Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.11.2025 - Bühne

Szene aus "Kunst der Fuge". Foto: Camilla Winther

Man möchte nach Wiebke Hüsters FAZ-Kritik gleich nach Kopenhagen reisen, wo der ehemalige Direktor des Bolschoi Balletts, Alexej Ratmansky, das Königlich Dänische Ballett Johann Sebastian Bachs "Kunst der Fuge" tanzen lässt. Dabei will weder die Musik noch der Tanz Ratmanskys Geschichten erzählen, so Hüster: "Es solle aussehen, als erzeugten die Bewegungen die Musik, hat der Choreograf dem Ensemble nahegelegt. Und so fühlt es sich tatsächlich an, während man diesem historisch unterfütterten, evokativen Ballett folgt. (…) Die Welt und ihre beunruhigenden Zustände finden hier zwar keinen eindeutigen Eingang in das Theater. Es ist aber eine Kunsterfahrung, die auf dem Dennoch besteht, darauf, dass es wichtig ist, an der Fähigkeit des Menschen zum Erschaffen von Schönheit festzuhalten. Dass es ein Spiel ist, heißt nicht, dass es den Menschen nicht daran erinnert, was Harmonie, was Frieden, was Leichtigkeit des Seins ist, wie es sich anfühlt, mit anderen im Einklang zu sein oder sich getragen und gehalten zu wissen, wie es etwa die schönen Duette demonstrieren."

Weitere Artikel: In der nachtkritik erinnert Atif Mohammed Nour Hussein an den 4. November 1989, als Theaterleute, darunter Christoph Hein, Christa Wolf und Heiner Müller, die größte nichtstaatliche Demonstration in der DDR organisierten. Wirklich glücklich wird Bernd Noack in der NZZ nicht, wenn Regisseur Tom Kühnel im Hamburger Thalia Theater unter dem Titel "Denken in finsteren Zeiten" und Regisseurin Theresa Thomasberger im Berliner Deutschen Theater unter dem Titel "Die drei Leben der Hannah Arendt" nach der Graphic Novel von Ken Krimstein das Leben der Philosophin auf die Bühne bringen: "Beide Stücke kranken dabei auf ganz unterschiedliche Weise an der Tatsache, dass die sich auftürmenden Gedankengebilde einer der größten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts als Monologe oder Dialoge wiedergegeben nur verhallen."

Besprochen werden außerdem das Stück "Rave Lucid" der Kompanie Mazelfreten beim Tanzfestival Rhein-Main (FR) und das Tanzstück "All Our Stories" von Thomas Noone am Theater Osnabrück, bei dem das Symphonieorchester Suiten des syrischen Komponisten Kinan Azmeh spielt (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.11.2025 - Bühne

Szene aus "Boris Godunow" an der Oper Frankfurt. Foto: Barbara Aumüller

Ob der Zar Boris Godunow den jüngsten Sohn Iwans des Schrecklichen nun ermordet hat oder nicht - darauf gibt es auch in Alexander Puschkins Drama "Boris Godunow" oder in der darauf basierenden Oper von Modest Mussorgski keine Antwort, erklärt Jan Brachmann in der FAZ. Überhaupt interessieren sich Regisseur Keith Warner und Bühnenbildner Kaspar Glarner nicht für eine konkrete Zeit. Die Handlung könnte im 17. Jahrhundert spielen oder im frühen 20., so Brachmann, "die Gemengelage aus Brutalität, Okkultismus ... und massenpsychotischer Rohheit ist zeitlos". Dennoch gibt es "starke Bilder", lobt der Kritiker. Großartig findet er insbesondere "die zwei letzten Bilder, wenn zunächst Boris in einem riesigen schwarz-silbernen Fabergé-Ei (das zugleich das Seelen-Ei des unsterblichen Koschtschej aus dem russischen Volksmärchen sein könnte) auf dem Thron sitzt, bis dann im Volksaufruhr nach seinem Tod die ganze Bühne voller großer Vogeleier ist."

