In diesem Band seines Tagebuches zeigt sich Kessler einmal mehr als aufmerksamer Kommentator, dessen Betrachtungen diesmal von den Krisenjahren der Weimarer Republik bis zum beginnenden Nationalsozialismus reichen. Dies dokumentieren nicht zuletzt zahlreiche von ihm in den Band eingefügte und kommentierte Zeitungsausschnitte. Im Februar 1933 nahm Kessler am Kongress "Das Freie Wort" in der Berliner Krolloper teil, der letzten großen Protestaktion für Meinungs-, Rede-, Presse- und Wissenschaftsfreiheit. Während eines anschließenden Paris-Aufenthalts wurde ihm mitgeteilt, dass er sich mit einer Rückkehr nach Deutschland in Gefahr bringen würde. Kesslers Wunsch, zu einem späteren Zeitpunkt nach Deutschland zurückzukehren, ließ sich nie verwirklichen. Der Aufenthalt in Paris mündete ins Exil. Von November 1933 bis Mai 1935 lebte Kessler in Palma de Mallorca und arbeitete dort an seinen Memoiren. Am 30. November 1937 starb Kessler in Lyon.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 26.08.2010
Manfred Koch erklärt das Großprojekt der Publikation von Harry Graf Kesslers Tagebüchern mit dem vorliegenden neunten Band für fast abgeschlossen, weist allerdings auf den noch fehlenden ersten Band hin. Kessler war ein überaus einflussreicher und umtriebiger Schriftsteller, Politiker, Kunstsammler und Mäzen, der aber vor allem durch seine 57 Jahre währende, akribische Tagebuchführung als aufmerksamer Chronist der Weimarer Republik und darüber hinaus gilt, erfahren wir. Während auch der neunte Band wenig über das Innenleben des Autors preisgibt, ergibt sich mit der Lektüre ein eindrucksvolles Epochenbild, das sich mit der Nazizeit auch unter der Feder Kesslers spürbar verdüsterte, lässt Koch wissen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 23.07.2010
Genüsslich liest Alexander Kissler den abschließenden neunten Band von Harry Graf Kesslers Tagebuch. Dafür dass die Lektüre nicht zu einem Trauerfall wird (immerhin versinkt Deutschland im Nazismus, sterben die Freunde weg), sorgt laut Kissler des Autors Sinn für das Komische im Tragischen. Weiterhin delektiert sich der Rezensent an Kesslers Wachheit, die hier Darstellungsmittel wird, wie er schreibt, ohne in "Äquidistanz" abzurutschen. Harte, rasche Kommentare hat Kissler gern. Für ihn ist dieses Tagebuch viel mehr als Kulturchronik, ist politisch, seelenschauend, aber eben auch Lehrbuch der Polemik, eine Kunstform, die Kessler, so Kissler, "mit Verve" beherrsche.
Norbert Gstrein: Im ersten Licht Zwei Weltkriege, ein Jahrhundert: ein eigenwilliges Leben voller Schönheit, Tragik und Widersprüche. Norbert Gstrein schenkt uns ein ganzes Menschenleben. Dabei ist jedes… Jana Hensel: Es war einmal ein Land In ihrem neuen Buch erzählt die Bestsellerautorin Jana Hensel vom Ende eines großen Traums. Denn das, was vor über 35 Jahren als Aufbruch in eine neue Ära begann, wird nun… Robert Menasse: Die Lebensentscheidung Frustriert von den Mühlen der Bürokratie, trifft Franz Fiala eine "Lebensentscheidung" und wirft seinen Job bei der Europäischen Kommission hin. Als er seine Mutter zum 89.… Elias Hirschl: Schleifen Franziska Denk wächst im Umfeld des Wiener Kreises auf und leidet als Kind an einer seltsamen Krankheit: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sofort. In…