Szene aus "Warten auf Godot". Foto: Jörg Brüggemann Wie soll man Samuel Becketts "Warten auf Godot" siebzig Jahre nach der Uraufführung in Paris auf die Bühne bringen? Genau so, wie es Luk Perceval am Berliner Ensemble mit Matthias Brandt und Paul Herwig in den Hauptrollen tut, applaudiert Jakob Hayner in der Welt. Perceval gibt der Tragikomik des Textes Raum, deutet nichts aus - und erzeugt dennoch Wucht, staunt Hayner: "Das liegt an den archetypischen Bildern von Gewalt, Verfolgung und Verzweiflung, die Beckett geschaffen hat und deren unnachahmliche Kraft Perceval wieder in Erinnerung ruft. Es sind die Bilder einer Menschheit in der Klemme, von Kain und Abel über den gekreuzigten Jesus bis zu Wladimir und Estragon. Der Klamauk wird bei Perceval nicht ausgespart, doch seine Regie erschöpft sich nicht darin, anders als beim ironisierenden Gestus des Poptheaters. Das Alberne gleicht einem Kontrastmittel, um das Grausame umso deutlicher hervortreten zu lassen."
Weitere Artikel: Im taz-Gespräch mit Sabine Leucht sprechen die Dokumentartheatermacherin Christine Umpfenbach und ihrer Co-Autorin Tunay Önder über ihr Stück "Offene Wunden", das bald am Münchner Volkstheater Premiere feiert und das sich dem Attentat vom 22. Juli 2016 im Münchner Olympia-Einkaufszentrum widmet. In der nachtkritikerinnert sich der Literaturwissenschaftler Thomas Rothschild an Bruno Ganz.
Besprochen wird Harold Nobens und Michel De Cocks Adaption der "Madame Bovary" an der Brüsseler Monnaie (FAZ).
Baldwin and Buckley, Foto: Christophe Raynaud de Lage "Bitte geben Sie uns nicht auf", ruft John Collins, künstlerischer Leiter der US-amerikanischen Theatergruppe Elevator Repair Service, dem Schaubühnen-Publikum entgegen, nachdem dort im Rahmen des FIND-Festivals sein Stück "Baldwin and Buckley at Cambridge" über die Debatte zwischen James Baldwin und dem Vordenker der Neuen Rechten in den USA, William F. Buckley, über die Bürgerrechtsbewegung aufgeführt wurde. In der tazerkennt Verena Harzer die Parallelen zwischen Buckley und Trump: "Dem Stück gelingt es, einige der Strategien zu entlarven, mit denen Trump die US-amerikanische Demokratie aushöhlt: die Ignoranz gegenüber Rassismus, Sexismus und allen anderen Formen der Diskriminierung von Benachteiligten, Ausgegrenzten oder Minderheiten. Die Produktion ist damit genau die Art von Kunst, gegen die Trump in den USA einen radikalen Kulturkampf begonnen hat."
In der nachtkritikfindet der Kultur- und Nonprofit Governance lehrende Organisationsentwickler Thomas Heskia die Idee, die Volksbühne, das Gorki-Theater, das Deutsche Theater und das Theater an der Parkaue in gemeinnützige GmbHs zu verwandeln (unser Resümee), gar nicht verkehrt: "Solche Konstruktionen sind seit den 1990er-Jahren in Deutschland und Österreich weit verbreitet: Dutzende öffentliche Theater wurden seither erfolgreich in GmbHs überführt, ohne dass ihr Charakter als öffentlich getragener Betrieb fundamental in Frage gestellt worden wäre. (…) Die bereits damals vielfach geäußerten Befürchtungen vor Ausverkauf und Tarifflucht haben sich in der Regel nicht bewahrheitet."
