Magazinrundschau - Archiv

Polityka

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Magazinrundschau vom 16.12.2008 - Polityka

Die ganzen neunziger Jahre hindurch, bedauert Kazimiera Szczuka (hier auf Deutsch), wurde die Literatur von Frauen in Polen entweder verlacht, in Buchreihen wie "für die Handtasche" und "mit dem Besen" abgeschoben oder - wie von Przemyslaw Czaplinski - als kleinbürgerlich kritisiert. Aber das hat sich geändert, meint Szczuka: "Ähnlich wie Izabela Filipiak in ihrem Roman "Absolutna Amnezja" (Vollkommenes Vergessen), der seinerzeit so viel von sich reden machte, versucht heute Bozena Keff, neben anderen Autorinnen der jüngsten Generation, die Bedeutungen des nationalen Paradigmas zu erneuern. Die Sprache ist eine andere, die Epoche, die Institutionen des literarischen Lebens, aber die Grundfrage bleibt höchst aktuell: Wo ist ein Platz für Frauen in der Geschichte? Wer hat das Recht, eine Gemeinschaftsnarration zu konstruieren? Dorota Maslowskas Theaterstück "Miedzy nami dobrze jest? (Unter uns ist es gut), Keffs Utwor o Matce i Ojczyznie (Ein Stück über Mutter und Heimat), ein Oratorium oder Poem, das diesmal von Maria Janion und Przemysław Czaplinski übereinstimmend als ein Meisterwerk anerkannt wird, und schließlich der glänzende Debütband mit Warschauer Erzählungen der bekannten Anarchofeministin Sylwia "Derwisch" Chutnik, "Kieszonkowy atlas kobiet? (Taschenatlas der Frauen)."

Magazinrundschau vom 02.12.2008 - Polityka

Jacek Zakowski huldigt zunächst einmal ausführlich der Spezies großer Polen, bevor er auf den eigentlichen Punkt kommt: Eine für Polityka durchgeführte Umfrage, die ergeben hat, dass die "große Operation Autoritätenaustausch" der Brüder Kaczynski ein Flop war: "Sogar Adam Michnik und Leszek Balcerowicz, die in der Narration der IV. Republik alle gesellschaftlichen und politischen Übel der III. symbolisierten, kamen ungeschoren davon. In diesem Sinne darf man wohl sagen, dass die neokonservative Revolution von Jan Rokita und den Brüdern Kaczynski, die von den katholischen Fundamentalisten in Thorn und Giertychs Nationalisten unterstützt wurde, in Polen nicht nur die Wahlen verloren hat. Ähnlich wie in Amerika hat sie auch den offen erklärten und mit unerhörter Brutalität geführten Kulturkampf um die Herrschaft der Seelen verloren. Und zwar mit Pauken und Trompeten."

Magazinrundschau vom 25.11.2008 - Polityka

Zdzislaw Pietrasik holt in einem auch auf Deutsch zu lesenden Text zu einem Rundumschlag gegen das polnische Kino aus, das keine guten Filme mehr hervorbringe und auch die Zuschauer nicht erreiche: "Der polnische Zuschauer geht nicht mehr in polnische Filme. Aber das ist nicht das Schlimmste. Das Schlimmste ist, dass er nicht mehr glaubt, dass man noch interessant über etwas Wichtiges reden kann. Das gilt insbesondere für den erwachsenen, intellektuellen Zuschauer, der mit den besten Filmen des internationalen und nationalen Kinos aufgewachsen ist, den häufigen Besucher der alten Filmclubs und der alljährlichen Filmtage 'Konfrontationen'. Als Ergebnis werden sogar wertvolle Filme abgelehnt, wie die neue Arbeit von Skolimowski ("Cztery noce z Anna")oder der interessante Streifen über die Lustration von Michal Rosa ('Rysa'). Die Regisseure tragen heute die kollektive Verantwortung für die Sünden ihrer weniger talentierten Kollegen."
Stichwörter: Lustration, Polnisches Kino

