Mitarbeit: Rathkolb, Oliver. Gertrude Pressburger war zehn, als Hitler in Österreich einmarschierte. Obwohl die jüdische Familie katholisch getauft worden war, musste sie fliehen. Fast sechs Jahre dauerte die Flucht, die 1944 in Auschwitz endete. Gertrude überlebte den Holocaust - ihre Eltern und die zwei jüngeren Brüder wurden von den Nationalsozialisten umgebracht. Jahrzehntelang hat Gertrude Pressburger geschwiegen. Dass ein maßgeblicher Politiker in Österreich 2016 von einem drohenden Bürgerkrieg spricht, hat sie bestürzt. Per Videobotschaft warnte sie vor einer Rhetorik der Extreme. Dass ihre wahrhaftigen Worte Gehör finden, hat sie bestärkt, mit einer jungen Journalistin ihre Autobiographie zu schreiben: "Ich bin nicht zurückgekommen, um dasselbe noch einmal zu erleben."
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.03.2018
Bewegt hat Rezensent Michael Schrott die gemeinsam mit der österreichischen Journalistin Marlene Groihofer verfassten Lebenserinnerungen von Getrude Pressburger gelesen. Pressburger hatte 2016 im Alter von neunundachtzig Jahren größere Bekanntheit erhalten, als sie sich dem Team des ehemaligen Grünen-Chefs und heutigen Bundespräsidenten Alexander van der Bellen im Wahlkampf gegen den rechten FPÖ-Politiker Norbert Hofer anschloss, erinnert der Kritiker. Ergänzend zu dem damaligen Video-Clip wurde von Groihofer zunächst eine Radiosendung produziert und nun dieses Buch geschrieben, in dem Schrott nachliest, wie Gertrude Pressburger als Kind jüdischer, zum Katholizismus konvertierter Eltern mit ihrer Familie in den dreißiger Jahren von Wien über Zagreb, Triest, Mailand, Venedig und Ljubljana bis Caprino flieht, wo die Familie 1944 schließlich doch noch nach Auschwitz deportiert wird. Dass Pressburger, die über ihre Erfahrungen während des Holocaust zeitlebens schwieg, hier ausführlich über das Erlebte spricht, ist nicht zuletzt dem "Einfühlungsvermögen" Groihofers anzurechnen, lobt der Rezensent.
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