Magazinrundschau - Archiv

Magyar Narancs

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Magazinrundschau vom 20.10.2015 - Magyar Narancs

Vor kurzem erschien der zweite Gedichtsband des vielgelobten jungen Dichters Péter Závada ("Mész", Kalk, erschienen bei Jelenkor, 2015). Im Interview mit Péter Urfi spricht er über die Bedeutung von Geschichte, den Tod seiner Mutter und über Zukunftsperspektiven: "Mit der abstrakten Geschichte kann ich nicht viel anfangen, nur mit der persönlichen. Beide Diktaturen, die Pfeilkreuzler und die Kommunisten folterten meine Familie, darum begreife ich Geschichte durch vererbte Traumata und überlieferte Ängste. Jahreszahlen sagen mir nichts, aber dass meine Großmutter aus Birkenau nach Hause kam, danach meinen Großvater traf, der in Arbeitslagern war und meine Mutter geboren wurde, die als neo-avantgardistische Künstlerin unter der kommunistischen Regierung litt, das sagt mir etwas. Doch solche Geschichten hat jeder, daran ist nichts Besonderes. (…) Ich weiß nicht, welche Überlebensmöglichkeiten es in diesem Land noch gibt. Ich könnte mich von dem Ganzen distanzieren, aufs Land ziehen, nicht mehr fernsehen oder surfen, nur noch lesen und schreiben. Oder ich gehe weg von hier, doch auch das ist nicht mehr so einfach, denn ganz Europa verändert sich. Oder ich versuche mit dieser Situation etwas anzufangen, doch noch habe ich keine Ahnung, was man tun sollte."

Magazinrundschau vom 03.11.2015 - Magyar Narancs

Im Interview mit Szilárd Teczár spricht der Philosoph Gáspár Miklós Tamás, der selbst aus Siebenbürgen stammt, u.a über die Integrationsdebatte und über die Politikfeindlichkeit in Ungarn, die sich seiner Meinung nach auch unter Intellektuellen immer mehr ausbreitet: "Ich mag sehr, was die Flüchtlingshelfer tun, doch weniger, was sie sagen. Es ist dieselbe dumme Politikfeindlichkeit, die ein Großteil der ungarischen Intellektuellen von sich gibt. Das Liedchen mit der Anfangszeile: 'Die Politik spaltet die Gesellschaft so tief...', gesungen von den meisten Schriftstellern, hören wir überall. Diese Aussage ist nicht falsch, sondern sinnlos. Als wäre Politik das Werk von dreieinhalb Spindoktoren, die sich entschlossen haben, die ungarische Gesellschaft tief zu spalten. (...) Als wären faschistische und demokratische Politiken gleichwertig und ihr Aufeinanderprallen - das Gros unserer Schriftsteller sagt das - lediglich Affektation. Diese Spaltung soll endlich aufhören, niemand soll gegen etwas protestieren, jeder soll alles gutheißen, Gulag und der Sommerurlaub am Plattensee sind Einerlei. Und das kommt von ungarischen Intellektuellen."

Magazinrundschau vom 06.10.2015 - Magyar Narancs

Die Schriftstellerin und Theaterkritikerin Andrea Tompa betrachtet die Situation von Frauen im ungarischen Theater und stellt fest: Theaterdirektion aber auch Regie sind in Ungarn Männerdomäne. Gerade mal zwei Theaterintendantinnen gibt es im Land. "In anderen Bereichen findet man dagegen auffallend viele Frauen: bei den unabhängigen Theatern, beim zeitgenössischen Tanz und bei den künstlerisch-performativen Organisationen. Auch beim Puppentheater sehen die Geschlechterverhältnisse besser aus. (...) In den Peripherien konnten Frauen auch in der Vergangenheit freier und mutiger arbeiten, wurden allerdings auch kaum beachtet. Auch die Zuschauerverhältnisse spielen eine Rolle, denn ca. 70 Prozent der Theaterbesucher sind Frauen. Theater in Ungarn wird von Männer gemacht und von Frauen angeschaut."

