In aktuellen Debatten um Klimapolitik, Geflüchtete bis hin zu Corona wird regelmäßig ein Schreckbild beschworen: das Gespenst des Moralismus. Jörg-Uwe Albig zeigt, dass die Klage über Moralisierung der Politik, "Gutmenschen" und "Moraldiktatur" nicht neu ist, sondern so alt wie die Jeremiaden über die Technik, die Massen oder die "Jugend von heute". Doch ohne die Moralisierung der Politik hätte es keine Abschaffung von Sklaverei oder Folter gegeben, keine Ächtung von Eroberungskriegen oder der Prügelstrafe für Kinder. Der Autor deutet das Unbehagen an der Moral als Protest gegen den Zivilisationsprozess: Anhand historischer Moral-Rebellen von Götz von Berlichingen über Nietzsche bis Trump erzählt er die tragischen Kämpfe dieser Streiter gegen die Idee von Gut und Böse. Ein eindringlicher Appell, die Zukunft nicht jenseits von Moral, sondern nur mit deren Hilfe zu gestalten.
Für den Rezensenten Jakob Hayner legt Jörg-Uwe Albig mit seinem Buch nichts als Plattitüden und Bekenntnisse vor. Das liegt laut Rezensent am zweifelhaften Moralbegriff des Autors, der sich mit der Gegenüberstellung von Gut und Böse begnügt, wobei gut die Moralisten sind und bös die Moralverächter wie Freud, Nietzsche, de Sade, Brecht und Donald Trump. Ärgerlich findet Hayer nicht nur, dass der Autor sämtlichen philosophischen Debatten der Moderne um die Verwirklichung des Guten und Vernünftigen, um Gesinnungs- und Verantwortungsethik aus dem Weg geht und damit dem eigentlichen "Dilemma der Moral", sondern auch zu vergessen scheint, dass moralische Kommunikation spätestens heute für alles Mögliche instrumentalisiert wird.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 18.06.2022
Hilmar Klute erkennt in Jörg-Uwe Albigs Versuch, Moralgegnern das Wasser abzugraben, eine "Art polzeiliche Gegenüberstellung". Albigs ernster Eifer macht nicht nur Nietzsche, Macchiavelli und Brecht zu Feindbildern, sondern auch harmlose Zeitgenossen wie Hanno Rauterberg, findet Klute. Albigs Täter-Opfer-Erzählung vermag Klute nicht zu überzeugen, auch wenn Nietzsche mit seinem Übermenschen-Pathos und Brecht als Apologet der Mitleidsverachtung sich leicht in das Schema einordnen lassen, wie Klute zugibt. Hätte es Albig bei seinen Miniatur-Porträts belassen, ohne sie auf "ihr Querdenker-Potenzial" hin zu prüfen, Klute hätte das Buch besser gefallen.
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