Staunend schreitet taz-Kritikerin Annabelle Hirsch durch die HelenaRubinstein gewidmete Ausstellung im Pariser Musée d'art et d'histoire du judaisme, bei der sie die Kosmetikunternehmerin und Gründerin eines weitreichenden Beautyimperiums als resolut pragmatische Frau kennenlernt: "Man hat die Geschichte dieser Frau, die 1872 als Chaja Rubinstein im jüdischen Viertel von Krakau in eine bescheidene Familie geboren wurde und fünfundneunzig Jahre später als eine der reichsten Frauen der Welt in New York starb, erstaunlicherweise kaum auf dem Schirm. ... Rubinstein wird ein Pfeiler des Paris der Jahrhundertwende: In ihrem prachtvollen Haus, das man in der Schau in schwarz-weißen Video-Ausschnitten besucht, gehen Schriftsteller und Künstler ein und aus. Hemingway, Joyce, Man Ray, Marc Chagall werden Freunde, Raoul Dufy, Salvador Dalí, Marie Laurencin und viele weitere malen ihr Porträt."
Weiteres: Für die tazwirft Donna Schons einen Blick auf die Shortlist des LVMH-Preises: "Gemein ist den meisten Nominierten eine nachhaltige Praxis. " Das ZeitMagazinbringt eine Strecke von der China Fashion Week.
Shock and Awe: I Herbst 2019 wird wieder Eleganz getragen, verkündet Hedi Slimane. Foto: Celine.
Die Modewelt hat die Eleganz wiederentdeckt, berichtet Tanja Rest in der SZ, selbst noch ein wenig ungläubig von den Pariser Modeschauen. Bei den Herbstkolletionen gab es schöne Mäntel und Hosenröcke. Streetwear und Turnschuhe sind ausrangiert. Das kommt einer Vollbremsung gleich, staunt Rest: "Die Party ist vorbei. Der europäische Markt nahezu tot, die Luxusbranche hängt seit Jahren am Tropf von China, und selbst dort sprudelt das Geld nicht so munter wie erwartet. Frivole Experimente kann sich kein Haus mehr leisten. Es hat - und das ist neu - aber auch keiner mehr Lust auf Party. Man muss sich vorstellen: An den Pariser Laufstegen sitzen Menschen, die Mode nicht nur lieben, sondern atmen, und sie kriegen inzwischen kaum noch Luft. Jeden Monat eine Fashion Week irgendwo auf der Welt, jede Woche eine neue Capsule Collection, jeden Tag ein anderer Hype, eine andere schreiende Klamotte, ein anderer Influencer und ein paar Tausend Instagram-Bilder pro Stunde. Designer wechseln schneller als die Trainer beim VfB Stuttgart. Wie heißt das neue Kreativ-Duo bei Nina Ricci, wer macht jetzt eigentlich Lanvin? Keiner wusste es, keinen interessierte es. Die Modemenschen waren von der Mode diesmal wirklich unglaublich erschöpft."
Trotz aller feministischer Kritk an "Germany's Next Top Model", Schönheitszwang und anderen Zumutungen: Für viele junge Frauen ist es noch immer ein Traum, Model zu werden, stellt Antje Stahl in der NZZ fest. Ein Grund: Noch immer lockt die Modeindustrie mit der Aussicht darauf, vor dem grauen Alltagsmuff in den "gesellschaftlichen Olymp" fliehen zu können. Allerdings klaffen in diesem emanzipatorischen Narrativ längst Risse, der Nepotismus der Schönen und Reichen ist im vollen Gang: "Johnny Depps und Vanessa Paradis' Tochter Lily-Rose modelt. Ava, die Tochter von Reese Witherspoon und Ryan Phillippe, Snoop Doggs Sohn Cordell, die Kinder von Jude Law, Sylvester Stallone und Julianne Moore ebenfalls. Auch Lionel Richies Tochter Sofia, Pamela Andersons und Tommy Lees Söhne sowie Lenny Kravitzs Tochter Zoë stehen regelmäßig vor der Kamera oder auf dem Laufsteg. Die Liste ließe sich fortsetzen. Und vielleicht kann sie die Hoffnung, zum nächsten Gesicht einer weltweiten Parfumkampagne auserwählt zu werden, auch nicht brechen. Aber vielleicht regt sich der ein oder andere revolutionäre Geist, wenn er versteht, gegen wen (und was) er sich durchsetzen muss."
