Beide deutsche Staaten nahmen das Recht politisch Verfolgter auf Asyl 1949 in ihre Verfassungen auf. Doch was bedeutete das konkret? Patrice Poutrus untersucht die Entwicklung des Asylrechts in Deutschland von der Nachkriegszeit über die Grundgesetzänderung von 1993 bis in die Gegenwart. Welche Konsequenzen ergaben sich aus dem sogenannten Asylkompromiss für das Anerkennungsverfahren, die Aufnahme von Geflüchteten und die europäische Migrationspolitik? Poutrus zeigt, dass es in der Asylrechtdebatte stets um grundlegende Fragen der politisch-moralischen Orientierung der deutschen Gesellschaft geht.
Ulrike Winkelmann liest das Buch von Patrice Poutrus als deutsche Asylgeschichte vom Streit um Artikel 16 ab 1948 über die Debatte um die Ungarnflüchtlinge 1956 und die Boatpeople Ende der 70er bis zum Asyl in der DDR und zum Artikel 16a von 1993. Die Veränderungen des Rechtsverständnisses werden für Winkelmann dabei deutlich. Die zentrale Aussage des Autors, wonach die Realität des Asylrechts vor allem von politischen Stimmungslagen abhängt, sowie die von Poutrus herausgearbeiteten völkisch und rassistisch motivierten Leitmotive in Flüchtlingsfragen nimmt die Rezensentin zur Kenntnis. Dass der Autor Liberalisierungen im Flüchtlingsrecht bei aller Kritik nicht übersieht, stellt sie ebenso fest.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 19.08.2019
Sehr verdienstvoll und eigentlich für jede weitere Debatte unerlässlich findet Rezensent Dietmar Süß dieses Buch des Erfurter Historikers Patrice Poutrus, das die Debatte um Flucht und Migration in den politischen und historischen Zusammenhang setzt. Poutrus sieht in den immer wiederkehrenden Kontroversen um das Asylrecht einen Kern der bundesrepublikanischen Identität berührt: Über die Aufnahme kommunistischer Flüchtlinge wurde in den fünfziger Jahren ebenso erbittert und hässlich gestritten wie in den siebziger Jahren um vietnamesische Boat People und chilenische Exilanten oder wie in den neunziger Jahren um osteuropäische Flüchtlinge. Spannender, weil einfach weniger bekannt, findet Süß, wie der Historiker die Konflikte um Flüchtlinge in der DDR beschreibt. Und auch wenn sich der Rezensent vielleicht eine etwas farbige Darstellung der asylpolitischen Akteure und der Betroffenen selbst gewünscht hätte, rät er dringend zur Lektüre dieses erhellenden und integren Buches.
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