Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 02.03.2021 - New York Times

Ronen Bergman schildert die ultraorthodoxen Juden in seiner faszinierenden Reportage über Israel und Corona als ein paradoxes Inbild jenes kühnen und permanenten Muddling through, das Israels Existenz immer neu gewährleistet: Sie glauben fest, dass Israel, ja die Welt, untergeht, wenn der letzte Thoraschüler aufhört, die Schriften zu studieren. Entsprechend abgeneigt waren sie, die Lockdown-Maßnahmen der Regierung zu akzeptieren. Am Ende und nach vielen Infektionen ließen sich aber viele von ihnen doch darauf ein, andere wieder nicht. Bergman zieht das vorsichtig optimistische Fazit, dass sich Säkulare und Orthodoxe in der Krise ein wenig angenähert haben, während sich allerdings auch die radikalsten Sekten neue Chancen ausrechnen. Auf jeden Fall versteht man, warum Israel so schnell impft - aus Angst vor einer Implosion der ganzen Gesellschaft. Ein Zitat des Politologen und Spezialisten für die ultraorthodoxe Kultur Haim Zicherman beschreibt die Lage am präzisesten: Die Ultraorthodoxen widersetzten sich dem säkularen Staat, zumindest momentweise, aber "dieser Ungehorsam, sagt Zicherman, brachte das 'Inselmodell' zum Einsturz, das über Jahrzehnte die Verhältnisse zwischen den säkularen und ultraorthodoxen Communities bestimmte und das darin bestand, 'dass die Säkularen in bestimmten Gebieten und die Haredim in anderen Gebieten lebten und sich die beiden nicht vermischen. So dass da keine Reibung ist. Dass die ultraorthodoxe Stadt Bnei Brak am Sabbat geschlossen werden kann und in Tel Aviv ein Gay Pride-Parade abgehalten wird, und alles ist ok. Nun ist klar geworden, dass es in Israel keine Inseln gibt und alle in einem Strang verbunden sind und sie sich gegenseitig beeinflussen wie unterschiedliche Decks auf einem Schiff.'"

Besprochen wird Kazuo Ishiguros Roman "Klara and the Sun" (den auch der Guardian rezensiert).

Magazinrundschau vom 16.02.2021 - New York Times

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren die Franzosen verrückt nach Kunst und Design aus Japan. Der Japonisme, der nach der erzwungenen Öffnung Japans die französische Kunst erfasste, veränderte nicht nur die Ästhetik, wie Nancy Hass in einem schönen Text erklärt, sondern grundsätzlich den Blick auf Kunst: "Der neoklassische Perfektionismus, der im 19. Jahrhundert einen bestimmten, an den Akademien wie der École des Beaux-Arts gelehrten Stil aufrechterhalten wollte und von Malern wie Ingres verkörpert wurde, war passé. Aristokratenporträts und Schlachtengemälde erschienen zu rückwärtsgewandt in einer Zeit, da das Kaiserreich von Napoleon III. der Dritten Republik weichen musste. Die japanischen Holzschnittkünstler, die einfache Techniken nutzten, um das alltägliche Leben einfacher Menschen darzustellen - die am Meeresrand sitzen oder durch ein Feld streifen - erschienen viel moderner. Und japanisches Design, dessen Keramik- oder Emaille-Arbeiten fließende Bewegungen einfingen (einen springenden Karpfen, eine Blüte im Wind), brachte neue Freiheit."

Die Hysterisierung der Debatte schreitet munter voran. Man kann nicht sagen, dass man den Schlagabtausch zwischen Cade Metz von der New York Times und dem Scienceblogger Scott Alexander beziehungsweise Scott Siskind auf Anhieb versteht. Aber man hört einige Schlagwörter wie "Dark Enlightenment", "Rationalists" (als eine Denkschule im Silicon Valley), "Neoreactionaries" (eine andere Denkschule mit Nähe zu Silicon-Valley-Größen und wie der Name sagt reaktionär) zum vielleicht ersten Mal. In seinem Artikel enthüllt Metz den eigentlichen Namen des Bloggers, der jahrelang unter dem Namen Scott Alexander das Blog Slate Star Codex geführt hatte, das von vielen Silicon-Valley-Figuren gelesen wurde. Schon im Juni wollte Metz den Namen bekanntmachen. Siskind bat um Diskretion, weil er Psychiater ist und nicht wolle, dass seine Patienten in dieser Ausführlichkeit seine Privatansichten zur Kenntnis nehmen können. Dann schaltete er sein Blog ab, kündigte seinen Job und eröffnete es bei Substack, wo man fürs Bloggen bezahlt wird, neu. Und Metz veröffentlichte letzte Woche seinen Artikel, in dem er Siskind eine Nähe zu Peter Thiel und vielen anderen dubiosen Figuren des Silicon Valley nachsagt. Auch liegt Siskind wohl mit einigen Ansichten nicht ganz auf der Linie des New-York-Times-Kanons. "2017 veröffentlichte Siskind einen Essay unter dem Titel 'Gender-Ungleichheit ist meist nicht durch feindselige Abwehr zu erklären'. Der Hauptgrund, warum Computerwissenschaften, Mathematik und andere Gruppen größtenteils männlich sind, liege nicht am Sexismus dieser Branchen, sondern daran, dass sich Frauen nicht für diese Felder interessierten."

