Magazinrundschau - Archiv

Magyar Narancs

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Magazinrundschau vom 31.05.2016 - Magyar Narancs

Im Interview spricht der Architekturhistoriker András Ferkai über die umstrittene Interpretation und Adaption eines durchaus internationalen Trends durch die ungarische Regierung, nach dem alte, teilweise oder vollständig zerstörte Gebäude nach den ursprünglichen Plänen gänzlich (z.B. die Warschauer Innenstadt nach 1945, die Dresdener Frauenkirche) oder fragmentarisch (z.B. Berliner Stadtschloss) wieder aufgebaut werden. Anlass des Gesprächs ist ein von der Regierung beschlossenes, jedoch umstrittenes Programm, nach dem zerstörte Burgen im Lande rekonstruiert werden sollen. Das Vorzeigeobjekt des Projektes ist die Burg in der Hauptstadt, wobei die herangezogenen historischen Baupläne für den Wiederaufbau, in der ursprünglichen Form nie verwirklicht wurden. "Hierzulande gilt die puristische Wiederherstellung von Denkmälern bei einem Teil der Architekten und Denkmalpfleger als selbstverständlich. Hinzu kommt die weit verbreitete Sicht, dass wir eine schwere Geschichte hatten, die Tataren, die Türken, die Habsburger, die Kriege und nicht zuletzt der Sozialismus zerstörten unsere Gebäude - wir haben es somit verdient, die Zeugnisse unserer Vergangenheit sehen zu können und nicht bis zu den Knöcheln in Ruinen rumlaufen zu müssen. Wir schreiben die Geschichtsbücher um, und bauen die Ruinen wieder auf. (...) Die tragische Geschichte wäre aber gerade durch die Ruinen sichtbar."

Magazinrundschau vom 10.05.2016 - Magyar Narancs

Im Gespräch mit Gábor Köves erklärt Péter Nádas u.a., was das Schriftbild für ihn bedeutet und welche Rolle die Satzzeichen dabei haben. "Im 'Buch der Erinnerung' - so erinnere ich mich - gibt es noch Ausrufezeichen und Fragezeichen, doch ihre Anzahl ist stark limitiert. In den 'Parallelgeschichten' gibt es sie überhaupt nicht mehr. Sie sind nutzlose akademische Zusätze, die im Mündlichen so nicht existieren. Frage ich jetzt danach? Nein, es ist eine Aussage, ob ich danach frage. Es liegt in der Intonation. Wenn ich durch die Sprachmusik einen Satz nicht so konstruieren kann, dass er eindeutig eine Frage oder ein Ausruf ist, dann gibt es immer noch die Möglichkeit des schriftstellerischen Kommentars. Die Dialoge forme ich eher durch diese Kommentare als mit Hilfe der akademischen Interpunktion. Die Schrift ist auch ein Bild, Schriftbild eben, und es ist unnötig, das Bild selbst, die Seite, mit Schriftzeichen unübersichtlich erregend zu gestalten. Ich brauche die Erregung in einer anderen Dimension, nicht im Schriftbild. Das Schriftbild muss ruhig sein, damit der Leser überhaupt in seine eigene andersartige Erregung hineinklettern kann."

Magazinrundschau vom 05.04.2016 - Magyar Narancs

Vergangene Woche entschied der Nationale Kulturfonds (NKA), das Budget zur Förderung von Kunstzeitschriften und Magazine ab dem laufenden Jahr um die Hälfte zu kürzen. Für den Literaturwissenschaftler und Publizisten György C. Kálmán droht in Folge ein wesentlich größerer Verlust, als die Einstellung einiger vermeidlich unbedeutender Kulturzeitschriften: "Die Kunstzeitschriften sind Bühnen der Kritiker: hier wird alles abgewogen, was in der Kultur passiert. Hier stehen die Bewertungen der wichtigsten und interessantesten 'Produkte' und Prozesse, manchmal oberflächliche, dann gründliche, manchmal irrende, dann ins Schwarze treffende - sie sind für das Funktionieren der Kultur unentbehrlich. Nicht weil sie von Künstlern gelesen werden (meistens wohl nicht), (...) nicht weil die kleine intellektuelle Elite Kritiken mag, sondern damit der Gewürzhändler, der LkW-Fahrer oder die Hebamme, sollten sie einen Roman lesen, eine Ausstellung sehen oder ins Theater oder zum Konzert gehen und etwas nicht verstehen, interessiert oder gar empört sind, eine Interpretation finden können. Das gehört zur Aneignung von Kultur, diese wichtige vermittelnde Funktion haben 'Kulturzeitschriften'."
Stichwörter: Ungarn

