte aus einer gewalttätigen Splitterpartei innerhalb weniger Jahre eine verheerende Massenbewegung werden, die Adolf Hitler an die Macht brachte? Welche Faktoren gaben den Ausschlag für den Erfolg der Nazis? Gerd Krumeich macht sich ausgehend von seinen jahrzehntelangen Forschungen zum Ersten Weltkrieg und dessen Folgen noch einmal auf die Suche nach Antworten. Auf der Grundlage zeitgenössischer Quellen und der Forschungsliteratur stellt er fest: Die Bedeutung des verlorenen Ersten Weltkriegs in der Nazi-Propaganda und den Reden Hitlers ist für die Attraktivität der NSDAP und die Radikalisierung eines mörderischen Antisemitismus bisher weit unterschätzt bzw. mit dem Begriff der "Dolchstoßlegende" marginalisiert worden. Krumeich legt eine dichte und intensiv geschriebene Neuinterpretation des Verhältnisses von Hitler und den Deutschen vor. Dabei geht er über die übliche Zeitgrenze von 1933 hinaus. So entsteht eine neue Geschichte des Aufstiegs des Nationalsozialismus von seinen Anfängen bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 14.08.2024
Mit großem Interesse liest Rezensent Florian Keisinger Gerd Krumeichs Buch über die Instrumentalisierung der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg durch die Nazis. So sei es vor allem das Narrativ des "jüdisch-bolschewistischen Umsturzes" gewesen, das den Boden für die nationalsozialistische Herrschaft und den Antisemitismus legte, resümiert Keisinger. Die Kriegseuphorie im August 1914 diente den Nazis auch als Beweis ihrer "Volksgemeinschaft", erfahren wir. Das belegt der Autor mit einer Vielzahl an zeitgenössischen Quellen, die erhellenden Aufschluss über die damalige Gesellschaft bieten, lobt der Kritiker. Krumeich blende aber andere Aspekte aus, die den Nazis an die Macht verhalfen: Zwar war in Deutschland das Gefühl der "Schmach" nach dem Ersten Weltkrieg stark verbreitet, wirtschaftliche und politische Gründe wogen aber ähnlich schwer, merkt der Kritiker an. Eine "Pluralität der Perspektiven" lasse Krumeich in seiner Darstellung leider nicht zu, moniert der Rezensent zuletzt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.08.2024
Der hier rezensierende Historiker Dietmar Süss freut sich über das Buch seines, wie er findet, "anregenden" Kollegen Gerd Krumeich und ist dennoch nicht ganz zufrieden mit Krumeichs Versuch, den Aufstieg Hitlers und der Nationalsozialisten aus dem Trauma des Ersten Weltkriegs zu erklären. Zwar kann ihm der Autor deutlich machen, wie wirkmächtig die auf der Idee vom "Schandfrieden" basierende Propaganda war, und er analysiert Hitlers Reden dahingehend auch extensiv, so Süss. Eine umfassende Untersuchung der Anti-Versailles-Rhetorik auch bei anderen Gruppierungen wie der gemäßigten Rechten bietet ihm Krumeich jedoch nicht und versäumt damit laut Rezensent den Einbezug "gegenläufiger Tendenzen" zu seiner Lesart und die Darstellung innerer Widersprüche der Nazi-Politik.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 08.07.2024
Ein interessanter Beitrag zur historischen Forschung die Wirkungsgeschichte des Ersten Weltkriegs betreffend legt Gerd Krumeich hier zwar durchaus vor, meint Rezensent Eckart Conze, hat aber auch eine Reihe kritischer Einwände. Krumeich argumentiere, dass die Umstände der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg sowie des Friedensschlusses den Aufstieg Hitlers zur Macht erklären, da dieser sich die Wiedergutmachung der "Schande von Versaille" auf die Fahne schrieb. Das Problem an dem Buch ist laut Conze nicht diese durchaus stichhaltige Kausalbehauptung, sondern die Tatsache, dass Krumeich nur Quellen sucht, die seine These stützen - und manchmal sogar zugibt, dass seine Argumentation nicht voll durch Quellen untermauert werden kann. Das betrifft zum Beispiel Passagen zum Ende des Ersten Weltkriegs, die, so Conze, in die Nähe der Dolchstoßlegende abdriften, wenn Krumeich argumentiert, dass eine Fortführung der Kämpfe durch deutsche Truppen möglich gewesen wäre, dabei aber den politischen Kontext außer Acht lässt. Auch die Unterscheidung zwischen richtigen, also von Hitlers Ideologie überzeugten Nazis und Mitläufern, die sich lediglich nach ein wenig nationalistischem Wohlgefühl sehnten, will Conze - seinerseits selbst in Marburg lehrender Historiker - Krumeich nicht durchgehen lassen. Das Buch, wiewohl in Teilen interessant und hochaktuell angesichts neuer autoritärer Tendenzen, schmeckt dem Rezensenten doch ein wenig zu sehr nach der Art von NS-Apologetik, die in den frühen Nachkriegsjahren in Deutschland hoch im Kurs stand.