Weitere Artikel: Im leider nicht frei verfügbaren Interview mit der Berliner Zeitung spricht Frank Castorf, der aktuell in Dresden Büchners "Dantons Tod" inszeniert, über Fatalismus, Revolution und Außenpolitik. Besprochen werden Amir Reza Koohestanis Inszenierung von Mahin Sadris Kleist-Adaption "FC Prinz Homburg: Träume und Handgemenge" am Staatstheater Wiesbaden (FR, nachtkritik), Max Merkers Faust-Inszenierung am Bregenzer Landestheater (nachtkritik), Herbert Fritschs Inszenierung "Rauflust oder Fifty Shades of Green" am Theater Freiburg (nachtkritik), Sandra Hüllers und Tom Schneiders Inszenierung von MarDis Stück "Penthesile:a:s - Amazonenkampf" am Neuen Theater in Halle (nachtkritik), Fritzi Wartenbergs "Sisi"-Inszenierung am Wiener Burgtheater (NZZ, mehr hier) und Philipp M. Krenns Inszenierung des "Parsifal" mit Jonas Kaufmann in der Hauptrolle bei den Tiroler Festspielen in Erl, die Kaufmann aktuell auch als Intendant verantwortet (Welt).
Es ist genau der richtige Zeitpunkt für Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker, sich mit dieser Saison aus dem Festspielhaus Baden Baden zu verabschieden, klang nach vielen Höhepunkten die aktuelle Neuproduktion von Puccinis "Madama Butterfly" doch schon ein wenig routiniert, meint Christian Wildenhagen in der NZZ. Auch die Inszenierung von Davide Livermore geht nicht auf, obwohl sich der Regisseur eine Rahmenhandlung einfallen lässt, in der sich Butterflys Sohn in Japan auf die Suche nach seinen Wurzeln begibt, seufzt Wildenhagen: "Gemeinsam mit der alt gewordenen Dienerin Suzuki erlebt er die wahre Geschichte seiner Mutter, die von seinem Yankee-Vater bloß zur Triebbefriedigung benutzt wird und aus Verzweiflung darüber am Ende der Oper das rituelle Seppuku vollzieht. Daraus hätte sich einiges machen lassen. Aber Livermore schreckt, wie leider häufig, vor genau der Zuspitzung zurück, durch die es auch für die Zuschauer schmerzhaft werden könnte."
Weitere Artikel: Im Tsp-Interview mit Markus Ehrenberg spricht Regisseurin Lydia Ziemke, deren Stück "geRecht 2" heute am Theater Aufbau Kreuzberg mit Corinna Harfouch in der Hauptrolle Premiere feiert, über Migration, Gewalt und Justiz. In der FAZ gratuliert Wiebke Hüster dem schwedischen Choreographen Mats Ek zum Achtzigsten.
Peter Seiffert ist im Alter von 71 Jahren gestorben. Der Tenor, meintManuel Brug in der Welt, "war ein Wagner-Held wie aus dem Bilderbuch. Er kam, sang und siegte. Mit sparsamer Gestik und möglichst wenig Bewegung. Aber mit Allüre und Auftreten. Mit blonder Naturmähne, später auch mit Schnauz, der selbst für Lohengrin und Parsifal dranblieb. Mit dem Texte lernen tat er sich schwer, aber die Souffleure kamen gut mit ihm zurecht." Jürgen Kestings Nachruf in der Zeit zititert unter anderem Seiffert selbst, der keineswegs von seinen Wagner-Rollen verschluckt werden wollte. Für nmzruft Wolf-Dieter Peter Seiffert nach, in der SZ Harald Eggebrecht.
"Winterstürme wichen dem Wonnemond":
Weitere Artikel: Hin und weg ist SZ-Kritikerin Dorion Weickmann vom Ballettabend "Wings of Memory" des Bayerischen Staatsballetts. Insbesondere das Schlussstück, Pina Bauschs "Frühlingsopfer", ist große Kunst, wurde bis jetzt aber nur sechs mal aufgeführt: "Schuld sind, lesen wir, die Kosten, die nicht zuletzt aufgrund der strikten Auflagen der Pina Bausch Foundation, die sich eine strenge Qualitätskontrolle auf die Fahne geschrieben hat, in die Höhe schießen." Philipp Lojak berichtet auf nmz von den Angriffen der Trump-Regierung auf die Kulturszene; unter anderem hat Lojak sich mit einigen betroffenen Musikern unterhalten. Shirin Sojitrawalla denkt auf nachtkritik über geglückte und weniger geglückte Regieeinfälle nach. Die inzwischen abgeschlossene Theaterabend-Bestenliste der nachtkritik wird wiederum von Jakob Hayner in der Welt kommentiert.
