After Woke

Matthes und Seitz, Berlin 2024
ISBN
9783751830188
Kartoniert, 105 Seiten, 12,00
EUR
Klappentext
Angesichts mancher Reaktionen auf das von unfassbarer Grausamkeit gekennzeichnete Massaker der islamofaschistischen Terrorgruppe Hamas am 7. Oktober 2023 in Israel stellt sich vielerorts die Frage: Ist es an der Zeit, sich von jeder Art von "Wokeness" konsequent zu verabschieden? Oder gilt es nicht vielmehr, wie Jens Balzer mit kenntnisreichem Blick auf die Geschichte dieses umkämpften Begriffs darlegt, sich auf die ursprünglichen Impulse der postkolonialen und queerfeministischen Theorien zu besinnen: auf das kritische Bewusstsein für das grundsätzlich Werdende, Hybride, Mannigfaltige, Ambivalente, das aller Formierung von Identität vorausgeht?Eindrücklich weist After Woke einen Weg vorbei an erstarrten, essenzialistischen Identitätskonzepten und zeigt: Nur indem Identität allzeit als fiktiv, fragil, fluide begriffen wird, kann sie zu einem dringend benötigten Gegenentwurf werden zu den reaktionären Kräften des identitären Denkens, die sich gerade anschicken, die Herrschaft über die Welt zu übernehmen.
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Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 22.11.2024
Rezensent Jens Buchholz staunt, wie wenig Platz Jens Balzer braucht, um höchst Komplexes einleuchtend zu erläutern. Balzer geht es laut Buchholz um eine Rettung der woken Linken gegen die eigene Verwandlung in eine "quasireligiöse Bewegung", ein "Wahrheitsregime". Als Gegenmittel schlägt der Autor mehr Reflexion vor und das Denken von Identität als eines fluiden Prozesses, erklärt der Rezensent. Balzer bietet nicht nur eine einleuchtende Erklärung des Begriffes "woke", sondern auch den Hinweis, dass Teile der Bewegung blind geworden sind für komplexere Zusammenhänge, so der Rezensent.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.08.2024
Rezensent Thomas Thiel scheint Jens Balzers Buch, eine Art Kritik der Wokeness, in der Stoßrichtung nachvollziehbar, aber nicht unproblematisch zu finden. Der Autor kritisiert darin eine Doppelmoral der woken Haltung, die von ihrem anfänglich behaupteten Anti-Essenzialismus mittlerweile wieder in den kulturellen Essenzialismus gekippt sei und Judenfeindschaft inkludiere, wie Thiel erklärt. Gleichzeitig sei Balzer aber auch an einer Rettung des Wokeness-Begriffs gelegen, was der Kritiker nicht ganz versteht - natürlich dürfe das Feld nicht dem Konservatismus oder "völkischem Denken" überlassen werden, aber warum man dafür unbedingt an "geschundenen" Diskursbegriffen festhalten müsse, ist für ihn fraglich. Auch wie Balzer diese Verteidigung zum Teil aufzieht, findet der Kritiker nicht ganz sauber - so wird ihm etwa in den Passagen zu den postkolonialistischen Wurzeln der Wokeness die Grenze zwischen Aktivismus und Wissenschaft zu sehr verwischt. Und schließlich fragt sich der Kritiker abseits dieser Schwächen, wieviel Balzers Buch bei allem guten Willen gegen das "Machtkartell" Wokeness wirklich auszurichten vermag.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 19.08.2024
Jens Balzer ist mit "After Woke" ein kluger, gut argumentierender Essay gelungen, findet Rezensent Felix Stephan. Balzer setzt sich mit der problematischen Reaktion vieler queerfeministischer postkolonialer Linker auf das Massaker der Hamas vom 7. Oktober auseinander. Denn Balzer, der bis dahin dem Postkolonialismus einiges abgewinnen konnte, musste wie viele andere auch feststellen, dass einige seiner politischen Mitstreiter sich mit der Hamas solidarisierten, statt deren antisemitische Verbrechen anzuklagen. Und so fordert er laut Kritiker die postkoloniale Schule zu einer systematischen Selbstbefragung auf, die ihrer Verengung auf ebenjene fixe Identitätsfestlegungen, die sie kritisiert, entgegenwirken soll, und schlägt dazu an die Diskursethik Jürgen Habermas' angelehnte Methoden vor. Obwohl der Rezensent skeptisch ist, ob das funktionieren kann, schätzt er Balzers engagierten Aufsatz.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 03.08.2024
Anlässlich der Situation nach dem 7. Oktober, die große Teile der progressiven Linken gespalten hat, hat Jens Balzer einen Essay geschrieben, der sich kritisch mit selektivem Schweigen und "moralisch bankrotten" Ideen auseinandersetzt, so Rezensent Till Schmidt. Er fragt, woher diese Probleme kommen, und entwickelt Ansätze dafür, wie progressive Ideale aufrechterhalten werden können, so der Kritiker. Schmidt lobt dabei die Bereitschaft Balzers, sich ausführlich mit den Ursprüngen des Begriffs "woke" auseinanderzusetzen und dabei Ansätze von Jürgen Habermas und Stuart Hall miteinzubeziehen, die zeigen, dass auch postkoloniale Theorie nicht einseitig sein muss. Für Schmidt ein gelungener Auftakt für eine wichtige Debatte, zu der sicher noch einige Bücher erscheinen werden.