In Zeiten, in denen sich die gesellschaftlichen Gräben weiter vertiefen und ein striktes Entweder-oder das Denken beherrscht, ist Hegels Philosophie des Sowohl-als-auch so aktuell wie nie zuvor. "Alle Dinge", schreibt Georg Wilhelm Friedrich Hegel, "sind an sich selbst widersprechend." Bis heute gilt dieser Satz unter Philosophen als Zumutung, wenn nicht als Skandal. Doch nicht die Verherrlichung des logischen Widerspruchs ist Hegels Ziel, sondern vielmehr dessen Überwindung in einem dynamischen Prozess. Wer sich mit Hegel auf ein solches Denken einlässt, gerät in einen Rausch, den Sog der Vernunft, auch Dialektik genannt. Die Wahrheit einer Sache zeigt sich erst im Zusammenhang mit ihrem Gegenteil. Oder wie der Schwabe Hegel sagen würde: "So isch no au wieder." ("So ist es nun auch wieder.")
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 30.06.2020
Biografien von Philosophen sind ein undankbares Unterfangen, weiß Rezensent Thomas Steinfeld, denn Denker führen meist ein unspektakuläres Leben am Schreibtisch oder im eigenen Garten. Das war auch bei Hegel nicht anders, zu dessen anstehendem 250. Geburtstag im August etliche Biografien auf den Markt kommen. Wenn Sebastian Ostritsch Hegel vor allem als Weltphilosophen und Begründer des dialektischen Denkers erklärt, ist Steinfeld durchaus einverstanden mit einer solchen Nähe zum interessierten Leser. Aber wenn Ostritsch von Hegels weltumfassendem Denken, das sich durchaus als Wissenschaft verstand und einem strengen Begriff von Wahrheit verpflichtet war, nicht mehr übrig lasse als eine "grandiose Vision", als eine interessante These, über die man diskutieren könne, wendet sich der Rezensent enttäuscht ab. Dann erkennt Steinfeld auf eine Art "Demutshybris", die vorgibt ihm Dienste Hegels zu schreiben, es aber nicht für nötig befindet, sie an ihrem eigenen Anspruch zu messen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 02.04.2020
Rezensent Christian Thomas liest Sebastian Ostritschs Hegel-Biografie mit Gewinn. Wie der Autor Hegel als "Widerspruchsgeist" beschreibt, seine Dialektik "aus der schwäbischen Mentalität" verständlich macht und Hegels stockende Karriere mit seinem Leben verschränkt, findet Thomas bemerkenswert. Wenn der Autor dem Verdikt widerspricht, Hegel sei ein Apologet Preußens gewesen, wenn er analytisch darlegt, warum Systemphilosophie "so einzigartig" ist, hört Thomas begeistert zu.
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