Die Familie, gar noch die kleine Familie: daraus ließe sich gut eine dramatische Geschichte machen, eine Tragödie gar - aber auch eine Komödie, eine daily soap. Wer kann, schafft beides in einem. Das Personal klingt bekannt: der philosophierende Vater nicht unglücklich arbeitslos, die Mutter Köchin und Fachfrau für Drei-Tages-Diäten, die Tante Spezialistin für romantische Herzensangelegenheiten, und die beste Freundin ist Halbtürkin. Rosa Pock spielt ein wenig mit dem Retro-Charme dieses Genres, ohne sich aber parodistisch darüber lustig zu machen. Im Gegenteil, der Schwebezustand dieser Erzählung - zwischen TV-Dramaturgie und Jugendbuch, zwischen Fortsetzungsserie und realistischer Rollenprosa - nimmt ihre Personen als Existenzentwürfe ernst.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 27.08.2005
Scheinbar, so die Rezensentin Christiane Zintzen, ist alles in Ordnung in der Welt der heranwachsenden Gelatina, die in ihrem Tagebuch über ihre "Altachtundsechziger-Familie" und ihre altersgemäßen Wehwehchen Buch führt. Alsbald warte man als Leser auf den unvermeidlichen Eklat, irgendeine Art von Bruch in diesem von Rosa Pock "stilsicher" entworfenen "Stillleben" um die onomastisch formlose Gelatina. Doch der Schein trügt nicht, muss die Rezensentin feststellen. Oder vielmehr - er trügt auf ganz andere Weise. Denn Pocks Leser wissen um deren Liebe für "formale Spielmodelle" und werden auch hier auf hintergründige Weise fündig. Denn was zunächst als "sanftmütige Situationsbewältigungen" einer mit sukzessiven Problemchen konfrontierten pubertierenden Tagebuchschreiberin erscheine, erweise sich bei genauerem Hinschauen als "konsequentes Durchspielen formaler Algorithmen" - in diesem Fall der "synthetisierenden Operation" der Datenverarbeitung. Mit diesem Fingerzeig, so die Rezensentin, erschließt sich der Roman als erheiterndes und geglücktes formales Spiel: als "ironisch irritierende Applikation der 'männlichen' Formallogik im blütenzarten Kleidchen modischer 'Frauenliteratur'".
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