Auch musikalisch ist das interessant, versichert Judith von Sternburg in der FR, denn die Inszenierung beruht auf einer Überarbeitung der Oper durch Dimitri Schostakowitsch: "Schostakowitsch gibt Schostakowitsch-Schlagwerk, -Xylophon, -Glockenspiel dazu, schärft die Musik leicht an. Dass die Oper Frankfurt damit gewissermaßen eine Rarität aufführt und sich viereinhalb Stunden dafür nimmt (mit zwei Pausen), muss auch niemanden beunruhigen. Das Grundmaterial ist das vertraute. Es gewinnt aber mehr Kontur, einen Hauch von 'Lady Macbeth von Mzensk' in den besonders bösen und annähernd grellen Szenen, und GMD Thomas Guggeis arbeitet das mit dem Opern- und Museumsorchester auch herausragend feinsinnig, feinliniert heraus."

Weiteres: SZ, FAZ und NZZ berichten über die ukrainischen Proteste, die Anna Netrebkos Auftritt als Donna Leonora in Giuseppe Verdis "La forza del destino" an der Oper Zürich begleiteten. Katrin Bettina Müller war für die taz auf dem "inkl.Festival" im Deutschen Theater Berlin unterwegs. Besprochen werden Elle Sofe Saras Choreografie "Láhppon/Lost" am Norwegischen Nationalballett (FAZ), Yana Eva Thönnes Inszenierung von Heinrich von Kleists "Zerbrochner Krug" am Theater Freiburg (FAZ) und Antú Romero Nunes' Inszenierung von "Was ihr wollt" am Berliner Ensemble (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.11.2025 - Bühne

"Das große Heft." Foto: Armin Smailovic.

"Eine schrecklich grandiose Aufführung", ruft Nachtkritiker Martin Krumbholz, hingerissen von Jette Steckels Adaption von Ágota Kristófs Roman "Das große Heft" am Schauspielhaus Bochum. Es geht um "Zwei Heranwachsende, Zwillinge, im Krieg. Es ist der Zweite Weltkrieg, und es ist Ungarn, aber nicht einmal das teilt Ágota Kristóf in ihrem Text mit, der auf Französisch geschrieben und aufs Äußerste reduziert ist, spartanisch karg, man möchte fast sagen: brutal." Fünf Schauspieler spielen die Zwillinge, ihre Großmutter, ein Nachbarsmädchen, den missbrauchenden Pfarrer, Figuren, die durch Kargheit und Gewalt geprägt sind: "Wichtige Rollen in dieser schrecklichen und schrecklich grandiosen Aufführung spielen aber auch die Lichtregie, die genau gesetzten Lichtschneisen, die die Bühne (Florian Lösche) scharf illuminieren, sowieso die Livemusik, Schlagwerk und (teils elektronisch verstärkte) Violine (Matthias Jakisic, Karsten Riedel). Das Licht ist (oft) grell, die Musik (oft) laut, beides unterminiert jede Form von Sentimentalität, von Einfühlung. Wenn es im heutigen Theater ein Pendant zur Brecht'schen Ästhetik gibt, dann in dieser Inszenierung."

Das Nachbarsmädchen, das von allen Hasenscharte genannt wird, beeindruckt Hubert Spiegel in der FAZ in dieser überzeugenden Inszenierung ganz besonders: Gespielt von Risto Kübar zieht sie "sich eine Strumpfmaske übers Gesicht und bewegt sich rücklings auf allen Vieren vorwärts, mit den weit gespreizten Beinen voran. In dieser Fortbewegungsweise ist die ganze Figur enthalten, in einer Geste, in der Unterwerfung, Selbsterniedrigung und das Betteln um Zuwendung im Gewand sexueller Verfügbarkeit zusammenfallen. Und zugleich weist die Obszönität dieser Geste unweigerlich zurück auf diejenigen, denen sie gilt."

Weiteres: Chris Schinke nimmt für die taz am Programmschwerpunkt "Wohin jetzt?" an den Münchner Kammerspielen teil, der sich mit jüdischem Leben in München beschäftigt. Besprochen werden Antú Romero Nunes' Inszenierung von Shakespeares "Was ihr wollt" am Berliner Ensemble (FAZ, Nachtkritik), das Geistermusical "Grand Finale" von Philipp Stölzl, Christoph Israel und Jan Dvořák am Theater Basel (Nachtkritik), Arthur Schnitzlers "Traumnovelle" am Volkstheater Wien, inszeniert von Johanna Wehner (Nachtkritik), "Goodbye Berlin" von Constanza Macras und dem Ensemble Dorky Park an der Berliner Volksbühne (taz, Monopol, SZ), Christian Stückes Inszenierung von "Appropriate" von Branden Jacob-Jenkins am Münchner Volkstheater (SZ), Wagners "Tristan und Isolde" in der Inszenierung von Michael Thalheimer an der Deutschen Oper Berlin (Tagesspiegel) und Marlon Tarnow Inszenierung von Joe Ortons "Seid nett zu Mr. Sloane" am Staatstheater Darmstadt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.11.2025 - Bühne

