Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.02.2026 - Bühne

Genderfluide Sissy in Bremen. Foto: Jörg Landsberg

Neue Operetten wurden seit den Sechzigern nicht komponiert, aber über allerhand schöne Wiederentdeckungen in frischer Inszenierung kann man sich dennoch freuen, stellt Manuel Brug in der Welt fest: "Entdeckungsfreudig wie genderfluid hinternwackelnd trendet es durch die Bundeslande." "Selbst ein Prinzessinnen-Schlagobers-Schmarrn wie Fritz Kreislers 'Sissy' von 1932, in der einst Paula Wessely Wien charmierte und deren Libretto die Vorlage für die Romy-Schneider-Trilogie der Fifties lieferte, lässt sich als heftig belachte Sahneschnitte von heute aufpeppen. In Bremen hat Regisseur Frank Hilbrich einfach aus der blaublütigen Bayernelfe einen Mann und aus dem österreichischen Thronfolger Franzl eine Dame gemacht, so wie auch das Papilein Herzog Max eine Frau und dessen bärbeißige Gattin Ludovica ein Kerl ist. Und keinen stört es. Weil vor buntblühendem Alpenpanorama, umsäuselt von den besten Kreisler-Geigen-Evergreens jener bereits 1936 von Joseph von Sternberg verfilmte Liebesschmonzes als leichtes Theaterblut seine ganz eigene Operettenrealität lebt."

Weitere Artikel: Bei eine Aufführung des "Richard III" an der Berliner Schaubühne rutschte Lars Eidinger ein Degen aus der Hand, worauf eine Zuschauerin leicht verletzt wurde, meldet Rüdiger Schaper im Tagesspiegel. Prominente Künstler wie Elfriede Jelinek, Erwin Wurm, Peter Handke, Igor Levit und viele andere setzen sich in einem Memorandum gegenüber dem Kuratorium der Salzburger Festspiele für den Verbleib des Intendanten Markus Hinterhäuser ein, berichtet Reinhard J. Brembeck in der SZ.

Besprochen werden Anna Marboes Inszenierung von Liv Strömquists und Ada Bergers Stück "Liv, Love, Laugh Strömquist" am Wiener Volkstheater (nachtkritik), das Stück "Le paradoxe de John"
von Philippe Quesne und Vivarium Studio am Berliner HAU (nachtkritik), Salome Schneebelis Inszenierung "Die größere Hoffnung" nach Ilse Aichinger am Staatstheater Nürnberg (nachtkritik) und Roberto Ciullis Inszenierung "Wir Nietzsche" mit Texten von Friedrich Nietzsche am Theater an der Ruhr in Mühlheim (nachtkritik).
Stichwörter: Operette

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.02.2026 - Bühne

Nein, in "The Battle" geht es mal nicht um militärische Kriege, freut sich Martin Wittmann in der SZ. Vielmehr kann er in dem Stück von John Niven, das Matthew Dunster nun auf die Bühne des Birmingham Repertory Theatres gebracht hat, die Fehde zwischen Oasis und Blur erleben - und das ist auch mit dreißig Jahren Abstand ziemlich lustig: "Die reine Schilderung der Geschehnisse reicht Niven zunächst, und seine dreckigen Texte reichen dem Publikum. Die Protagonisten machten es ihm leicht. So ist nicht ganz klar, ob Liam den Witz über Blurs Single - sie heißt 'Country House', er nennt sie natürlich 'Cuntry House' - womöglich tatsächlich gemacht hat; oder ob Noel sich bei seiner Klage, er würde ständig nur noch nach seiner Fehde mit dem Blur-Sänger gefragt, wirklich das Bild wählte, dieser stecke mittlerweile so tief in seinem, Noels, Hintern, dass er ihm, Albarn, beim Zähneputzen mit der Bürste die Haare kämmen könnte."

