Alexej Nawalny

Patriot

Meine Geschichte
Cover: Patriot
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2024
ISBN 9783103976823
Gebunden, 560 Seiten, 28,00 EUR

Klappentext

Nawalny begann mit der Arbeit an Patriot im Jahr 2020, kurz nach dem Giftanschlag auf ihn. Es ist die umfassende Geschichte seines Lebens: seine Jugend, seine Berufung zum Aktivisten, seine Ehe und Familie sowie sein Einsatz für Demokratie und Freiheit in Russland angesichts einer Supermacht, die ihn unbedingt zum Schweigen bringen will. PATRIOT zeigt Nawalnys absolute Überzeugung: Der Wandel ist nicht aufzuhalten. Er wird kommen. Anschaulich und mit spannenden Details, einschließlich bislang unveröffentlichter Aufzeichnungen aus dem Gefängnis, schildert Nawalny seinen politischen Werdegang, die zahlreichen Anschläge auf ihn und seine Vertrauten und die hartnäckigen Kampagnen, die er und sein Team gegen das zunehmend diktatorische Regime zu führen wagten.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 12.12.2024

Als ein eindringliches Buch beschreibt Rezensentin Andrea Lieblang die Memoiren, die der russische Oppositionelle Alexej Nawalny zu schreiben begonnen hatte, als er sich in Deutschland vom Giftgasanschlag russischer Schergen erholte. Zunächst zeichnet er seinen Werdegang auf, von seiner Jugend als Kind einer angesehenen Familie in der Sowjetunion über die von Korruption geprägten 1990er bis zur ersten Politisierung, die den Autor erst zu den Demokraten und dann zu den Nationalisten führte. Über letztere Episode in seiner politischen Biografie geht Nawalny allerdings zu schnell hinweg, ärgert sich Lieblang, hier wäre eine eindeutige Distanzierung angebracht gewesen, meint sie. Später entdeckt Nawalny das Internet für sich, wird zum Kämpfer gegen Korruption und von Putin bald ein erstes Mal inhaftiert. Die Tagebuchaufzeichnungen aus dem Straflager kurz vor Nawalnys Tod, die den zweiten Teil des Buches ausmachen, enthalten unter anderem laut Lieblang anrührende Passagen über die Hinwendung des Autors zur Religion. Insgesamt ein starkes Buch, findet die Rezensentin, die abschließend darauf hinweist, dass Nawalny auch im Angesicht des Todes seinen Humor nicht verlor.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 02.11.2024

Ein ambivalentes Buch sind Alexej Nawalnys Lebenserinnerungen für Rezensent Ulrich M. Schmid: ein Zeugnis des Muts aber auch des Größenwahns. Bereits im Titel beruft sich der Autor auf Vaterlandsliebe und damit die Unterscheidung zwischen einem guten Volk und einer bösen Regierung, die das Land quasi in Geiselhaft nimmt, argumentiert Schmid. Nawalnys Russlandliebe ist nahe am Kitsch gebaut, erfahren wir, und warum das von ihm geliebte Volk Putin bei seinen Schweinereien unterstützt, kann er nicht erklären. Sich selbst stilisiert Nawalny Schmid zufolge als eine Mischung aus Rebell und Nerd, in seinem Buch lässt er an ehemaligen Verbündeten wie Boris Nemzow kein gutes Haar und sieht sich selbst als eine Art Napoleon, der die Geschichte seinem Willen beugt. Besser gefallen dem Rezensenten Passagen, in denen sich Nawalny selbstkritisch zeigt. Auffällig abwesend ist in diesem Buch, meint Schmid hingegen, Nawalnys zwischenzeitliche Hinwendung zur politischen Rechten, seine Kollaboration mit dem ultrarechten Autor Sachar Prilepin etwa wird nicht erwähnt. Insgesamt also eine zwiespältige Angelegenheit, schließt Schmid, der sich abschließend beeindruckt zeigt von Nawalnys Bericht über seine Hinwendung zu Gott im Angesicht des Todes.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.10.2024

Kaum ein gutes Haar lässt Rezensent Nikolai Klimeniouk an Alexej Nawalnys Erinnerungsbuch. Nawalny überschätzt sich selbst ungeheuer und ist unfähig, das Regime, gegen das er sich wendet, zu analysieren, wirft der Kritiker dem ermordeten russischen Oppositionellen vor. Russlands Kriege zum Beispiel spielen kaum eine Rolle, überhaupt bietet das Buch kaum etwas Neues, jedenfalls nicht für diejenigen, die Nawalnys frühere Verlautbarungen kennen, so Klimeniouk. Größenwahnsinn tarnt sich als Ironie in diesem Buch, ärgert er sich, außerdem gebe es sonderbare Auslassungen, wie etwa den Tscheschenienkrieg, während andererseits Nawalnys Kritik an Jelzins Habgier seitenlang ausgewalzt werde. Auch Nawalnys zwischenzeitliche Hinwendung zur extremen Rechten, inklusive krass rassistischer Äußerungen wird verschwiegen, moniert Klimeniouk, der lediglich mit dem letzten Teil des Buches, das aus Tagebuchaufzeichnungen besteht, die im Putin'schen Straflager entstanden sind, etwas anfangen kann. Mutig war Nawalny durchaus, gesteht Klimeniouk nach der Lektüre zu, aber insgesamt ist er enttäuscht darüber, wie wenig Nawalny den Schrecken begriff, den sein Heimatland in der Welt verbreitet.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 23.10.2024