Szene aus "Goodbye Berlin". Foto:Thomas Aurin

Zum Abschied inszeniert die scheidende Choreografin Constanza Macras an der Volksbühne das Stück "Goodbye Berlin", freilich nach Christopher Isherwoods Roman "Good bye to Berlin", weiß Nachtkritikerin Gabi Hift, die trotz Tanznummern von barfüßigen Nymphen, akrobatischen Ohrfeigenorgien und düsteren Technosounds nicht ganz glücklich mit der Inszenierung wird, denn "von der Faszination, die vom Vergnügungsfieber der Weimarer Republik ausgeht, erwischt er nur einen kleinen Zipfel. Alles hat einen mild ironischen touch. Die bei Isherwood so schillernd gezeichneten Figuren sind bloße Karikaturen. Von der Gier nach Ekstase, der grellen Grausamkeit, der erschreckenden Groteske bleibt beim Nachtanzen der Nummern von damals nur mittelprächtiges Amüsement. Woran liegt das? Vielleicht ist die Truppe zu sehr fixiert auf die Parallelen zum heutigen Berlin. Zu sehr darauf aus zu mahnen, dass wir auf eine ähnliche Situation wie damals zusteuern."

Ähnlich urteilt Tobi Müller bei monopol: "Noch sehen wir historische Choreografie der Ausdruckstänzerin Mary Wigman, schon ist von Leni Riefenstahl die Rede, da dreht sich schon das Drehbühnenelement und auf der Rückseite turnen Tänzerinnen in Fetisch- und SM-Lederzeug zu hartem Techno. Diese Szene wiederholt diese Drehung viele Male, damit auch der letzte merkt: Oh, Kunst und Faschismus, ein Problem, und tragen die sexpositiven Berliner Clubs wie Kit Kat oder Berghain daran sogar eine Mitschuld?"

Weitere Artikel: Seit Shermin Langhoffs Intendanz am Berliner Maxim Gorki Theater sind die deutschen Ensembles diverser geworden, stellt Eva Behrendt in der taz erfreut fest. Aber gilt das auch für Besetzungen in Kino, Fernsehen und Streamingdiensten, will Behrendt unter anderem von der Berliner Casting-Direktorin Suse Marquardt wissen, die allerdings betont, zunehmende Diversität läge weniger am Gorki-Theater als daran, "dass sich seit den 1990er und nuller Jahren immer mehr Menschen aus Migrationsfamilien in entsprechenden künstlerischen Ausbildungen und Berufen etablieren." Für den Tagesspiegel porträtiert Sandra Luzina den spanischen Choreografen Marcos Morau, dessen Stück "Wunderkammer" gestern im Schillertheater Premiere feierte. Für die Welt trifft sich Boris Pofalla mit der Schauspielerin Bibiana Beglau, die derzeit als "Tartuffe" in einer Inszenierung von Barbara Frey auf der Bühne steht.

Besprochen werden außerdem der Auftakt des zehnten Tanzfestival Rhein-Main in Darmstadt (FR), eine Gedenkveranstaltung im Frankfurter Schauspielhaus, die an die Bühnenbesetzung einer jüdischen Gruppe erinnert, die 1985 anlässlich der dort geplanten Uraufführung von Rainer Werner Fassbinders Stück "Der Müll, die Stadt und der Tod" stattgefunden hat (FR), Wilfried Fiebigs Stück "Von Troja nach Gaza" am Frankfurter Gallustheater (FR), Antú Romero Nunes' Shakespeare-Inszenierung "Was ihr wollt" am Berliner Ensemble (nachtkritik), Johnanna Wehners Schnitzler-Inszenierung "Traumnovelle" am Wiener Volkstheater (nachtkritik) und "Rabatz! ein komischer Abend von Herbert Fritsch und Ensemble" am Schauspielhaus Köln (nachtkritik).
Stichwörter: Volksbühne Berlin

