"Republik der Liebe" ist das Motto der diesjährigen Wiener Festwochen. Mit Hippies hat das nichts zu tun, versichert Leiter Milo Rau, der sich im Burgtheater mit Jakob Hayner (Welt) getroffen hat, denn Liebe habe, "weil sie alles auflöst, einen Hang zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen ... Ich bringe Themen auf die Bühne, die im Zentrum der Gesellschaft stehen", sagt Rau, der schon mit Linksterroristen, AfD-Politiker, Ulf Poschard, Rammstein und Otto Muehl gearbeitet hat. "Wir sitzen in einem Garderobenraum, um uns herum hängen Kostüme auf Stangen. Bei Raus erster Ausgabe im vergangenen Jahr ging es um einen Rückblick auf die Corona-Maßnahmen, um Rechtspopulismus und Linksaktivismus - Selbstanklage inbegriffen. Er begreift das Theater als Arena einer 'res publica', einer öffentlichen Angelegenheit. 'Ich habe mir Meinungen ausführlich angehört, wo ich in einer Talkshow abschalten würde, weil ich sage, dass ich die schon kenne', sagt Rau. 'Das gelingt im Theater besser als im medialen Diskurs.' Auch die Beteiligten würden dem Theater ein Vertrauen schenken, das die Medien immer seltener genießen, und zwar, weil das Theater einen 'regelgesteuerten Raum' für Auseinandersetzungen bieten könne." Wer sich gern aufregt oder debattiert, findet in diesem Jahr Anlass zum Beispiel bei dem Stück "Drei mal links ist rechts", dem "Prozess Pelicot" oder Elfriede Jelineks "Burgtheater".
Besprochen werden Bizets "Perlenfischer" bei den Wiesbadener Maifestspielen (FR)
Anlässlich des Heidelberger Stückemarkts (mehr hier), bei dem dieses Jahr das Gastland China aufritt, sendet die chinesische Kritikerin Chen Tian in der nachtkritik einen Theaterbrief aus China, in dem sie zunächst die Einschränkungen der staatlichen Theater skizziert: Aufgrund ihrer Abhängigkeit von staatlichen Mitteln müssen sie sich der offiziellen Kulturpolitik anpassen, viele staatsnahe Künstler haben Belohnungen und Zensurmechanismen längst so verinnerlicht, dass sie "politisch genehme Produktionen eher als berufliche Errungenschaft" betrachten, erzählt Tian. Die Hoffnung liegt indes auf der unabhängigen Theaterszene Chinas, "die sich grundlegend von ihren Vorgängern unterscheidet." Sie widmen sich "individuellen Erfahrungen und marginalisierten Perspektiven. Ihre Werke untersuchen kritisch die Beziehung zwischen persönlichem und kollektivem Gedächtnis, reflektieren auch über die zeitgenössische Rolle des Theaters. Die Dominanz weiblicher Dramatikerinnen hat feministische Perspektiven und die Dekonstruktion patriarchaler Erzählstrukturen in den Fokus gerückt."
Für Backstage Classicalunterhält sich Antonia Munding mit der Komponistin Missy Mazzoli und dem Generalmusikdirektor der Lyric Opera of Chicago Enrique Mazzola, die nicht nur die amerikanische Gesellschaft zu Widerstand gegen Trump aufrufen, sondern auch einen Tipp für die Europäer parat haben. Mazzolo meint: "In Europa hat man durch die staatlichen Subventionen, die jahrzentelang garantiert waren, auch ein bisschen den Bezug zum Publikum verloren. Die neue Musik, die komponiert wurde, wollte nicht unbedingt mit ihren Zuhörern sprechen. Das war lange Zeit cool und geheimnisvoll. Jetzt ist es arrogant. Warum gibt es keine Opernstoffe in Deutschland, die von den sozialen Problemen handeln, die die junge Generation umtreibt?" Die staatlichen Förderungen sollten "nicht für garantiert hingenommen werden. Denn wohin wird der Rechtsruck in Europa führen? Welche Kunst wird in ein paar Jahren noch als förderungswürdig gelten? Ich empfehle allen Kolleginnen in den europäischen Opernhäusern sich jetzt auch um alternative Finanzierungsmodelle, um private Sponsoren zu kümmern."