Besprochen werden Jacques Offenbachs Oper "Hoffmanns Erzählungen" an der Düsseldorfer Oper am Rhein in der Inszenierung von Michael Kaye und Jean-Christophe Keck (FR, "Ein Coup, wenn auch mit Risiken und Nebenwirkungen"), Luc Percevals Fassung von "Warten auf Godot" am Berliner Ensemble (Zeit, "Die Verschiebung von der offenen Landstraße auf eine Bühne gibt dem Abend einen hübsch selbstironischen, aber auch heroischen Saum"), Lena Reissners "Heidi"-Inszenierung am Theater Neumarkt in Zürich (NZZ, "sehr viel Charme und Wärme") und Vasily Barkhatovs "Norma"-Inszenierung an der Berliner Staatsoper (ND, "Unstimmigkeiten und Konstellationen, die jeglicher Logik widersprechen").
Nach einem Treffen zwischen Berlins Bürgermeister Kai Wegner, der Staatssekretärin für Kultur, Sarah Wedl-Wilson und Vertretern der Bühnen und Orchester "sind die Ängste groß", berichtet Marie Frank in der taz: "Im Raum steht eine Umwandlung in eine gemeinnützige GmbH, wie beim Berliner Ensemble und der Schaubühne, oder in eine Stiftung öffentlichen Rechts nach dem Vorbild der Stiftung Oper in Berlin. Betroffen von den Planungen sind die Volksbühne, das Gorki-Theater, das Deutsche Theater, das Theater an der Parkaue und das Konzerthaus - allesamt ehemalige Osttheater." In Westberlin gibt es allerdings auch nur noch ein Ensembletheater, die Schaubühne. Dennoch: "Die Angst der Beschäftigten vor einem Stellenabbau ist mit Blick auf die Überführung der Opern in eine Stiftung nicht unbegründet. Nach jahrelangem Streit über den Unterhalt der drei Opernhäuser wurde 2004 ein Kompromiss geschlossen: Statt eines der Häuser zu schließen, sollte hinter den Kulissen gespart werden, indem die Deutsche Oper, die Komische Oper, die Staatsoper Unter den Linden, das Staatsballett Berlin und der Bühnenservice in der Stiftung Oper in Berlin zusammengeschlossen wurden. Laut Verdi wurden im Zuge dessen über 100 Menschen entlassen."
Weitere Artikel: In der Welt vergleicht Manuel Brug zwei Inszenierungen von Modest Mussorgskys Oper "Chowanschtschina": Calixto Bieitos am Théatre de Genève (wahrt klug die Mitte zwischen Überzeitlichkeit und aktuellen Anspielungen auf die Zustände im gegenwärtigen Moskau) und Simon Mc Burney in Salzburg (ein "eher lähmendes Fanal"). Michael Bartsch berichtet in der taz vom Theaterprojekt "Inside Outside Europe" in Chemnitz, das das Thema Migration verhandelt.
Besprochen werden Vasily Barkhatovs Inszenierung von Bellinis Oper "Norma" an der Staatsoper Berlin (FAZ), das Tanzstück "Anaconda" der israelischen Choreografin Reut Shemesh am Stadttheater Gießen (FR) und Fritzi Wartenbergs Inszenierung von Mareike Fallwickls Stück "Sisi" am Burgtheater Wien (unser Resümee) (FAZ).
Stefanie Reinsperger in "Elisabeth!" Foto: Tommy Hetzel Was für ein Abend, staunt Jakob Hayner in der Welt, der im BurgtheaterStefanie Reinsperger dabei zugeschaut hat, wie sie Fritzi Wartenbergs Inszenierung von Mareike Fallwickls Stück "Elisabeth!" den Sissi-Mythos dekonstruiert. Für ihn ist "Reinsperger die bestmögliche, ja die einzig mögliche Besetzung für diesen Monolog. Ihr körperliches Spiel ist wie ein ständiger Energiefluss, der den Text erfasst. Sie schlägt sich auf die Brust und kullert über die Bühne, sie schreit und weint. Sie nimmt die Zuschauer nicht nur mit, sie reißt sie mit. Geschickt bricht Reinsperger ihr eigenes Spiel immer wieder, die Fallhöhe zwischen Wiener Schmäh und Kommentarebene kann es locker mit den Achterbahnen auf dem Prater aufnehmen." Fallwickl macht die Zerrissenheit und die Ambivalenzen der Figur Sissi zwischen Schönheitswahn, herrschender Klasse und patriarchaler Unterdrückung so deutlich, dass es für den Kritiker die Verweise auf Gisèle Pélicot oder Imane Khelif nicht gebraucht hätte: "Weder zum Verständnis der Sisi-Figur noch der Gegenwart trägt das irgendetwas bei. Diese effekthascherischen Aktualitätssignale sind zum Ärgern und Fremdschämen. Zudem die Botschaft des Abends auch ohne überflüssige Querverweise ankommt."
