Efeu - Die Kulturrundschau

Wunderschöner Alptraum und Sinnesreiz-Overkill

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17.06.2020. Die Theaterkritiker begeben sich mit Susanne Kennedy auf einen psychedelischen Trip zu einem KI-Orakel und ertrinken im Farbrausch einer tief traurigen Welt. Die SZ hüpft trippelnd durch das Museum von Bob Dylan. taz und Tagesspiegel tanzen mit den Bachmann-DebütantInnen durchs Netz. Die taz blickt in der Wiener Secession mit dem amerikanischen Künstler William E. Smith in die toten Augen unserer krisengebeutelten Gegenwart. Wer Nachhaltigkeit will, muss auf Neubau verzichten, fordert die Welt.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.06.2020 finden Sie hier

Bühne

Bild: Judith Buss

Einen "einen wunderschönen Alptraum und Sinnesreiz-Overkill" erlebt Nachtkritikerin Sabine Leucht in den Münchner Kammerspielen bei der Premiere von Susanne Kennedys und Markus Selgs begehbarer Installation "Oracle". Nicht nur, weil Leucht das erste Mal nach langer Abstinenz wieder ein Theater betreten darf, sondern auch, weil Kennedy und der bildende Künstler Selg sie auf einen posthumanen, psychedelischen Trip, vorbei an realen Schauspielern zu einer Künstlichen Intelligenz schicken: "Wie schön sind die im Farbrausch ertrinkenden oder mit psychedelisch verzerrten Schwarz-Weiß-Grimassen über und über bedeckten weichen Böden und Wände, ist der blitzende, einen wie aus Argusaugen ablichtende 'Inkubator'-Raum oder das finale, einem aus mehreren Bildschirmen entgegenschauende Gesicht eines Avatars. Und allein die Liste der Robotik-, KI- und 'Dialogflow'-Experten sprengt schon den Rahmen unseres Credit-Kastens. Es ist eine alptraumhafte und unendlich traurige Welt, die sie zusammen mit den Künstlern kreiert haben - auch, weil einen die Nicht-Mehr-Menschlichen aus abgrundtief müden Augen anschauen. Vor allem die Schauspieler, aber auch ihre synthetischen Kollegen."

Dem "Eso-Kitsch" kann sich auch Christine Dössel in der SZ nicht entziehen, die der Inszenierung "Suggestionskraft und Schönheit" attestiert: "Es spielen bei diesem Trip ins eigene Ich fünf leibhaftige Schauspieler mit, empfangen flüsternd die Besucherin, kommen ihr unangenehm nahe, leiten sie oder kauern auch mal in engen Gruselkammern wie dem 'Narrative Room'. Marie Groothof, Thomas Hauser, Ixchel Mendoza Hernandez, Benjamin Radjaipur und Frank Willens wirken nicht wie von dieser Welt. Sie tragen Spuckschutz-Visiere aus Plastik und ein seltsames Lächeln oder auch Besorgnis im Gesicht. Es sind Priester und Priesterinnen eines phantasmagorischen Zwischenreiches, spacig eingekleidet von der Kostümbildnerin Teresa Vergho, die schreiende Farben liebt." Leicht überfordert kehrt in der FAZ Lili Hering von dem "Spaziergang durch die Kulturgeschichte der Menschheit, in der sich Höhlenmalereien und Antike vereinen, Runen, Pflanzen, Insekten, Masken auf Stoffen und Bildschirmen tummeln, in der Fossilien ebenso wie Drohnen erscheinen" zurück.

Weiteres: Für den Tagesspiegel hat Patrick Wildermann bei Shermin Langhoff nachgefragt, wie es in der nächsten Spielzeit am Maxim-Gorki-Theater weitergehen wird: "Sechs Uraufführungen stehen bis Dezember an, darunter die jüngste Arbeit von Yael Ronen, 'State of Emergency', oder der Sibylle-Berg-Abend 'Und nach mir ist sicher die Welt verschwunden'." In der Berliner Zeitung blickt Irene Bazinger ins Programm der Shakespeare-Company im Naturpark im Schöneberger Südgelände.