Weitere Artikel: Nicht ganz glücklich wird Peter Laudenbach in der SZ mit Anne Lenks Inszenierung von Ernst Tollers Kriegsheimkehrer-Drama "Hinkemann", das die Regisseurin am Deutschen Theater Berlin eher aus identitätspolitischer Perspektive auf das Private verengt, als auf die Aktualität des Stückes, gegen das die Nazis 1924 aufmarschierten, zu fokussieren: "Seit Jahren zählen Morddrohungen gegen antifaschistische Künstler, ob gegen den Pianisten Igor Levit oder gegen Shermin Langhoff, die Intendantin des Berliner Maxim Gorki Theaters, wieder zum Repertoire der rechten Aggression."
Besprochen werden Moritz Nikolaus Kochs Inszenierung von Franz Werfels "Bocksgesang" im Landestheater Schleswig-Holstein (taz), Sibylle Broll-Papes Inszenierung von Ibsens "Peer Gynt" am Theater Bamberg (nachtkritik), das Stück "Alle Lust" von Victoria Halper und Kai Krösche / DARUM (feat. other:M:other) am Wiener Theater am Werk (nachtkritik).
Szene aus "Hieronymus B." Foto: Oliver Look. So viel "bezaubernde Sinnlichkeit" hätte Jens Fischer (taz) Hieronymus Boschgar nicht zugetraut. Aber wenn Nanine Linning Boschs Monsterwesen und Chimären im Theater am Domshof in Osnabrück tanzen lässt, wirken sie geradezu "apart", staunt Fischer: "Wie von ihm gemalt ist in Osnabrück eine Frau in Harfensaiten wie in einem Foltergerät verstrickt; durch einen Schlüsselring schlängelt ein Akrobat, ein anderer entwindet sich einem Metallgefängnis; zum Würfelspiel animiert ein Kröterich; aus einem messerdurchbohrten Ohr wird eine Frau geboren. Zwischen den Zuschauer:innen tanzen in hautfarbenen Trikots entblößte Menschen mit aufgenähten Gummibrüsten. Alle wirken schmerzgepeinigt, von Qual gekrümmt und von Begehren getrieben. Der räkelige Verlockungsreigen mündet in einen zärtlichen Pas de deux - was wiederum ein aggressives schweinsköpfiges Wesen stört."
Während in einem von Kai Wegner (CDU) mit der parteilosen Kulturstaatssekretärin Sarah Wedl-Wilson anberaumten Kulturdialog mit Geschäftsführungen und Intendanzen der Landesbühnen derzeit über die Pläne, Volksbühne, Gorki-Theater, Deutsches Theater, Theater an der Parkaue und Konzerthaus in eine gemeinsame Stiftung öffentlichen Rechts zu überführen, diskutiert wird, protestierten betroffene Mitarbeiter vor der Volksbühne, schreibt Andreas Hergeth in der taz. Auch, weil bei einer Umstrukturierung der landeseigenen Theater die jeweiligen Personalräte miteinbezogen hätten werden müssen, so Hergeth, der mit verschiedenen Vertretern gesprochen hat. Etwa mit Philipp Friesel vom Personalrat des Gorki-Theaters: "Vor allem die Aussicht auf Haustarife, der damit einhergehende Austritt aus dem Tarifvertrag und damit auf Lohnverzicht würden viele vor den Kopf stoßen. Auch weil die Gehälter an den landeseigenen Theater eine Orientierung für alle anderen Theater und auch die Freie Szene darstellen. 'Wenn wir nach unten trudeln, trudelt auch der Rest nach unten.'" In der nachtkritikkommentiert Christian Rakow wütend: "Der Staat zieht sich aus seiner Verantwortung, verspielt sein Vermögen, verschleudert das Tafelsilber. Unter dem Deckmantel der ökonomischen Alternativlosigkeit. ... Berlins Theaterstrukturdebatte bezeichnet das jüngste postdemokratische Schlachtfeld."