Szene aus "Last Call". Foto: © Angela Marie Orellana

Und auch dieses Zusammentreffen großer Rivalen auf der Bühne macht Spaß, wie uns Jürgen Kesting in der FAZ versichert: Der amerikanische Autor Peter Danish hat aus einer Begegnung zwischen Herbert Karajan und Leonard Bernstein im Wiener Hotel Sacher ein Theaterstück gemacht, in Hamburg bringt wird es Gil Mehmet unter dem Titel "Last Call" auf die Bühne der Kammerspiele: "Es ist, wie das ständige Ostinato-Lachen der Zuschauer zeigt, ein Vergnügen für Genießer boulevardesker Anzüglichkeiten: Etwa wenn Lenny eingesteht, dass er nach einer Prostata-OP 'fast jede halbe Stunde zum Klo rennen muss', und von Herbert den Rat erhält, kürzere Werke als die von Bruckner zu dirigieren - einen Katheter könne er ja deshalb nicht tragen, weil er beim Dirigieren zu viel herumhüpft; oder wenn Herbert sich bedankt, von Lenny erst nach zwanzig Minuten auf seine zwei Eintritte in die NSDAP angesprochen zu werden - dies ein Dauervorwurf, den Michael Wolffsohn soeben in seiner Karajan-Studie unter dem Titel 'Genie und Gewissen' entkräftet hat."

Besprochen wird außerdem Karin Henkels Doppel-Inszenierung von Ödön von Horvaths "Kasimir und Karoline und der Tanz mit dem Tod" und "Glaube Liebe Hoffnung" am Theater Basel (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.02.2026 - Bühne

Dreizehn aus 198 Stücken hat die Jury der Swiss Dance Days, die alle zwei Jahre in einer anderen Schweizer Stadt stattfinden, ausgewählt und in der FAZ kann Wiebke Hüster nur applaudieren, denn alle Produktionen überzeugen durch Wagemut. Den Höhepunkt bildete laut Hüster das Stück "1GUH Watch by Dynamic Legends, Miss Rose, Dj Pappi, eye juice, Tamara Alegre & guests", meint Hüster: "Das umwerfendste Performer-Ensemble, wirkliche All Stars. In der Musik tauchten Motive wie das legendäre Knight-Rider-Thema auf, und man erwies James Brown die Ehre. Allein den Anfang, bei dem drei Tänzer zusammen eine 'Choreo' entwickeln und dabei jeweils ihr ganz eigenes Können, ihren eigenen Stil zeigen, mochte man am liebsten noch eine halbe Stunde weiter sehen." Auch NZZ-Kritikerin Lilo Weber atmet auf, denn endlich wird wieder getanzt, statt auf Konzept und "No-Dance" gesetzt: "Stattdessen ist da eine jüngere Generation von hervorragend ausgebildeten Tänzerinnen und Tänzern herangewachsen. Sie kommen von überall her, sie bringen Tänze aus ihrer Heimat mit, und unter ihren Füssen brennt der Boden."

Weitere Artikel: In der SZ würdigt Peter Laudenbach den im Alter von 85 Jahren gestorbenen Schauspieler Lambert Hamel: "Der wuchtige Mann hatte Charme, aber er strahlte auch aus, dass man ihm besser nicht krumm kommen sollte. In seinen Rollen war er eher ein schwerer Brüter als ein Gefälligkeitscharmeur, aber ganz sicher kein Leichtgewicht." In der Zeit verteidigt Sven Behrisch seinen Ex-Zeit-Kollegen Harald Martenstein nach dessen Wutrede in Milo Raus "Prozess gegen Deutschland" vor der Vereinnahmung durch Rechte (mehr hier). Nachtkritikerin Esther Slevogt gesteht hingegen ihr "Befremden" angesichts von Raus Theaterproduktionen. Ebenfalls in der Zeit blickt Jorinde Hüchtker hinter die Kulissen von Holle Münsters und Sabine Auf der Heydes Adaption von Miranda Julys Roman "Auf allen vieren" in den Berliner Sophiensälen, in der taz bespricht Beate Scheder das Stück (mehr hier). Im taz-Interview mit Lilli Braun spricht die Behindertenrechtsaktivistin Fia Neises, die derzeit mit ihrem Kollektiv das Stück "Biofuck" am Berliner Ballhaus Ost inszeniert, über den Mangel an Menschen mit Behinderung in der Erinnerungskultur.
Stichwörter: Swiss Dance Days