Siskind bestätigt das in einer Antwort im Grunde, verwahrt sich aber gegen den Vorwurf der Frauenfeindlichkeit: "Ich habe mehrfach über Studien gebloggt, die nahe legen, dass Frauen nicht aufgrund von Diskriminierung in Tech-Berufen unterrepräsentiert sind, sondern weil sie früh das Interesse verlieren (schon High-Schoool-Computer-Klassen sind zu achtzig Prozent männlich, der gleiche Anteil wie in Tech-Unternehmen)... Ich glaube nach wie vor, dass diese Studien zutreffen, und ich denke, es ist entscheidend, die Gründe für das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern in der Technik zu verstehen, um es besser anzugehen, als wir es jetzt tun."

Magazinrundschau vom 02.02.2021 - New York Times

In einem Beitrag für die neue Ausgabe schiebt Emily Bazelin das Problem der Zensur in den sozialen Medien auf eine nicht funktionierende Politik: "Wie sehen die entsprechenden demokratischen Prozesse aus? Amerikaner haben eine natürliche Skepsis gegenüber einem die Redefreiheit regulierenden Staat. Momentan füllen die Tech-Riesen das durch diese Skepsis entstehende Vakuum aus. Aber wollen wir einer Handvoll CEOs vertrauen, deren Plattformen den demokratischen Prozess mitbestimmen? Bei der Regierung haben wir Bedenken, beim Silicon Valley auch, aber wenn es niemand in die Hand nimmt, ist uns auch nicht wohl. Als Twitter Donald Trumps Account sperrte, bekam er Unterstützung von ungewohnter Seite: Kanzlerin Angela Merkel kritisierte die Entscheidung als 'problematische' Verletzung der Redefreiheit, nicht, weil sie Trumps Inhalte verteidigen wollte, sondern weil der Maulkorb von einem privaten Unternehmen kam. Stattdessen, so ließ sie wissen, sollten die USA wie Deutschland ein Gesetz gegen Hetze im Internet erlassen, das Hassrede und Fake News verhindern hilft. Die USA glauben, dass Redefreiheit ein Grundrecht ist, das alle anderen Rechte bedingt. In Europa neigt man eher dazu, destabilisierende Lügen zu bekämpfen, indem man die Redefreiheit mit anderen Rechten abgleicht. Ein Ansatz, der mit der Erfahrung mit Faschismus und Propaganda zu tun hat und mit dem Wissen, dass Lügen und Sündenbock-Denken gegen Minoritäten autoritäre Regime zur Macht verhelfen können."

Außerdem: Kashmir Hill erzählt die haarsträubende Geschichte eines erschreckend fleißigen Internet-Trolls. David Marchese unterhält sich mit Jodie Foster übers Schauspielen. Und Brooke Jarvis fragt, was wir seid Covid-19 neu über unseren Geruchssinn gelernt haben.
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Stichwörter: Covid-19, Fake News

