Magazinrundschau - Archiv

Polityka

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Magazinrundschau vom 10.06.2008 - Polityka

In einem geradezu epischen Gespräch unterhält sich Jacek Zakowski (jetzt auch auf deutsch!) mit Tadeusz Mazowiecki, dem ersten Premier des neuen Polen, über die heikle Wendezeit, die vorsichtigen Träume von damals und das Heraufziehen der Vierten Republik der Gebrüdern Kaczynski, Radio Marya und der Liga der Polnischen Familien: "In gewissem Sinne hing das fast von Anfang an über uns. Und den Erfolg brachte meiner Ansicht nach die Allianz törichter Intellektueller, die von irgendeinem Neuanfang träumten, mit Politikern, die diesen immer gesucht hatten, weil sie es übelnahmen, dass dieser Neuanfang nicht ihr Werk war, und mit allen Menschen, die mit den Veränderungen unzufrieden waren. Erinnern Sie sich bitte daran, dass die Regierung Olszewski schon 1992 ein Neuanfang sein sollte. Sie waren nicht damit einverstanden, dass der Anfang im Jahre 1989 war. Also verknüpfte sich im Jahre 2005 das alte politische Vorhaben mit den tatsächlichen Schwächen der ganzen Transformation. Und hinzu kam noch die Kompromittierung des postkommunistischen Lagers... Ich denke, dass es doch an irgendeinem sozialen Ausgleich angesichts zu großer Veränderungen, die neue Unterschiede schufen, gefehlt hat, und dass sich die Menschen, die die politische Bühne beherrschten, kompromittiert haben. Aber alles zu zerstören, war keine Arznei. Das war ein noch stärkeres Gift."
Stichwörter: Wendezeit, Transformation

Magazinrundschau vom 17.06.2008 - Polityka

Wie schwierig das Gespräch über Geschichte zwischen Deutschen und Polen sein kann, zeigt Adam Krzeminski anhand zweier Beispiele: "Unsere Neonationaldemokraten fahren in Warschau Geschütze gegen Stauffenberg auf. Die deutsche Linke fährt in Magdeburg Geschütze gegen Pilsudski auf und wehrt sich gegen die Anbringung einer Gedenktafel an dem Ort, wo er 1918 interniert wurde und von wo aus er am 11. November nach Warschau zurückkehrte. Für unsere Neonationaldemokraten ist Stauffenberg eine Unperson, weil er vom Sieg über Frankreich berauscht war und 1939 abfällig über die durch die Niederlage gedemütigten Polen schrieb. Für die Post-DDR-Stadträte ist Pilsudski ein Caudillo aus irgendeiner Bananenrepublik und kein polnischer Bismarck. ... So wenig polnische und deutsche Historiker größere Probleme mit der Beurteilung der deutsch-polnischen Beziehungen im 20. Jahrhundert haben, so sehr haben diese Politiker und Journalisten, die an der eigenen nationalen Mythologie hängen und an einem Verständnis von Geschichtspolitik ausschließlich als Wettlauf von Egoismen, Konfrontation mit dem Feind und nicht Kooperation mit dem Nachbarn." (Hier die deutsche Übersetzung des ganzen Artikels.)

Magazinrundschau vom 03.06.2008 - Polityka

Das Warschauer Wochenmagazin Polityka übersetzt neuerdings ausgewählte Artikel ins Deutsche - so auch eine instruktive Geschichte des komplizierten Verhältnisses der Polen zu den Juden und des polnischen Antisemitismus von Tomasz Wolek. Geradezu programmatisch klingt der letzte Absatz: "Wenn Antisemitismus eine Art ansteckende Krankheit ist, dann muss sie behandelt werden. Doch jeder Therapie muss eine zutreffende Diagnose vorausgehen. Deshalb sollte man diesem schändlichen Phänomen immer wieder auf den Grund gehen, seinen Kern erkennen und zu seinen historischen Quellen vorstoßen. Ein solcher bescheidener Versuch - und kein moralisches Traktat - ist auch dieser Text."

