
Die britisch-deutsche Netflix-Produktion "
München - Im Angesicht des Krieges" (nach dem Roman von Robert Harris) trifft in Tschechien auf große Vorbehalte: "Die Autoren lassen die tschechische Realität außer Acht. Der Film ist kalt wie eine Hundschnauze",
meint Filmkritiker Kamil Fila auf
aktuálně.cz. Netflix habe keine Ahnung, was es da angerichtet habe. Das
Münchner Abkommen von 1938, in das die Tschechoslowaken nicht einbezogen wurden - Hitler wollte die Sudeten, und Frankreich und England gaben sie ihm -, ist in Tschechien ebenso historisches Trauma wie eine Quelle nationaler Mythen. Auch Erik Tabery, Chefredakteur von
Respekt,
erkennt zwar den Versuch an, ein
neues Bild von Chamberlain zu zeichnen, der bisher nur als der Politiker galt, der im Angesichts des Bösen versagte, doch die
Realität umzuschreiben sei auch gefährlich. In der Interpretation des Films wisse der damalige britische Premier, dass man dem Tyrannen Hitler nicht vertrauen könne, mache es mit seiner Unterschrift unter das Abkommen aber seinem Land möglich, sich
auf den Krieg vorzubereiten. "Hitler gewann im Jahr 1938 ja nicht nur das Sudetenland, im Jahr darauf die ganze Tschechoslowakei, die Ausrüstungen der hiesigen Armee und wichtige Fabriken, sondern vor allem die Erkenntnis - die er vor seinen Generälen äußerte -, dass die Führer Englands und Frankreichs schwach seien. Was seinen Appetit noch weiter anregte." Tabery schließt: "Der Versuch der Filmemacher, Chamberlains Vorgehen zu rechtfertigen, könnte angesichts der
Ereignisse in Osteuropa zu keinem schlechteren Zeitpunkt kommen. Manchmal ist es schwer, Lehren aus der Geschichte zu ziehen, denn die Umstände sind immer jeweils spezifisch. Doch sobald ein Land den Nachbarstaat als ein
künstliches Konstrukt bezeichnet, dessen Grenzen nicht anerkennen will und mit den Säbeln rasselt, ist es immer besser, mit Churchills strengem als mit Chamberlains naivem Blick hinzuschauen."