Magazinrundschau - Archiv

Magyar Narancs

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Magazinrundschau vom 13.09.2016 - Magyar Narancs

Jeder weiß, warum Albert Wass über 200 Statuen hat, ärgert sich der Literaturwissenschaftler und Publizist György C. Kálmán über Gergely Pröhle: "Diese Tatsache ist nicht ganz unabhängig davon, dass die regierende Macht ausgerechnet diesen Kult pflegt und unterstützt. Der machtnahe und durch die Macht ernannte neue Direktor beruft sich noch darauf, wodurch er diesen Kult weiter pflegt und unterstützt."

Das Format des Taschenbuchs - das über eine lange Tradition in Ungarn verfügt - wurde nicht zuletzt durch die zunehmende Verbreitung von E-Books immer wieder als Auslaufmodell bezeichnet. In der jüngsten Vergangenheit jedoch erschienen im Programm unabhängiger Verlagshäuser - so beim Verlag Helikon - Taschenbücher als Auftaktausgaben diverser neuer Reihen. Bence Svébis ging dem offenbar neuen Trend nach und sprach mit mehreren Vertretern von Verlagen: "Helikon will keineswegs gegen E-Books agieren, im Gegenteil, es gibt Titel in der Taschenbuchreihe, die auch als E-Book erhältlich sind. Doch diese sind Konkurrenten, denn das Taschenbuch hat etwas Praktisches, Leichtgewichtiges, das durch seine Funktionalität in dieselbe Richtung weist wie das E-Book. Es ist wie ein Kiesel zwischen Steinen und Felsen. Das Taschenbuch ist so gesehen eine friedenszeitliche Antwort auf das E-Book. In seiner Art ist es wie ein Gluten-freier Gutenberg. (...) Der redaktionelle Ansatz ist vor allem kulturmissionarisch: Man will jungen Lesern eine Grundbibliothek anbieten, die sie auf weitere Werke neugierig macht."

Magazinrundschau vom 06.09.2016 - Magyar Narancs

Der heute 88-jährige Dichter, Übersetzer und Essayist László Lator hielt über zwanzig Jahre Meisterkurse an der Universität ELTE in Budapest. Zu seinen Schülern gehörten u.a. die Dichter und Schriftsteller Anna Szabó T., Krisztina Tóth, Kriszta Bódis, Árpád Kun, István Vörös, István Kemény und Attila Bartis. Lator, ein bedeutender Vertreter der erotischen Lyrik in Ungarn, spricht im Interview mit Gábor Köves anlässlich der Veröffentlichung eines neuen Essaybandes u.a. über die Stellung der politischen und der Liebeslyrik heute: "Alles hängt davon ab, wie ein Gedicht geschrieben ist. In der Dichtung ist nicht das Thema essentiell. Wenn wir die größten Gedichte der Weltliteratur in einer begrifflich-prosaischen Sprache zusammenfassen, dann kommen nur Plattitüden heraus. (…) Mir stößt nicht auf, wenn die politische Dichtung in den Vordergrund rückt, doch die direkt politischen Gedichte unterstütze ich nicht. Wenn wir über unsere politischen Ansichten reden wollen, dann können wir ja einen Zeitungsartikel schreiben. Im Gedicht hat Politik sehr wohl ihren Platz - wie bei Attila József oder bei Mihály Babits oder in nicht wenigen Gedichten von György Petri - aber etwas Politisches ist an sich noch keine ästhetische Kategorie."

Magazinrundschau vom 20.09.2016 - Magyar Narancs

Der Juris Jenő Kaltenbach war von 1996 bis 2014 Mitglied des Europäischen Rates gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) und von 1995 bis 2007 Ombudsmann für Minderheiten in Ungarn. Kaltenbach war die erste prominente Persönlichkeit, die nach dem Bekanntwerden der staatlichen Auszeichnung des rechtsextremen Hasspredigers Zsolt Bayer ihren Staatsorden zurückgab. Er löste damit eine Protestwelle aus, in der mehr als einhundert früheren Ausgezeichneten ihre Orden ebenfalls zurückgaben. Im Gespräch mit Krisztián Magyar erklärt er: "Die Rückgabe war eine spontane Aktion. Ein Protest in erster Linie gegenüber den Anomalien des Systems. Bayer ist zweitrangig, er versieht hierbei die Rolle des nützlichen Idioten. Ein System aber, das eine solche Geste tätigt, teilt selbst die rassistischen, hetzerischen, minderheitenfeindlichen, unmoralischen Ansichten, die von Bayer vertreten werden. Es ist fürchterlich gefährlich, was hier betrieben wird", warnt Kaltenbach auch die Europäer, die dem Treiben der Regierungspartei Fidesz viel zu lange zugesehen hätte. "Vielleicht erkennt man jetzt, dass dies ein gefährliches Spiel ist - doch die Aufmerksamkeit richtet sich derzeit auf Polen. Dass Viktor Orbán und seine Mannschaft immer noch Mitglied der Europäischen Volkspartei ist, ist ein Skandal. Aber Manfred Weber, Fraktionsvorsitzender der Volkspartei [und deutscher CSU-Politiker], streichelt immer noch Orbáns Kopf."