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.10.2025 - Bühne

Szene aus "Call me Paris". Foto: Philip Frowein

Beklemmung wird bei Tagesspiegel-Kritikerin Christine Wahl schon allein durch die XL-Version eines Barbiehauses hervorgerufen, das die Regisseurin Yana Eva Thönnes für ihr Stück "Call me Paris" auf die Bühne der Berliner Schaubühne hat bauen lassen. Ansonsten aber fragt sich die Kritikerin, was Thönnes genau will mit ihrem Stück, das das 2004 veröffentlichte Sex-Tape von Paris Hilton zum Ausgangspunkt nimmt, um in einer "bewusst redundanten Trauma-Erfahrungs-Struktur abendfüllend" den Missbrauch zu erinnern: "Anhand der beiden konkreten Missbrauchserfahrungen sollen nicht nur die frühen Nullerjahre exemplarisch als das 'letzte ungebrochen misogyne Jahrzehnt' vorgeführt werden. Sondern auch die Image-Produktion, -vermarktung und -verwertung in der Frühzeit des Internets, in der der eigentlich alte Hut von der 'Macht der Bilder' plötzlich eine völlig neue Dimension bekommt, ist irgendwie Thema."

Weniger ratlos als genervt ist indes Nachtkritiker Christian Rakow, auch weil ihm die Inszenierung so platt erscheint: "Sobald ein Mann die Szene betritt, egal ob als Vater, Lover oder whatever, entpuppt er sich als versoffenes Schwein oder als Porno guckendes Schwein. Jedenfalls als Schwein. Das macht die Handlung redundant. Soll aber fraglos genau so sein. Quälend, monoton, bleiern. Das Unbehagen an der voyeuristischen Teilhabe, die dem Publikum dabei aufgenötigt wird, ist Teil der Pointe. Zu welchem Zwecke, bleibt jedoch offen." Deutlich positiver urteilt Claas Oberstedt auf Zeit Online: "Das Stück kehrt nicht nur das persönlich Abgestoßene hervor: Thönnes verknüpft das Persönliche mit den popkulturellen Vorstellungen der Nullerjahre, legt die misogynen Alltäglichkeiten einer Zeit offen, die fortwirken, aber in ihrer Bedeutung abgewehrt bleiben."

Weitere Artikel: Im Aufmacher des FAZ-Feuilletons gratuliert der Schauspieler Jens Harzer dem Theaterregisseur und langjährigen Intendanten der beiden Münchner Theater, Dieter Dorn, zum Neunzigsten. In der SZ gratuliert Christine Dössel. Für die FR spricht Judith von Sternburg mit dem Frankfurter Generalmusikdirektor Thomas Guggeis über die Arbeit an Modest Mussorgskis Riesenoper "Boris Godunow", die im November in der Inszenierung von Keith Warner an der Frankfurter Oper Premiere feiern wird. Besprochen wird außerdem Paul-Georg Dittrichs Inszenierung von Wagners "Ring" an der Oper Köln (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.10.2025 - Bühne

Szene aus "The Director's Guide for Theater During Wartime". Foto: Julia Kampichler

Zum zwölften Mal fand das Festival "Politik im Freien Theater", diesmal in Leipzig, statt. Nachtkritiker Vincent Koch haben die sechzehn Gastspiele durch Mut und einen differenzierten Blick auf aktuelle Konflikte überzeugt. Beispiel: Die israelischen Regisseure Hannan Ishay und Ido Shaked vom Théâtre Majâz zerbrechen sich im Stück "The Director's Guide for Theater During Wartime" angesichts einer fiktiven Festivaleinladung in Frankreich den Kopf darüber, "wie sie überhaupt Theater machen könnten, ohne direkt von Diskurswächter*innen denunziert zu werden. In einem minimalistischen Setting mit nur ein paar Kisten, Stühlen und einer Graffiti-Sprühdose, mit der sie immer wieder einschneidende Daten wie den 7. Oktober auf Pappschilder sprühen, reflektieren sie die Genese eines Projekts, das sie immer wieder abbrechen müssen... Mit zynischem Humor ('Sind sie antisemitisch oder nur rassistisch?') und Buzzword-Slapstick wagen Ishay und Shaked den derzeit so schwierigen Diskurs in theatraler Form - als Versuch, die Kunst wieder als Mittel des Austauschs zu verstehen."

