Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 06.09.2016 - Babelia

Der im Baskenland geborene und seit 1985 in Deutschland lebende Schriftsteller Fernando Aramburu spricht über seinen neuen Roman "Patria", der anhand von zwei Familien die Geschichte der ETA erzählt: "Im Baskenland ist es seit dem im Oktober 2011 von der ETA verkündeten Waffenstillstand ein bisschen wie im Nachkriegsdeutschland: Die Menschen wollen vergessen bzw. ‚nach vorne blicken, wie man so sagt. Es heißt, man könne nicht ständig an die Toten und das Blutvergießen denken, man müsse ‚umblättern usw. Ich bin anderer Meinung, ich glaube, wir brauchen einen Raum der Erinnerung, einen Ort, wo die Leute Antworten auf ihre Fragen finden - was ist damals geschehen? Wer hat es getan? Wer hat darunter gelitten? Die vielleicht wichtigste Niederlage der ETA steht in jedem Fall noch aus - die auf dem Gebiet der Erzählungen. Und natürlich die in der Literatur. Je mehr Zeugnisse wir beibringen, desto schwieriger wird es, die alten Lügen, Mythen und Legenden aufrechtzuerhalten. Das ist heute unsere Aufgabe. Künftige Schriftsteller werden auf keine persönliche Erfahrung mehr zurückgreifen können, sie werden sich an die Archive wenden, ihre Großeltern befragen müssen. Und dabei kommt nicht immer etwas Vertrauenswürdiges heraus."

Magazinrundschau vom 24.01.2012 - Babelia

Der spanische Philosoph Javier Goma Lanzon bricht eine Lanze für die Eitelkeit von Schriftstellern: "Anders als in den Naturwissenschaften gibt es kein objektives Kriterium, das den Wert eines literarischen Werkes bestimmen könnte. Was für die wissenschaftliche Erkenntnis der Test im Labor ist, ist für die Literatur die übereinstimmende Beurteilung durch die anderen: Über den Wert literarischer Werke entscheidet einzig und allein die Gesellschaft im Verlauf so unkontrollierbarer wie diffuser Prozesse der Konsensbildung. Eben deshalb sind wir Schriftsteller so abhängig von der Meinung der anderen und betteln schamlos um ihren Beifall, wird doch die Wahrheit unserer Werke, auch für uns selbst, erst durch diese Zustimmung offenbar. Lass dich deshalb keinesfalls davon abbringen, mich zu loben, lieber Leser, erst recht nicht, wenn ich daraufhin anfange, den Bescheidenen zu spielen: Lobe mich nur immer weiter und weiter, mein Leben hängt davon ab."
Stichwörter: Naturwissenschaft

Magazinrundschau vom 25.10.2011 - Babelia

Der spanische Philosoph Jose Luis Pardo schlägt vor, buchstäblich Kapital aus der allgegenwärtigen Ungewissheit zu schlagen: "Die ständige Fluktuation der Finanzwerte hat die Tatsachen, einst unumstrittener Bezugspunkt der Wirklichkeit, in etwas so Rätselhaftes und Flüchtiges verwandelt, dass der Gemütszustand der beteiligten Akteure längst zu einem von den Tatsachen unabhängigen Faktor geworden ist: Wenn jemand - selbst aus Tausenden Kilometern Entfernung - bloß mit Hilfe der geistigen Energie seiner 'Zukunftserwartungen' den Preis einer Ware verändern kann, wieso sollten wir dann unsere eigenen Aussichten nicht auch verbessern können, indem wir einfach mit aller Kraft daran glauben? Warum sollten wir die erschlaffte Blase unserer Zukunftserwartungen nicht durch verstärkte Zufuhr positiver Selbsteinschätzung wieder prall bekommen? Natürlich wehrt die Wirklichkeit sich gegen solch ein Unterfangen, doch die 'Indikatoren', anhand derer gegenwärtig unser Bankrott und unser Scheitern auf allen Ebenen konstatiert werden, stammen keineswegs von der störrischen Wirklichkeit selbst, sondern von eben den Leuten - den professionellen Risikoeinschätzern -, die uns bis vor kurzem unaufhörlich versichert haben, die Wirklichkeit sei so flexibel und elastisch wie unsere Wünsche und einzig und allein abhängig von der Art, wie wir die Welt betrachten."
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Stichwörter: Ungewissheit