Magazinrundschau vom 03.05.2016 - Magyar Narancs

Bedingt durch eine veränderte Alltagskultur benutzen wir immer weniger herkömmliche Sprichwörter und Redewendungen, meint der Sprachwissenschaftler László Cseresnyési. Der Soziolinguist, der an der Tokioter Shikoku Gaukin Universität unterrichtet, verdeutlicht seine Ausführungen mit zahlreichen Beispielen aus der englischen, deutschen, chinesischen, japanischen und ungarischen Sprache. "Tatsächlich bestand für die Humanisten der späten Renaissance die Anziehungskraft von geflügelten Worten und Sprichwörtern in deren Lebendigkeit und Geistesreichtum. Der Mensch unserer Zeit hält davon nicht so viel. Wer sie zu oft verwendet, gilt weniger als gebildet und klug denn als einfältig und einfallslos. (...) Geflügelte Worte und Sprichwörter sind wie Verwandte vom Lande, die etwas in die Jahre gekommen sind - wir schämen uns nicht für sie, aber wir brüsten uns auch nicht mit ihnen."

Magazinrundschau vom 02.02.2016 - Magyar Narancs

Der Philosoph Gáspár Miklós Tamás beleuchtet in einem umfangreichen Essay historische Hintergründe einer als traditionell angesehenen ablehnenden Haltung gegenüber Ideen, die als "westlich" und "liberal" stigmatisiert werden. Er wendet seine Erkenntnisse auf eine seit Wochen kontrovers geführten Debatte über die demografische Situation Ungarns an. Gestritten wird um die zunehmende Auswanderung, die ablehnende Haltung gegenüber Einwanderern und die unterschiedlichen Auffassungen zur "Rolle der Frau" in der Gesellschaft. "'Die Form der intellektuellen Anschauung ist Ewigkeit', schrieb der junge Schelling. Die Form der intellektuellen Anschauung ist das Ausland, sagt das ungarische, emotional-intuitive, psychologisierende, literarische, geborgen-heimische Kulturdogma, das den Wettbewerb der Theorien als Luxus des reichen Auslands, als Spiel mit Wörtern verachtet."

Magazinrundschau vom 26.01.2016 - Magyar Narancs

Der Schriftsteller und Fotograf Attila Bartis spricht mit Zsófia Iványi u.a. über seinen neuen Roman (A vége. Das Ende. Magyvető, Budapest, 2015), seine Beziehung zu seinem verstorbenen Vater und die autobiografischen Züge im Werk. "Nach dem Tod meines Vaters änderte sich in mir die Bewertung der Vater-Sohn Beziehung samt ihrer emotionalen Füllungen. Vieles wird neu bewertet, nachdem du deinen Vater beerdigt hast. (…) Zahlreiche Sätze, Situationen, Objekte, Städte und anderes, die im Roman vorkommen stehen in einer Beziehung mit meinem Leben, eine Autobiografie entsteht daraus dennoch nicht. Das Schreiben meiner Autobiografie interessiert mich nicht. Mich interessiert, wie die Ereignisse und Emotionen meines Lebens in einer von mir erschaffenen Welt anfangen zu funktionieren. Mit dem Begriff des Vater-Romans wäre ich sehr vorsichtig. Er ist mindestens genauso ein Mutter-Roman, Liebes-Roman und Schöpfungs-Psychologie-Roman."

Magazinrundschau vom 12.01.2016 - Magyar Narancs

Der Journalist und Moderator Sándor Friderikusz - in Ungarn so berühmt wie in Deutschland einst Hajo Friedrichs - spricht im Großinterview über den Verfall der Öffentlichkeit in Ungarn. Seine Fragen so zu stellen, als wäre er neutral, funktioniert nicht mehr für ihn, sagt er: "Wenn Krieg herrscht - und seit acht oder zehn Jahren herrscht in den Massenmedien Krieg - warum um Gottes Willen soll dann Frieden simuliert werden? Unter normalen Umständen soll Journalismus selbstverständlich objektiv sein, Abstand wahren, in der Mitte stehen. Doch hier wurden jegliche menschlichen Werte umgedreht, die Sprache zum erniedrigten Selbstzweck degradiert, die konsensualen Bedeutungen der Begriffe zum Gegenteil gedreht. Seit geraumer Zeit fehlen hier die elementarsten Voraussetzungen etwa eines angelsächsisch geprägten Journalismus... Es wurde eine Welt erschaffen, die für einen normalen, unabhängigen, souverän denkenden Menschen surreal ist... Das ist die Logik des permanenten Krieges, nichts anderes."
Stichwörter: Ungarn, Massenmedien