Magazinrundschau vom 26.02.2008 - Polityka

Edwin Bendyk fragt 160 Jahre nach der Entstehung des "Kommunistischen Manifests", warum sich der Text im Westen weiterhin solcher Popularität erfreut. "Als Theoretiker der Revolution hat sich Marx schlecht bewährt, aber er bleibt ein brillanter Forscher des Kapitalismus. In seinem Denken fehlt allerdings der entscheidende Hinweis, dass sich dieser von seiner Kritik nährt, sie zu seinem Antrieb macht. So hat der Kapitalismus am Ende des 20. Jahrhunderts die Slogans der großen Revolte von 1968 - Persönlichkeitsentfaltung und Individualismus - als Argument für größere Flexibilität der Märkte und Abbau der Sozialsysteme genützt." Für Bendyk muss "das Manifest heute wie eine griechische Tragödie gelesen werden: kein Marx ohne Schalamow; aber Schalamow macht die Fragen, die uns Marx heute stellt, nicht irrelevant. Diese Tragödie hat kein Ende, keine Katharsis, sie ist eine doppelte Frage ohne Antwort."

"Dissidenten in Amerika?", fragt Daniel Passent nach der Lektüre von Artur Domoslawskis Interviewband "Ameryka zbuntowana" (Rebellisches Amerika). "Das stabile demokratische System Amerikas schaukelt sanft von der demokratischen zu republikanischen Seite und zurück. Tief unter dem Deck, in engen aber bequemen, mit Büchern vollgestellten Kajüten, hat das System unzufriedene, eierköpfige Passagiere eingeschifft, die den Kurs des Kreuzers 'USA' ändern wollen. Niemand verfolgt sie, sie dürfen schreiben, lesen und diskutieren so viel sie wollen. Der Kreuzer fährt weiter". Die Gespräche Domoslawskis mit Noam Chomsky, Richard Rorty, Howard Zinn, Loic Wacquant, Tony Judt u.a. seien eine "Pflichtlektüre" für alle an Amerika Interessierten, so Passent. Aber etwas weniger Demut vor den Dissidenten hätte dem Band gut getan.

Magazinrundschau vom 06.03.2007 - Polityka

Adam Krzeminski hat im Deutschen Historischen Museum die Ausstellung "Kunst und Propaganda. Im Streit der Nationen 1930-1945" gesehen, findet den Vergleich zwischen dem Auftreten von Diktaturen und den USA von Roosevelt riskant, zeigt sich aber insgesamt beeindruckt: "Jede Propaganda verbindet Kunst und Kitsch. Der Unterschied zwischen einer Demokratie und einer Diktatur ist aber, dass in der ersten Propaganda nur ein Teil der Wirklichkeit ist, während sie das Herz der Diktatur darstellt. Die Berliner Ausstellung zeigt hervorragend noch eines: im 20. Jahrhundert war nicht Europa Bastion der Demokratie und des Humanismus. Aus den Tiefen seiner Vergangenheit schöpft der Kontinent nicht nur Menschenrechte, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, sondern auch Despotie und Totalitarismus. Die heutige Plage des Populismus in Europa ist ein Anzeichen der Schwäche unserer Demokratien und der starken antidemokratischen Tradition."

Magazinrundschau vom 10.10.2006 - Polityka

Für Aleksander Kaczorowski ist die Entscheidung, der jungen Autorin Dorota Maslowska den wichtigsten Literaturpreis Polens, den Nike Preis zu verleihen, gewagt, aber zukunftsweisend. "Bisher belohnte die Jury zu oft eher das Lebenswerk von Autoren, als tatsächlich das Buch des Jahres. Zudem hat der hoch dotierte Preis Konkurrenz in Polen bekommen, zum Beispiel durch den Mitteleuropäischen Literaturpreis Angelus, und es bläst ihm politischer Gegenwind ins Gesicht: zum ersten Mal seit 10 Jahren hat das staatliche Fernsehen auf eine Live-Übertragung der Preisverleihung verzichtet." Dennoch sei der Nike Preis ein großer Erfolg. Als er Mitte der Neunziger geschaffen wurde, galt Literatur als ein Hobby von wenigen. Jetzt verkaufen einige der Nominierten bis zu 100.000 Exemplare ihrer Bücher, so Kaczorowski.
Stichwörter: Nike

