Thomas Middelhoff war über viele Jahre einer der bedeutendsten Wirtschaftsmanager der Republik. Ende 2014 wurde er zu einer dreijährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Das Urteil sorgte angesichts seiner Härte selbst bei erfahrenen Juristen für Aufsehen.
Mit großer Eindringlichkeit beschreibt Thomas Middelhoff die Vehemenz und Unverhältnismäßigkeit des deutschen Justizapparates. Mit seinen detaillierten Schilderungen gewährt er tiefen Einblick in die der Öffentlichkeit nicht zugängliche Schattenwelt des geschlossenen Vollzugs.
Der Text von Richard Kämmerlings ist unter ein extrem hämisches Foto gesetzt - eines jener Fotos, die ein Fotograf nie freigeben dürfte, weil sie zufällig entstehen, wenn er auf den Serienauslöser drückt, so dass eine Person mit halb geöffneten Augen gezeigt wird, als wäre sie gerade dabei, heftig abzudriften. Zum Glück ist Kämmerlings in seiner Kritik dieses Gefängnisbuchs, das er als eine Art Fortsetzung von Rainald Goetz' Middelhoff-Roman "Johann Holtrop" liest, frei von Häme, ja er gesteht sogar, "statt Häme durchaus Mitleid" zu empfinden. Das Buch ist für ihn eine durchaus zwiespältige Erfahrung: Einerseits findet er sehr eindrückliche Passagen der Selbstreflexion, andererseits vermisst er jegliche Suche nach der eigenen Verantwortung für das Desaster bei Bertelsmann und schließlich Karstadt, für das er in juristische Strudel geriet. Middelhoff wurde im Gefängnis fromm, und bei Kämmerlings liest sich das fast, als würde diese diese Tendenz der Verdrängung dienen. Aber andererseits findet der Rezensent präzise Beobachtungen des Gefängnisalltags und nachvollziehbare Kritik am deutschen Strafsystem - inklusive der Forderung nach einem "Recht auf E-Mail". Durchaus eine faszinierende Lektüre, so scheint es.
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