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.02.2026 - Bühne

Weiterhin viel kommentiert wird der Übergriff von Zuschauern auf einen Schauspieler, der am Schauspielhaus Bochum in einer Vorführung von Tiago Rodrigues' "Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten" einen Faschisten spielte (mehr hier). Jakob Hayner findet das in der Welt abstoßend, aber auch hochinteressant: "Einerseits wirkt der Tumult wie eine Live-Aufführung einer Social-Media-Dynamik. Der Mob stürzt sich auf einen Einzelnen, der symbolisch als Feind markiert ist. Einige Schreihälse machen Stimmung, in deren Schutz andere zur Attacke übergehen, während die Mehrheit schweigend zuschaut. Andererseits kann man das auch als Indiz nehmen, dass die heute so oft beschworene 'klare Kante gegen rechts' vor allem eine symbolische Revolte ist. Man tobt sich bevorzugt an Feindbildern aus, die nicht mehr als Repräsentation oder Symptom einer zugrundeliegenden Wirklichkeit begriffen werden. Wer stets nur gegen Zeichen kämpft, attackiert auch Zeichenträger - wie Schauspieler." Rüdiger Schaper ordnet den Vorfall im Tagesspiegel theatergeschichtlich ein und äußert den Verdacht, dass in Bochum rechte Provokateure am Werk gewesen sein könnten.

Staatstheater Meiningen: Cardillac. © Anke Neugebauer

Zwei Inszenierungen der auf E.T.A. Hoffmanns "Das Fräulein von Scuderi" basierenden Paul-Hindemith-Oper "Cardillac" schaut sich Jan Brachmann für die FAZ an. Während eine von Kornél Mundruczó inszenierte Version des Stoffes am Opernhaus Zürich arg auf Krawall gebürstet ist, entlockt die Regisseurin Giulia Giammona am Staatstheater Meiningen der Geschichte um den titelgebenden mordenden Goldschmied Erstaunliches: "Sie beschreibt die Arbeitsbesessenheit Cardillacs als ein fast animistisches Verhältnis des Juweliers zu seinem Material. Sie nimmt sich Zeit, den Paternalismus - also die Umkehr der Verantwortung und Fürsorge zwischen Vater und Tochter - sorgsam auszuformulieren. Am Ende gerät Giammona in Meiningen ein großes Bild: Der Chor und Cardillac stehen auf getrennten Ringen der Drehbühne und bewegen sich gegenläufig aufeinander zu, ohne einander zu erreichen. Das Spiel von Anziehung und Abstoßung - im Text heißt es: 'Bleibt! Flieht! Wendet Gesicht ab! Haltet stand dem Entsetzlichen!' - wird in Bewegung umgesetzt."

Weiteres: Lisa Pham spricht auf monopol mit der Choreografin Kianí del Valle, die die Super-Bowl-Halbzeitshow des Musikers Bad Bunny erarbeitet hat. Atif Mohammed Nour Houssein macht sich auf nachtkritik Gedanken über Theater und Politik, beziehungsweise beider Differenz. Besprochen wird Anna Gmeyners "Automatenbüffet" am Münchner Residenztheater (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.02.2026 - Bühne

Milo Raus "Prozess gegen Deutschland" am Thalia Theater. Foto: Fabian Hammerl.

Für Aufregung sorgte Milo Raus "Prozess gegen Deutschland" im Hamburger Thalia Theater schon im Vorhinein. Man ließ verschiedene Persönlichkeiten in den "Zeugenstand" treten und befragte "echte Juristen, Experten und politische Akteure", wie Anna Vollmer in der FAZ berichtet, um am Ende über ein AfD-Verbot abzustimmen. Weil Rau auch Politiker aus dem extrem rechten Spektrum eingeladen hatte, sagten einige Teilnehmer die Veranstaltung ab. Vollmer ist jedenfalls nicht ganz überzeugt von der Sinnhaftigkeit: "Weil das, was hier passiert, nicht geprobt oder abgesprochen ist und auch keine Faktenüberprüfung auf der Bühne stattfindet, werden nicht nur Argumente, sondern auch emotionale Reden und mitunter ziemlicher Unsinn ausgetauscht. Zu den Rednern, die sich vehement gegen ein Verbot der AfD aussprechen, gehört der Journalist Harald Martenstein. Mit seinem Auftritt will er bewusst provozieren, schießt aber selbst nach diesen Maßstäben über das Ziel hinaus: wenn er etwa suggeriert, auch ein Verbot der Union stünde im Raum." Martensteins Redebeitrag ist in der NZZ und in der Welt abgedruckt. 