Magazinrundschau vom 26.01.2021 - New York Times

In einem Beitrag für das neue Heft macht Kyle Chayka eine beunruhigende Entdeckung: Der Wunsch zu verschwinden greift um sich, und zwar nicht erst seit Covid, meint sie: "Diese Form des Nihilismus hat seine deutlichste Ausprägung in der Masche des sensorischen Entzugs, findet sich auf subtilere Art aber auch anderswo: Die omnipäsenten dekorativen Sukkulenten, die kaum Pflege brauchen. Die sanft texturierten Wabi-Sabi Keramiken, ein bevorzugtes Hobby der Instagram-Generation. Monochrome Funktionskleidung von Everlane oder Uniqlo und die anschmiegsame Weichheit von Kaschmir-Trainingshosen, die in der Pandemie ausverkauft waren. Raffinierte Hautschutztechniken, die eine buchstäbliche Barriere gegen das Draußen bilden: Wir siegeln uns nach außen ab … Niemand scheint mehr irgendwas zu wollen. Es gibt keinen Enthusiasmus mehr für Verlangen in dieser Kultur, nur den Wunsch sich und alles aufzugeben. Ein fast buddhidistischer Aufbruch in die Selbstlosigkeit mit einer Spur des amerikanischen Konkurrenzdenkens und unserer Neigung zur Übertreibung: so viel Obliteration wie möglich. Oder wie ein Graffito, das ich in Philadelphia sah, es treffend ausdrückt: 'Make America nothing again.'

Außerdem: Im Interview erklärt Gaming-Star Ninja, wie man das Wesen seines Kind kennenlernt: beim Gaming. In einem Archivtext erinnert Mark Leibovich an den vor drei Tagen verstorbenen Larry King. Und Moises Velasquez-Manoff untersucht die Langzeitfolgen der Covid-Infektion: Sie könnten uns lange begleiten.
Stichwörter: Pandemien

Magazinrundschau vom 22.12.2020 - New York Times

In einem Artikel der aktuellen Ausgabe erklärt Abraham Lustgarten Russland zum Gewinner der Klimakrise. Durch die Erderwärmung werden riesige Gebiete des Landes eisfrei und landwirtwirtschaftlich nutzbar: "Im Osten Russlands vollzieht sich ein großer Wandel. Seit Jahrhunderten ist der überwiegende Teil des Landes nicht bewirtschaftbar. Nur die südlichsten Abschnitte entlang der chinesischen und mongolischen Grenze, einschließlich der Umgebung von Dimitrovo, waren gemäßigt und boten urbaren Boden. Mit der Erderwärmung kam die Aussicht, das Land zu kultivieren. Vor zwanzig Jahren kam das Frühjahrstauwetter im Mai, jetzt spätestens im April, Regenstürme sind heute viel stärker und feuchter. In ganz Ostrussland verwandeln sich wilde Wälder, Sümpfe und Wiesen langsam in Sojabohnen-, Mais- und Weizenfelder. Dieser Prozess wird sich beschleunigen: Russland hofft, die durch den Klimawandel verursachten Temperaturen und längeren Vegetationsperioden nutzen zu können, um sich als einer der größten Lebensmittelproduzenten der Welt neu zu positionieren … Kein Land ist dazu besser aufgestellt als Russland mit der größten Landmasse auf der nördlichen Hemisphäre. Es liegt nördlicher als all seine südasiatischen Nachbarn, in denen zusammen der größte Teil der Weltbevölkerung lebt, der mit der Bedrohung durch steigende Meeresspiegel, Dürre und Hitze zu kämpfen hat. Russland ist wie Kanada reich an Ressourcen und Land und bietet Raum für Wachstum. In den kommenden Jahren soll der Ernteertrag durch die Erderwärmung gesteigert werden, während die Erträge in den USA, Europa und Indien voraussichtlich sinken. Durch Zufall oder durch eine clevere Strategie des russischen Staates, der Flaggen in die Arktis pflanzt und dort die Getreideproduktion ankurbelt, sieht sich Russland zunehmend in der Lage, in einer wärmeren Welt seinen Supermachtstatus zurückzuerobern."

