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Hermann Stresau

Von den Nazis trennt mich eine Welt

Tagebücher aus der inneren Emigration 1933-1939
Cover: Von den Nazis trennt mich eine Welt
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2021
ISBN 9783608983296
Gebunden, 448 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Herausgegeben von Peter Graf und Ulrich Faure. "Es war vor allem nicht leicht, inmitten eines grandios aufgeblähten Machtsystems zu leben, inmitten eines geistigen Terrors, einer phantastischen Lügenhaftigkeit, innerlich abseits, bemüht, sich nicht blenden zu lassen, auch nicht von scheinbaren Vorzügen und Erfolgen." Hermann Stresau arbeitet als Bibliothekar in Berlin, als 1933 die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten erfolgt. In seinen Tagebüchern, die der in Amerika geborene Intellektuelle mit der Machtergreifung wieder aufnimmt, entfaltet sich ein intimes Bild der Vorkriegszeit. Ausnehmend klarsichtig schildert er, wie die neuen Machthaber mit der ihnen eigenen Mischung aus geschickt eingesetzter Propaganda, inszenierten Machtdemonstrationen, der skrupellosen Ausübung von Gewalt und einer gut organisierten Bürokratie die Herrschaft absicherten und Stück für Stück ausweiteten. Doch genauso sehr interessiert sich Stresau für sein Umfeld. Reflektiert beschreibt er das Verhalten derjenigen, die sich aus Überzeugung oder Karrieregründen dem System andienen, schildert das Mitläufertum ebenso wie die Gedanken der ihm Gleichgesinnten, die sich den neuen Verhältnissen verweigern. So entsteht ein unvergleichliches Zeitpanorama und Psychogramm der Deutschen. Die Tagebücher wurden von den Herausgebern Peter Graf und Ulrich Faure wiederentdeckt und reichen von 1933-1945. Ein zweiter Band, der die Kriegsjahre umfasst, erscheint im Herbst 2021.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 22.04.2021

Sehr begeistert schreibt Rezensent Stephan Speicher über die Notizen des gleich zu Anfang des Nazi-Reichs entlassenen Spandauer Bibliothekars Hermann Stresau. Ihn fesselt die Mischung aus Selbstzweifeln und immer wieder durchschlagender, klarer moralischer und intellektueller Orientierung, die der sich mühselig durch die Jahre hangelnde "Bildungsbürger" zum Ausdruck bringt. Unter seinen genauen, im Moment gemachten Beobachtungen seiner selbst, seiner Nachbarn und der allgemeinen Stimmung sowie mancher Zeitungslektüre sind immer wieder besondere Funde, betont der Kritiker und zeigt sich sehr angetan auch von den Versuchen Stresaus, positive Elemente am Nationalsozialismus wahrzunehmen, insbesondere "sozialistische Verheißungen", die er aufzeichnet. Diese werden dann umso klarer dekonstruiert, verrät der von diesen Aufzeichnungen vollkommen überzeugte Kritiker, denn genau so werde verdeutlicht, dass im Nationalsozialismus für die Massen immer wieder ein Versprechen steckte, das weniger begeistert geglaubt als in einer Mischung von "Schwanken zwischen Zynismus und behaglicher Loyalität", so zitiert er Stresau, zunehmend hingenommen wurde.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 16.04.2021

Rezensent Paul Jandl dankt den Herausgebern Peter Graf und Ulrich Faure für die Arbeit mit Hermann Stresaus Tagebüchern aus den Jahren 1933-1939. Zu erfahren ist für den Leser laut Jandl, wie ein genau beobachtender Intellektueller und Schriftsteller den Aufstieg der Nationalsozialisten erlebt. Reizvoll ist für Jandl diese Perspektive der inneren Emigration, weil der Autor so hellsichtig den Verlust der eigenen Freiheit (etwa durch die Weigerung, der SA beizutreten), den Umschlag von Auflehnung in Unterwerfung und die Ausbreitung von Hass und Angst zu beschreiben vermag. Am besten gefallen Jandl Stresaus "mikrosoziologische" Betrachtungen des Kleinbürgertums.