Für Wolfgang Kralicek in der SZ ist Stefanie Reinspergers Performance ebenfalls das Highlight, ansonsten kann er an dem Stück wenig Gutes finden: "Fallwickls literarisch oft arg einfach gestrickteTexte sind so plakativ, dass sie ihre Wirkung nicht verfehlen. (…) (Sissis) Verhältnis zu ihrem Ehemann Franz Joseph und dessen Verhältnissen ('Wenn eine Frau sich nicht selbst kümmern will, besorgt sie eine, die es tut'), ihre fragwürdige Ernährung ('Saft aus sechs Kilo ausgepresstem Ochsenfleisch') und ihre radikalen Diäten (bei der Obduktion wurden Hungerödeme festgestellt) werden angesprochen, Kate Moss wird zitiert ('Nothing tastes as good as being skinny feels'). Und damit man auch ganz sicher versteht, was aus all dem abzuleiten ist, streut Fallwickl immer wieder Merksätze ein. Zum Beispiel: 'Wenn eine Frau sich im Spiegel anschaut, schaut sie sich mit dem Blick der gesamten Gesellschaft an.'" Diesen "Feminismus in einfacher Sprache" hätte der Kralicek nicht gebraucht. Eine weitere Besprechung liefert der Standard.
Weiteres: Esther Slevogt resümiert für nachtkritik das Berliner Theaterfestival FIND an der Schaubühne. Besprochen werden außerdem Puccinis Oper "Madama Butterfly" die im Festspielhaus Baden-Baden (FR-Kritikerin Judith von Sternburg hebt besonders die Sänger Jonathan Tetelman und Eleonora Burrato in den Hauptrollen hervor, FAZ), Wajdi Mouawads "Die Wurzel aus Sein", inszeniert von Stefan Bachmann am Burgtheater Wien (Nachtkritik, Standard), Tschechows "Die Möwe" am Thalia Theater Hamburg in der Inszenierung von Charlotte Sprenger (Nachtkritik), Thorsten Weckherlin inszeniert Thomas Bernhards "Vor dem Ruhestand" am Landestheater Tübingen (Nachtkritik), Luk Perceval inszeniert Samuel Becketts "Warten auf Godot" im Berliner Ensemble (FAZ).
Emre Akal hat am Münchner Action-TheaterRainer Werner Fassbinders erstes Bühnenstück "Katzelmacher" inszeniert. Und er hat es verlegt, schreibtnachtkritikerin Dorte Lena Eilers: der Rassismus wird nicht mehr am "proletarischen Rand der Gesellschaft" verortet, sondern im Parkett. "Das 'Inland Empire', welches Akal in seiner 'Katzelmacher'-Überschreibung zu durchmessen sucht, speist sich aus diversen Fragmenten westlicher Mittel- und Oberschichtsozialisation. Zehn Mal wird sich das Höllentor an diesem Abend lärmend öffnen und schließen. Zehn Mal werden wir mit Szenen konfrontiert, die sich an einer grotesken Mischung aus Netflix- und Game-Ästhetik orientieren", und jedesmal tritt der griechische Gastarbeiter Jorgos auf, ohne Text, eine reine Projektionsfigur für die Fremdenfeindlichkeit. Alles zusammen sorgt dafür, dass "wir, auf unseren 40-Euro-Plätzen sitzend, vollgesogen mit bildungsbürgerlichem Kapital, das Problem nicht in andere Schichten exportieren. Fühlen wir uns gemeint? Schwer zu sagen."
In der SZ ist Christiane Lutz begeistert, hat aber einen kleinen Kritikpunkt: "Wo sich Fassbinders Jorgos am Ende selbst abfällig über die Ankunft eines neuen, eines türkischen Gastarbeiters äußert, und somit den nicht unbedeutenden Punkt macht, dass jeder rassistische Dinge sagen kann, dass man sich selbst also nie davor gefeit wähnen sollte, bleibt dieser Fremde unbefleckt. ... Jeder kann hier Opfer werden - Täter allerdings nicht. Das zu übersehen, kann man dem Regisseur aber auch als Einziges vorwerfen. Ansonsten: Natürlich klingelt es pausenlos im Kopf. Diese Sätze, man kennt sie, man hat sie gehört, zuletzt im Wahlkampf."
