Natan Sznaider

Die jüdische Wunde

Leben zwischen Anpassung und Autonomie
Cover: Die jüdische Wunde
Carl Hanser Verlag, München 2024
ISBN 9783446281318
Gebunden, 272 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

Die Deutschen lieben Nathan. Doch Lessings Bühnenfigur konnte die Hoffnung, dass es eines Tages keine Rolle mehr spielen würde, ob jemand Jude sei, nicht erfüllen. Und als Hannah Arendt 1959 den Lessing-Preis entgegennahm, sprach sie sich in ihrer Dankesrede ausdrücklich gegen diese Idee der Assimilation aus, die am Ende zum Verschwinden jüdischer Identität führen würde. Das jüdische Dilemma zwischen Anpassung und Autonomie konnte seit der Aufklärung nicht aufgelöst werden - auch der Staat Israel steht in dieser Spannung zwischen säkularer und religiöser Identität. Natan Sznaider ist überzeugt, dass dieser Widerspruch nie verschwinden wird. Was spricht dagegen, ihn zu akzeptieren und anzuerkennen, dass wir immerhin als Ungleiche gleich sind?

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 05.10.2024

Rezensent Sebastian Engelbrecht hält mit seiner Bewunderung nicht hinter dem Berg: Als das beste Buch, das seit dem 7. Oktober - zumindest zum Thema Juden und Judentum - erschienen ist, bezeichnet er Natan Sznaiders Arbeit. Sznaider schreibt darin, lernen wir, über die zwei Pole, zwischen denen sich das Judentum seit der Aufklärung bewegt, den Universalismus, der die Gleichheit aller Menschen betont, auf der einen Seite, den Partikularismus, der auf das Spezifische am Judentum verweist, auf der anderen Seite. Engelbrecht zufolge macht Sznaider die Differenz am Beispiel der universalistischen Figur Nathan der Weise bei Lessing und einem fiktiven partikularistischen Nathan mit Schläfenlocken fest. Juden können, lernt Engelbrecht von Sznaider, ihrem Judentum nicht entkommen, weil die Gesellschaft die Ambiguität des modernen Judentums, das gleichzeitig auf Universalismus und auf Partikularismus besteht, nicht auszuhalten bereit ist. Das zeigt sich, fährt die Rekonstruktion fort, auch im Umgang mit dem Staat Israel, der einerseits ein moderner, demokratischer Nationalstaat ist, andererseits auf einer jüdischen Identität besteht.. Äußerst aufschlussreich sind diese Gedanken für Engelbrecht insbesondere mit Blick auf den Schmerz von Juden in unserer Gegenwart.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 07.09.2024

Als ein Buch, dem die Debatten und Kämpfe der Gegenwart rund um jüdische Identität eingeschrieben sind, beschreibt Rezensent Till Schmidt Natan Sznaiders Buch. Es beschäftigt sich, ausgehend von einem Spiegel-Cover, mit der Frage, wie sich säkulare und religiöse jüdische Identität durch die Bewegung des Zionismus verändert hat, erläutert der Rezensent. Das Buch wendet sich laut Schmidt dezidiert an Nichtjuden und beschäftigt sich unter anderem mit Lessings "Nathan der Weise" sowie mit Hannah Arendt, wobei auch die Debatten um Antisemitismus auf der Documenta Erwähnung finden. Sznaider zeigt auf, dass der Widerspruch zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit jüdische Identität seit langem prägt. Insgesamt plädiert dieses Buch, resümiert der nicht wertende, aber Sznaiders Argumentation insgesamt zugetane Rezensent, dafür, die Traumata der Vergangenheit nicht außer acht zu lassen, gerade auch dann nicht, wenn auch in progressiven Milieus antiisraelische Propaganda mehr und mehr hoffähig wird.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.07.2024

Interessiert liest Rezensent Jörg Später Natan Sznaiders Buch, das sich mit Problemen jüdischer Identität in der Auseinandersetzung mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft dreht. Die beiden historischen Alternativen, die dabei hauptsächlich diskutiert werden, sind laut Später Assimilation und Selbstbehauptung. Als Kronzeugen holt sich Sznaider dafür, erfahren wir, Lessings assimilationswilligen Nathan den Weisen einerseits, einen orthodoxen, nicht anpassungswilligen Berliner Juden aus den 1920er Jahren andererseits. Sznaider schließt sich, rekonstruiert Später, keiner der beiden Positionen an und bringt stattdessen Hannah Arendts Position ins Spiel, die darauf hinweist, dass, wer als Jude angegriffen wird, sich als Jude zur Wehr zu setzen hat. Es geht dieser Position, die insbesondere auf einer Rede Arendts im Jahr 1959 basiert, also darum, Universalismus und Partikularismus neu miteinander in Beziehung zu setzen, führt Später aus. Neben den beiden historischen Alternativen untersucht Sznaider außerdem die Situation von Juden nach dem 7. Oktober, der klar gemacht hat, dass es jenseits aller progressiver universalistischer Rhetorik schlicht um Sicherheit für Juden geht. Ein eindringliches Plädoyer für eine spezifisch jüdische Aufklärung, so das Fazit.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 23.07.2024

Rezensent Joachim Käppner liest das Buch des Soziologen Natan Sznaider über die Verbindungen zwischen Antisemitismus und Kolonialismus mit Interesse, auch wenn der Autor es ihm mit seiner mäandernden essayistischen Schreibweise nicht leicht macht und der Leser einige Vorkenntnisse mitbringen muss, wie der Rezensent warnt. Schöne Sprachbilder gibt es laut Käppner. Vor allem aber beeindruckt es ihn, wie Sznaider die erinnerungspolitischen Debatten von heute mit Lessing und Hannah Arendt betrachtet, wie er Position bezieht zur documenta 15 und wie er konstatiert, dass die "Fluchtlinien der Erinnerung (auf schmerzhafte Weise) kollidieren".

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