Magazinrundschau vom 18.11.2008 - Polityka

Trennung von Staat und Kirche? Keine Spur davon an polnischen Schulen, wie Joanna Podgorska berichtet (hier die deutsche Version). Religion ist nicht nur ein Abiturfach, sie hat "in der Schule einen extraterritorialen Status. Über die Lehrinhalte und -formen entscheidet die Kirche, das Bildungsministerium hat nichts zu sagen. Die Besetzung der Katechetenstellen hängt ausschließlich vom Bischof ab. Aber in umgekehrter Richtung gilt diese Unabhängigkeit nicht immer. In vielen Schulen erfüllt der Katechet die Funktion eines Ideologie-Offiziers, der aufpasst, dass die Empfehlungen der Kirche im Schulleben befolgt werden. 'In meiner Schule gelang es, den Stundenplan so einzurichten, dass Religion entweder am Anfang oder am Ende des Unterrichtstags lag. Als Folge davon mangelte es an Teilnahmewilligen, worüber der Priester die Stadtverwaltung informierte. Die Direktorin musste sich rechtfertigen und den Plan ändern', berichtet eine Mathematiklehrerin aus Stettin. Eine andere schildert, wie ein Priester die Auflösung der Rollen- und Fantasy-Spiel-Zirkel an ihrem Lyzeum anordnete, weil er das für Satanismus hielt."

Weitere Artikel der Polityka, etwa von Wieslaw Wladyka, Adam Michnik und Adam Krzeminski, sind hier ebenfalls auf Deutsch zu lesen.

Magazinrundschau vom 04.11.2008 - Polityka

In der Reihe der Gespräche zu zwanzig Jahren Tranformation in Polen (wir berichteten vom Interview mit Tadeusz Mazowiecki) wird der Urheber der wirtschaftlichen "Schocktherapie", Leszek Balcerowicz, zu seiner Motivation befragt. "Genau wusste damals niemand, was passiert, aber klar war, dass nur der Kapitalismus uns die Chance bieten würde, zum Westen aufzuholen. Alles musste ganz schnell gehen. (...) Ich war mir der historischen Umbruchssituation bewusst, mir war klar, dass diese Chance genutzt werden musste. Deshalb nahm ich an, dass wenn ich mich fehlgehen sollte - was wahrscheinlich war - dann lieber mit zuviel Radikalismus als zu wenig. Man muss immer wählen, welchen Fehler man am ehesten verhindern will."

Außerdem freut sich Jan Topolski auf das Festival russischer Filme in Warschau, "Sputnik". Und Stanislaw Podemski erinnert an ein weiteres Kapitel in der Geschichte des polnisch-jüdischen Miteinander: die Beteiligung polnischer Juden an den Nationalaufständen im 19. Jahrhundert, die von den Zeitgenossen nicht immer gern gesehen wurde.

Magazinrundschau vom 28.10.2008 - Polityka

Zum Fall Kundera schreibt Jacek Kubiak: "Das 'Corpus delicti' besteht nur aus einem Polizeirapport. Warum sollte man da nicht einer Person glauben, die das kommunistische System kompromisslos bloßgestellt und dafür einen hohen Preis gezahlt hat? Aber Glauben ist nur Glauben." Verwunderung löste bei vielen Kommentatoren die Tatsache aus, dass die Publikation von Respekt so gar nicht dem bisherigen politischen Profil der Zeitschrift entspricht. Es gehe um das "unpersönliche Streben nach Wahrheit", hatte Chefredakteur Martin Simecka argumentiert. "Diese Begründung ruft in Polen einen deja-vu-Effekt hervor", meint Kubiak. "Wie viele junge Journalisten suchen heute nach Wahrheit, Licht, Glauben und Hoffnung unter der Ägide des IPN", des polnischen Instituts des nationalen Gedenkens.

Magazinrundschau vom 29.07.2008 - Polityka

Der Historiker Jerzy Kochanowski erinnert an die große Geschichte des Goldes in der polnischen Volksrepublik, als Gold sichere Geldanlage und illegales Spekulationsobjekt war. "Die Regierenden betrieben ein doppeltes Spiel: einerseits verfolgte man Schmuggel und kämpfte gegen organisierte Gruppen. Andererseits sicherten staatliche Institutionen den Zufluss an die Bürger und ermutigten den offziellen Ankauf - 1957 wurden Regeln eingeführt, wonach Gold und Platin leichter zu verkaufen waren als Industriewaren oder Lebensmittel. Der staatliche Ankaufspreis wurde so festgelegt, dass es sich lohnte, Gold ins Land zu schmuggeln, um es an den Staat zu verkaufen."