Magazinrundschau vom 11.10.2011 - Babelia

Der spanische Philosoph Javier Goma Lanzon (mehr) hat einen guten Rat nicht nur für SPD und Grüne: "Jahrhundertelang hat man von den Menschen nicht Ehrlichkeit, sondern Tugendhaftigkeit erwartet. Im 18. Jahrhundert jedoch beschlossen eben diese Menschen, u. a. mit Rousseau und Goethe, ihre einzige Pflicht sei es, 'sie selbst' zu sein. Seitdem genießen die Dreisten und Unverschämten, indem sie offen hinausposaunen, dass sie nun einmal so seien, wie sie sind, nahezu völlige Unangreifbarkeit, und wir anderen müssen die Folgen ihrer Bekenntnisfreude geduldig hinnehmen. Schon Moliere hat im 'Menschenfeind' die Auswüchse dieser Haltung lächerlich gemacht. Ich stimme ihm zu, heute mehr denn je: Wir brauchen die wohltuende Verstellung, das gelegentliche Einknicken und Nachgeben, die frommen Lügen, die das Leben liebenswert machen, weil sie einen glauben lassen, dass beide Seiten sich wohlwollend gegenüberstehen. Mir ist die menschenfreundliche Lüge jedenfalls lieber als die menschenfeindliche Ehrlichkeit."
Stichwörter: Menschenfeind, Moliere

Magazinrundschau vom 15.02.2011 - Babelia

Andrea Aguilar hat in New York den Schriftsteller und Lektor Gordon Lish interviewt, über dessen editorische Eingriffe in das Werk insbesondere Raymond Carvers schon viel und heftig gestritten worden ist. "'Was macht einen guten Schriftsteller aus? Und was einen guten Lektor?' - 'Wie bei allem im Leben muss man von seiner Sache wirklich überzeugt sein, bereit, alles aufs Spiel zu setzen. Immer so viel riskieren, wie nur möglich. Liegt in den Sätzen Musik, oder nicht?' - 'Gilt das für beide gleichermaßen?' - 'Wenn man die Texte eines anderen lektoriert - welche Musik soll dann zu hören sein, die eigene oder die des anderen? Ein Text ist wie ein Körper, und die Beziehung, die man als Lektor oder als Schriftsteller dazu hat, muss man als soziale Beziehung begreifen. Bloß keine falschen Rücksichtnahmen - das Ganze ist ein Wettstreit, meine Persönlichkeit gegen deine. Kriminell, absolut, aber so geht es, glaube ich, immer zwischen Menschen zu, Schriftsteller und Lektoren bilden da keine Ausnahme.' - 'Wie hätten Sie Salinger lektoriert?' - 'Bei ihm hätte ich kein Komma geändert.' - 'Wie sind die angehenden Schriftsteller unserer Tage?' - 'Sie wollen keine "Amateure" sein - sie beschäftigen Marketingprofis. Ich komme mir vor wie der Fänger im Roggen, der zu verhindern versucht, dass diese jungen Leute zu bloßen Produkten verkommen.'"
Stichwörter: Lektor, Fänger im Roggen

Magazinrundschau vom 18.01.2011 - Babelia

Woran denken Politiker? Was sollen sie bedenken? Von einer öffentlichen Diskussion in Paris über diese Frage berichtet der spanische Soziologe Daniel Innerarity. Neben Innerarity auf dem Podium saßen Anthony Giddens, die Philosophin Myriam Revault d'Alonnes und Daniel Cohn-Bendit. Während Letzterer frotzelte, die Politiker dächten weniger an die Zukunft der Bevölkerung als an ihre eigene Zukunft, plädiert Innerarity für einen neuen, zeitgemäßen Blick aufs Politische. Der Expertenblick muss entzaubert werden, ohne dass man auf ihn verzichtet, meint er: "Zudem kommt heute wieder eine politische Tugend ins Spiel, die die ideologischen Gewissheiten lange Zeit hatten überflüssig erscheinen lassen: die Bescheidenheit. Die Gesellschaft muss wieder damit umgehen lernen, dass man Vieles eben nicht so genau weiß. Das macht die politische Arbeit heute so unbefriedigend: Mit all den Einschränkungen der Gegenwart zurechtkommen und Entscheidungen ständig mit anderen abstimmen zu müssen, hat längst nicht den Sex-Appeal souveräner Machtausübung früherer Zeiten."

Magazinrundschau vom 14.09.2010 - Babelia

Der mexikanische Publizist Fabrizio Mejia Madrid betreibt Sprachforschung: "Mit der Einreise in die USA wird ein Mexikaner, Kolumbianer oder Kubaner zum 'Latino'. Früher bezeichneten die US-Behörden uns als 'Hispanics', ein Begriff, der sich auf die Sprache, nicht jedoch auf die Hautfarbe bezog - Richard Nixon gebrauchte ihn zum ersten Mal in einer Rede, Jimmy Carter führte ihn dann bei der Volkszählung von 1980 ein. Im Jahr davor war Carter einmal - wie er selbst berichtete - beim Angeln in einem Sumpfgebiet von einem Kaninchen attackiert worden. Dieses versuchte an Bord von Carters Ruderboot zu gelangen, wogegen der Präsident sich mit Ruderschlägen zur Wehr setzte. Über dieses 'killer rabbit' wurden viele Witze gerissen, niemand erinnerte sich damals freilich daran, dass die etymologische Bedeutung von 'Hispania' 'Kaninchenland' ist - andernfalls wäre man vielleicht gar nicht zu dem Terminus 'Latins' übergegangen, deren Zahl zwischen 1990 und 2000 um nahezu sechzig Prozent gestiegen ist. Seit Bill Clinton geht es jedenfalls nicht mehr um die Gruppe der US-Bürger, die Spanisch sprechen, sondern um 'Latins', also eine Ethnie mit dunklerer Hautfarbe, vollen Lippen, unglaublichen Hinterteilen, tänzerischer Begabung und engem Familienzusammenhalt - wobei vorausgesetzt wird, dass Jennifer Lopez, Shakira, Salma Hayek und Penelope Cruz aus einunddemselben Ort stammen."