Zwiegespalten rekonstruiert auch Benno Schirrmeister in der taz die Veranstaltung: "Unproblematisch war sie zu keinem Zeitpunkt", meint der Kritiker, dem zum Beispiel die Einladung von Frauke Petry unverständlich ist. "Seltsam inquisitorisch" wurde es manchmal auch, zum Beispiel als der konservative Historiker Andreas Rödder befragt wurde: "Denn Rödder hatte ja zuvor einerseits erklärt, dass ein AfD-Verbot unvermeidlich wäre, sollte der Nachweis gelingen, dass die Partei offensiv verfassungsfeindlich ist. 'Dann gehört sie verboten', so der Professor. Anders, als beim seinerzeitigen KPD-Verbot hätte man Rödder zufolge in diesem Falle aber mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen zu rechnen (...) Hier weiterzubohren, hätte ergiebig sein können. Aber diese Hakeleien und vergebenen Chancen sind politisch aussagekräftig und markieren Höhepunkte. Die künstliche Situation der Zeugeneinvernahme ermöglicht andere, gleichsam unhöflichere, aber dafür mitunter ergiebigere direkte Kommunikation: Das ist der Vorzug eines solchen Projekts. Das war allerdings ausgerechnet durch Dramaturgiefehler sowohl am Eröffnungsabend als auch am Samstagnachmittag mehrfach an den Rand des Scheiterns gebracht worden."  Rau hat hier vor allem sein Talent für "schrille Shows" gezeigt, meint Peter Laudenbach in der SZ: "So viele grelle Figuren hat nicht einmal Christoph Schlingensief auf der Bühne versammelt." Auch Axel Brüggemann ist in Backstage Classical wenig begeistert

Weitere Artikel: Claus Leggewie resümiert in der FR die Brecht-Tage in Berlin. Tom Mustroph freut sich in der taz über die Festivalreihe "Puppen-Spezial" am Deutschen Theater Berlin. Besprochen werden Evgeny Titovs Inszenierung von Alban Bergs Oper "Wozzek" an der Oper Graz (FAZ), Andrea Schwalbachs Inszenierung von Francis Poulencs Oper "Dialogues des Carmélites" am Staatstheater Karlsruhe (FR) und Fabian Hinrichs Ein-Mann-Stück "Irgendetwas ist passiert" an der Volksbühne Berlin (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.02.2026 - Bühne

"Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten". Foto: Armin Smailovic.


Es ist ordentlich was los am Bochumer Schauspielhaus: Mateja Koleznik inszeniert "Catarina oder Von der Schöhnheit, Faschisten zu töten" von Tiago Rodrigues, ein Stück über eine Familie, die Jahr für Jahr einen Faschisten entführt, ein Festmahl veranstaltet und den Gefangenen als feierlichen Abschluss erschießt. Hubert Spiegel sieht für die FAZ also einen Abend mit Sprengkraft, wie die Publikumsreaktion auf den Monolog des von Ole Lagerpusch gespielten Faschisten beweist: "In Bochum musste die Dramaturgin Angela Obst das erregte Publikum nach etwa fünfzehn Minuten bitten, die Bühne als geschützten Raum zu respektieren und keine der per Mobiltelefon gemachten Videoaufnahmen von Ole Lagerpuschs Monolog ins Netz zu stellen. Tosender Beifall auch jener, die es noch zwei Minuten zuvor als angemessen und geradezu zwingend empfunden hatten, im Theatersessel kämpferisch gegen Rechtsextreme Stellung zu beziehen, obwohl vermutlich gar keine Rechtsextremen anwesend waren. Ein grandioser Theaterabend also. Jetzt könnte man reden über Repräsentanz und Katharsis, die Rhetorik der Extremisten jeglicher Couleur, die Anziehungskräfte des Autoritären und die Ästhetiken des Widerstands."
 