Besprochen werden Felix Rothenhäuslers ebenfalls mit Verspätung an den Münchner Kammerspiele gezeigte Premiere von Enis Macis "Wunde R" ("Hier leckt man die Wunde, aber wartet auf das Wunder", meint Anna Landefeld in der Nachtkritik, weitere Besprechungen: SZ, FAZ), die Notinszenierung von Richard Wagners "Rheingold" in gekürzter Fassung und auf dem Parkdeck der Berliner Oper (Welt), ein Liederabend des Baritons Željko Lucic in der Oper Frankfurt (FR) und die ursprünglich für die Münchner Biennale für Neues Musiktheater geplante Klangperformance "Subnormal Europe" im Karlsruher ZKM (SZ).
Archiv: Bühne

Literatur

Heute beginnt das Bachmann-Wettlesen, formal in Klagenfurt, de facto aber im Netz: Die Lesungen sind voraufgezeichnet, die Jurydiskussionen finden als Livestream statt. Das ist eigentlich alles nur folgerichtig, meint Ekkehard Knörer in der taz, denn "der primäre Ort der Erstrezeption ist schon lange das Netz: Nirgends werden die Lesungen wie die Jury-Diskussionen so genau beobachtet und instantan kommentiert wie in Blogs und vor allem auf Twitter (Hashtags: #tddl und #tddl20)." Zu sehen gibt es "viele eher unbeschriebene Blätter", darunter Hanna Herbst, früher bei der österreichischen Vice, demnächst in Jan Böhmermanns neuer ZDF-Show: "Im Porträtfilm singt sie, ziemlich selbstreflexiv und ganz lustig."

Wie Ekkehard Knörer kommt auch Gerrit Bartels im Tagesspiegel auf die Lebensgeschichte von Helga Schubert zu sprechen, 80 Jahre alt und unfreiwillige Debütantin: Bereits 1980 hatte die in der DDR geborene Schriftstellerin eine Einladung erhalten, aber die Staatsobrigkeit hatte ihr die Ausreise verwehrt. Später war sie immerhin Jurorin, jetzt kommt sie als Leserin schon wieder nicht in Person nach Klagenfurt. Der dazu passende Film "ist ein schlichtes Porträt, das die 1940 in Berlin geborene Schriftstellerin von sich hat aufnehmen lassen. Doch es ist sympathisch, erzählt fast ein ganzes Schriftstellerinnenleben in schlanken zwei Minuten." Ansonsten zeigt sich bei den vielen jungen Stimmen "eine Generation, ohne Hang zur Selbstdarstellung, könnte man denken, mit Worten nur auf dem Papier."

Außerdem: Gerrit Bartels erzählt im Tagesspiegel die Geschichte des Taschenbuchs, das vor 70 Jahren in Deutschland auf den Markt kam. Im nächsten "Lucky Luke"-Abenteuer wird der Westernheld einen schwarzen, ans historische Vorbild von Bass Reeves angelehnten Sheriff als Buddy haben, meldet Lars von Törne im Tagesspiegel.

Besprochen werden Juri Andruchowytschs "Die Lieblinge der Justiz" (NZZ), Maggie Nelsons Essay "Die Roten Stellen" (Jungle World), Lukas Jüligers Comic "Unfollow" (SZ) und Rachmil Bryks "Eine Katze im Ghetto und andere Erzählungen" (FAZ).
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Kunst

Michael E. Smith, Ausstellungsansicht Secession 2020, Foto: Oliver Ottenschläger

taz
-Kritiker Sebastian Strenger hört den dröhnenden "Abgesang der Zivilisation" in der Ausstellung des amerikanischen Künstlers Michael E. Smith in der Wiener Secession. Wie ein "episches Theater" der ökologischen und kapitalistischen Krisen erscheint Strenger die Ausstellung, in der er unter anderem von einem am Boden liegenden menschlichen Schädel beobachtet wird: "In seinen Augenhöhlen hat der Künstler zwei Flaschenkürbisse gelegt. Mit dem Schädel als Memento Mori betreten Gewalt, Tod und soziale Ungerechtigkeit die Bühne des Kabinetts. Um die Bildsprache des Comics zu bemühen, assoziiert der Besucher hier die Action-Figur des Ghostbuster-Skeletts aus den Achtzigern. Gegenüber den aus den Augenhöhlen quellenden Augäpfeln wird sie den Betrachtern zum Objekt des Entsetzens. Und ist dem Schädel das Entsetzen quasi ins Gesicht geschrieben, stehen dann dem zweiten Objekt, einer aus Rosshaar gefertigten Wandskulptur, sprichwörtlich die Haare zu Berge."

Weiteres: Irgendwo zwischen Disneys "Fantasia" und einer "digitalen Nummernrevue" verortet Marc Zitzmann in der FAZ die erste immersive Schau mit Multimedia-Installationen von Gustav Klimt bis Paul Klee in den "Bassins de Lumières", ehemaligen Nazi-U-Boot-Bunkern in Bordeaux.
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Archiv: Kunst
Stichwörter: Smith, Michael E.

