What is love? Ist die Liebe Sinn des Lebens, eine politische Allianz, Illusion oder Selbstzweck? Oder ist sie gar unmöglich, weil wir uns zwischen Zukunftsängsten, überhöhten Ansprüchen und diskriminierenden Strukturen völlig zerreiben? Şeyda Kurt nimmt unsere allzu vertrauten Liebesnormen im Kraftfeld von Patriarchat, Rassismus und Kapitalismus auseinander - und erforscht am Beispiel ihrer eigenen Biografie, wie traditionelle Beziehungsmodelle in die Schieflage geraten, sobald sicher geglaubte Familienbande zerbrechen und hergebrachte Wahrheiten in Zweifel geraten. Denn Liebe existiert nicht im luftleeren Raum. Sie ist ein Spiegel unserer Gesellschaft. Und sie ist politisch. Wie also wollen wir wirklich lieben? Wen und wie viele? Wie kann er aussehen, ein radikaler Neuentwurf der Liebe? Und wie können Menschen sich gemeinsam gegen die Ismen unserer Gesellschaft behaupten - als Partner*innen, Familie und Freund*innen?
Rezensentin Sara Rukaj verreißt beherzt Şeyda Kurts Buch zum Thema Liebe. Die Autorin schreibt darin gegen das romantische Liebesideal an und will die Liebe zu einem Raum der Gleichberechtigung, der Benennung und des Respekts korrigieren, was in den Augen der Rezensentin aber nur auf eine Bürokratisierung von Sinnlichkeit und eine konstante Selbstvalidierung hinausläuft - für solch "emsiges Pronomenpauken" und die produktive Wut, die Kurts Liebhaber in ihr geweckt habe, in dem er ihren Vornamen im Handy ohne Cedille unterm S eingespeichert habe, kann Rukai kein Verständnis aufbringen. Argumente von Adorno, Barthes und Bovenschen zieht die Kritikerin heran, um ihre Probleme mit Kurts Buch zu illustrieren - so würden beispielsweise Sex und Liebe als nichtsprachliche Triebe vernachlässigt, jeder weiße heterosexuelle Mensch als privilegiert bezeichnet und letztlich nur eine spießbürgerliche Moral beworben. Als "Ratgeberliteratur", "Schmonzette" und "infantilen Befindlichkeitskult" tut die Kritikerin Kurts Buch ab - oder abschließend auch einfach nur als: "Quatsch".
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 24.04.2021
All you need is love? Nicht für Şeyda Kurt, so Rezensentin Elisabeth Gamperl - die Journalistin und Kolumnistin rechnet in ihrem Buch mit der "toxischen Romantik" ab, und zwar in angenehm unprätentiöser Radikalität, wie Gamperl findet: Zuneigung sei nicht auf monogame und familiäre Beziehungen beschränkt, immer auch Politik im Kleinen, und der Begriff der Liebe besser mit dem der Zärtlichkeit ersetzt, so die Autorin. Auf solche Thesen müsse man sich einlassen, aber die Rezensentin schätzt, dass Kurt gar nicht erst versuche, eine Wahrheit zu präsentieren. Vielmehr liefere die Autorin in Referenz auf Philosophen und Theoretiker (Platon, Illouz) sowie auf persönliche Erfahrungen kreative Ideen wie etwa ein "Alphabet der Zärtlichkeit", so Gamperl. Eine "wertvolle Beigabe in den gesellschaftlichen Bewusstseinspool", schließt sie.
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