Susan Bernofsky

"Hellseher im Kleinen"

Das Leben Robert Walsers
Cover: "Hellseher im Kleinen"
Suhrkamp Verlag, Berlin 2025
ISBN 9783518431597
Gebunden, 535 Seiten, 38,00 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Michael Adrian. Er lebte und schrieb am Rande der Gesellschaft, schockierte seine Boheme-Freunde in Berlin mit dem Besuch einer Dienerschule und entwickelte später in Bern einen urban-nomadischen Lebensstil, bevor er den Rest seines Lebens in einer Heil- und Pflegeanstalt verbrachte. Ob als Antiheld und romantischer Einzelgänger, als "Verlocker zur Freiheit" (Morgenstern) oder als "Hellseher im Kleinen" (Sebald) - Robert Walser wurde glühend verehrt und hat viele maßgeblich beeinflusst: Franz Kafka, Walter Benjamin und Robert Musil ebenso wie Thomas Bernhard, Paul Nizon, Sibylle Lewitscharoff und Elfriede Jelinek.In ihrer Biografie wirft Susan Bernofsky einen  Blick auf Walsers faszinierendes Leben und Werk. Gestützt auf neue Quellen, unbekannte Texte, Briefe und weitere biografische Dokumente lotet sie seinen Rang im literarischen Diskurs seiner Zeit aus wie auch die unbestrittene Relevanz seines Werks für die heutige. 

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 17.09.2025

Rezensent Erhard Schütz würdigt Susan Bernofskys Biografie über Robert Walser als "höchst informiert und zugleich in freundlicher Klarheit geschrieben". Bernofsky zeige den Autor als "Hellseher im Kleinen", der zwischen "Zartheit und Geschwätzigkeit, Begeisterung und Katzenjammer" pendelte. Sie zeichnet den Café- und Zeitungsleser ebenso nach wie den spöttischen Außenseiter, der Gönner als "Krokodilödeli" verspottete und zwischen schwärmerischen wie frivolen Neigungen schwankte, erfahren wir. Besonders stark ist das Buch dort, wo es Walsers lange Jahre in psychiatrischen Anstalten neu bewertet: kein isolierter Verstummter, sondern ein Autor, der "intensiv am Weltgeschehen teilnahm". Schütz lobt die Balance von Werk- und Lebensdeutung, merkt aber an, dass Bernofsky Walsers oft widersprüchliches Schreiben nur andeutungsweise entwirre, was den Reiz dieser vielschichtigen Biografie freilich nicht mindert. 

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.08.2025

Rezensent Joseph Hanimann würdigt Susan Bernofskys neue Robert-Walser-Biografie als sorgfältige, faktenreiche Arbeit, die bewusst Distanz zwischen Leben und Werk schafft. Statt Mutmaßungen stützt sich die Übersetzerin und Professorin auf "dokumentarische Recherche": Familienbeziehungen, Honorarforderungen, Krankenakten, selbst Walsers berühmte Mikrogramme werden beleuchtet. Spekulationen - etwa zur möglichen Homosexualität - formuliert sie nur vorsichtig. Der Kritiker hebt hervor, wie Bernofsky den oft als schrulligen Kleinmeister betrachteten Autor als "Profi der literarischen Schreibkunst" präsentiert. Stilstudien zeigen sein Raffinement, Anekdoten sein Bohème-Leben mit Bruder Karl. Wer erfahren möchte, wie Hesse, Tucholsky, Musil oder Kafka Walser einschätzten, wird reich belohnt. Dass Bernofsky romantisierende Legenden entkräftet, ohne deren Faszination ganz zu tilgen, macht das Buch für Hanimann zu einer eleganten und nahezu vollständigen Bestandsaufnahme.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 08.08.2025

Rezensent Helmut Böttiger lobt die psychologische Rafinesse von Susan Bernofskys Biografie über Robert Walser. Wie die Biografin einfühlsam und in großen Bögen Werkanalysen und Deutungen von Walsers Persönlichkeitsentwicklung verbindet, überzeugt den Rezensenten. Der Materialreichtum der Biografie scheint Böttiger immens. Bernofskys Sensibilität, wenn es darum geht, Walsers Werk und seine Biografie sauber zu trennen, hält Böttiger für einen Glücksfall.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 26.07.2025

Eine starke Robert-Walser-Biografie legt Susan Bernofsky hier laut Rezensentin Angela Gutzeit vor. Die amerikanische Germanistin legt in diesem Buch Wert darauf, dass das Schaffen des Autors nicht als Ausdruck seiner psychischen Probleme zu betrachten, sondern als das Werk eines bewusst Handelnden künstlerischen Geistes zu analysieren ist. Zwar behandelt Bernofsky durchaus auch den Lebensweg des Schweizers, anders als bei älteren Walser-Biografien steht jedoch nicht dieser, sondern die Sprachkunst im Zentrum - in dieser Hinsicht kann sich die Autorin auf eine inzwischen umfangreiche Quellenlage stützen. Der bei Bernofsky zentrale Begriff des "Gestaltwandlers" bezieht sich laut Gutzeit zum Beispiel nicht nur auf den notorisch oft den Wohnort wechselnden Schriftsteller selbst, sondern auch auf die Figuren seiner Bücher, die sich allem Bildungsromanhaften verweigern. Auch andere Walser-Motive, wie Dienstboten oder Homoerotik werden von Bernofsky unter die Lupe genommen, erfahren wir, und in eine Beziehung zu Walsers Leben gesetzt. Ganz besonders schätzt Bernofsky laut Gutzeit Walsers Mikrogramme, die äußerst artifiziellen, im Original millimeterhoch per Bleistift niedergeschriebenen Texte des Spätwerks. Ein außergewöhnlicher reichhaltiger Beitrag zur Walser-Forschung, resümiert die Kritikerin, die auch lobende Worte für Michael Adrians gekonnte Übersetzung aus dem Englischen findet.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 03.07.2025

Rezensent Gökalp Babayiğit ist begeistert von Susan Bernofskys Annäherung an den Ausnahmeschriftsteller Robert Walser - ein "writer's writer", von zahlreichen Literaten bewundert, beim breiteren Lesepublikum nicht erfolgreich. Bernofsky erinnert an einige Eigenheiten der Walser'schen Prosa, ihre Aufmerksamkeit für das Kleine, Beiläufige etwa oder auch die Art, wie in seinen Texten Sprache nicht als ein transparentes Medium funktioniert, sondern eigene Geheimnisse birgt. Natürlich geht sie auch biografischen Stationen des Literaten nach, der früh den Entschluss fasste, sein Leben so weit wie möglich dem Schreiben zu widmen und dafür auf materielle Sicherheit verzichtete, oft den Wohnort wechselte und sich von Freunden, insbesondere auch immer wieder von Frauen, aushalten ließ, solange es ging, resümiert der Kritiker. Als Romanautor in Berlin fand er keinen Erfolg, Walser kehrte zurück in die Schweiz und entwickelte in der Folge seine brillante Form der Kurzprosa: Am Ende seines Lebens, das er in Heilanstalten verbrachte, schrieb er nur noch für sich allein, die Schrift selbst wurde immer kleiner. Bernofsky kennt sich perfekt aus in Leben und Werk Walsers, lobt der Rezensent, der ihr Buch Walser-Kennern und -Neulingen gleichermaßen empfiehlt.
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