Magazinrundschau vom 08.12.2015 - Magyar Narancs

Der Medienwissenschaftler Ferenc Hammer spricht im Interview mit Ákos Keller-Alánt über die Polarisierung der Öffentlichkeit in Ungarn und wie die Künste bei diesem Prozess instrumentalisiert werden: "Nehmen wir als Beispiel die Künste, die Kulturpolitik. Es gibt da kein Regieren, sondern es scheint, dass gezielt, um zu ärgern, wichtige Positionen mit Menschen besetzt werden, die mit ihrer Tätigkeit und ihrem Habitus den seriösen gesellschaftlichen Dialog einfach aufheben. Imre Kerényi, György Fekete, die Biennale von Venedig: das ist nicht Kulturpolitik, sonder schaut wie Punk aus. Als würde die Regierung sagen, ihr könnt es euch gar nicht vorstellen, wie wir euch zum Staunen bringen werden. Mit Erfolg, es geht immer noch tiefer. Wie in Russland gibt es auch hier eine Absicht, die normale öffentliche Rede auszulöschen, die Ansichten so weit wie möglich zu polarisieren. Die Folge ist, dass wir über elementare Fakten des Lebens keine verlässlichen Informationen haben. Wie viele Flüchtlinge kamen nach Ungarn? Was bedeutet Flüchtling?"
Stichwörter: Polarisierung, Ungarn, Venedig

Magazinrundschau vom 10.11.2015 - Magyar Narancs

Die Galeristin Erika Deák spricht im Interview mit Krisztina Dékei über die Stellung der zeitgenössischen Kunst in Ungarn: "Es hilft keine Schönrederei, die zeitgenössische Kunst ist in Ungarn beinahe unsichtbar. ... Ob das überhaupt wichtig ist? Historisch rückblickend nahm die zeitgenössische Kunst in unserer Gesellschaft wahrlich nie eine zentrale Position ein. In einem Land, in dem die meisten Menschen lediglich einen winzigen Bruchteil von der Welt sehen, ist es eine widersinnige Erwartung, dass sie etwas - ohne Angst vor dem Unbekannten - offen betrachten sollen, sie verstehen nicht, was sie sehen." Auch aus diesem Grund ist Dékei eine große Verfechterin von Gruppenausstellungen, "in denen ungarische Künstler zusammen mit ausländischen gezeigt werden. Daraus können Wanderausstellungen entstehen, die unsere ungarischen Künstler in einen Kontext setzen."
Stichwörter: Ungarn, Ungarische Kunst

Magazinrundschau vom 24.11.2015 - Magyar Narancs

János M. Rainer, Historiker und Leiter des Budapester Instituts 1956, erklärt im Interview mit Tibor Legát, warum Imre Nagy, während des ungarischen Aufstands Ministerpräsident und nach 1989 noch als Held gefeiert, heute beim offiziellen Gedenken an 1956 keine zentrale Rolle mehr spielt: "Nach dem offiziellen Standpunkt ist die ungarische Geschichte eigentlich diskontinuierlich. Die Ära zwischen 1944 und 1990, die manchmal bis 2010 gedehnt wird, wird als dunkle Zeit ausgeblendet, die die ungarische Gesellschaft einfach erlitt. 1956 kann in diesem dunklen Loch höchstens als aufblitzende Fackel erscheinen, ohne Vorgeschichte und ohne Konsequenz - abgesehen von der moralischen nach 1989. In dieser Konstruktion ist ein kommunistischer Held - und Imre Nagy war und blieb einer - überaus störend, denn die Kommunisten vertreten die 'dunklen Kräfte'. Darum hat er im heutigen erinnerungspolitischen Hyperaktivismus keinen speziellen Platz. (..) Man muss über ihn nicht sprechen und wenn, dann war auch er nur ein Opfer, wie alle anderen."