Besprochen werden Reinhard Hinzpeters Inszenierung von Lot Vekemans' Dialogstück "Blind" am Freien Schauspiel Ensemble Frankfurt (FR), Frank Castorfs Inszenierung von Büchners "Dantons Tod" am Staatsschauspiel Dresden (Zeit) und Francesco Filideis Adaption von Umberto Ecos Roman "Der Name der Rose" an der Mailänder Scala (NZZ).
Szene aus "Wagner Weltweit". Foto: Andrea Vollmer Recht erschlagen, wenn auch zu neuen Fragestellungen angeregt, kommt SZ-Kritiker Helmut Mauró aus dem Stück "Wagner weltweit" auf Kampnagel in Hamburg, wo ihm das Theaterkollektiv Sounding Situations nicht nur die Beziehung zwischen der russischen Söldnertruppe "Gruppe Wagner" und Richard Wagner darlegt, sondern auch den Krieg in der Ukraine auf der Bühne verhandelt. Während Theaterberichte und Tagesjournalismus verlesen werden, "singt und schreit und klagt Katsia Kaya zu Texten und Melodien aus Richard Wagners 'Ring des Nibelungen'. Eines wird klar: Eine neue oder objektive Wahrheit wird auf der Kampnagel-Bühne zum Thema Ukraine nicht geboren, aber man kommt auf dem Weg dorthin ein bisschen weiter."
Kirill Serebrennikow zeichnet in seiner Inszenierung von Mozarts "Don Giovanni" an der Komischen Oper Berlin gleich für Regie, Bühnenbild und Kostüme verantwortlich - und auch dem Publikum mutet er einiges zu, nicht nur, wenn er das heitere Ende der Oper streicht und sie mit dem "Lacrimosa-Satz" aus Mozarts Requiem enden lässt, stöhnt ein angestrengter Wolfgang Schneider in der SZ. Dass der russische Regisseur die Handlung bis zur Unkenntlichkeit mit Mystik auflädt, macht es für Schneider nicht besser: "Serebrennikow gliedert die Abschnitte der Oper jeweils als Schritte im Sinn des 'Bardo', das sind, im Tibetischen Buddhismus, die möglichen Bewusstseinszustände im Diesseits oder Jenseits. Er verfügt den Aufbau der Oper durch drei jeweils dreigeteilte 'Bardos' des Lebens, der Träume und der Visionen. Fließend der Übergang zu den sechs Teilen des Requiems, gegliedert als 'Bardos' des Todes und der Erkenntnis. Und doch erklingt Mozarts Partitur, die Folge der Rezitative und Arien, partiturgetreu - mit Fragezeichen versehen, ob die Musik und die Bühnenhandlung irgendwie ineinandergreifen."
In der NZZporträtiert Ueli Bernays den deutschen Theaterregisseur Sebastian Hartmann, der aktuell am Schauspielhaus Zürich im Schiffbau Nietzsches "Also sprach Zarathustra" inszeniert.
Besprochen werden außerdem Katharina Mayrhofers Inszenierung von Martin Schäubles "Endland" an der Schauburg München (nachtkritik), Ruth Mensahs Adaption von Tarjei Vesaas' Roman "Der Keim" am Theater Bremen (taz), B.K. Tragelehns Inszenierung von Heiner Müllers "Die Umsiedlerin" an der Ausweichspielstätte des Schauspiels Leipzig (Welt), Frank Castorfs siebenstündige Inszenierung von Büchners "Dantons Tod" am Staatsschauspiel Dresden (Welt), Philip Venables' Kammeroper "4.48 Psychosis" nach Sarah Kane am Staatstheater Mainz (FR), Francesco Filideis Adaption von Umberto Ecos Roman "Der Name der Rose" an der Mailänder Scala (FAZ) und Anne Lenks Inszenierung von Ernst Tollers "Hinkemann" am Deutschen Theater in Berlin (FAZ).