Magazinrundschau vom 08.07.2008 - Polityka

In einem sehr schönen und sehr ausführlichen Artikel (auf Deutsch) porträtieren Krzysztof Burnetko und Wieslaw Wladyka den großen Lech Walesa und stellen klar, dass die jetzigen IM-Vorwürfe gegen ihn persönlichen und politischen Motiven entspringen: "In einem der heikelsten Momente der polnischen Transformation rückte Walesa nicht von den Reformen ab - auch nicht von den schwierigen, die ständig mit dem damals immer weniger populären Namen Leszek Balcerowicz' identifiziert wurden. Im Endeffekt bestätigte er, dass er der Präsident der III. Republik war. Und deshalb ist er bis heute der von der IV. Republik meistgehasste Politiker der III. Republik Polen. Diese Hassgefühle werden natürlich von dem persönlichen Groll der Brüder Kaczyński gespeist, die er einst von seinem Hof verjagte, wie viele andere vorher und nachher. Aber sie rühren auch daher, dass er sich insgesamt politisch nicht austricksen und ausnutzen ließ, dass er so unabhängig und 'selbstverwaltet' war wie seine Gewerkschaft... Das Gefühl ist recht verbreitet, dass ihn ein unverdientes Unrecht trifft, dass man, indem man Wałęsa beleidigt, eine der größten polnischen Legenden, eine der größten polnischen Siege mit Schmutz bewirft."

Magazinrundschau vom 01.07.2008 - Polityka

Adam Krzeminski denkt (hier auf Deutsch) über die deutsch-polnischen Beziehungen nach, wie sie sich seit dem Amtsantritt Donald Tusks entwickelt haben und fragt: "Wie soll die Ostpolitik der EU so konzipiert werden, dass Berlin oder Paris strategische Entscheidungen nicht ausschließlich vom eigenen Standpunkt aus treffen? Aber auch so, dass die Hauptstädte 'Zwischeneuropas' weder die Rolle eines lästigen Bremsers noch die eines Vasallen spielen, der den Senioren nach dem Mund redet? Ein deutsch-polnisch-russischer Trialog sollte in vielen Fragen möglich sein, umso mehr, als wir im Grunde auf derselben Seite des Tisches sitzen wie die Deutschen - der der EU und der NATO. Deshalb liegt eine Stärkung der EU - und nicht eine Verwässerung ihrer Strukturen - in Polens Interesse, ebenso wie die Suche nach der Interessengemeinschaft mit Deutschland."

Magazinrundschau vom 24.06.2008 - Polityka

Der Fünfjährige Krieg ist vorbei, stellt Jacek Zakowski (auch auf Deutsch) fest, und meint damit die innenpolitischen Auseinandersetzungen der letzten Jahre. Jetzt wollen die Polen Spaß haben! "Der starke Zloty, der schwächer werdende Dollar und die niedrigen Zölle geben Millionen Polen endlich Konsumchancen, an welche sich keine lebende Generation erinnert. Doch wenn man unsere Verhaltensweisen etwas näher betrachtet, kann man bemerken, dass es hier nicht allein um den traditionellen Konsum geht, sondern um viel mehr - um Freude. Um die Befreiung von der Last der Unsicherheit, des Transformationsstresses, der Entsagungen und Ängste. Nach fast zwanzig schweren Jahren, nach dem düsteren Fünfjährigen Krieg und nach den spannungsgeladenen zwei Jahren der Vierten Republik müssen wir um beinahe jeden Preis den Stress abreagieren und das erleben, worauf wir früher verzichten mussten oder was uns unerreichbar schien. Jeder tut das auf seine Weise und je nach seinen Möglichkeiten, aber zum ersten Mal nimmt die Mehrheit der Gesellschaft daran teil." Das ist nicht einfach nur eine Veränderung, meint Zakowski, "das ist eine Revolution".
Stichwörter: Zölle