Genauso "eindringlich" wie Ishays und Shakeds Inszenierung findet Thorben Ibs in der FAZ das Stück "Kharkiv Calling" der Costa Compagnie: "Anna Mrachkowska tritt auf, eine junge Frau, die von ihrem Lebensweg berichtet als Adoptivkind und Schauspielschülerin in Kiew. Sie erzählt und erzählt. Als der Krieg ausbricht, flüchtet sie erst zur Familie, geht nach Berlin. Sie steht allein auf der Bühne, keine Requisiten, nur Videobilder aus dem Kriegsgebiet, die sich auf dem glatten Tanzboden wie auf einer Wasserfläche spiegeln. Dazwischen gibt es Videointerviews mit vier anderen Frauen aus Charkiw. Sie sind geblieben, Soldatinnen geworden und erzählen von ihrem Weg an die Front. Eine war zuvor Anwältin, eine andere drehte Dokumentarfilme. Für die Vorstellungen in Leipzig haben sie aktuelle Videobotschaften geschickt. Die Erschöpfung des Krieges hat auf ihren Gesichtern deutliche Zeichen hinterlassen."

Weiteres: In der Zeit porträtiert Christine Lemke-Matwey die beiden ungarischen Regisseurinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka, die nächsten Sommer in Bayreuth inszenieren werden und als "neue Shootingstars" gelten. Inga Barthels trifft für den Tagesspiegel die Regisseurin Carolina Bianchi, die derzeit ihre Performance "The Brotherhood" im Berliner HAU zeigt. Besprochen wird außerdem Vincent Huguets Inszenierung der "Walküre" unter dem Dirigat von Daniel Harding in der Accademia di Santa Cecilia in Rom (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.10.2025 - Bühne

Deutsches Theater Göttingen: Wir Perser.
Paul Trempnau, Andrea Strube. © Thomas Aurin

Die junge Dramatikerin Ivana Sokola hat Aischylos' "Die Perser" eine überzeugende Frischzellenkur verpasst, freut sich taz-Mann Jens Fischer. "Wir Perser" heißt das Stück in ihrer Bearbeitung. Die von Regisseur Brancko Janack verantwortete Uraufführung am Deutschen Theater Göttingen hat jede Menge Schwung. Gut gefällt Fischer etwa die Neuinterpretation der hier von Andrea Strube verkörperten Königin Atossa: "Sie ist in Göttingen keine verzweifelnde Schmerzensmutter, voller Besorgnis um ihren Sohn Xerxes, sondern hat sich bereits auf seinen Thron gesetzt und versucht mit Werbebotschaften wie Freiheit, Freizeit, Gerechtigkeit eine matriarchale Gesellschaft aufzubauen. Während der Chor dabei erst mal an lähmende Bürokratie denkt, moderiert Atossa dessen Wankelmut in der strahlend manipulativen Art modernen Politmanagements und behauptet: 'Ich lasse eure Kinder betreuen / Ich mache den Strom grün / Ich verbiete den Autos zu fahren, zumindest schneller als 30.'"

Jakob Hayner schimpft in der Welt über die von allen Ausbrüchen bereinigte, "freundliche Mittelmäßigkeit" des aktuellen Programms im Wiener Burgtheater. Seine Enttäuschung über die ironiegesättigte Zähmung Thomas Bernhards und Werner Schwabs in Neuinszenierungen derer Stücke "Auslöschung" beziehungsweise "Volksvernichtung oder mein Leben ist sinnlos" wächst sich zum Generalangriff auf einen Trend im jüngeren Regietheater aus: "Wer einst Rebell oder Außenseiter war - oder sich dazu stilisierte -, wird nun durch Veralberung gezähmt und domestiziert. Früher wollte man die Explosion der Affekte, heute nur seine Ruhe und emotionalen Detox. Das wirkt alles so brav und zutiefst gelangweilt. Es wirkt, als ob negative Gefühle der jüngeren Regiegeneration wirklich wie historische Relikte aus einer fremden Kultur vorkommen, für die man nicht einmal mehr aufrichtiges ethnografisches Interesse aufbringen mag, sondern nur ein spöttisches Lächeln der psychohygienisch Hochtrainierten und Selbstoptimierten übrighat."

