Der Band bietet eines der spektakulärsten Stücke aus Niklas Luhmanns Nachlass: eine umfassende Darstellung seiner politischen Soziologie aus den späten sechziger Jahren. Er zeigt, wie Luhmann zu der Zeit, als er Adornos Lehrstuhl in Frankfurt vertritt, unbeeindruckt durch die Konjunkturen der zeitgenössischen Ideologiekritik eine Theorie der Politik formuliert, an deren Grundzügen er auch später festhalten wird. Denn anders als seine allgemeine Theorie sozialer Systeme, die er mehrfach revidierte, blieben seine Auffassungen über das politische Teilsystem der modernen Gesellschaft weitgehend unverändert. Der Band bietet so thematisch Neues, ohne methodisch hinter den Stand der späteren Schriften zurückzufallen. Zu den Themen, über die systematische Beiträge von Luhmann bisher nicht bekannt waren, zählen die Bedeutung des Publikums für Verwaltung und Politik sowie die politischen Systeme in den sozialistisch regierten Ländern.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 11.12.2010
Schon beim frühen Luhmann gibt es Systeme. Und Teil-Systeme. Und Teil-Teil-Systeme. Das politische System, um das es hier geht, teilt sich zum Beispiel in "Politik" und "Verwaltung". (Luhmann begann ja als Verwaltungsbeamter.) In der Politik, so Luhmann, geht es um die Herstellung der Fiktion von Konsensen. Jeder Konsens ist nämlich Fiktion, das macht aber nichts. Hauptsache, man ist sich einig und kann so Entscheidungen treffen. Die arbeitet die Verwaltung dann ab. Durchaus gegen Habermas' Begriff von der Öffentlichkeit richtet sich das, versichert der Rezensent Hans Bernhard Schmid. Und auch gegen Protest und Revolte. Wenn man nämlich, so Luhmann, schon nicht im Ernst Bescheid wissen, sondern immer nur auf Konsensfiktionen verfallen kann, dann behelligt man seine nächsten mit den eigenen Ansichten besser nicht. Sondern tut nicht mehr, als man kann und sagt nicht mehr, als man weiß. Der Rest ist Verwaltung.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 19.04.2010
Diese fünfzig Jahre nach ihrer Entstehung erscheinende frühe Fassung von Niklas Luhmanns Theorie des politischen Systems hat laut Martin Bauer eine Bedeutung auch über diejenige hinaus, die sich durch die Vergleichsmöglichkeit zwischen dieser Zwischenposition und Luhmanns späterer "Politik der Gesellschaft" ergibt. Auch wenn der Text Torso blieb, lauscht Bauer mit großem Gewinn, wenn Luhmann fragt, wie Gesellschaft zum "Objekt ihrer selbst" wurde und mit systemtheoretischem Rüstzeug zu einer "subtilen" Beschreibung und Lobesbezeugung bürokratischer Verwaltung ausholt. Am Ende weiß Bauer, vermittelt durch Luhmanns Scharfsinn und empirische Sachkenntnis: Politik, das ist die alternativlose Organisation kollektiver Lernprozesse.
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