Magazinrundschau vom 29.09.2015 - Magyar Narancs

Ist das System Viktor Orbán ein Fremdkörper in Europa? Nicht wirklich, meint der Philosoph Sándor Radnóti im Gespräch mit Péter Urfi: "Orban sammelt und verkörpert die negative Utopie des Kontinents. Was anderswo durch Werte-Prinzipien bedeutender Minderheiten, durch Heuchelei oder Scham für die Eliten unaussprechbar und in klarer Abgrenzung den Rechtradikalen vorbehalten bleibt, wird hier unverbrämt auf den Plakaten der Regierung, von Regierungssprechern, Bürgermeistern und vom Regierungschef selbst verkündet. Der nationale Selbstzweck dient als Argument gegen elementarste menschliche Solidarität und Hilfe."

Magazinrundschau vom 01.09.2015 - Magyar Narancs

Zsuzsanna Mohár, Sprecherin der spontan über soziale Netzwerke entstandene Flüchtlingshilfe Migration Aid, spricht mit Zsófia Fülöp über die angespannte Flüchtlingssituation, die Negativkampagne der Regierung und die Motivation der freiwilligen Helfer: "Die zahlreichen Freiwilligen haben ein gemeinsames Ziel: die Migrationssituation zu entspannen, so dass die Positionen der Einwohner wie auch die der Asylsuchenden gehört werden können. Schwierig ist es für beide Seiten. (...) Dass die Einwohner uns helfen, sehe ich als stillen Protest an: Die Menschen schämen sich für die Negativkampagne der Regierung und wollen mit ihr nichts zu tun haben. Ob ihnen das bewusst ist, das weiß ich nicht, doch wer hilft, wirkt erleichtert."

Magazinrundschau vom 18.08.2015 - Magyar Narancs

In vielen Windungen denkt der Politologe Zoltán Balázs darüber nach, ob die Moral es erfordert, Flüchtlinge aufzunehmen. "Die universellen Gebote (die Pflichterfüllung von Kant, das biblische Hauptgebot, die goldene Regel) sind eher ein Verhaltenskompass als axiomatische Prinzipien. Es ist nämlich leicht einzusehen, dass eine die Migration befürwortende moralische Argumentation in der Praxis nur dann funktionieren kann, wenn wir die Gesellschaft ernsthaft belasten, ohne sie vorher zu fragen. Damit schränken wir jedoch ihre Freiheit und Autonomie ein, was moralisch auch nicht korrekt ist. (...) Umgekehrt: Wissen wir bestimmt, welche moralischen Risiken die Migration mit sich bringt? Und wenn ja, belassen wir es bei der Hoffnung, dass die universellen moralischen Prinzipien, wie die Gleichheit, die Würde des Menschen etc. die Bürger automatisch leiten werden?"

Magazinrundschau vom 04.08.2015 - Magyar Narancs

Im Interview mit Anita Markó denkt die Dichterin und Schriftstellerin Krisztina Tóth u.a. über die Aufgaben und Rolle des Schriftstellers im heutigen Ungarn nach: "Diese Autorenattitüde, wonach ein Schriftsteller die Aufgabe, ja die Pflicht hat, im Namen jener zu sprechen, die sich aufgrund ihrer Situation nicht zu Wort melden können, betrachte ich distanziert. Darüber spricht man heute oft, ich habe jedoch mehrere Probleme damit. Denn damit kehren wir zur Advokatenlyrik zurück, was wir in den achtzigern Jahren angewidert ablehnten. Peter György wollte nur eine Person sein, von Beruf Schriftsteller, und Esterházy sagte, dass der Schriftsteller nicht in Volk und Nation denkt (sondern in Subjekt und Prädikat). Ich verstehe wohl, warum die Literatur und der Autor erneut so wichtig geworden sind, aber ehrlich gesagt freut es mich nicht, dass durch solche Verluste das geschriebene Wort seine Bedeutung zurückgewinnt."