Magazinrundschau vom 27.09.2016 - Magyar Narancs

Im Gespräch mit Máté Pálos denkt der 1976 geborene Autor und Literaturredakteur Krisztián Grecsó über den Unterschied zwischen seiner und der jüngeren Autorengeneration nach: "Vielleicht ist es die Wirkung von Facebook und Co., doch die Jüngeren schreiben wesentlich kürzere Texte und wenn sie mal länger sind, dann bestehen sie aus mehreren gedichthaften, kürzeren Teilen. Sie erzählen keine Geschichten, sind eher lyrisch und achten auf die Wahrnehmung, weniger auf die Dramaturgie. Wenn wir die Qualität betrachten, erhalte ich heute wesentlich mehr publizierbares Material. ... Doch ein publizierbares Gedicht ist noch nichts. Null. Die Besten werden nicht mehr, doch das Mittelfeld ist sehr stark, was vor fünfzehn Jahren unvorstellbar war. Gleichzeitig ist es erschreckend wie ahnungslos die jüngeren Generationen sind, was die Funktionsweise der Printmedien angeht. Sie verstehen nicht, dass publizierte Texte Erstveröffentlichungen sind, worin ja ihr Wert steckt. Diese Logik hat Facebook vollkommen zerbombt, denn dort gilt ja, je öfter geteilt, desto wertvoller. So schickt uns ein Autor einen Text zu, den er im Netz bereits verbreitete, mit der Bemerkung, dass es schön wäre, wenn wir ihn auch teilen würden."

Magazinrundschau vom 23.08.2016 - Magyar Narancs

Der Filmregisseur Szabolcs Hajdu spricht im Interview mit Gábor Köves über die Entstehung seines Films "It's not the time of my life", den er ohne Filmförderung mit einem Mini-Budget von 5.000 Dollar drehte und für den er beim Filmfestival in Karlovy Vary den Hauptpreis gewann: "Wir leiden eher darunter, wenn wir nicht nach unseren eigenen Werten arbeiten können, als wenn wir alles aus eigener Kraft lösen müssen. Wie wir es jetzt mussten ... Zuvor, beim Drehen von Mirage, musste ich mich mit jedem Blödsinn befassen. Als ich mich entschied, Filmregisseur zu werden, träumte ich bestimmt nicht davon, meine Zeit mit sinnlosem Kräftemessen und kleinkarierten Dominanzkämpfen zu verbringen werden. Es gibt auch ein Leben außerhalb des Systems. Man muss nur ein paar Schritte nach hinten gehen und alles erscheint in einer neuen Lichtbrechung."

Magazinrundschau vom 09.08.2016 - Magyar Narancs

Der Kunsthistoriker Péter György galt bisher in der erbitterten Debatte um das Museumsquartier in Budapest als Befürworter der ehrgeizigen Regierungspläne, nach denen die Nationalgalerie wieder Regierungspalast und ein neuer Museumskomplex am Stadtgarten errichtet werden soll. In den vergangenen Wochen wurden die Proteste gegen die Pläne immer gewaltsamer unterdrückt, zum Teil auch mithilfe angeheuerter Fußball-Hooligans. György droht im Gespräch mit Máté Pálos mit seinem Rückzug aus dem Beratergremium um den Regierungsbeauftragten und Museumsdirektor László Baán: "Der Stadtgarten wurde in den vergangenen Wochen zu einem politischen Raum, was László Baán nicht ernst genug nahm. Ich übrigens auch nicht. Der Stadtgarten wurde zum symbolischen Raum des Hasses gegen die gegenwärtige Regierung. Symbolische Räume entstehen und werden nicht von Menschen gewählt, aber von nun an ist es ein anderes Spiel ... Eine Debatte über symbolische politische Räume ist keine Debatte, sondern Kampf ... Fachlich bin ich vom Projekt nach wie vor überzeugt und verteidige es weiterhin. Jedoch haben wir zum fachlichen Teil keinen Zugang mehr ... Es hätte in Ungarn einen urbanistischen und museologischen Durchbruch geben können, dessen Ausbleiben ich als einen schweren urbanistischen Verlust und uneinsehbaren museologischen Schaden empfinde."

