Aus dem Englischen von Maria Meinel. Man kann Die nackte Welt auf nahezu jeder Seite aufschlagen und wird sehen: Irina Mashinski interessiert sich nicht nur für Geschichte, sondern auch für ihre Wirkung auf unsere Innenwelt, nicht nur für den Lauf der Zeit, sondern auch für deren Geheimnis. Wird nämlich ein Kind in ein totalitäres Land hineingeboren, zündet ein Vogel ein Streichholz. Mashinskis UdSSR ist eine Welt voller erinnerungsträchtiger Dinge - Wasserpumpen mit abplatzendem Lack, Tapetenmuster, Akkordeons. Eine Welt, in der Ironie eine Überlebensstrategie ist, Zärtlichkeit ist Medizin. Eine Welt des harten Realismus, die dennoch darum weiß, dass Jupiter rotiert, Saturn segelt und die menschlichen Schulterblätter Feuerruder sind.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 09.08.2024
Ein "Memoir" im weiteren - im weitesten Sinne ist Irina Mashinskis Erinnerungsbuch, ein feines Gewebe aus Prosafragmenten, Fotos, Zitaten aus Briefen, Akten und Gesprächen, und immer wieder auch aus Gedichten, schildert Rezensent Nico Bleutge. Mashinski selbst nennt "Die nackte Welt" eine Chronik und tatsächlich erzählt die Autorin lose entlang an der Chronologie historischer Ereignisse und persönlicher Erfahrung seit ihrer Geburt 1958 in Moskau - von ihrem Aufwachsen als Jüdin in der Sowjetunion unter Stalin, von ihrer Flucht 1991, von ihrem Leben als Emigrantin in den USA. Ihre Erfahrungen der mehrfachen Ausgrenzung vermittelt sie immer wieder durch eine Art "Doppelbelichtung", wie Bleutge es ausdrückt, in eindrücklicher Prosa zum einen und raffinierter Lyrik zum anderen. So gelingt es ihr nicht nur, die eigenen Erinnerungen fassbar zu machen für die Lesenden, sondern auch die Sowjetunion als "Zuchthaus" oder "Käfig" zu beleuchten, lobt der beeindruckte Rezensent.
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