"Die Zofen" in Frankfurt. Foto: Jessica Schäfer. Jan Wiele freut sich in der FAZ, dass Rieke Süßkows Inszenierung von Jean Genets "Die Zofen" am Schauspiel Frankfurt sich dem zeitgenössischen Drang widersetzt, alles aktualisieren zu müssen. Die zwei Dienerinnen, die sich gegen ihre Herrin zur Wehr setzen, spielen unter Masken auf einer Bühne, die aussieht "wie eine expressionistische Schrankwand. In Lila. Aus den sich quietschend öffnenden Türen purzeln die Zofen-Gnome, und manchmal werden sie auch brutal in den Schrank zurückgesteckt. Oder verschwinden in einer Falltür, unter der sich ein gluckernder Schlund auftut. Visuell und akustisch grotesk, gibt die Vorführung eine Ahnung davon, wie avantgardistische Kunst in der frühen Moderne verstörte, zusätzlich ruft sie einige im Bildgedächtnis verankerte Schock-Märchenelemente auf, von F.W. Murnau bis zu David Lynch (wobei die Perücke der Herrin eher an frühe Folgen von 'Raumschiff Enterprise' erinnert)."
Judith Sternburg sieht das in der FR ganz anders: "Man könnte darin eine Verweigerung der Regie sehen, sich auf eine von einem Mann auf Frauenfiguren projizierte Lüsternheit einzulassen. Aber vor allem dient die ganze Maskerade doch dazu, neckische Spotlights auf das nächste dekorative Requisit zu werfen, das im lilafarbenen Aufbau platziert wurde. Ein Aufbau, der allen Ernstes auch eine Verkaufsfläche sein könnte. Als die drei Spielerinnen zum Schlussapplaus die Masken abnehmen und man Linder, Corovic und Wolf ins Gesicht sieht, bekommt man eine Ahnung davon, was man verpasst hat."
"Gesamtkunstwerk pur" ist Christian Friedels Inszenierung von Stanislaw Lems "Solaris" am Schauspiel Frankfurt für Nachtkritiker Jan Tussing. Der Roman, auf dem das Stück basiert, setzt sich vor allem mit den Wissenschaftlern auseinander, die den rätselhaften Planeten Solaris erforschen, dabei aber auch dem Menschsein auf den Grund gehen, erklärt er: "Friedel verwebt die existentiellen Fragen des Romans nach den Grenzen menschlichen Denkens zu einer perspektivreichen Erzählung. Er schafft mit seinem anspruchsvollen Video- und Lichtspektakel (Video: Clemens Walter, Licht: Marcel Heyde) traumartige Szenen, die einem Hollywoodfilm in nichts nachstehen. Und die eigens für diesen Abend komponierte elektronische Musik seiner Band 'Woods of Birnam' schafft eine soghafte Dynamik. Wummernde Musik, trommelartige Wirbel und ein sphärischer Klangteppich tragen die Handlung." Auch taz-Kritiker Björn Hayer erlebt "Momente von ekstatischer Kraft", vermisst aber Ideen. Weitere Besprechungen in FAZ und FR.
Besprochen werden außerdem Frank Castorfs siebenstündige Inszenierung von Büchners "Dantons Tod" am Staatsschauspiel Dresden (FAZ, Peter Laudenbach ist in der SZ mäßig beeindruckt: "Wenn man lange nach Mitternacht etwas erschöpft aus dem Theater taumelt, hat man zwar wieder mal durchaus beeindruckt eines der Fieberdelirien aus der Serienproduktion der Castorf-Factory bestaunt, aber was den Regisseur diesmal am verhandelten Stoff interessiert haben könnte, bleibt diffus und oberflächlich") "One Love" mit Choreografien von Andrew Skeels und Martin Harriague am Nationaltheater Mannheim (FR), Falk Richters und Anouk van Dijks "A Perfect Sky" am Schauspielhaus Hamburg (Nachtkritik) und "Tristan (und Isolde)", geschrieben und inszeniert von Nele Jahnke, an den Münchner Kammerspielen (Nachtkritik).