Magazinrundschau vom 14.07.2015 - Magyar Narancs

Die Theaterspielsaison ging vor kurzem mit dem Festival in Pécs (POSzT, Fünfkirchen) zu Ende. Wie hat sich die Spaltung der Theaterszene in rechts und links ausgewirkt? Ging es dabei wirklich um Politik? Der Theaterkritiker Péter Urfi bezweifelt es: "Alle reden von Spaltung, von den Gegensätzen zweier unversöhnlicher Seiten, von der in den Hintergrund gedrängten Expertise, der Landnahme der Politik, vom Kampf der Rechten und Linken. Alles nur eine Ablenkung. (…) Die ungarischen Theaterkünste bestehen nicht aus zwei Lagern, sondern aus einem Netz von mehreren hundert Theaterschaffenden - Regisseuren, Technikern, Schauspielern, und Dramaturgen, Autoren und Ensembles, die gemeinsam Inszenierungen erschaffen. Es gibt keine zwei Seiten, keine zwei Fahnen, sondern Zuschauer und Bühnen. Man braucht fürs Theater Organisationen und Geld, wobei persönliche Gegensätze und Machtkämpfe nicht auszuschließen sind. Kriegslogik braucht dagegen nur, wer kämpfen und erobern will, wer wegnehmen will, was anderen gehört. (…) In den vergangenen Jahren gab es keine ästhetischen, strukturellen oder ideologischen Debatten, sondern macht- und geldgierige Aktionen."

Magazinrundschau vom 30.06.2015 - Magyar Narancs

Der Kurator László Jakab Orsós ist Direktor des World Voices Festivals, des größten Literaturfestivals der USA von PEN America. Mit Gábor Köves sprach er über die Lage der ungarischen Literatur in den USA: "Laszlo Krasznahorkai fand eine Stimme, für die hier in Amerika und in New York großer Bedarf besteht. New York ist die Kultur der Einsamen. Es gibt viele verlorene, gut ausgebildete Seelen. (…) Über Esterházy wird ja gesagt, dass er schwer zu übersetzen sei. Ich denke nicht, dass seine Sprache schwer zu übersetzen wäre, wohl aber, sein Referenz-System in einen anderen Sprachraum zu verrücken. Mit Nádas ist es auch schwer, obwohl er sich in einer universellen Kultur bewegt, doch diese Kultur ist den meisten Amerikanern nicht bekannt oder sie sind nicht bereit, die Arbeit auf sich zu nehmen, die mit dem Lesen seiner detaillierten und brutal ehrlichen Prosa verbunden ist. Spiró wird bald zum ersten Mal auf Englisch erscheinen. Ich bin gespannt, wie er aufgenommen wird."

Magazinrundschau vom 09.06.2015 - Magyar Narancs

Der Philosoph Péter Rauschenberger denkt darüber nach, welches politische Theorie den Staat nach der Dritten Republik prägen könnte. Der Liberalismus allein wird es nicht richten, ist er überzeugt: "Was den Ausweg aus der heutigen Krise betrifft - ich glaube nicht dass das erneute Zusammenfinden der libertären und egalitären Liberalen uns der Entfaltung näher bringen würde. Die wichtigste Lehre aus dem Scheitern der Dritten Republik ist, dass das öffentlich-rechtliche und das politische System zwar die liberalen Erwartungen gut erfüllen kann, doch daraus entsteht noch keine liberale Demokratie. Angesichts des Elends so vieler Mitbürger sind rechtliche und politische Gleichstellung lediglich eine lügnerische, leere Formalität. Eine ethische Gleichstellung kann es ohne materielle Emanzipation nicht geben. Auf diese Einsicht müsste aufgebaut werden."