In einem mäandernden taz-Essay beschäftigt sich Elisabeth Wagner mit dem Begriff der "Modesünde": Warum es sie meist nur im Rückblick und im Blick auf die Zukunft gibt, was das mit Gegenwartskultur zu tun hat, mit Online-Diskursen und -Übergriffen und der eigenen Scheu, eine Einladung zum Klassentreffen anzunehmen. "Tatsächlich kann das Sprechen über Mode eine Schule der Ironie sein. Sie erlaubt vieles, doch keinen Hass. 'Diese Stars blamierten sich mit Kotz-Roben'. Ein solcher, im Januar auf der Seite einer österreichischen Zeitung veröffentlichter Titel scheidet sofort aus dem Diskurs der Mode aus. Er wirkt fast komisch; seine Ungeschicklichkeit ähnelt einem Schlag in die Luft. Niemand hat sich verletzt, allerdings hat die Wucht der Wut den Satz zu Boden gerissen. Jetzt liegt er da, und die Mode, die Mode, die sich dem Eifer der Anpassung entzieht, macht einen eleganten Schritt über ihn und die Pfütze seines Hasses hinweg."
Weiteres: Brigitte Werneburg berichtet in der taz von einem Forum über Nachhaltigkeit in der Mode. Die Menschheit wird zwar Aussterben, erfährtGuardian-Kritiker Oliver Wainwrigth auf der Design-Triennale in Mailand, aber Kuratorin Paola Antonelli will dafür sorgen, dass wir wenigstens einen nachhaltigen Abgang bekommen.
Daniele Muscionico klagt in der NZZ vom Leid, sich in zu engen Umkleidekabinen und unter dem strengen Blick hilfswilliger Verkäuferinnen für den Frühling ausstatten zu müssen.
Ein Außenseiter in jeder Hinsicht: Karl Lagerfeld (Bild: Thore Siebrands, CC BY 2.0, bearb.) Jetzt ist auch Karl Lagerfeld gestorben, im Alter von 85 Jahren. Die französischen Zeitungen bringen ausführliche Nachrufe auf den Modeschöpfer, der Chanel zum führenden Label in der Branche machte. In Libérationzeichnet Marie Ottavi von Lagerfeld das Bild eines Mannes, der Konventionen sprengte, aber immer auch maßlos war, vielleicht sogar geschmacklos in seinem Kult um dem Luxus: "Karl Lagerfeld war extrem in seinem Stil und seinem Gebaren, ein Außenseiter in jeder Hinsicht, erkennbar vermögend, bekennender Verschwender und Verfechter des No Limits, er hatte ein Leben lang nur im Luxus und seinen Attributen gelebt. Die Extravaganzen des Deutschen begründeten zum Teil seine Legende. Mit seinen giftigen Bemerkungen und polemischen Äußerungen, die mit starkem Akzent wie aus der Pistole geschossenen aus ihm herausbrachen, brachte er die Welt ebenso gegen sich auf wie er sie für sich einnahm. Seine Langlebigkeit, in der Branche auf diesem Level unvergleichlich, erlaubte ihm bis zum letzten Tag, das Haus Chanel zu führen. Lagerfeld hat der Mode seinen Stempel aufgedrückt, weniger durch einzelne ikonische Stücke, die die weibliche Garderobe revolutioniert hätte, sondern durch ein System, eine Vision, eine unerschöpfliche Kreativität und vielfältige Kooperationen, die er in alle Richtungen verfolgte , manchmal weit entfernt von der Sphäre des Luxus."
In Le Mondeerzählt Carine Bizet ausführlich Lagerfelds Leben nach: "Mit Karl Lagerfeld verschwindet eine doppelte öffentliche Figur: Der elitäre Modezar und die planetare Popikone. Karl Lagerfeld, der Mann, ist schon vor langer Zeit verschwunden, sein großes Werk sind nicht seine Kollektionen, sondern die Persönlichkeiten, die er sich im Laufe der Zeit geschaffen hat." Die New York Timeserklärt Lagerfelds Leistungs so: "Sein Beitrag zur Mode bestand nicht darin, wie Cristobal Balenciaga, Christian Dior und Coco Chanel eine neue Silhouette zu schaffen. Er schuf eher eine neue Art des Designes: des Gestaltwandlers. Er war eine kreative Macht, die an der Spitze einer Traditionsmarke landete und sie neu erfand, indem er die Semiotik ihrer Schnitte identifizierte und sie mit einem gesunden Maß an Respektlosigkeit und einem Funken Pop in die Gegenwart holte." Der Guardianerinnert daran, dass er sich lange, aber vergeblich gegen Jogginghosen zu stemmen versuchte: "Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren."
