In der Antisemitismuskritik insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg wird Fichte vielfach eine zentrale Rolle zugedacht: nämlich als dem Angelpunkt des Umschlags vom religiösen Antijudaismus zur politischen Judenfeindlichkeit. Diese Sicht, die sich im Wesentlichen auf eine Äußerung in einer Frühschrift des Philosophen von 1793 stützt, hat - so die These des Buches - dessen weitere Entwicklung, wenn überhaupt, dann nur völlig unzureichend zur Kenntnis genommen. Für überraschend viele jüdische Zeitgenossen, seine jüdischen Studenten voran, ist Fichte der wegweisende Philosoph der Epoche gewesen. Die weitere, gerade jüdische Rezeptionsgeschichte seines Werkes belegt bis ins Dritte Reich hinein eine erstaunliche, bislang in diesem Umfang nicht zur Kenntnis genommene Affinität des Judentums zu Fichte.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.07.2001
Überaus hartnäckig, konstatiert Rezensent Thomas Sören Hoffmann, hat sich bis weit über die NS-Zeit hinaus jene Fichte-Lesart gehalten, der der Philosoph als "Antisemit" galt. Wenig habe dagegen Hanna Ahrendt vermocht, die sich schon 1951 wunderte, dass Fichte "so vielfach für die Entstehung der deutschen Rasseideologie verantwortlich gemacht" werde. Dem Buch von Hans Joachim Becker bescheinigt Hoffmann, umfassendes Material und neue Ergebnisse zum strittigen Thema vorzulegen. Dabei stellt Becker die antisemitischen Äußerungen des "frühen" Fichte im "Beitrag zur Berichtigung der Urteile des Publikums über die französische Revolution" dem Fichte nach 1799 gegenüber. Anhand einer Fülle von Quellen belegt Becker, so Hoffmann, dass Fichte spätestens nach seiner Begegnung mit der Mendelssohn-Tochter Dorothea Veith sein antijüdisches Ressentiment gänzlich aufgegeben habe. Es kam gar dahin, dass Fichtes Kolleg an der Berliner Humboldt-Universität den Spottnamen "Hebraica" erhielt, weil es von so vielen jüdischen Hörern besucht wurde. In der Geschichte der Fichte-Rezeption des 19. und 20. Jahrhunderts fänden sich deshalb auch zahllose jüdische Fichteaner, die gerade die Affinität von Fichteschem und jüdischem Denken betonten. Hoffmann bedauert ein wenig, dass in Beckers Studie diese Affinität in der Sache nicht weiter untersucht wird, wie denn die philosophische Systematik leider überhaupt zu kurz komme. Indes, so lobt er, sei es Becker "in bemerkenswerter Weise" gelungen, "verschüttete Tatsachen in Erinnerung zu rufen und gegen ungerechte Abetikettierungen Fichtes zu Wort kommen zu lassen."
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