
Der sozialdemokratische tschechische Staatspräsident
Miloš Zeman überraschte kürzlich mit der Behauptung, der Schriftsteller und Journalist
Ferdinand Peroutka sei
vom Nationalsozialismus fasziniert gewesen. (Peroutka gilt gemeinhin als größter tschechischer Journalist des letzten Jahrhunderts. Als Chefredakteur der demokratischen Zeitschrift
Přítomnost arbeitete er in den 20er- und 30er-Jahren unter anderem mit Karl Kraus und Karel Čapek zusammen.) Erik Tabery
widerspricht dem Präsidenten heftig: "Im Jahr 1953 sendete
Radio Free Europe einen
Kommentar von Ferdinand Peroutka, den er betitelte mit "Wer ist Ferdinand Peroutka?" Anlass war die Propaganda, die in der kommunistischen Tschechoslowakei über ihn verbreitet wurde. In seiner Radioansprache sagte Peroutka, die Sekretäre der kommunistischen Partei bezichtigten ihn, sich mit den Nazis "gegen sein Volk verbündet" zu haben. Peroutka fragte vor allem die jungen Leute: "Wenn heute die Zeitung
Rudé právo behauptet, ich hätte einst diesen oder jenen Satz geschrieben - wie könnt ihr wissen,
ob das wahr ist? Da euch die Möglichkeit genommen wurde, es über eigene Lektüre nachzuprüfen, hängt alles davon ab, ob
Rudé právo die Wahrheit sagt." Inzwischen sind wir über sechzig Jahre weiter (…), aber Präsident Miloš Zeman verbreitet
die gleichen Lügen über Peroutka wie jene im Jahr 1953." Tabery belegt Peroutkas hitlerkritische Einstellung mit lauter Zitaten von 1933 bis April 1939 und fügt hinzu: "Wenige Wochen später wurde Peroutka
ins Konzentrationslager geschickt. Emanuel Moravec bot ihm irgendwann an, nach Prag zurückzukehren und seine Zeitschrift als Kollaborateur weiterzuführen. Darauf antwortete Peroutka,
lieber bleibe er im KZ. Ich kann mir keinen größeren Mut vorstellen."