Mit Blick auf die Schauspielhäuser in Hamburg und Magdeburg will Jakob Hayner in der Welt den Glauben ans Theater noch nicht aufgeben. Inszenierungen aus beiden Häusern sind zum Berliner Theatertreffen eingeladen, das Hamburger Theater gilt seit der Intendanz von Karin Beier ohnehin als "aufregendstes Theater der Republik", meint er. Vielleicht liegt's an Beiers Lust an der Konfrontation, glaubt Hayer, der mit der Intendantin gesprochen hat: "Beier sorgt sich, dass die Freiräume im Theater verschwinden. 'Das Problem ist, dass wir dazu neigen, zusammen mit dem Publikum vermeintlich korrekte Haltungen einzuüben. Dann nicken wir am Ende alle freundlich im Gleichtakt der gemeinsamen Gesinnung. Dabei ist Kopfschütteln im Theater viel notwendiger.'"
In der nachtkritikwiderspricht Thomas Schmidt, der in Frankfurt Theatermanagement lehrt, Thomas Heskia, der ebenda die Berliner Pläne, die städtischen Bühnen in Berlin in gemeinnützige GmbHs zu verwandeln, begrüßte (unser Resümee): "Im Moment einer GmbH-Umwandlung geht die wirtschaftliche Verantwortung für jedes einzelne Theater vom Land Berlin vollständig auf die jeweilige Theaterleitung über, die, wenn sie als Geschäftsführer in das Handelsregister eingetragen wird, fortan für die wirtschaftliche Entwicklung haftet, also ein sehr viel höheres Risiko als bislang trägt. (...) Eine GmbH, die nicht sorgfältigst geführt wird und Insolvenz anmelden muss, kann jederzeit liquidiert werden durch das Land Berlin, das sich derzeit noch nicht traut, eines der Theater abzuwickeln, dann aber freie Hand hat, ein Theater aufgrund seiner Zahlungsunfähigkeit und seiner sogenannten 'unsicheren Zukunftsprognosen' aufzulösen." Er plädiert für ein "Kooperationsmodell und die rechtliche Umwandlung des Deutschen Theaters, des Gorki, der Volksbühne und der Parkaue in separate Stiftungen", die gemeinsam planen, Festivals organisieren und zusammen vermarktet werden.
Weitere Artikel: Für die tazporträtiert Sabine Leucht den in Israel aufgewachsenen Bühnenbildner und Regisseur Ran Chai Bar-zvi, dessen Inszenierung von Albert Camus' "Caligula" beim Münchner Festival Radikal jung zu sehen sein wird. Andreas Busche gibt im Tagesspiegel einen Ausblick auf das im Berliner Maxim Gorki stattfindende Armenien-Festival, das mit Ausstellungen, Filmen und Theateraufführungen, den Folgen des Genozids am armenischen Volk nachspürt.
Besprochen werden das neue Gob-Squad-Stück "News From Beyond" im Frankfurter Mousonturm (FR), Christine Umpfenbachs Inszenierung "Offene Wunde. Ein dokumentarisches Theaterstück über das Attentat am OEZ" am Münchner Volkstheater (nachtkritik) und Enrico Lübbes Inszenierung von Nino Haratischwilis Stück "Kein Schicksal, Klytämnestra" sowie Moritz Sostmanns Inszenierung von Heiner Müllers "Die Umsiedlerin" am Schauspiel Leipzig (nachtkritik).