Das Gorki-Theater in Berlin hat neulich Celans "Todesfuge" gründlich vermurkst und sich dafür eine deftige Kritik von Nachtkritikerin Esther Slevogt eingefangen (unser Resümee). Danach hat man offenbar gemault, denn Slevogt zeigt sich in ihrer Kolumne über die Reaktionen auf die Kritk an ihrer Kritik doch recht erstaunt: "Das Ideal einiger Theatermacher*innen ist scheinbar das betreute Theatermachen. Als handele es sich um eine Art therapeutische Maßnahme, bei der es ausschließlich um die Macher*innen geht. Die Kritik hat in diesem Szenario höchstens eine betreuende Funktion. Das Publikum spielt überhaupt keine Rolle und hat gefälligst zu schlucken, was auf die Bühne kommt." (Slevogt müsste allerdings noch genauer erklären, warum an diesem Gebaren subventionierter Häuser ausgerechnet der Kapitalismus schuld sein soll.)

Außerdem: Milo Rau wurde, wie unter anderem der Standard meldet, vom Belgrader Theaterfestival Bitef ausgeladen. Rüdiger Schaper schlägt im Tagesspiegel Alarm: Mit dem Renaissance Theater und dem RambaZamba stecken wie wichtige privat geführte Berliner Theater in großen finanziellen Schwierigkeiten. Maritta Adam-Tkalec schreibt wiederum in der Berliner Zeitung über Versuche, das Berliner Theater Ost zu retten. Esther Slevogt denkt in der nachtkritik darüber nach, was es heißt, wenn Künstler immer weniger Verständnis für Kritik zeigen. Wilhelm Sinkowicz schaut sich für die Presse an, was der Dirigent Christian Thielemann an der Berliner Staatsoper derzeit so treibt. Besprochen wird eine Aufführung von Claude Debussys "Pelléas et Mélisande" im Wiener Haus am Ring (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.10.2025 - Bühne

SZ-Kritikerin Dorion Weickmann ist beeindruckt von der Installation, die der neue Nürnberger Ballettchef Richard Siegal in der Kongresshalle auf dem ehemaligen NS-Reichsparteitagsgelände zeigt. Der Umgang mit dem historischen Erbe sorgte für viel Diskussion, 2021 entschied man, "die Kongresshalle als Ausweichspielstätte für das sanierungsbedürftige Opernhaus in der City herzurichten", erinnert Weickmann. Siegal zeigt mit seiner digitalen Installation "art.Life" jedenfalls schon einmal, wie man die Geister der Nazis vertreibt: "Fünf Dutzend japanische Athleten, Männer und Frauen in schwarzen Monturen und weißen Sneakern, die auf Kommando im Gleichschritt marschieren. Frontal, von oben, per Bodycam fängt der Choreograf die Formationen ein, verfremdet und vervielfacht sie, bis sie sich regelrecht aufzulösen scheinen. Auf der Leinwand zurück bleiben symmetrische Vignetten in Serie, die an frühe Tanznotationen erinnern: Schnörkel, Kringel, Linien ohne Anfang und Endpunkt."

Weitere Artikel: In der Welt fordert Jakob Hayner die Berliner Kulturpolitik auf, etwas gegen die finanziell dramatische Situation von Theaterprojekten wie dem RambaZamba-Theater in Berlin zu tun, in dem seit dreißig Jahren behinderte Menschen mitspielen. Besprochen werden Paul-Georg Dittrichs Inszenierung von Wagners Oper "Rheingold" an der Oper Köln, Mikheil Charkvianis Inszenierung von Sophokles' "Antigone" im Staatstheater Wiesbaden (FR), Roger Vontobels Inszenierung von Wagners "Lohengrin" am Nationaltheater Mannheim (FR) und Theresa Thomasbergers Bühnenadaption von Ken Krimsteins Graphic Novel "Die drei Leben der Hannah Arendt" am Deutschen Theater Berlin (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.10.2025 - Bühne

"Die drei Leben der Hannah Arendt." Foto: Jasmin Schuller.