Nachtkritiker Martin Krumbholz findet harte Worte dafür, dass das Bochumer Publikum nicht in der Lage war, den Monolog als Teil der Rolle zu erkennen und zu Protest ansetzte: "Was für eine Blamage! Teile des Bochumer Publikums, das man fast für eins der theateraffinsten der Republik gehalten hätte, sind offenbar zu doof, man muss es einmal so krass sagen, zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden; dabei offenbaren sie die stupende Selbstgerechtigkeit eines Milieus, das die eigene Meinung von vornherein für über jeden Zweifel erhaben hält. (…) Die Leute glaubten, geschickt verdeckte Inhalte zu enttarnen und wurden wütend. Vermutlich wird das Schauspielhaus der zweiten Vorstellung eine Triggerwarnung voranstellen. Es scheint unverzichtbar. Das Fiasko am Premierenabend jedoch wird in die Bochumer Theatergeschichte eingehen, auf andere Art als geplant."
 
Weiteres: Die NZZ druckt Harald Martensteins Rede auf Milo Raus "Prozess gegen Deutschland"-Veranstaltung - für Martenstein ist darin nicht die AfD demokratiefeindlich, sondern diejenigen, die ein Verbotsverfahren anstreben.

Besprochen werden: "Automatenbüffet" von Anna Gmeyner am Münchner Residenztheater, inszeniert von Elsa-Sophie Jach (SZ, Nachtkritik), Nikolai Rimski-Korsakows Oper "Schneeflöckchen" am Staatstheater Wiesbaden, inszeniert von Maxim Didenko (FR), Rebekka Kricheldorfs "Die Insel", Regie führt Schirin Khodadadian am Hessischen Landestheater Marburg (Nachtkritik) und Charles Gounods Oper "Faust", inszeniert von Lotte de Beer an der Bayerischen Staatsoper in München (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.02.2026 - Bühne



Endlich mal wieder Kontroverse, seufzt Jacob Hayner in der Welt. Die von Matthias Lilienthal geleiteten Lessing-Tage am Hamburger Thalia Theater geben ihm schon mal einen prickelnden Vorgeschmack auf Lilienthals kommende Intendanz an der Volksbühne. In Hamburg hat Lilienthal Milo Rau mit an Bord geholt. Der lässt auf der Bühne in einem "Prozess gegen Deutschland" ein mögliches Parteiverbot der AfD durchspielen: "Den Vorsitz hat die ehemalige SPD-Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin inne, die Verteidigung übernimmt unter anderen Welt-Autor Frédéric Schwilden. Als Zeugen angekündigt sind die ehemalige AfD-Vorsitzende Frauke Petry, der CDU-Politiker Andreas Rödder, der Historiker Volker Weiß, der Correctiv-Chefreporter und Aktionskünstler Jean Peters, der Bild-Kolumnist Harald Martenstein, der Hamburger SPD-Kultursenator Carsten Brosda und viele weitere." Es gab natürlich schon Aufregung, der Ethikprofessor Rainer Mühlhoff sagte kurz vor Beginn ab, "weil auch 'Akteure aus dem ultrarechten und radikalisierten konservativen Spektrum' beteiligt seien. ... Am Ende der drei Prozesstage, die auch als Livestream übertragen werden, entscheiden Geschworene."

Weitere Artikel: In der FAS porträtiert Helene Röhnsch die "Ausnahmeschauspielerin" Maren Eggert, derzeit am Deutschen Theater Berlin. Stefan Grund annonciert in der Welt das Programm des Hamburger Theaterfestivals, das im Mai beginnt.