Magazinrundschau vom 03.10.2006 - Polityka

"Es ist unheimlich schwierig für eine Polin, zwanzig polnische Filme über Polen in Polen anzuschauen!", stöhnt die gerade mit dem Nike-Literaturpreis ausgezeichnete Dorota Maslowska nach ihrem Besuch des Filmfestivals in Gdynia. Begeistert war sie nicht: "Wenn mich jemand in nächster Zeit foltern möchte, braucht er mir nur einen polnischen Film vorzuführen, am besten einen 'Off'-Film."

In einem sehr interessanten Gespräch verrät John Irving, wie seine Bücher entstehen: "Ich glaube nicht an Schicksal, aber jedes Mal, wenn ich ein Buch schreibe, weiß ich, wie es enden wird. Ich kenne die letzten Absätze, ja sogar die genauen Sätze. Das weiß ich manchmal ein Jahr im voraus, bevor ich überhaupt mit dem Schreiben anfange. Das ist eine Form von Vorsehung." Außerdem erzählt Irving, wie er seinem früheren Lehrer Kurt Vonnegut regelmäßig Nachrichten hinterlässt - immer mit dem gleichen Inhalt: Lebst Du noch?

Und: Adam Krzeminski bespricht Ute Scheubs Buch "Das falsche Leben. Eine Vatersuche", ein Beispiel für die Abrechnung mit der Generation der Väter-Täter in Deutschland.

Magazinrundschau vom 19.09.2006 - Polityka

Der kürzliche Tod Herbert Hupkas ist für Adam Krzeminski Anlass, die polnischen Ängste vor deutschen Revanchisten zu untersuchen: von Konrad Adenauer im Mantel des Deutschritterordens bis zu Erika Steinbach, vom mächtigen BdV-Lobby im Kalten Krieg bis zu den Drohungen, den EU-Beitritt verhindern zu wollen. "Es liegt in unserem beiderseitigen Interesse, dieses letzte Kapitel des Kalten Krieges zu schließen. So wie die Nicht-Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze Fundament der deutschen Politik war, war es Fundament der volkspolnischen Politik, den Dialog mit den Vertriebenen nicht aufzunehmen. Dabei muss klar gesagt werden: Polen hat diese historische Auseinandersetzung gewonnen! Die Grenze wurde anerkannt, und Polen ist Teil des westlichen Systems geworden." Krzeminski erinnert auch daran, dass es oft gerade Vertriebene (auch BdV-Funktionäre) waren, die in den achtziger Jahren viele Projekte zur Erhaltung des gemeinsamen Kulturerbes initiierten.

Der Schriftsteller und Publizist Ediwn Bendyk beschreibt die p2p-Revolution im Internet. Was als Tauschbörse von Musikdateien anfing, ist mit Kazaa, iTunes, YouTube und Skype (Polen ist nach den USA und China das Land mit den meisten Nutzern) zu einem eigenen Marktsegment mit hoher Attraktivität geworden. Trotz des Engagements der Großkonzerne im p2p-Bereich: "Es ist wahrlich schwierig, Business zu betreiben in der neuen Welt des Internets, die auf freundschaftlicher Kooperation basiert. Aber wie leicht und angenehm ist es, in dieser Welt Konsument zu sein."

Magazinrundschau vom 05.09.2006 - Polityka

"Rückblickend scheint 1914 die Welt nur auf den Funken gewartet zu haben, der am 28. Juni in Sarajevo gezündet wurde. Ähnlich 2001 - die Welt war bereit für die großen Veränderungen, die nach dem 11. September eintraten", schreibt in einem lesenswerten Beitrag der Publizist Jacek Zakowski zum anstehenden fünften Jahrestag des Anschlags auf das World Trade Center. Die Analogien gehen weiter: Ende des 19. Jahrhunderts war es auch eine junge, radikale Bewegung - die Kommunisten - die Staaten zum Handeln zwang. Doch während Preußen und Russland den Weg der Repression wählten, versuchten England und die Schweiz den Protest ins demokratische Spektrum integrierten. "Das Ergebnis kennen wir alle: in Russland siegte der Kommunismus und in Deutschland bald darauf der Nazismus." Zakowski sieht die verschärften Sicherheitsvorkehrungen, die militärischen Aktionen und die Einschränkung der Bürgerrechte sehr kritisch: "Es ist keine Lösung, die guten Seiten der existierenden Ordnung zu zerstören, im Namen des Kampfes mit ihren Gegnern."