Magazinrundschau vom 20.07.2010 - Babelia

Der argentinische Schriftsteller Martin Kohan spricht im Interview mit Leila Guerriero über seinen neuen Roman und seine Lust am Obsessiven: "Das Obsessive interessiert mich in mancherlei Hinsicht. In der Literatur bringt es mich dazu, zu versuchen das Gleiche gewissermaßen auf immer wieder andere Art und Weise auszudrücken, den Dingen so genau wie nur möglich auf den Leib zu rücken - das finde ich unwiderstehlich. Diese exzessive Konzentration auf das Detail, dieses leidenschaftliche Herumreiten auf Einunddemselben führt unweigerlich dazu, dass man ein wenig die Verbindung zur Umgebung verliert. Sich mit jedem einzelnen Wort aufhalten, jedes einzelne Wort auswählen, sorgfältig abwägen, die Intensität der Schrift auskosten - so schreibe ich am liebsten. Dass das, was ich erlebe oder was ich bin, und das, was ich schreibe, zusammenfallen, interessiert mich eher wenig - mir gefällt die Literatur als Kontrast, als Kompensation, als der Ort des Anderen und der Anderen, der Ort, wo ich von mir selbst und von dem, was ich erlebe, ausruhen kann."

Magazinrundschau vom 06.04.2010 - Babelia

Hector Abad spricht - beziehungsweise schreibt - im Interview übers Interviewtwerden: "Während ich spreche, kann ich nicht denken. Darum habe ich ein Heft dabei: Ich werde dir jedesmal sofort schriftlich antworten." Nach einer Schreibpause geht es weiter (Abad hält dem Interviewer sein Heft hin): "Beim Sprechen lasse ich mich viel zu sehr ablenken, auch von Gesicht und Blick meines Gegenüber. Ich muss so vieles gleichzeitig unter Kontrolle haben: Meine Stimme, was um mich herum vorgeht... Beim Schreiben dagegen verschwindet die Welt wie von Zauberhand und es gibt bloß noch drei Finger, die einen Kugelschreiber halten, der sich über ein Blatt Papier bewegt, oder einen Computerbildschirm. Ich war schon immer der Meinung - und die, die mich kennen, wissen das -, dass ich zwei Persönlichkeiten besitze: eine schriftliche, und eine, die spricht. Beim Sprechen bin ich außerdem viel zu versöhnlich und gebe dem anderen viel zu schnell recht. So bin ich, aber so bin ich auch erzogen worden: Widersprechen galt als schlechtes Benehmen. Wir Lateinamerikaner sind unglaublich höflich, unsere Gedanken verpacken wir immer in guten Manieren. Außerdem bin ich inmitten von lauter Frauen aufgewachsen, die viel besser sprachen als ich. Das tun Frauen immer: Sie sprechen schneller, witziger, ihnen fällt einfach mehr ein."

Magazinrundschau vom 29.12.2009 - Babelia

Die fünfzig wichtigsten Literaturkritiker Spaniens haben für Babelia beziehungsweise für das Jahr 2009 entschieden: Kein Roman, sondern - zum ersten Mal - ein Sachbuch ist der wichtigste Titel des Jahres: "Anatomia de un instante" von Javier Cercas (s. a. hier), über den gescheiterten Putschversuch gegen die junge spanische Demokratie vom 23. Februar 1981. Alberto Manguel nimmt stellvertretend für seine Kollegen kein Blatt vor den Mund: "Ein grandioses Thema garantiert noch lange keine ebenso grandiose Darstellung. Im Fall von 'Anatomia de un instante' ist jedoch eines der wichtigsten Werke der spanischsprachigen Literatur unserer Zeit dabei herausgekommen. Das Buch ist in jeder Hinsicht beispielhaft. Cercas ist es gelungen, in einem ruhigen, flüssigen, genauen Stil einen entscheidenden Augenblick der spanischen Geschichte zu erhellen. Man glaubt, eine politische Chronik zu lesen, deren Handlung durch ihre dramatische Kraft bewegt; in Wirklichkeit jedoch werden wir wie bei den großen griechischen Tragödien zu Zeugen einer grandiosen Tat des Widerstands gegen die sich ständig wiederholende Infamie der Geschichte."
Stichwörter: Cercas, Javier