Weitere Nachrufe unter anderem in FAZ, Standard, NZZ und taz. Der WDR hat Johannes Nichelmanns und Florian Siebecks 2018 entstandenes, großes Radiofeature über Lagerfeld online gestellt.
Gender Calling: Softairgewehr für Mädchen (2011). Bild: Dominique Gehrke
Wir waren auch schon mal weiter, seufzt Laura Weissmüller beim Flanieren durch die Ausstellung "Nicht mein Ding - Gender im Design" im Archiv der Hochschule für Gestaltung in Ulm: Wo heutige Marketingexperten Spielzeug in der Vermarktung als gender-spezifisch zuspitzen, konnten Jungs und Mädchen sich früher noch in trauter Eintracht aus denselben Kisten zum Spielen bedienen. Gerade im Design zeigt sich: Gender wird gemacht, schreibt Weissmüller. "Die Stärke dieser Ausstellung ist ihre Offenheit. 'Nicht mein Ding' will nichts proklamieren, sondern eher zum Gespräch auffordern. Indem die Ausstellung über den Alltag einen Art Filter laufen lässt, macht sie die Trennung zwischen den Geschlechtern sichtbar. Und allein dadurch wird klar, wie viel gewonnen würde, wenn das Thema Gender im Design endlich mehr Aufmerksamkeit bekommt: Wer sich in einem Entwurf mit seinen Bedürfnissen wiederfindet, wird sich wohl akzeptiert, wertgeschätzt fühlen."
Durchaus interessiert besucht Sarah Pines für die NZZ die Vegan Fashion Week, wo es weniger um Glanzleistungen einzelner Marken, sondern eher um didaktische Vorträge und die Präsentation neuartiger Materialien ging: "Ananasfaser, Orangenfäden, Apfelstoff (sogenanntes Frumat), Maisplastik. ... Warum nicht einfach wieder Pressstoff, ein im Zweiten Weltkrieg gebräuchlicher, aus Papier hergestellter Lederersatz? Die Antwort der neuen Industrie ist eindeutig: Man wolle, so der Tenor, nicht mehr den Eindruck erwecken, mit Kunstleder oder synthetischem Pelz Mode zweiter Klasse zu entwerfen, die sich immer am Original messen müsse. Gar kein Fellimitat mehr, auch keine Lederoptik, sondern Pflanzenlook - aber nicht muffige Erdfarben oder grobe Sackschnitte, sondern ätherisch Feines und Funktionales."
Im Zündfunk-Feature des BRbefasst sich Maria Fedorova mit dem neuen Trend "Warcore", der verstärkt auf militärischen Look setzt: "Männer und Frauen in den westlichen Metropolen sehen jetzt also so aus, als wollten sie in den Krieg ziehen."
Für das ZeitMagazinspricht Claire Beermann ausführlich mit NatachaRamsay-Levi, der ersten französischen Leiterin von Chloé seit 1992. Sie plädiert für Entschleunigung im Markt: "Man kann auf eine ernsthaftere Art einkaufen, bei der es nicht darum geht, das Allerneuste zu besitzen. So, wie es im Moment ist, mit den dauerkonsumierenden Kunden und den Modehäusern, die immer mehr Kollektionen zeigen, beißt sich die Katze doch in den Schwanz. Wir Designer sind ständig unter Druck, deshalb sind die Kollektionen weniger durchdacht, weniger gut produziert. Wenn wir etwas Nachhaltiges schaffen wollen, brauchen wir mehr Zeit."
Teekanne, um 1879 von Christopher Dresser entworfen. Bild: Chris 73 / Wikimedia Commons.
Dass die Wurzeln des Bauhauses in einer japanischen Teekanne liegen, erfährt Simone Reber im Tagesspiegel in der Ausstellung "Von Arts and Crafts zum Bauhaus" im Bröhanmuseum: "Schon vierzig Jahre vor der Bauhaus-Gründung entdeckten die britischen Designer Edward William Godwin und Christopher Dresser die Reduktion japanischer Formen. 1853 hatte Japan seine Isolationspolitik beendet, damit tauchte japanisches Kunsthandwerk in den britischen Hafenstädten auf. Die Designer erkannten darin einen Ausweg aus dem Trend zu überbordendem Dekor, der noch die Industrieausstellung 1851 in London beherrscht hatte. Dresser reiste selbst nach Japan. Danach entwarf er nicht nur die perfekte Teekanne. Im Bröhan-Museum ist auch ein Löffelwärmer zu sehen - ein versilbertes Ei mit Henkel. Noch so eine unübertroffene Form, die Einfachheit mit dem Stand der Technik verband."
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