Rezensentin Silke Bigalke ist nachhaltig beeindruckt von Alexei Nawalnys Memoiren, die sich aus autobiografischen Passagen, Tagebuchaufzeichnungen aus dem Gefängnis und Botschaften in den sozialen Medien zusammensetzen. Bigalke erkennt darin die Aussagen eines Mannes, der trotz seiner Hartnäckigkeit und Konsequenz die allgegenwärtige Möglichkeit seines Todes spürt, und ist von diesem Eingeständnis besonders berührt. Sie liest hier auch ein Stück postsowjetischer Geschichte einer zunächst hoffnungsvoll erscheinenden Reformbewegung, die aber nur wenige bereichert hat. Was Nawalny trotz aller erlebten Grausamkeiten und der repressiven Isolation im Gefängnis nie verloren geht, ist der Humor, berichtet die bewegte Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 23.10.2024

Selbst jene, die sich bisher kaum für die Geschichte Nawalnys interessierten, werden bei der Lektüre seiner Autobiografie Gänsehaut bekommen, prophezeit Rezensent Ivan Ruslyannikov. Gerade die Passagen, die Nawalny aus dem Gefängnis schrieb, und die die zweite Hälfte des Buches ausmachen, sind für den Kritiker die stärksten: Die detaillierten Schilderungen der unmenschlichen Haftbedingungen führen aufs Neue Nawalnys grenzenlosen Mut und Durchhaltevermögen vor Augen. Er machte sich, so Ruslyannikov, nicht die geringsten Illusionen darüber, dass nur einer von beiden überleben würde: er oder das Regime. Und dass die Chancen hoch standen, dass es nicht er sein würde, war ihm ebenso klar, erkennt der Rezensent: So schreibt Nawalny während der Haft beispielsweise seine Bedauerung nieder, dass er seine Enkel wohl niemals kennenlernen wird. Gleichzeitig betone er aber, dass andere viel mehr litten als er.  Aus diesen Zeilen spricht eine Kraft, schließt der beeindruckte Rezensent, die den Folterknecht Wladimir Putin verblassen lässt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.10.2024

Die FAZ bespricht das Buch gleich zweimal: Rezensent Reinhard Veser nennt Alexej Nawalnys unvollendete Autobiografie aus Gefängnisaufzeichnungen und Texten aus der Zeit vor Nawalnys Verhaftung ein durch und durch politisches Buch und eine Liebesgeschichte. Gemeint ist die Liebe Nawalnys zu seiner Frau Julija, die als Herausgeberin fungiert. Das Buch berührt Veser aus mehreren Gründen. Da sind Nawalnys spürbare missionarische Ader, sein Patriotismus und sein unbedingter Glaube, richtig zu handeln. Zum anderen nimmt der Autor den Rezensenten durch seinen Humor, seine Selbstironie und den Mangel an Eifertum für sich ein. Letzteres wird für Veser in den Passagen deutlich, in denen Nawalny über seinen christlichen Glauben schreibt. Faszinierend erscheint dem Rezensenten schließlich auch, wie es dem Autor gelingt, seine eigene Lebensgeschichte in den Kontext der politischen und kulturellen Entwicklung der späten Sowjetunion einzubetten.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.10.2024

Mit spürbarer Bewunderung für den Mut, aber auch das fröhliche Gemüt des Autors bespricht Rezensentin Kerstin Holm Alexej Nawalnys Erinnerungsbuch. Der Text entstand, lernen wir, teilweise in Deutschland, wo sich Nawalny nach einem Giftanschlag aufhielt, teilweise in der Strafkolonie, wo er von Putins Schergen gefangen gehalten und schließlich getötet wurde. Entlang der Lektüre rekonstruiert Holm das politische Wirken eines Mannes, der sich stets für Debatten, auch jenseits seiner eigenen Bubble, sowie gegen Korruption engagierte. Die Entscheidung des Autors, wieder nach Russland zurückzukehren, hänge damit zusammen, dass der Oppositionelle seine Mitkämpfer nicht im Stich lassen wollte. Dass Putin ihn in der Haft vermutlich töten wird, war Nawalny laut der von der Lektüre beeindruckten Rezensentin bewusst, er beschreibt die entmenschlichenden Haftbedingungen, bleibt jedoch bis zum Schluss heiter im Tonfall und empfiehlt den Lesern, sich im Angesicht des Todes der Religion zuzuwenden, Jesus wird es schon richten.

Buch in der Debatte

9punkt 22.10.2024
Weltweit erscheint heute posthum unter dem Titel "Patriot" die Autobiografie Alexej Nawalnys. Für Welt Online hat der russische, seit 2022 im Exil lebende Journalist Ivan Ruslyannikov bereits einen Blick in das Buch geworfen, das er als "Lehrbuch über das Überleben und den Kampf im heutigen Russland" würdigt. Unser Resümee

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