Besprochen werden Yael Ronens und Itai Reichers Klimakatastrophenkomödie "Planet B" am Landestheater Tübingen (nachtkritik), Karin Henkels Inszenierung der beiden Horváth-Stücke "Kasimir und Karoline" und "Glaube, Liebe, Hoffnung" am Theater Basel (nachtkritik), Stephan Müllers "Hamlet" an der Josefstadt (FAZ), Sabine Auf der Heyde und Holle Münster Adaption von Miranda Julys Roman "Auf allen vieren" in den Berliner Sophiensälen (SZ) und Jim Raketes Regiedebüt mit Samuel Becketts "Das letzte Band" mit Christian Redl als Krapp am St. Pauli Theater Hamburg ("passt schon", meint nachtkritiker Falk Schreiber).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.02.2026 - Bühne

Szene aus "Auf allen Vieren". Foto: Mayra Wallraff

Mit der Übersetzung von Miranda Julys Roman "Auf allen Vieren" über eine Mittvierzigerin, die sich sexuell befreit, kam die Menopausen-Literatur auch nach Deutschland, nun bringen die Regisseurinnen Sabine Auf der Heyde und Holle Münster den Roman auf die Bühne der Berliner Sophiensäle. Die Inszenierung gerät mitunter "sperrig", für Spaß aber sorgen die Schauspielerinnen Meike Droste und Fritzi Haberlandt in Personalunion, atmet Nachtkritikerin Elena Philipp auf: Zum Beispiel wenn die beiden "die sich aufbauende sexuelle Spannung zwischen der Hauptfigur und dem Tankstellenmitarbeiter Davey illustrieren. Mit flatternden Händen, zuckenden Beinen und gestelztem Gang verlieren sie sich in einem Balztanz - vor einer Tulpentapete, die in der Projektion zu einem drogenrauschartigen Farbflimmern verläuft (Video: Isabel Robson). Die intime Szene, in der Davey der älteren Liebhaberin und als Künstlerin bewunderten Frau einen Tampon einführt, performen Droste und Haberlandt in eingefrorener Schoß-Sitz-Pose vor den Bildern von Schnecken-Sex."

Weitere Artikel: Was für eine Entdeckung, freut sich Hannah Schmidt auf Zeit Online, nachdem sie 130 Jahre nach deren Entstehung die feministische Oper "Die Fritjof-Saga" der schwedischen Komponistin Elfrida Andrée auf der Bühne des Aalto Theaters in Essen sehen konnte: Ein "feministischer Gegenentwurf" zum Parsifal, so Schmid, allein die Inszenierung von Anika Rutkofsky überzeugt nicht, seufzt sie. Im FR-Interview mit Sylvia Staude erzählt Samuel Wuersten, Leiter des gerade stattfindenden Holland Dance Festivals (mehr hier) unter anderem über den Nachwuchs in den Niederlanden und Tanz in der deutschen Provinz. Simon Strauss porträtiert in der FAZ die Schauspielerin und Regisseurin Julia Riedler, die gerade den Hamlet in Freiburg inszeniert.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.02.2026 - Bühne

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Eine Geschichte mit Happy End erzählt Willi Winkler in der SZ. Kaum glauben konnte er beim Spaziergang über den Zürcher Friedhof Fluntern, auf dem viele bekannte Persönlichkeiten liegen, dass das Grab der Schauspielerin Therese Giehse dort aufgelöst werden sollte, weil niemand die Kosten für die Grabpflege übernehmen wollte. Im Endeffekt hat sich die Stadt dann aber doch schnell umentschieden: "Peter Stein antwortet nicht auf eine Mail, dafür reagiert Franz Xaver Kroetz sofort. Auf die Frage, ob er sich an den Kosten für die weitere Grabpflege beteiligen würde, knurrt es in seiner Antwort-Mail hörbar: 'Ich kann mir nicht vorstellen, dass das reiche Zürich sich die Schande antut und dieses Grab auflösen lässt.' Und siehe da, der Dichter hat wie immer recht. Bereits nach einer Woche kommt ein Bescheid von der Fachstelle Grabmal- und Friedhofkultur. Es war alles ein 'administratives' Missverständnis. 'Nicht nur aufgrund des Lebenswerkes und der bedeutenden Persönlichkeit der Verstorbenen, sondern auch durch das unter Denkmalschutz stehende Grabmal wird die Grabstelle sicher erhalten bleiben.'" Übrigens: Über das Leben der Giehse hat Barbara Yelin eine Graphic Novel veröffentlicht.