Magazinrundschau vom 08.12.2020 - New York Times

In einem Artikel des aktuellen Wochenendmagazins lauscht Ferris Jabr den Bäumen und was sie einander zu sagen haben - via unterirdische rhizomatische Verbindungen. Die Ökologin Suzanne Simard gehört zu den Entdeckerinnen dieser Netzwerke zwischen Pflanzen und Pilzen (Mykorrhiza): "Bevor Simard und andere Ökologen das Ausmaß und die Bedeutung der Mykorrhiza aufdeckten betrachteten Förster Bäume als solitäre Lebewesen im steter Konkurrenz miteinander um Platz und Ressourcen. Simard und ihre Kollegen konnten nachweisen, dass dieses Modell allzu simpel ist. Ein alter Wald ist weder eine Ansammlung stoischer Organismen, die einander tolerieren, noch ein Schlachtfeld: Es ist eine gigantische, uralte, komplexe Gemeinschaft. Es gibt Konflikte, aber auch Diplomatie, Wechselseitigkeit und sogar Selbstlosigkeit. Bäume, Unterholz, Pilze und Mikroben im Wald sind so eng miteinander verbunden, kommunikativ und was die gegenseitige Abhängigkeit angeht, dass man auch von Superorganismen spricht. Jüngste Forschungen legen nahe, dass es Mykorrhizennetzwerke auch in der Prärie, in Graslanschaften und in der arktischen Tundra gibt, ja im Grunde überall an Land, wo es Leben gibt. Gemeinsam vereinen diese symbiotischen Partner die Böden des Planeten zu lebendigen Netzwerken von enormem Ausmaß und Komplexität … In einigen ihrer frühen Experimente pflanzte Simard gemischte Gruppen junger Douglasien und Papierbirken im Wald und verhüllte die Bäume mit Plastiksäcken, in die sie radioaktives Kohlendioxid, bzw. bei der anderen Art, ein Kohlenstoffisotop einließ. Die Bäume absorbierten die beiden Kohlenstoff-Formen durch ihre Blätter. Später pulverisierte Simard die Bäume und analysierte ihre Chemie, um festzustellen, ob Kohlenstoff unterirdisch von Art zu Art gelangt war. So war es. Im Sommer, als die kleineren Douglasien im Allgemeinen verschattet waren, floss der Kohlenstoff hauptsächlich von Birke zu Tanne. Im Herbst, als die immergrüne Douglasie noch wuchs und die Birke ihre Blätter verlor, kehrte sich der Fluss um. Genau wie Simards frühere Beobachtungen über das Douglasien-Sterben nahegelegt hatten, waren die beiden Arten voneinander abhängig."

Ligaya Mishan denkt ausführlich über Cancel culture nach: Wo sie älteren Beschämungspraktiken gleicht und wo nicht. Ihrer Ansicht nach ähnelt sie vor allem dem Karneval. Die herrschenden Mächte gewährten den unteren Klassen diese kleine Auszeit, in der sie Dampf ablassen und die da oben verspottet durften, damit alles beim alten blieb. Auch heute zeige sich, dass von der Cancel culture in erster Linie Personen betroffen seien, die in der Öffentlichkeit unbekannt waren. Ein hochrangiger Politiker oder Titan der Wirtschaft konnte noch nie gecancelt werden. "Heute wird so viel gejohlt und gestöhnt, aber scheinbar überall und bei allem, so dass selbst die wertvollsten und dringendsten Ursachen im Geschrei untergehen. Die vielen Subkulturen, deren Klagen die größere, nebulöse Cancel culture beflügeln, neigen dazu, sich an Kleinigkeiten aufzuhängen, was von Versuchen, einen umfassenderen Wandel zu erreichen, ablenken kann. Und dies kann eine absichtliche Ablenkung sein. Jede zwanghafte Suche bei Google nach Beweisen für Fehlverhalten, jeder wütende Post auf Twitter und Facebook, um die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen, lässt die Kassen klingeln in diesen Unternehmen, die Werbetreibende umwerben, indem sie auf die Intensität des Nutzerengagements hinweisen."

Außerdem: Abhrajyoti Chakraborty stellt den führenden Dokumentarfilmer Indiens vor, Anand Patwardhan, der seine Filmdoku "Reason" über den Aufstieg des Hindu-Nationalismus nur im Geheimen zeigen oder verkaufen will.

Magazinrundschau vom 24.11.2020 - New York Times

Im neuen Heft untersucht Doug Bock Clark den boomenden Graumarkt für P.P.E. Einwegatemschutzmasken in den USA: "Anfang 2020 kamen viele der benutzten Masken aus China. Klinikausrüster kauften sie in großen Mengen und ließen sie mit Containerschiffen in die USA kommen und passten das Angebot genau an die kalkulierte Nachfrage an, für Klinikverwaltungen ein nahezu unsichtbarer Prozess. Jede Maske kostet um ca. 65 Cent, der globalisierte Handel damit lief für alle befriedigend. Doch als die Pandemie die Handelskanäle infizierte, wurden die Vorteile der Globalisierung zu Schwachstellen. Als die USA die Masken am nötigsten brauchte, gab es schwerwiegende Engpässe. Die chinesische Produktion stockte und die bedarfsorientierte Versorgungskette, die auf eine unmittelbare Lieferung baute, zerbrach. Baystate Health zum Beispiel (eine Klinikkette in Massachusetts, d Red.) verbrauchte auf einmal fünfzehnmal so viele Masken im Monat wie sonst. Und neue Lieferanten waren schwer zu finden. Neue Produktions- und Lieferketten aufzubauen, würde Monate dauern. Für die Wirtschaft ist so ein Vakuum ein No-go, und weil die Masken bald einen zehnfachen Marktpreis hatten, füllten Spekulanten die Lücke und etablierten einen Graumarkt … Manche von ihnen brüteten die Idee zum lukrativen Maskenhandel an einer Bar in Schanghai aus. Manche waren einfach inkompetent und konnten ihre Lieferversprechen nicht halten. Ein Händler ohne Expertise aber mit einer 34-Millionen-Dollar-Bestellung vom Kriegsveteranenministerium flog mit einem gemieteten Jet und einem Reporter von ProPublica los, um eine Lieferung abzuholen, die es gar nicht gab … Bis Mai untersuchte das Ministerium für Innere Sicherheit 370 Fälle von Masken-Betrug. Das Geschäft mit den Masken war so profitabel geworden, dass internationale Verbrecherorganisationen von Menschen- und Drogenschmuggel auf Masken umsattelten."

Außerdem: Theodore R. Johnson erkundet die Herausforderungen eines "schwarzen Patriotismus" in den USA. Im Gespräch erklärt der Cellist Yo-Yo Ma, wie und wo er nach dem Sinn des Lebens fahndet. Und Jonah Weiner stellt David Finchers neuen Film "Mank" vor.

Magazinrundschau vom 17.11.2020 - New York Times

Im neuen Heft macht sich der Autor Ben Ehrenreich auf die Suche nach Menetekeln für eine zerfallende Gesellschaft. Dazu trifft er Joseph Tainter, Autor des Buches "The Collapse of Complex Societies": "Das große Bild, das Tainter malt, ist düster. Unsere Kreativität, die außergewöhnliche Fähigkeit unserer Spezies, sich selbst zu organisieren, um Probleme gemeinsam zu lösen, führt uns direkt in die Falle, aus der es kein Entkommen gibt. Komplexität ist heimtückisch, meint er. 'Sie wächst in kleinen Schritten, von denen jeder für sich zunächst vernünftig wirkt.' Und dann fällt alles auseinander, und man fragt sich, wie das geschehen konnte … Die Pandemie hat vielen von uns eine Ahnung davon gegeben, was passiert, wenn die Gesellschaft die an sie gestellten Herausforderungen nicht bewältigt, wenn die Entscheidungsträger sich nur um ihre eigenen Probleme kümmern. Die Klimakrise wird uns noch weiter fordern … Schließen wir die Augen und öffnen sie wieder - die periodisch wiederkehrenden Auflösungserscheinungen, die unsere Geschichte prägen, all die zerfallenden Ruinen, sie lösen sich auf und etwas anderes kommt in den Blick: Findigkeit, Sturheit und die vielleicht stärkste menschliche Eigenschaft: Anpassungsfähigkeit. Unsere Fähigkeit, uns zu verbünden und kreativ auf neue und schwierige Verhältnisse zu reagieren, ist möglicherweise kein tragischer Fallstrick, wie Tainter es sieht, keine Geschichte, die im Kollaps enden muss. Vielleicht ist es, was wir am besten können. Ist der eine Weg eine Sackgasse, probieren wir einen anderen, versagt ein System, bauen wir ein neues. Wir bemühen uns, es anders anzugehen, und machen weiter. Wie immer haben wir keine Wahl."

Magazinrundschau vom 27.10.2020 - New York Times

Für das aktuelle Heft untersucht Michael Steinberger die Arbeit des seit kurzem an der Börse notierten Datensammlers und -analysten Palantir. Wie weit geht das Unternehmen und inwieweit macht es mit der Regierung gemeinsame Sache? "Auch wenn Palantir behauptet, es würde keine Klientendaten speichern oder weitergeben und verfüge über robuste Datenschutzkontrollen, sehen Datenschützer in dem Unternehmen einen sehr bösartigen Avatar von Big Data. CEO Alex Karp streitet das Risiko nicht ab: 'Jede Technologie ist gefährlich, auch unsere.' Der Umstand, dass die Gesundheitsdaten von Millionen Menschen nun Palantirs Software durchlaufen, erhöht das Unbehagen. Besonders in den USA, wo das Gesundheitsministerium Palantir verwendet, um Virus-relevante Daten zu analysieren. Diese Zusammenarbeit ist Teil der größten Kontroverse um das Unternehmen, derjenigen über seine Verbindungen zur Immigrationsbehörde. Aktivisten und Kongressabgeordnete fürchten, die Daten aus dem Gesundheitsministerium könnten der Trump Regierung beim Durchgreifen in Sachen Immigration nützlich sein. Die Tatsache, dass Palantir lukrative Verträge mit dem Ministerium abschließen konnte, hat außerdem Befürchtungen befeuert, die Unterstützung Trumps durch den Palantir-Mitgründer und Vorstandsvorsitzenden Peter Thiel könnte dafür verantwortlich sein. Thiel war 2016 einer von Trumps prominentesten Unterstützern und trat sogar auf der Nominierungsversammlung der Republikaner auf. Liberale macht Palantirs Verbindung zum Präsidenten nervös. Karp frustriert das. Im Gegensatz zu Thiel sieht er sich als 'fortschrittlichen Kämpfer', der Hillary Clinton gewählt und nichts für Trump übrig hat. Karps größte Angst betrifft den Aufstieg des Faschismus …"

Magazinrundschau vom 20.10.2020 - New York Times

Im Sommer machte das Gerücht die Runde, die Demokraten planten einen Coup, falls sie die Präsidentschaftswahl verlieren. Es war ein absurdes Gerücht, das von Trump und seinen Anhängern jedoch mit Genuss verbreitet wurde, berichtet Emily Bazelon im Wochenendmagazin der New York Times. Inzwischen fragen sich nicht nur Juristen, ob die Meinungsfreiheit in den USA wirklich auch Hassrede und vorsätzliche Falschinformationen umfassen muss. "Die Vereinigten Staaten befinden sich mitten in einer katastrophalen Krise des öffentlichen Gesundheitswesens, die durch die Ausbreitung des Coronavirus verursacht wird. Sie befinden sich aber auch mitten in einer Informationskrise, die durch die Ausbreitung viraler Desinformation verursacht und definiert wird als Unwahrheiten zur Erreichung eines politischen Ziels. (...) Die Verschwörungstheorien, die Lügen, die Verzerrungen, die überwältigende Menge an Informationen, die darin verpackte Wut - das alles dient dazu, Chaos und Verwirrung zu stiften und die Menschen, auch Nicht-Parteiische, erschöpft, skeptisch und zynisch gegenüber der Politik zu machen. Das Ausspucken von Unwahrheiten dient nicht dazu, eine Schlacht der Ideen zu gewinnen. Ihr Ziel ist es, diese Schlacht zu verhindern, indem sie uns dazu bringt, einfach aufzugeben. Und das Problem ist nicht nur das Internet. Ein Anfang dieses Monats veröffentlichtes Arbeitspapier des Berkman-Klein-Centers für Internet und Gesellschaft in Harvard stellte fest, dass effektive Desinformationskampagnen oft ein 'elitegesteuerter, von Massenmedien geführter Prozess' sind, in dem 'soziale Medien nur eine untergeordnete und unterstützende Rolle' spielten. Trumps Wahl versetzte ihn in die Lage, direkt über Fox News und andere konservative Medien wie Rush Limbaughs Talk-Radio-Show zu agieren, die inzwischen 'in der Tat als Parteipresse' funktionieren, fanden die Harvard-Forscher heraus."

Auf den Technologieseiten der NYT erzählen Davey Alba und Jack Nicas was geschieht, wenn die Lokalzeitungen sterben: Sie werden ersetzt durch Webseiten, die wie journalistische Angebote aussehen, deren Artikel jedoch von Politikern oder PR-Firmen gekauft sind. Man nehme nur die "Maine Business Daily, die Teil eines schnellwachsenden Netzwerks von fast 1.300 Webseiten ist, das die Leere füllen will, die die verschwindenden Lokalzeitungen im Land hinterlassen haben. Doch das Netzwerk, jetzt in allen 50 Staaten verbreitet, ist nicht auf traditionellem Journalismus aufgebaut, sondern auf Propaganda, die von Dutzenden konservativen Think Tanks, Politikern, Geschäftsmännern und PR-Leuten angefordert wird, wie eine Recherche der Times herausfand. Die Seiten erscheinen als gewöhnliche Lokalnachrichten mit Namen wie Des Moines Sun, Ann Arbor Times und Empire State Today. Wie jede Lokalzeitung verwenden sie einfache Layouts und Artikel über lokale Politik, Gemeindeereignisse und manchmal nationale Themen. Aber hinter den Kulissen werden viele der Geschichten von politischen Gruppen und PR-Firmen inszeniert, um für einen republikanischen Kandidaten oder ein Unternehmen zu werben oder um ihre Rivalen zu verleumden."