Reinhard J.Brembeck berichtet in der SZ von einer Probe zu Mussorgskys Oper "Chowanschtschina" bei den Salzburger Osterfestspielen: Simon McBurney inszeniert, Esa-Pekka Salonen dirigiert. Letzteren kann Brembeck zu einem kurzen Gespräch abfangen: "Alle in dieser Oper, sagt er strahlend, seien unsympathisch, niemanden würde man mögen. Selbst Marfa sei zwar beeindruckend und kraftvoll, aber nicht sympathisch. Nur die Musik ist sympathisch. Die Hauptfigur sei aber der Chor und damit das russische Volk. Viele der Chorstücke sind religiös gefärbt, da dränge sich die Parallele zum heutigen Russland auf, wo Wladimir Putin eine enge Symbiose mit den vom Patriarchen Kyrill angeführten Orthodoxen eingegangen ist." Heute abend ist Premiere.
Weiteres: In der nachtkritikberichtet Katrin Ullmann von der Antrittspressekonferenz Sonja Anders', der neuen Intendantin des Hamburger Thalia Theaters. In der Weltwürdigt Manuel Brug den Choreografen Martin Schläpfer, der sich mit einem Ballettabend als Leiter des Wiener Staatsballetts verabschiedet. In der FAZ schreibt Wiebke Hüster zu Schläpfer. Frank Hilbrich wird neuer Generalintendant am Musiktheater im Revier, meldet die FAZ. Besprochen wird außerdem noch Verdis "Don Carlos" am Theater Hagen (nmz).
"Robin Hood" am Schauspielhaus Zürich. Foto: Inès Manai.
Nachtkritikerin Valeria Heintges ist nicht restlos überzeugt von Sophia Al-Marias Stück "Robin Hood", das Wu Tsang und ihr Kollektiv Moved by the Motion am Schauspielhaus Zürich inszeniert haben. Obwohl sie die Idee, die Figuren als Tiere statt als Menschen zu zeigen, durchaus reizvoll findet: "Fantasievoll ausgestattet hüpfen und tänzeln die Tiere nun über die Bühne. Auf der reihen sich zu Beginn kunstvoll die Weizenhalme zu Zäunen auf; ähnlich weizenhalmbesäumt sind die Schilde, die Robin Hood und Little John als Tarnung vor sich hertragen. Im Hintergrund tauchen die Berge im nebligen Abendlicht auf, wachsen riesige (projizierte) Bäume in den Himmel, zacken Neonröhren als Blitzlichter. (…) Das ist alles ganz nett, krankt einzig allein an der Geschichte, die doch sehr sentenziös daherkommt ('Freiheit kann nicht bestehen ohne Achtsamkeit') und vor allem sprachlich deutlich humorvoller und politisch weniger korrekt hätte sein dürfen. Dann wäre der Spaß vollkommen gewesen."
Ueli Bernays findet die Aufführung in der NZZ "wenig kontrovers - bestenfalls verträumt, schlechtestenfalls einschläfernd. Das liegt zunächst am deutschen Text, den die Schauspielerinnen und Schauspieler unterschiedlicher nationaler Herkunft je mit einem besonderen Akzent einfärben. Er erweist sich als behäbig und brav - von wenigen Witzen abgesehen. (...) Die beherzten Kinderlacher während der Premiere deuten darauf hin, dass die Produktion eher auf das jüngere Publikum zugeschnitten ist. Ältere Semester hätten sich Robin Hood vielleicht etwas heroischer, souveräner gewünscht."
Weitere Artikel: Die Nachtkritikerhaben ihre Top 100 der Inszenierungen der letzten 25 Jahre ernannt: Die Nummer Eins ist Frank Castorfs siebenstündige "Faust"-Inszenierung von 2017 an der Berliner Volksbühne. Antonia Munding porträtiert für den Freitag die Opernkomponistin Missy Mazzoli, die als erste Frau von der Metropolitan Opera engagiert wurde. Christian Wildhagen zeigt in der NZZ, welche Pläne Matthias Schulz als neuer Intendant für die Oper Zürich hat.