In einem ehrgeizigen Publikationsprojekt, das von einem schottischen Verleger initiiert und von 33 Verlagen aus der ganzen Welt aufgenommen wurde, schreiben zeitgenössische Autoren die großen Mythen der Menschheit neu. Juliusz Kurkiewicz ist von der Idee angetan, auch wenn ihn die bisherigen Publikationen nicht begeisterten. Jetzt ist das beste Buch der Serie erschienen, "Anna In w Grobowcach Wiata", und seine Autorin, Olga Tokarczuk, hat an der Geschichte der sumerischen Göttin Inanna schon vor Bekanntwerden des Projekts gearbeitet. "Tokarczuk wiederholt nicht bekannte Geschichten, und kehrt sie auch nich um wie andere Autoren. Sie taucht in die Mythen ein, will ihre Bedeutung dechiffrieren, zeigen, dass es Geschichten sind, die - obwohl sie so niemanden und niemals passiert sind - jedem und jederzeit passieren könnten. Tokarczuks Inanna - Anna In ist eine junge Frau, die wir genau so gut auf der Straße treffen könnten."

Magazinrundschau vom 29.08.2006 - Polityka

Im polnischen Magazin geht es diesmal sehr literarisch zu. Nachdem Adam Krzeminski letzte Woche die Grass-Debatte zusammen mit der Berliner Ausstellung über Vertreibung zum Anlass nahm, die deutsch-polnischen Beziehungen zu analysieren, wendet er sich nun dem Buch als literarischem Ereignis zu. "'Beim Häuten der Zwiebel' handelt genau davon: wie man seine Haut abwirft, indem man über das Trauma spricht, wie man sich von der Schuld befreit, indem man sie benennt und sie gleichzeitig verschweigt, wie man sich mit Hilfe von Literatur eine Art 'Bypass' schafft, um die von Scham verstopften Arterien zu entlasten." Nicht unerwähnt lässt Krzeminski, dass Polen "Grass etwas schuldig ist. Wenn in den polnischen Westgebieten die antideutschen Ängste am geringsten sind, so ist das zu großem Teil auch Grass' Verdienst. Dank ihm haben wir den Komplex, eine von deutschen Revanchisten belagerte Festung zu sein, verloren."

Der in Polen seit Jahren beliebte tschechische Schriftsteller Bohumil Hrabal wird langsam in Rest-Europa (wieder)entdeckt - freut sich Literaturkritiker und Hrabal-Übersetzer Aleksander Kaczorowski. "Großen Anteil daran hatte der tschechische Regisseur Jiri Menzel, dessen Verfilmung von "Reise nach Sondervorschrift, Zuglauf überwacht" den Oscar bekommen hat, und der jetzt an Hrabals "Ich habe den englischen König bedient" arbeitet (mit Julia Jentsch in der weiblichen Hauptrolle). Diese Verfilmung kam unter sehr abenteuerlichen Umständen zustande - u.a. hat Menzel den Produzenten Jiri Serotek öffentlich verprügelt - und ein Erfolg kann den Regisseur wieder nach ganz oben bringen. Währenddessen ist eines sicher: der Erfolg von Hrabal als Autor, der in immer mehr Sprachen übersetzt wird."

Außerdem: das polnische staatliche Fernsehen plant einen Themenkanal "Geschichte". Im Gespräch mit der Polityka beteuern die Macher: "Das Programm wird ein Ort von Debatten von Historikern sein. Eine unkritische Darstellung der von der Regierung lancierten Geschichtspolitik wollen wir nicht."