Szene aus "Warten auf Godot". Foto: Jörg Brüggemann Matthias Brandt ist derzeit als Estragon in Luk PercevalsInszenierung von Becketts "Warten auf Godot" am Berliner Ensemble zu sehen (unser Resümee). Im SZ-Gespräch mit Peter Laudenbach bekennt er, zwar nicht herausbekommen zu haben, worum es Beckett eigentlich geht, der Interpretation des französischen Autors Pierre Temkine, der glaubte, "Wladimir und Estragon seien zwei Juden auf der Flucht vor den Nazis im besetzten Frankreich, die auf jemanden warten, der sie über die Grenze bringt", hält er zwar für plausibel, aber man muss das deshalb nicht illustrieren, meint er: "Es gibt immer wieder Stellen im Text, bei denen man denkt, dass das so gemeint sein muss. Estragon erinnert sich an 'all die toten Stimmen', er spricht von den Millionen Toten. 'Ohne mich wärst du ein Häufchen Knochen', sagt Wladimir einmal zu Estragon. ... Natürlich kann man da an den Holocaust denken. (...) Aber ich glaube nicht, dass man diese Lesart in einer Inszenierung irgendwie illustrieren muss, abgesehen davon, dass man mit einer Illustration des Holocausts sowieso sehr, sehr vorsichtig sein sollte. Jede Konkretisierung wäre bei 'Godot' eine Verengung, die vom Autor dezidiert nicht beabsichtigt ist."
Szene aus "Piratenrepublik". Foto: Stephan Walzl Wer Antworten auf die Frage nach den Ursachen der Krise der westlichen Demokratien sucht, blicke nicht auf die Politik, sondern auf die städtischen Bühnen, meint Stefan Grund, der für die WeltJakob Weiss' Adaption des Joseph-Roth-Romans "Hotel Savoy" am Staatstheater in Schwerin und Łukasz Ławickis Uraufführung seiner "Piratenrepublik" in der Exerzierhalle in Oldenburg gesehen hat. Besonders Lawickis Inszenierung nach David Graeber, der in seinem Essay "Piraten" die basisdemokratischen Piratenkönigreiche auf Madagaskar vom frühen 17. bis zum frühen 19. Jahrhundert beschwor, überzeugt Grund. Die Zuschauer dürfen nach einem Wahlduell zwischen den Präsidentschaftskandidatinnen, der linken Liselotte Meyer und der rechten Frauke Stein wählen: "Dann verläuft die Inszenierung wie die Französische Revolution im Zeitraffer. Natürlich frisst die Revolution ihre Kinder. Obwohl die Besucher im Saal mit mehr als 80 Prozent Meyer wählen, wird durch Brief- und Onlinestimmen Stein zur ersten Präsidentin der Piratenrepublik. Meyer wird Vize. Basisdemokratische Elemente werden bald abgeschafft, aber weil die Wirtschaft brummt, wird das populistische Duo zweimal wiedergewählt."
Weitere Artikel: Warum das Staatstheater Kassel seine Schauspieldirektorin Patricia Nickel-Dönicke "mit sofortiger Wirkung" entlassen hat, ist nicht bekannt. Als künftige Intendantin des Landestheaters Niederösterreich in St. Pölten ab der Saison 2026/27 steht sie aber weiterhin fest, meldet der Standard. Im leider nicht frei verfügbaren Interview mit Ulrich Seidler (Berliner Zeitung) spricht der Regisseur Ersan Mondtag über sein "Denkmal für einen ungekannten Menschen" und den Osten. Im taz-Gespräch mit Katrin Ullmann sprechen der Dramaturg Falk Richter und die Choreografin Anouk van Dijk über ihr aktuelles Stück "A perfect Sky", das sich dem Einfluss der Digitalisierung auf menschliche Beziehungen widmet.
Besprochen werden Katie Mitchells Inszenierung der Strauss-Oper "Die Frau ohne Schatten" an der niederländischen Staatsoper (FAZ) und Eneas Nikolai Prawdzics Inszenierung "Die Jahrtausendflut" an den Bühnen Bern (nachtkritik).