Mit "Elisabeth", geschrieben von der Autorin Mareike Fallwickel, inszeniert von Fritzi Wartenberg, kehrt die Schauspielerin Stefanie Reinsperger in einem Solo über die österreichische Kaiserin ans Wiener Burgtheater zurück - im Feuilletonaufmacher der SZ spricht sie mit Christiane Lutz über Feminismus, Sisi-Klischees und das Stück, in dem Sisi auf Frauen wie Gisele Pelicot oder Rosa Parks treffen wird. In Österreich berät ein sogenanntes Kulturkuratorium die Regierung in Entscheidungsfragen bezüglich Subventionen für Kulturinstitutionen. Dessen Mitglieder wurden von der Koalition aus FPÖ und ÖVP jetzt fast vollständig ausgetauscht, weiß der österreichische Journalist Reinhard Kriechbaum, der in der nachtkritik zudem berichtet, wie die FPÖ in der Steiermark drastisch das Kulturbudget kürzt und zunehmend auf Volkskunst setzt. Für die tazporträtiert Katrin Bettina Müller die französische Theatermacherin Caroline Guiela Nguyen, Intendantin des Théâtre National de Strasbourg, die mit gleich drei Stücken zu den Themen Migration und französische Kolonialgeschichte beim FIND-Festival an der Berliner Schaubühne eingeladen ist.
Theater Lübeck: Tristan und Isolde. Foto: Jochen Quast Albrecht Selge besucht zwei Opernaufführungen am Theater Lübeck und staunt auf van: beide super! Da wäre zum einen "Tristan und Isolde" unter der Regie von Stephen Lawless, der Wagners Werk konzentriert und ohne Spirenzchen auf die Bühne bringt: "Ans Sterben durch Liebe glaubt die Inszenierung nicht, Isolde singt ihr großes Finale mit Händen in den Manteltaschen - und muss danach erst den Todestrank schlucken. Lena Kutzner macht auch dies darstellerisch eindringlich, so wie in der ganzen Aufführung die genaue Figurenführung eine psychologische Präzision schafft, manchmal fast, als wär's Ibsen oder Tschechow. Auch der emotionalen Nähe zwischen Tristan und Kurwenal im dritten Aufzug wird hier mal wirklich Raum gegeben, sogar Umarmungen sind erlaubt."
Aber Lübeck kann nicht nur Wagner, sondern auch Anti-Wagner, freut sich Selge. Aufgeführt wird nämlich parallel noch Frank Martins Tristan-Variation "Der Zaubertrank Le vin herbé". Ein selten gezeigtes Stück, und auch hier überzeugt die von Jennifer Toelstede verantwortete szenische Umsetzung. Die Musik ist sowieso über jeden Zweifel erhaben: "Wollte man bei Wagner nach Verwandtschaften mit Martins Komposition suchen, wären klanglich am ehesten die ersten trüben Takte des Vorspiels zum dritten Aufzug zu nennen, bevor dort die Bläser einsetzen. Denn Martins 'Le vin herbé' verbleibt mit nur sieben Streichern sowie Klavier konsequent in einer Sphäre des unablässigen Seufzens, das manchmal zu Wellen wird. Statt Berauschung entsteht Andacht; und aus der Andacht eine andere Ebene von emotionaler Teilnahme am Los dieser Liebesleidenden, die nun schon so lange, lange tot sind."
Weitere Artikel: Atif Mohammed Nour Hussein berichtet auf nachtkritik von einem politischen Puppentheaterspiel in den USA. Weiterhin setzt die nachtkritik ihr listicle zu den Top 100 Theaterabenden des 21. Jahrhunderts fort, diesmal sind die Plätze 50 bis 21 dran. Und schließlich weist Michael Wolf im nachtkritik-Spiralblock auf ein interessantes Experiment des Stadttheaters Konstanz mit einer Art kollektiven Intendanz hin. Im Standardporträtiert Margarete Affenzeller den Schauspieler und Autor Thiemo Strutzenberger. Joans Kähler besucht für die taz die Gesprächsreihe "Maschinenraum der Zukunft" am Hamburger Schauspielhaus, die sich mit dem Thema KI beschäftigt. Ebenfalls in der tazbespricht Katja Kollmann ein Buch über Erwin Piscator.
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