Theresa Thomasberger bringt Ken Krimsteins Graphic Novel "Die drei Leben der Hannah Arendt" auf die Bühne des Deutschen Theaters Berlin - und Irene Bazinger ist in der FAZ leider etwas enttäuscht von der Umsetzung der eigentlich spannenden Vorlage: Es wird "nur betulich die Biografie nacherzählt und Arendt zu einer schicken Superwoman aufgebaut, die sich heldenhaft gegen Antisemitismus, Nazi-Offiziere und die Unbill der Welt insgesamt behauptet. Als vertraute die Regisseurin der ohnedies stark gekürzten Vorlage nicht ganz, ist die Inszenierung in das legendäre Interview eingebettet, das Günter Gaus 1964 im ZDF mit Arendt führte. Die Aufgabe des fragenden Journalisten wird von einem Kinderdarsteller im Anzug übernommen, was zwar für einen gewissen Niedlichkeitseffekt sorgt, aber nicht der Wahrheitsfindung dient."

Auch Nachtkritikerin Simone Kaempf ist nicht so begeistert. "Was sind nun die drei Leben der Hannah Arendt?", fragt sie: "Gemeint sind die drei Sphären Denken, Lieben, Handeln, zu denen Hannah Arendt aus ihren eigenen Erfahrungen so klare Erkenntnisse zog. Aber in dem revueartigen Gemisch des Abends vermittelt sich das nur bedingt. Gesungen wird auch, einmal sehr berlinernd, dann eine schauerliche Moritat. Als komplettes Witzfigurenkabinett kommen die Männer weg. (…) Hannah Arendt ist derzeit wieder überall im Munde, aber vielleicht ist es einfach keine gute Idee, sie auch noch zur Bühnenfigur zu erheben. Schon erst recht nicht als eine, die im Spagat aus Komik und Ernst verortet wird." Im Tagesspiegel ist Christine Wahl ebenfalls unterwältigt.

Nur Peter Laudenbach weiß in der SZ Positives zu berichten: "Wer sich hier nicht in die Kant-Leserin aus Königsberg, die messerscharfe Analytikerin des Totalitarismus, die jüdische Migrantin, die radikale Dissidentin verliebt und sofort ihr Gesamtwerk lesen will, ist vermutlich etwas stumpf im Kopf und im Herzen. Die Streber-Frage, ob man sich dem Denken der Philosophin über die Erzählung ihres Lebens im Jahrhundert der Gewalt und der Diktaturen nähern darf, kann man sich schenken."

Nazanin Noori bringt Paul Celans "Todesfuge" und weitere seiner Gedichte auf die Bühne des Gorki-TheatersNachtkritikerin Esther Slevogt sitzt vor Pathos peinlich berührt im Zuschauerraum und wundert sich, warum viele der Texte auf Englisch vorgetragen werden: "Das Englische ebnet Schroffheiten und Sprachwiderstände des Originals ins Kompatible ein - das tonlose Pathos, mit dem die Texte vorgetragen werden, die stoischen Mienen (und leider auch die zunehmend von schwerster Bedeutungsschwangerschaft gezeichneten Akteur*innen) erwecken die Texte nicht, sondern nutzen sie eher als Material für die Simulation irgendwelcher Stimmungen und Abgründe, die aber stets nur Pose bleiben." 

Weiteres: Katrin Bettina Müller besucht für die taz eine Probe von Marcos Moraus Ballett "Wunderkammer" an der Komischen Oper Berlin.

Besprochen werden: Maximilian Schafroths "Wachse oder weiche" an den Münchner Kammerspielen (taz, Nachtkritik), Mable Preachs "Unfiltered!" am Schauspielhaus Zürich (NZZ),
Nina Spijkers Inszenierung von Johann Strauss' "Eine Nacht in Venedig" läuft an der Wiener Volksoper (FAZ), das Musical "Cold Case: Gretchen brennt" von Lotte Schubert und Thorsten Drücker am Schauspiel Frankfurt, inszeniert von Jana Fritzsche (FR), Molières "Menschenfeind" in der Fassung von Botho Strauß, inszeniert von Sebastian Baumgarten am Düsseldorfer Schauspielhaus (Nachtkritik) und Ildikó Gáspár inszeniert Kleists "Die Marquise von O und -" am Deutschen Theater Berlin (FAZ, Tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.10.2025 - Bühne

