Schon als Kind entwickelte Karl Kraus - der jüngste Sohn einer aufsteigenden Familie, die sich wenige Jahre nach seiner Geburt an der Wiener Ringstraße ansiedelte - einen scharfen Blick für die oft unvereinbaren Spielregeln der österreichischen Gesellschaft. Wie viele seiner Generation suchte er vorerst Zuflucht in den freieren Gegenwelten des Theaters und der modernen Literatur. Sein wohlhabendes Elternhaus gab ihm die finanziellen Mittel, sich durch die Gründung der Zeitschrift Die Fackel eine erste Bühne für sein "Spiel, gesinnungslos wie die Liebe", einzurichten. In dem nur scheinbar gesinnungslosen Verwirrspiel seiner satirischen persona ging es um nichts Geringeres als um ein Festhalten an Realität und Faktizität, an Wahrheit und Gerechtigkeit. Satire, deren Fundament und Instanz stets die Sprache war, sollte die hinter Phrasen verborgene Wirklichkeit mit ihren Ungerechtigkeiten und Unmenschlichkeiten offenlegen - in der Presse, die sich als neue Macht etablierte, in der deutschsprachigen Kulturszene und in allen Winkeln des 'Unorts' Wien. Trotz dieser Ausnahmestellung - die Kraus sich geschickt einrichtete, um als Satiriker und Geist gegen den Zeitgeist zu wirken - war er immer auch ein Kind seiner Zeit.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.10.2025
Rezensent Helmut Mayer schickt voraus, dass Katharina Prager mit ihrem biografischen Durchgang nicht in Konkurrenz tritt zu den großen Kraus-Biografien. Sehr wohl aber bietet sie laut Mayer chronologische und ortsbezogene Abschnitte zur Lebens- und Arbeitsgeschichte des Autors, die zwar fragmentarisch sind, aber von Pragers Kenntnissen vor allem über die jüngere Kraus-Forschung genauso profitieren wie von ihrer Stilsicherheit und "nüchternen Bündigkeit". Historische Umstände fließen zudem ein, wenn es um die bitteren letzten Jahre von Kraus geht, Ruhe prägt die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus des Autors und seinen "Herrenwitzen", so Mayer zufrieden.
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