Besprochen wird Philipp Grigorians Inszenierung von Verdis Oper Luise Miller an der Staatsoper Wien (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.02.2026 - Bühne

 Bayerische Staatsoper: Faust © G. Schied; J. Tetelman; O. Kulchynska

Musikalisch hui, inszenatorisch pfui: So besprechen die Feuilletons tendenziell den Versuch der Bayerischen Staatsoper, mal wieder Charles Gounods einst phänomenal erfolgreiche, aber auch immer mal wieder des Kitsch bezichtigte Oper "Faust" auf die Bühne zu bringen. FAZler Christian Gohlke hört einerseits gern zu, wenn Dirigentin "Natalie Stutzmann das Orchester mit Mut zum Pathos zu einer so expressiven wie genau balancierten Höchstleistung spornt". Anderseits wundert er sich über "ein merkwürdiges Paradoxon dieser Inszenierung: Je mehr (Regisseurin) Lotte de Beer zu einer Szene einfällt, umso weniger überzeugt sie. Dass zum Beispiel Faust, wenn er sich in Marguerite verliebt, nicht allein ist, wie es die Regieanweisung explizit und mit gutem Grund verlangt, ist kein Gewinn, sondern eine Einbuße an Intimität."

Richtiggehend wütend wird Welt-Autor Manuel Brug über die szenische Einfallslosigkeit: "Alles ist hier irgendwie possierlich und verzwergt: die Kirmes auf ein paar Holzbänkchen; die Gartenszene vor einem Häuschen, in dem Nachbarin Marthe (Dshamilja Kaiser) als Mutterersatz schnarcht und später stirbt; das Bild in der Kirche, wo nur ein Kapellchen steht und Margarete ihren vielfach herumgezerrten Säugling taufend im Weihwasser ertränkt; die statische Walpurgisnacht als Video im Winkel. An furiose 'Faust'-Regieikonoklasten wie Ken Russell oder John Dew durfte man bei diesem braven, unbedingt repertoiretauglichen Ringelreihen niemals denken." Noch härter geht Wolf-Dieter Peter auf nmz mit de Beer ins Gericht: "Der Buhsturm für sie hätte Orkan-Stärke erreichen müssen".

Gauthier Dance und Gauthier Dance Juniors tanzen Ravel's Bolero, choreografiert von Andonis Foniadakis. Auf Trampolins! Foto: Rahi Rezvani / Holland Dance Festival


Ziemlich begeistert berichtet Sylvia Staude in der FR vom Holland Dance Festival, das in diversen niederländischen Städten Aufführungen auf die Beine stellt und dieses Jahr sein 20. Jubiläum feiert. Jede Menge erstklassige Bewegungskunst gibt es da laut Staude zu bewundern, sehr viel Freude hat sie beispielsweise an Jan Martens' "Kid In a Candy Shop" und dessen "Bewegungssprache, die ein bisschen drollig ist, manchmal kleinteilig, dann ausgreifend, auch kantig und maschinenhaft. An Merce Cunninghams Streben nach reinem, abstraktem Tanz durch den Zufall und die Improvisation erinnert 'Kid In a Candy Shop', aber zwischendurch entstehen Reihung und Ordnung, entstehen fiebrige Solos zum atemlosen Rattern des Cembalos. Die Formationen und mal auch die Farben der Bodies ändern sich, vor allem aber sind die Bewegungssequenzen reich an Details, an punktgenauem Innehalten, dann wieder herrlicher Schnelligkeit. In keiner der 40 Minuten herrscht Leerlauf."

Weitere Artikel: Marita Adam-Tkalec berichtet in der Berliner Zeitung über die Querelen rund um das Theater Ost, das sich am Standort Adlershof mit einer Räumungsklage konfrontiert sieht. Esther Slevogt überlegt in der nachtkritik, was Kürzungen in Bildungsangeboten für das Theater bedeuten könnten.

Besprochen werden ein Tschechow-Abend am Staatstheater Darmstadt (FR), Michael Thalheimers "Salome"-Inszenierung an der Berliner Schaubühne (Welt, siehe auch hier) sowie in einer Doppelbesprechung zwei Inszenierungen von Lot Vekemans "Blind", am Schauspiel Hannover und am Theater Osnabrück (taz).