Kürzlich rief Milo Rau in einem offenen Brief die Kulturschaffenden dazu auf, durch ihr Schweigen nicht zu "Mitschuldigen" zu werden bei dem "Genozid" in Gaza, den er für gegeben hält. Gegen diesen Brief gibt es jetzt Protest, berichtet Uwe Mattheiß in der taz, der an Deutlichkeit nichts zu wünschen lässt: "Eine 'Absage' an Raus Brief haben mittlerweile über 150 Persönlichkeiten aus dem kulturellen Feld unterschrieben, darunter so prominente Autoren wie Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, Doron Rabinovici, Olga Flor, Karl Markus Gauß, Monika Helfer, Michael Köhlmeier, Martin Prinz, Robert Schindel und Vladimir Vertlib. In ihrem Gegenbrief rufen sie dazu auf, sich den 'antijüdischen Boykotten in der Kulturszene', 'Judenhass und Israelhetze' entgegen zu stellen. Rau störe 'nicht das Schweigen über die antisemitischen Attacken und Attentate in vielen Ländern. Zu leise noch findet er jene, die gegen den Judenstaat hetzen.' Denn von einem solchen Schweigen wüssten die jüdischen Menschen in Europa nichts. 'Sie hören das Gebrüll jener hunderten Manifestationen in denen die Vernichtung Israels gefordert wird.' Die Unterzeichnenden ... werfen Rau vor, er spekuliere lediglich mit dem Skandal."

Macht alle nieder: Thomas Bernhards "Theatermacher" Bruscon, gespielt von Herbert Föttinger. Foto: Moritz Schell


Im Standard ist Margret Affenzeller recht beeindruckt, wie finster Thomas Bernhards Komödie "Der Theatermacher" im Theater in der Josefstadt rüberkommt. Regisseur Matthias Hartmann "schärft dieses Künstlerungetüm, das seine zu Theaterinstrumenten degradierten Familienmitglieder stets drangsaliert und erniedrigt, noch um einiges zu. Bösartiger und kantiger als Traugott Buhre bei der Uraufführung 1985 ist dieser Bruscon, dem lediglich ein plättendes Haarnetz einen leichten Knacks verleiht (Kostüme: Su Bühler). Mit Verachtung schreitet er den Tanzsaal ab, sticht mit dem Stock aggressiv in die schwüle Luft und fasst sich immer wieder, eine alte Gewohnheit Föttingers, deklamationsbereit mit der linken Hand ans Revers. Bruscon plagen hier kräftig die Dämonen." Schade, dass "das Publikum ungewohnt applausfaul" war, meint die fröstelnde Kritikerin. Nachtkritiker Reinhard Kriechbaum sah mit Wohlgefallen, wie Bruscon, diese "aus der Zeit gekippte Künstlerpersönlichkeit", am Ende zu Boden geht.

In der Welt fragt sich Jakob Hayner nach Inszenierungen von Therese Willstedt und Fritzi Wartenberg, ob es am Burgtheater noch jemanden gibt, der die Provokationen von Dramatikern wie Thomas Bernhard und Werner Schwab versteht und ernst nimmt. "Es wirkt, als ob negative Gefühle der jüngeren Regiegeneration wirklich wie historische Relikte aus einer fremden Kultur vorkommen, für die man nicht einmal mehr aufrichtiges ethnografisches Interesse aufbringen mag, sondern nur ein spöttisches Lächeln der psychohygienisch Hochtrainierten und Selbstoptimierten übrighat." Das "fügt sich in das aktuelle Programm des Burgtheaters, das in Stefan Bachmanns zweiter Spielzeit ästhetisch auf eine von allen Ausbrüchen bereinigte, freundliche Mittelmäßigkeit zustrebt, die je nach Blickwinkel wunderbar in unsere sich nach Behaglichkeit sehnende Zeit passt oder im grellen Kontrast zu ihren realen Krisen steht", so Hayner, der den Jungen einen Besuch bei Matthias Hartmanns Inszenierung des "Theatermachers" im Theater in der Josefstadt empfiehlt.

Weiteres: Im Tagesspiegel schreibt Frederik Hanssen den Nachruf auf die Kammersängerin Kaja Borris. Besprochen werden Ildikó Gáspárs Inszenierung der "Marquise von O." am Deutschen Theater Berlin (nachtkritik), die Uraufführung von Emmanuel Gats Choreografie "Abschied" mit der Dresden Frankfurt Dance Company im Bockenheimer Depot (FR, FAZ) und Laura Remmlers Inszenierung von "Kalter weißer Mann" in der Komödie Frankfurt (FR).