"Gesellschaftliche Relevanz heute kann nicht mehr nur von der Subvention abhängen", sagt der deutsche Opernintendant Alexander Neef, der seit 2020 als erster Deutscher die Pariser Oper leitet, im SZ-Gespräch mit Reinhard J. Brembeck. Sinkenden Subventionen müsse man durch das Anbohren anderer Quellen begegnen, meint er: "Wenn ich Einnahmen brauche durch Karten, Mäzenatentum, Sponsorship, muss ich mich der Gesellschaft öffnen. Ich muss mich besser erklären. Es gibt Häuser, die man subventionieren muss, damit sie existieren können. Und es gibt andere Häuser, die man ein bisschen mehr in die Verantwortung nehmen kann, weil sie die Kapazität haben, mehr einzunehmen." Die Pariser Oper baue zudem ein "endowment auf, ein Stiftungsvermögen. Das ist ein Kapital, das man nicht angreift. Es wird investiert und irgendwann ziehen wir aus diesem Kapital hoffentlich einige Millionen Euro an Zinsen, mit denen wir einige unserer Aktivitäten kofinanzieren können."
Weitere Artikel: In der Welt würdigt Manuel Brug den Schweizer Choreografen Martin Schläpfer, der sich nach fünf Jahren mit Tschaikowskys "Pathetique" als Staatsopernballettdirektor aus Wien verabschiedet. Im FR-Interview mit Judith von Sternburg spricht der Schauspieler Christian Friedel über seine "Solaris"-Inszenierung am Schauspiel Frankfurt, für die er sich sowohl auf den Roman von Stanislaw Lem als auch auf den Film von Andrei Tarkowski bezieht. In der FAZ gratuliert Jan Brachmann der amerikanischen Intendantin Pamela Rosenberg zum Achtzigsten. Esther Slevogt erinnert in der nachtkritik mit Blick auf den Fall Unseld an Eugen Eggerath, Bühnenmeister der Städtischen Bühnen Düsseldorf, der nach Konrad Adenauers Erlass aus dem Jahr 1950, dem zufolge kein Kommunist mehr in einer öffentlichen Einrichtung arbeiten durfte, nie wieder an einem Theater tätig sein konnte. Ebenfalls in der nachtkritikfragt sich der deutsch-italienische Theaterregisseur Nicola Bremer, ob das postdramatische Theater, das auf psychologisch motivierte Figuren verzichtet, unsere empathielose Gesellschaft widerspiegelt. Seine Idee: "Neben Inszenierungen, die Empathie fördern, könnten Theater gezielt Empathietraining-Workshops anbieten."
Besprochen wird Felicitas Bruckers Inszenierung von "Trommeln in der Nacht" nach Brecht - mit ergänzenden Texten von Şeyda Kurt am Schauspielhaus Bochum (Zeit).
Opernhaus Zürich - Die tote Stadt. Foto: Monika Rittershaus Dmitri Tcherniakov bringt am Opernhaus ZürichErich Wolfgang Korngolds Oper "Die tote Stadt" auf die Bühne. Robin Passon wird für die FAZ Zeuge eines "Musterbeispiels hochdramatischen Musiktheaters". Neben einer brillianten Besetzung überzeugen auch die Regieeinfälle. In Tcherniakovs "Bühnenbild schwebt einige Meter über der Drehbühne die Fassade eines Bürgerhauses. Durch die Fenster wird dem Publikum der Blick in Pauls karge Wohnung mit seiner 'Kirche des Gewesenen' gewährt, wo er versucht, sich Maries Geist zu erhalten. Das Publikum wird gezwungen, dem Beziehungsdrama voyeuristisch beizuwohnen und zuzusehen, wie die Sphäre vermeintlich schützender Häuslichkeit zu einer gefährlichen Isolationszelle wird. Die titelgebende Stadt hingegen verbannt Tcherniakov in die Imagination. Stattdessen spielt sich das zweite Bild auf der leeren Drehbühne ab." Ganz anders Christian Wildhagen in der NZZ: Er moniert die vielen Freiheiten, die sich die Regie herausnehme, sodass "einer der wenigen echten Opernkrimis der Musikgeschichte" nie voll zur Geltung kommen kann. Jede Menge "Handlungsstränge laufen in Ermangelung einer klaren szenischen Lösung ins Leere".