Magazinrundschau vom 21.06.2016 - Magyar Narancs

In den ungarischen Medien hat es in den letzten Jahren große Veränderungen gegeben: Ausländische Investoren zogen sich zurück und machten neuen Eigentümern Platz, erklärt der Medienanalyst Attila Bátrofy in einem umfangreichen und detaillierten Beitrag. Die WAZ zog sich aus HVG zurück, der Regierungsbeauftragte für die ungarische Filmindustrie Andrew Vajna erwarb über Mittelsmänner den Sender Tv2 von Pro7-Sat1 und die Deutsche Telekom veräußerte ihre ungarische Tochter Origo, das zweitgrößte Online-Portal Ungarns, an den New Wave Media Konzern, dessen Eigentümer mit dem Präsidenten der ungarischen Zentralbank verwandt ist. Die neuen Eigentümer sind jetzt also ungarische Geschäftsleute. Und das hat auch Folgen für den Inhalt dieser Medien, so Bátrofy: "Nach der Wende strebten die multinationalen Verlagsgruppen mindestens ein neutrales, wenn nicht ein gutes Verhältnis mit der jeweils aktuellen Regierung an. (...) Für die neuen Eigentümer gilt dies verstärkt. (...) Wiederholt wird betont, dass es immer noch oppositionelle oder unabhängige Medien gibt, alles geschrieben werden kann und niemand von der Polizei abgeholt wurde. Die Dynamik der Prozesse zeigt jedoch, dass der Spielraum der oppositionellen und unabhängigen Medien enger und das regierungsnahe Medienportfolio immer größer wird. Letzteres wird nicht nur aus Steuergeldern in Form von staatlichen Anzeigen und Subventionen betrieben, zuletzt wurde auch ihr Erwerb aus Steuergeldern finanziert."

Magazinrundschau vom 07.06.2016 - Magyar Narancs

Der jüngste Film des Regisseurs Bence Fliegauf, Lily Lane, der bei der diesjährigen Berlinale im Forum lief (mehr bei Kino-Zeit), kommt in Kürze in die ungarischen Kinos. Aus diesem Anlass sprach Gábor Köves mit Fliegauf u.a. über Fragen, mit denen er in Deutschland zum Thema Ungarn konfrontiert wird. "Die Deutschen sind oft hysterisch und übertreiben manchmal, wenn es um die Demokratie geht. Ist es ein Problem? Ich denke nein. (...) Die Filmemacher fragen mich oft nach Andy Vajna [Filmproduzent und Regierungskommissar für die ungarische Filmwirtschaft, d. Red.]: 'Was macht dieser Rambo in der ungarischen Filmindustrie?' Dass mit ihm ein zentralisiertes System entstanden ist, empfinde ich als wirkliches Problem, nicht nur in der Filmindustrie, sondern im ganzen Land. Wie aber dieses System funktioniert, ist eine Detailfrage. Nehmen wir als Beispiel 'Sauls Sohn'; unglaublich aber wahr, der Film erhielt in Frankreich oder in Deutschland keinen Cent Förderung. Es wurde ausschließlich mit ungarischen Geldern finanziert."

Magazinrundschau vom 17.05.2016 - Magyar Narancs

Im ungarischen Verlag Jelenkor erscheint eine Werkausgabe des Lyrikers Otto Tolnai, der als Angehöriger der ungarischen Minderheit in der Stadt Palitsch, Vojvodina (Serbien), an der serbisch-ungarischen Grenze lebt. Péter Urfi hat mit ihm gesprochen: "Palitsch ist die Geburtsstadt meiner Frau. Wir zogen dahin, als aus Kroatien und Bosnien die Menschen vertrieben wurden. Der kleinere See dort heißt Blutsee (...). Angesichts des damaligen Mordens entwickelte ich eine Theorie, dass das Blut von überall in Kapillaren dahin fließt. Ich maß jeden Tag den Blutstand... Ich fühlte mich wie ein Held von Stendhal, der auf der Suche nach dem idyllischen Ort durch die Gegend irrt, um sich zurückzuziehen. Und plötzlich steht er doch auf dem Schlachtfeld von Waterloo. Und jetzt passiert es wieder. (...) Eines Tages fielen mir seltsame Gestalten und rege Bewegungen auf, Flüchtlinge. (...). Gerade war ich mit meiner Minderheitenwelt beschäftigt - und fiel dann in die totale Globalität. Hier steht jetzt meine Werkstatt, sagte ich mir, ich bin im Auge und Herz dieser Entwicklung, die ich registrieren will. Nicht als investigativer Journalist oder als politischer Kolumnist, sondern nur als Dichter."

Magazinrundschau vom 24.05.2016 - Magyar Narancs

Mit einem gewissem Unverständnis, jedoch detailliert berichteten ungarische Medien über die teils harschen deutschen Kritiken zu László Nemes' mit einem Oscar und einem Golden Globe Award ausgezeichneten Film "Sauls Sohn". Der Kunsthistoriker und Medienwissenschaftler Péter György erläutert mögliche Gründe für die unterschiedlichen Rezeptionen: "Im Zentrum der deutschen Erinnerungspolitik steht die Sprache: das Wissen und das Lehren. Sie hütet sich vor der Überschreitung von bildlichen Grenzen. (...) Die Bezeichnung 'KZ-Kitsch' ist dennoch ein symptomatischer Fehler. (...) Denn 'Sauls Sohn' macht das, was auf der Leinwand passiert zu unserer persönlichen ästhetischen Erfahrung. Damit zerstört er die aus der historischen Entfernung entstandene ästhetische Ruhe der Neutralität und der Objektivität: Offensichtlich eine Subversion, die im heutigen Deutschland kaum mehr zu verstehen ist."