Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 08.10.2019 - New York Times

In der aktuellen Ausgabe des Magazins erklärt McKenzie Funk, wie die amerikanische Immigrationspolizei ICE sich ihre Opfer aussucht. Um diese aufzustöbern braucht es nicht mal Facebook, da genügen die Informationen staatlicher Stellen und traditioneller Medienkonzerne: "Die Verfolgung von Immigranten in den USA ist eine einfache Aufgabe, weil es einfach ist, jeden von uns zu verfolgen. Diese Reportage basiert auf dem gleichen Phänomen. Über ein Jahr lang habe ich versucht, den nach 9/11 aufgebauten Überwachungsapparat und seine Nutzung durch ICE-Mitarbeiter umzudrehen und ihre Jagd nach Opfern bis zu ihren Sucheingaben in den Computer zurückzuverfolgen. Basierend auf hunderten Regierungsdatensätzen, Dutzenden Interviews und tausenden Seiten Material aus öffentlichen Registern gibt der folgende Report neue Hinweise auf die Überwachung von Häftlingen in ICE-Einrichtungen und liefert Beweise dafür, dass die ICE auf staatliche Datenbanken und Produkte des Thomson Reuters Medienkonzerns zurückgreift, um Immigranten zu fassen. Gezeigt wird außerdem, wie der Real ID Act von 2005, Fördermittel aus dem Heimatschutz-Ministerium und die Unterstützung von Gruppierungen wie der 'American Association of Motor Vehicle Administrators' den Boden bereitet haben für die Echtzeit-Überwachung amerikanischer Bürger. Es ist nur ein Ausschnitt des Ganzen, lässt aber den Umfang des Apparats erkennen."

Außerdem: David Marchese interviewt den Schauspieler Edward Norton und entlockt ihm ein paar schöne Sätze zu "Chinatown". Und Fahim Abed und Fatima Faizi lassen die Opfer von 18 Jahren Krieg in Afghanistan zu Wort kommen.

Magazinrundschau vom 01.10.2019 - New York Times

Für die New York Times betreten Michael H. Keller und Gabriel J.X. Dance die Hölle. Ihr Beitrag befasst sich mit der epidemischen Ausbreitung von Kinderpornografie im Netz - auf derzeit 45 Millionen Online-Fotos und -Videos: "Das digitale Zeitalter hat für eine alarmierende Multiplikation der Bilder gesorgt. Altes und neues Bildmaterial überschwemmt das Netz, Facebook Messenger, Microsofts Bing Suchmaschine und Dropbox. Besonders verstörend ist der Trend zum Teilen von Bildern von immer jüngeren Kindern und immer extremeren Formen des Missbrauchs in den Onlineforen. Die Gruppen verwenden Verschlüsselungstechnik und das Dark web, um Pädophilen zu zeigen, wie sie ihre Verbrechen durchführen, Bilder davon aufnehmen und weltweit verbreiten können. In einigen Foren müssen die Kinder Schilder mit dem Namen der Gruppe oder anderen identifikatorischen Hinweisen in die Kamera halten, als Beweis, dass es sich um frisches Bildmaterial handelt. Die Behörden im Land werden von Berichten über Kinderpornografie regelrecht überschwemmt. Einige konzentrieren sich inzwischen auf die jüngsten Opfer … In gewisser Weise ist die Menge an Meldungen ein Erfolg. Tech-Unternehmen sind rechtlich allerdings nur dazu verpflichtet Missbrauch zu melden, wenn sie ihn entdecken, nicht, danach zu suchen. Nach Jahren unregelmäßiger Kontrolle haben einige große Firmen, darunter Facebook und Google ihre Kontrollen verschärft. Tech-Bosse weisen auf die Freiwilligkeit der Kontrolle hin und nehmen den Anstieg der Meldungen als Beleg ihrer Bemühungen. Polizei- und Behördenberichte lassen allerdings den Schluss zu, dass das längst nicht ausreicht. Manchmal dauert es Wochen oder Monate, bis die Unternehmen auf Anfragen der Behörden reagieren, oder sie reagieren gar nicht oder mit dem Hinweis, dass sie über keine Datensätze verfügen, nicht mal für die Meldeverpflichtung, die sie selbst angeregt haben. ... Aber es gibt noch eine andere Hürde: Bilder von sexuellem Kindesmissbrauch erregen kaum Aufmerksamkeit, weil nur wenige Menschen mit der Ungeheuerlichkeit und dem Schrecken der Inhalte konfrontiert werden wollen oder fälschlicherweise glauben, das seien in erster Linie Jugendliche, die sich unangemessene Selfies senden. Einige staatliche Gesetzgeber, Richter und Mitglieder des Kongresses haben sich geweigert, das Problem zu diskutieren. Steven J. Grocki vom für Kinderausbeutungs-Delikte zuständigen Referat des Justizministeriums, sagte, dass die Zurückhaltung, das Problem anzugehen, über die Mandatsträger hinausgehe und ein gesellschaftliches Problem sei. 'Sie wenden sich davon ab, weil es zu hässlich ist', sagte er.""

Magazinrundschau vom 10.09.2019 - New York Times

In der aktuellen Ausgabe des Magazins erörtern Ronen Bergman und Mark Mazzetti die geheimen Vorgänge zwischen Israel und den USA in Sachen Erstschlag gegen den Iran: "Die aktuelle Krise hat die beiden Nationen und ihre politischen Führer enger zusammengeschweißt. Hatte er einst Vorteile darin gesehen, den Präsidenten der USA offen anzugreifen, so nutzt Netanjahu seine enge Beziehung zu Trump jetzt im Kampf um sein politisches Überleben. Trump ist in Israel sehr populär … Der in heiklen Zeiten zwischen den beiden Staaten vermittelnde ehemalige CIA-Direktor und Verteidigungsminister Leon Panetta spricht von einer entgegengesetzten Gefahr: 'Wenn die USA alles tun, was Israel will, verlieren sie jedes Druckmittel. Wir müssen unsere nationalen Sicherheitsinteressen wahren, wie immer die aussehen. Und ja, wir sind Freund und Verbündeter Israels, aber wir dürfen nicht den Blick aufs Ganze verlieren, auf den Frieden in der gesamten Region.' Neuerdings benutzt Trump die Unterstützung für Israel als Lackmus-Test für amerikanische Juden, indem er alle als unloyal bezeichnet, die sich ihm entgegenstellen - sowohl Israel als auch dem jüdischen Volk gegenüber. Seine Entscheidung vom Juni, in letzter Minute auf einen Angriff zu verzichten, ließ die Falken in Israel und den USA im Zweifel, ob der Präsident die Entschlossenheit hätte, im Fall einer Bedrohung auch zu reagieren … Mehr als zehn Jahre nach der erstmaligen Thematisierung eines unilateralen Angriffs gegen den Iran erwägen israelische Offizielle das Szenario. Anders als mit Bush und Obama gibt es eine größere Zuversicht, dass Trump sich nicht einmischen würde. Netanjahu lässt in Nahost die Muskeln spielen, indem er gegen iranische und Hisbollah-Truppen und Waffenlager in Syrien vorgeht … Die Kriegsdrohung könnte ein Bluff oder Wahltrick sein, aber sie zeigt auch eine gefährliche Verschmelzung von Interessen: Hier ein US-Präsident, der zögert, militärische Gewalt einzusetzen, und dort ein israelischer Premier, der offene Rechnungen begleichen will."
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Stichwörter: Iran, Israel, USA

Magazinrundschau vom 03.09.2019 - New York Times

In der aktuellen Ausgabe des Magazins interviewt David Samuels Neil Young, der einen einsamen Kampf führt gegen Spotify und Co. und die krankmachende Verflachung des Klangs: "'Das Internet hat den Planeten Musik wie ein Meteor ausgelöscht. Der hohle komprimierte Klang des Streamings ist meilenweit weg vom Klang der CD und noch weiter vom Klang der Schallplatte', so Young. Jedesmal wurden reihenweise klangliche Details und Schattierungen ausgelöscht, wurde die Informationsmenge für das Format reduziert. 'Am Ende sind fünf Prozent der Originalmusik übrig', meint Young. Produzenten und Soundingenieure reagierten auf die Komprimierung, indem sie mit Tricks arbeiteten, die sanfteren Passagen eines Stücks lauter machten. Das macht den Sound flacher und täuscht das Gehirn des Hörers, auf dass er das Fehlende nicht mehr wahrnimmt, die klangliche Kombination spezifischer Musiker, die Noten und Klänge an einem spezifischen Ort, zu einer spezifischen Zeit hervorbringen und die Tonband und Schallplatte so erfolgreich einzufangen imstande waren. Für Young ist das Hören nicht nur seiner eigenen Musik, sondern auch von Jazz, Rock und Pop über Streaming-Formate wie der Besuch im Metropolitan Museum oder dem Musée d'Orsay ohne die tatsächlichen Werke - als könnte der Besucher Courbet und Van Gogh nur noch als verpixelte Thumbnails betrachten. Aber Young befürchtet noch mehr: Wir vergiften uns mit verflachter Musik, glaubt er, so wie Monsanto unsere Lebensmittel vergiftet. Die Entwicklung des menschlichen Gehirns wird von den Sinnen bestimmt. Nimmt man zu viele Zeichen fort, finden wir uns in einem Raum ohne Fenster und Türen wieder. Das Ersetzen der kontingenten Komplexität biologischer Existenz durch abgestimmte Algorithmen ist schlecht für uns, denkt Young. Für einen Spinner gehalten zu werden, kratzt ihn nicht."

Außerdem: Jay Caspian Kang berichtet über die absurden Effekte positiver Diskriminierung an amerikanischen Elite-Unis. Jenna Wortham erklärt, wie queere Kandidaten das Dating-TV aufmischen. Und Willy Staley trifft New Yorks Skatewunder Tyshawn Jones.

Magazinrundschau vom 20.08.2019 - New York Times

Die aktuelle Ausgabe des Magazins widmet ein großes und unbedingt lesenswertes Dossier dem Beginn der Sklaverei in Amerika vor 400 Jahren, jenem Tag im August 1619, an dem das erste Schiff mit 20 versklavten Afrikanern an Bord in Virginia landete. Nikole Hannah-Jones erinnert daran, dass es vor allem Afroamerikaner waren und sind, die für die Ideale der Nation eintreten - und ihr Leben lassen: "Die USA sind auf einem Ideal gegründet und auf einer Lüge. Unsere Unabhängigkeitserklärung von 1776 verkündet die Gleichheit aller Menschen und ihrer gottgegebenen unabänderlichen Rechte. Aber die Weißen, die diese Worte erdachten, hielten sie nicht für gültig für die Hunderttausenden Schwarzen in ihrer Mitte. 'Leben, Freiheit und das Streben nach Glück' galt nicht für ein Fünftel des Landes. Doch obwohl gewaltsam von Freiheit und Gerechtigkeit ausgeschlossen, glaubten gerade die Afroamerikaner inbrünstig an das amerikanische Glaubensbekenntnis. Während Jahrhunderter schwarzen Widerstands und Protestes haben wir dem Land geholfen, seine Ideale zu verfolgen. Und nicht nur für uns selbst. Das Ringen um die Rechte der Schwarzen ebnete den Weg für den Kampf um andere Rechte, seien es die Frauenrechte, die Schwulen-, die Immigrantenrechte oder die Rechte Behinderter. Ohne die von Idealismus getriebenen, mühsamen patriotischen Anstrengungen schwarzer Amerikaner würde unsere Demokratie heute anders aussehen oder gar nicht existieren. Der erste Bürger, der für dieses Land in der amerikanischen Revolution sein Leben ließ, war ein Schwarzer, der nicht frei war. Crispus Attucks war ein flüchtiger Sklave, und doch gab er sein Leben für eine neue Nation, in der sein Volk nicht über die Grundrechte verfügen würde, die für das neue Jahrhundert gelten sollten. In jedem Krieg, den Amerika seit jenem ersten geführt hat, kämpften schwarze Amerikaner, heute sind wir die am häufigsten vertretene ethnische Gruppe in der US-Armee."

Und in einem anderen Text des Dossiers erklärt Matthew Desmond, inwiefern die Sklavenarbeit auf den Plantagen den Turbokapitalismus von heute antizipierte: "Das kompromisslose Streben nach Messbarkeit und wissenschaftlicher Buchhaltung in den Plantagen weist voraus auf die Industrialisierung. Die Fabriken im Norden nahmen diese Techniken erst Jahrzehnte nach der Emanzipationsproklamation an. Da die großen Sklavenarbeitslager immer effizienter wurden, waren die schwarzen Sklaven so etwas wie Amerikas erste moderne Arbeiter; ihre Produktivität steigerte sich mit unglaublichem Tempo. Während der sechzig Jahre bis zum Bürgerkrieg steigerte sich die tägliche Menge der gepflückten Baumwolle pro Sklave um 2,3 Prozent jährlich. Das heißt, dass der durchschnittliche Sklaven-Feldarbeiter 1862 nicht 25 oder 50, sondern 400 Prozent mehr Baumwolle pflückte als sein Vorfahr im Jahr 1801."

Magazinrundschau vom 13.08.2019 - New York Times

In einem Beitrag für die aktuelle Ausgabe des Magazins erzählt Sarah A. Topol die ergreifende Geschichte des jungen Lehrers Futhu, der als Angehöriger der Minderheit der Rohingya aus seiner Heimat Myanmar, wo er schwer misshandelt wurde, nach Bangladesch flüchten musste: "Ich verbrachte insgesamt einen Monat in den Camps in Bangladesch und hörte mir Geschichten über Vergewaltigung und Zerstörung an, doch auf eines war ich nicht vorbereitet: den Genozid des Verstandes. Ein Volk kann Massenmord überleben, die Überlebenden können neu anfangen. Aber was geschieht, wenn einem Volk seine Identität genommen wird und es immer wieder ausgelöscht wird, wenn ihm über Generationen immer wieder eingebläut wird, dass es nicht existiert, und sogar die Schlausten aufgeben zu denken, zu schreiben und zu lehren? Genau darauf zielte die burmesische Regierung ab … Als ich das Camp verließ, gab ich Futhu ein Notizbuch als Geschenk, für den Fall, dass er seine Inspiration zurück gewänne. Er sagte mir, dass ihn in Myanmar der Tod erwarte. Später schrieb er über Whatsapp, dass er wieder Tagebuch schreibe und davon träume, für einen Computer zu sparen. Einige Wochen später erzählte er von seinem Engagement in einem Projekt gegen Erdrutsche und einem für eine neue Schule, wo er Burmesisch, Englisch und Mathe lehren würde  … Dezember war die Schule fertig, aber es fehlte an Geld für die Instandhaltung und die Lehrer, weil die Flüchtlinge keine Arbeit haben. Das Projekt gegen Erdrutsche ging voran, Futhu schickte Bilder von Bäumen und Pflanzen. Er schrieb über einen Traum mit seinem Vater, wie sie vor dem burmesischen Militär davonrannten  oder über das Leben sprachen, und wie sehr ihn der Verlust seiner gesammelten Geschichten schmerze. Er fragte stets nach diesem Artikel, er wollte wissen, was die Amerikaner über die Rohingya dachten."

Außerdem: Matt Flegenheimer beschreibt die gegenseitige Abneigung zwischen den New Yorkern und ihrem Bürgermeister Bill di Blasio. Und im Interview entlockt David Marchese Nicolas Cages philosophische Gedanken zur Aura des Schauspielers. Auf der Meinungsseite kommentiert ein hoffnungsloser Mohammed Hanif den Kaschmir-Konflikt.
Stichwörter: Rohingya, Burma, Kaschmir

Magazinrundschau vom 06.08.2019 - New York Times

In einem Beitrag für die aktuelle Ausgabe des Magazins befasst sich Giles Harvey mit Javier Marias' lebenslanger Beschäftigung mit Spaniens faschistischer Vergangenheit und dem Handel, bei dem die Faschisten 1976 ihre Macht unter der Bedingung abgaben, für keins ihrer Verbrechen haftbar gemacht zu werden: "Dieser moralische Kompromiss und die Kultur des Schweigens, die ihm folgte, hat Marias' Fantasie angeregt. Seine Romane drehen sich oft um Menschen, denen das Vergessen und die Ignoranz zur Lebensform geworden sind. Auch wenn diese Bücher nicht explizit vom Faschismus handeln, untersuchen sie Gefühlsstrukturen, die die Diktatur und ihre Folgen heraufbeschwören … Für den älteren Marias läuft es auf die Frage nach dem Bösen heraus, das in der modernen Welt zum Fetisch geworden ist, wie er glaubt. 'Es gibt eine Tendenz, sich dem Widerlichen, Anomalen, Monströsen auszusetzen und sich daran zu reiben, als besäße es einen Zauber', erklärt er. Das erscheint ihm rückwärtsgewandt: 'Es gibt derart abscheuliche Taten, dass ihre bloße Durchführung uns jegliche Neugier auf die Täter austreiben sollte, anstatt sie erst hervorzurufen.' Nicht wissen zu wollen, dem Bösen seine Macht abzusprechen, die Fantasie zu korrumpieren, ist heute und vor allem in Europa mit seiner schauerlichen Geschichte eine höchst radikale Idee. Wie Tony Judt in seinem Buch 'Postwar' schreibt, ist das historische Erinnern zu einer Art Religion geworden, 'der Grundlage kollektiver Identität'. Natürlich propagiert Marias nicht Ignoranz. Er lädt uns ein die Spannung zu ermessen zwischen einer Erinnerung als andauernder Trauer, die erstickend wirken kann, und dem Vergessen als einer Form der Befreiung."

Außerdem: Jon Mooallem berichtet aus Paradise, Kalifornien, einer Stadt, die bei den horrenden Waldbränden von 2018 fast vollständig zerstört wurde (sehr lesenswert auch Mark Arax' Reportage im California Sunday Magazine zu den menschengemachten Gründen für das Ausmaß des Feuers). Und Carina Chocano erklärt, was an Gender Reveal Partys, bei denen das Geschlecht des Ungeborenen offenbart und gefeiert wird, so fragwürdig ist.

Magazinrundschau vom 30.07.2019 - New York Times

In einem Beitrag für die aktuelle Ausgabe des Magazins berichtet Suzy Hansen über die Zerstörung der Fakultät für Politikwissenschaft an der Ankara University durch das Erdogan-Regime: "Als Ilhan Uzgel in seine Wohnung in Ankara zurückkehrte, schlief sein 4-jähriger Sohn bereits, doch seine Frau Elcin Aktoprak wartete auf ihn. Sie hatte ihn nicht unterwegs anrufen und ihm sagen wollen, dass er gefeuert worden war. Jetzt beruhigte sie ihren Mann, und der beruhigte sie, denn Aktoprak, wie ihr Mann Professor an der politikwissenschaftlichen Fakultät 'Mülkiye', war ebenfalls gefeuert worden … Uzgel erklärt: 'Das oberste Ziel von Erdogans ideologischer Bewegung sind Menschen und Institutionen, die Wissen produzieren. Er muss sie auslöschen, um die eigene Macht durchzusetzen, weil es sich um die einzigen abweichenden Kräfte der Gesellschaft handelt. Die türkische Zivilgesellschaft ist schwach. Universitäten mit starken Traditionen sind problematisch, da sie die jüngeren Generationen beeinflussen. Autoritäre Regime stecken nicht unbedingt gleich alle in den Knast, sie zerschlagen die Institutionen.' Doch sind autoritäre Regime lang genug an der Macht, können sie sogar relativ unkritische Stimmen zum Schweigen bringen. Die meisten der Mülkiye-Professoren glaubten nicht, dass Erdogan einen islamischen oder faschistischen Staat wollte. Was die AKP aus der Türkei machen will, ist eine Nation ohne Charakter, ein Land, das sich in Freiheit wiegen kann, solange es keine Identität annimmt, die die AKP bedroht. Institutionen wie Mülkiye waren stets vor allem eines: unabhängig im Geist und bei ihren Prinzipien. Solche Institutionen können in Erdogans Türkei aus vielen Gründen nicht existieren, einer davon lautet: Sie sind einfach zu selbständig."

Weitere Artikel: Alec Macgillis kennt Baltimores unangenehmsten Hauseigentümer: Jared Kushner. Und David Marchese trifft die Nationalfußballerin Megan Rapinoe, die Fußball als politische Angelegenheit betrachtet.

Magazinrundschau vom 23.07.2019 - New York Times

In einem Beitrag für die aktuelle Ausgabe des Magazins zeigt Jason Zengerle die Veränderungen bei der inneren Sicherheit und im Department of Homeland Security auf, die Trumps Einwanderungspolitik soweit bewirkt hat: "Dieser Artikel basiert auf Interviews mit mehr als 20 aktuellen oder früheren Regierungsoffiziellen. Die meisten von ihnen bestanden auf Anonymität, um offen sprechen zu können, aus Angst vor Vergeltung. Das Heimatschutzministerium beantwortete eine Liste mit detaillierten Fragen nicht. Hogan Gidley, Pressesekretär im Weißen Haus antwortete auf Anfrage betreffend die Spaltung des Ministeriums: 'Das sind nur weitere falsche Vorstellungen wütender Bürokraten, die sich gegen das entschiedene Handeln des Präsidenten für ein vernünftiges Einwanderungskonzept stellen, das dem amerikanischen Volk dient.' Die Geschichte der Offiziellen ist die eines Ministeriums, das mit irrationalen Forderungen und hanebüchenen Ideen konfrontiert wird, indem sie als Speerspitze der präsidialen Politik mit der höchsten Priorität fungiert. Während der letzten zweieinhalb Jahre, ob es sich um das Einreiseverbot handelt, Familientrennung oder neuerdings die humanitäre Krise an der Grenze - befindet sich das Ministerium für Heimatschutz im Zentrum der größten politischen Kontroversen und moralischen Dilemmata der Trump-Regierung … Die personelle Fluktuation im D.H.S. hat Trumps engstem Berater Stephen Miller zu einem Ministerium mit lauter Millers verholfen. Ungeachtet der Kompromisse, die John F. Kelly und die ehemalige Ministerin für Innere Sicherheit, Kirstjen Nielsen, mit Millers Extrempolitik eingingen, bot das D.H.S. unter ihnen doch immerhin eine Art Gegengewicht oder Bremse auf dem Weg zur härtesten Einwanderungspolitik in der jüngeren Geschichte der USA. Dieses Hindernis fehlt jetzt."


Außerdem: David Marchese erkundigt sich bei Graydon Carter, Ex-Chefredakteur der Vanity Fair, über die Macht der Blattmacher. Und Claudia Rankine berichtet, wie schwer es ist, als Schwarze weiße Privilegien zu hinterfragen.
Stichwörter: Einwanderungspolitik

Magazinrundschau vom 16.07.2019 - New York Times

Im Magazin der New York Times überlegt Fernanda Eberstadt, ob die Kunst von Pjotr Pawlenski noch Kunst ist oder schon Verbrechen oder ganz etwas anderes. Anlass ist ein Feuer, das Pawlenski in einer Filiale der Banque de France in Paris gelegt hat und die folgende Untersuchungshaft: "Für Pawlenski ist die Aktion nur der Anfang eines längeren Prozesses. Auch wenn jeder Aspekt genau geplant ist - 'Ich übe jede Geste, jede Hand- und Fußstellung genau ein, denn wenn es losgeht, geht alles sehr schnell, und vieles ist unvorhersehbar', erklärt er - ist für ihn das eigentlich Spannende die unabsichtliche Mitarbeit des Staates. Eine Ausstellung in Galerie Pack in Mailand zeigte Fotos von Pawlenskis russischer Polizeiakte: unscharfe Nahaufnahmen von Benzinkanistern und Aufnahmen von Überwachungskameras, die ihn mit Kapuze an einer Straßenecke zeigen - Aufnahmen, die anonyme Mitarbeiter des Innenministeriums absichtslos kunstvoll geschnitten haben. 'Ich lasse die Regierung am künstlerischen Arbeitsprozess teilnehmen. Die Machtverhältnisse verschieben sich, der Staat wird zum Akteur', so Pawlenski. 2014 war die Konfrontation direkter. Putin führte damals Krieg gegen die Ukraine, ließ ukrainische Aktivisten als Terroristen verhaften … Pawlenski unterstützte die Proteste auf dem Maidan aktiv. In einer mit Paris vergleichbaren Aktion zündete er die Türen der Lubjanka an, wo der russische Geheimdienst residiert. Mit dem Benzinkanister in der Hand, wartete er auf die Polizei … Er wurde festgenommen, in eine psychiatrische Klinik verbracht und kam dann sieben Monate in U-Haft. Aus Solidarität mit den ukrainischen Aktivisten wollte er als Terrorist angeklagt werden, aber man verurteilte ihn wegen Vandalismus zu einer Geldstrafe, die Pawlenski nie bezahlte."

Außerdem: Jonah Weiner verfolgt die harte Konkurrenz im Streaming-TV und überlegt, was sie für die Qualität des Angebots bedeutet. Und anlässlich ikonografischer Fotos von Grausamkeiten an Trumps Grenze und anderswo denkt Teju Cole darüber nach, wie Bilder unser Gewissen auf wirkungsvollere Art erschüttern könnten.