Weitere Artikel: Manuel Brug blickt in der Welt auf das Programm der Tiroler Festspiele in Erl, als deren Intendant derzeit Jonas Kaufmann fungiert. Wolfgang Behrens schreibt in der nachtkritik auf die Kämpfe zwischen Dramaturgie und Regie. Birgit Walter stellt in der Berliner Zeitung das Berliner Kriminal-Theater vor, das keine Fördermittel erhält und dennoch erfolgreich ist.
Besprochen werden Sandra Hüllers Regiedebüt "Penthesile:a:s" am Theater Halle (Welt, "Hier will die Schaubühne nicht einmal mehr moralische Anstalt sein, sondern gleich Heilanstalt.") und Mieczysław Weinbergs "Die Passagierin" am Theater Krefeld (die nmz-Kritikerin Claudia Irle-Utsch "hellwach und überaus variabel" gespielt findet).
Szene aus "Warten auf Godot". Foto: Jörg Brüggemann Wie soll man Samuel Becketts "Warten auf Godot" siebzig Jahre nach der Uraufführung in Paris auf die Bühne bringen? Genau so, wie es Luk Perceval am Berliner Ensemble mit Matthias Brandt und Paul Herwig in den Hauptrollen tut, applaudiert Jakob Hayner in der Welt. Perceval gibt der Tragikomik des Textes Raum, deutet nichts aus - und erzeugt dennoch Wucht, staunt Hayner: "Das liegt an den archetypischen Bildern von Gewalt, Verfolgung und Verzweiflung, die Beckett geschaffen hat und deren unnachahmliche Kraft Perceval wieder in Erinnerung ruft. Es sind die Bilder einer Menschheit in der Klemme, von Kain und Abel über den gekreuzigten Jesus bis zu Wladimir und Estragon. Der Klamauk wird bei Perceval nicht ausgespart, doch seine Regie erschöpft sich nicht darin, anders als beim ironisierenden Gestus des Poptheaters. Das Alberne gleicht einem Kontrastmittel, um das Grausame umso deutlicher hervortreten zu lassen."
Weitere Artikel: Im taz-Gespräch mit Sabine Leucht sprechen die Dokumentartheatermacherin Christine Umpfenbach und ihrer Co-Autorin Tunay Önder über ihr Stück "Offene Wunden", das bald am Münchner Volkstheater Premiere feiert und das sich dem Attentat vom 22. Juli 2016 im Münchner Olympia-Einkaufszentrum widmet. In der nachtkritikerinnert sich der Literaturwissenschaftler Thomas Rothschild an Bruno Ganz.
Besprochen wird Harold Nobens und Michel De Cocks Adaption der "Madame Bovary" an der Brüsseler Monnaie (FAZ).
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Abbas Khider: Der letzte Sommer der Tauben Wie totalitäre Herrschaft in den Alltag dringt. Noah ist vierzehn Jahre alt und Taubenzüchter. Eines Tages flattern seine geliebten Tiere unruhig durch die Lüfte, über der…
Hartmut Berghoff: Trügerischer Wohlstand Vom Musterknaben zum Patienten? Die deutsche Wirtschaft seit der Wiedervereinigung Die Bundesrepublik befindet sich mitten in einer "Zeitenwende" und steht vor tiefgreifenden…
Liz Moore: Der andere Arthur Aus dem Amerikanischen von Cornelius Hartz. Wie in der Fürsorge für andere die eigene Rettung liegen kann Arthur Opp, ehemaliger Literaturprofessor, wiegt 250 Kilo und hat…
Kristof Magnusson: Die Reise ans Ende der Geschichte Ein Doppelagent will in Kasachstan ein letztes großes Ding drehen, ein Dichter hofft auf das Abenteuer seines Lebens und eine Italienischlehrerin versucht, das Schlimmste…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier