Ludwig Wittgenstein und Rudolf Koder lernten einander als Volksschullehrer in Puchberg (Niederösterreich) kennen. Die Lebensfreundschaft erwuchs vor allem aus dem gemeinsamen Interesse für Musik, die auch als immer wiederkehrendes Motiv ihre hier erstmals veröffentlichte Korrespondenz prägt. Der auch sehr private Briefwechsel, der unter anderem Einblick gibt in Wittgensteins skrupulöse und moralische Genauigkeit in persönlichen Angelegenheiten, beginnt 1923 und währt bis Wittgensteins Tod im Jahr 1951. Die Korrespondenz wurde vom Herausgeber zum Anlass genommen, in zwei Essays den musikalischen Spuren in der Familie Wittgenstein im allgemeinen und im Leben und Philosophieren Ludwig Wittgensteins im besonderen nachzugehen. Der erste Essay ist dem Hauskomponisten der Wittgensteins, Josef Labor, gewidmet. Seine Biografie führt zu den musikalischen Salons der Wiener Aristokratie des 19. Jahrhunderts. Der zweite Essay beschäftigt sich vor allem mit musikalischen Aspekten in Ludwig Wittgensteins Philosophieren, in den überlieferten Gesprächen, in den Erinnerungen von Zeitgenossen und Freunden.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 18.10.2000
Marius Meller hat im Briefwechsel des Philosophen Wittgenstein mit seinem dreizehn Jahre jüngeren Freund und Kollegen Rudolf Koder an der Volksschule in Puchberg vergebens nach Musikästhetischem gesucht. Gefunden hat er vielmehr Volksschulhaftes: So weist Wittgenstein den Freund auf Rechtschreibfehler in seinen Briefen hin und erwägt die Vorzüge des Turnens vor dem Schnurspringen. "Erschütternd" fand Meller dagegen einen späten Brief, in dem Wittgenstein von seiner Angst schreibt, wahnsinnig zu werden. Musikalisch "aufschlussreich" sei der Briefwechsel nur in Bezug auf Wittgensteins Vorlieben, die sich auf das klassisch-romantische Repertoire konzentrierten. Wittgenstein habe immerhin Beethovens "Liederkreis an die ferne Geliebte" pfeifen können, zur Klavierbegleitung des Freundes. Lobend erwähnt der Rezensent den "großangelegten und sehr informativen Essay" des Herausgebers Martin Alber, der bezeichnenderweise an keiner Stelle auf den Briefwechsel zu sprechen komme.
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