Architektur

Wer wirklich "klimagerechten, nachhaltigen Städtebau" will, muss Baugesetze ändern, die Architektenausbildung neu konzipieren und Neubau nur noch in Ausnahmefällen genehmigen, fordert Dankwart Gurtatzsch in der Welt. Stattdessen müsse der Baubestand weiterentwickelt werden, schreibt er: "In Österreichs Hauptstadt Wien wird zurzeit die gesamte Innenstadt mit ihrer historischen Gebäudepracht einer solchen unfreiwilligen Verjüngungskur unterzogen. Wiens Altstadt wächst um durchschnittlich zwei Etagen über die alten Traufhöhen empor, und die Lösungen sind zum Teil von solcher Unbedarftheit und gestalterischen Banalität, dass der Liebhaber der Stadt die Zeit herbeisehnt, in der die Architekten wieder beherrschen, was sie doch über Jahrhunderte so gut konnten: das Bestehende weiter zu denken und zu veredeln, statt es zu entstellen. Und dennoch: dieser gigantische Stadtumbau wird den Klimazielen und der Ästhetik viel eher gerecht als alle fassadenmörderischen Dämmungsprogramme zusammengenommen."

Was wird aus den Innenstädten, wenn der Online-Handel den Einzelhandel verdrängt hat, fragt sich Gerhard Matzig in der SZ: "Sind beispielsweise Wohnungen dort denkbar, wo Läden aufgegeben werden? Bedingt. Das Wohnen sollte zwar zurückkehren in die dafür meist zu teuren Innenstädte. Aber das perfekt ineinandergreifende System, das die europäische Stadt auszeichnet, also: oben wird gewohnt (Privatraum) und im Erdgeschoss (öffentlicher Raum) wird gelebt, würde verarmen."

Weiteres: Nachdem das Landesarbeitsgericht die "vorläufige Untersagung der Besetzung" von Florian Pronold als Direktor der Bauakademie (Unser Resümee) bestätigt hat, muss die Ausschreibung wiederholt werden, meldet Ralf Schönball im Tagesspiegel: "Damit haben die beiden Kläger, der Architekt Philip Oswalt und Oliver Elser, Kurator des Deutschen Architektur-Museums, die sich selbst um den Posten beworben hatten, die Besetzung mit Pronold verhindert. Kein Erfolg hatte Elser damit, ein Urteil zu erwirken, dass der Direktorenposten mit keinem außer ihm selbst besetzt werden darf."
Archiv: Architektur

Musik

Bob Dylan mag nächstes Jahr 80 werden, aber auf "Rough and Roudy Ways", seinem neuen Album, das diesen Freitag erscheint (mehr dazu bereits hier), zeigt er sich jung, also wieder als "ganz der alte", schwärmt Willi Winkler in der SZ: Keine Sinatra-Coverversionen, keine Nobelpreisdebatten mehr, einfach nur neue Musik mit schlechter Laune beim Blick auf den Zustand der Welt. Und Rückschau ist angesagt: "Staunend geht Dylan wie in einem Museum herum und erkennt sich überall selber: den Protestierer, der mit Martin Luther King nach Washington marschierte, den Frauenverbraucher, den Gottsucher und Jesus-Finder, den C. G. Jung-Adepten und den Lubawitscher, den Reaktionär und den Revolutionär, den unerschöpflichen Bildererfinder und den desillusionierten Entertainer, der in der Bar der unreinen Vernunft endlich auch den letzten Gast hinausgesungen hat und allein seiner Stimme lauscht, krächzend wie je und rührend, wenn sie mit Trippelhüpfern den nächsthöheren Ton erreichen will."

In der Berliner Zeitung würdigt Harry Nutt Dylan, der hier mal wieder Dutzende Referenzbälle gleichzeitig in der Luft hält, als "Meister des subtilen Verbergens selbst dort, wo es ihm darum geht, anderen Anerkennung zu zollen." Dass Dylan dann aber eben doch nicht mehr der Jüngste ist, zeigt sich ihm allerdings schon auch: "Es kratzt und schmirgelt in der Stimme", doch "in den meisten der insgesamt zehn Stücke scheint Dylans ramponiertes Gesangsorgan die Ohren der Zuhörer streicheln zu wollen." Ziemlich umgehauen ist auch Guardian-Kritiker Alexis Petridis: "Trotz all seiner Kälte: Ein so durchgängig brillantes Set an Songs hat Dylan seit Jahren nicht mehr vorgelegt. Der harte Kern der Fans kann sich Monate lang damit beschäftigen, die verknotteteren Texte zu entschlüssen, man braucht aber auch keinen Doktortitel in Dylanologie, um seine herausstechende Qualität und Energie zu genießen." Ein Vorabstück:



Außerdem: SZ-Popkolumnist Quentin Lichtblau legt allen "Menschen ohne Partner", die daheim den langen Nächten in dichten, schwitzenden Menschenmassen nachtrauern" Darkstars Album "Civic Jams" zum Trost ans Herz: Läge man es im Club auf, "würden alle beim Tanzen weinen". Das Titelstück:



Besprochen werden ein Liederabend mit dem Bariton Željko Lucic (FR) und das neue Album von The James Hunter Six (Presse).
Archiv: Musik