Magazinrundschau - Archiv

Respekt

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Magazinrundschau vom 10.02.2015 - Respekt

Der sozialdemokratische tschechische Staatspräsident Miloš Zeman überraschte kürzlich mit der Behauptung, der Schriftsteller und Journalist Ferdinand Peroutka sei vom Nationalsozialismus fasziniert gewesen. (Peroutka gilt gemeinhin als größter tschechischer Journalist des letzten Jahrhunderts. Als Chefredakteur der demokratischen Zeitschrift Přítomnost arbeitete er in den 20er- und 30er-Jahren unter anderem mit Karl Kraus und Karel Čapek zusammen.) Erik Tabery widerspricht dem Präsidenten heftig: "Im Jahr 1953 sendete Radio Free Europe einen Kommentar von Ferdinand Peroutka, den er betitelte mit "Wer ist Ferdinand Peroutka?" Anlass war die Propaganda, die in der kommunistischen Tschechoslowakei über ihn verbreitet wurde. In seiner Radioansprache sagte Peroutka, die Sekretäre der kommunistischen Partei bezichtigten ihn, sich mit den Nazis "gegen sein Volk verbündet" zu haben. Peroutka fragte vor allem die jungen Leute: "Wenn heute die Zeitung Rudé právo behauptet, ich hätte einst diesen oder jenen Satz geschrieben - wie könnt ihr wissen, ob das wahr ist? Da euch die Möglichkeit genommen wurde, es über eigene Lektüre nachzuprüfen, hängt alles davon ab, ob Rudé právo die Wahrheit sagt." Inzwischen sind wir über sechzig Jahre weiter (…), aber Präsident Miloš Zeman verbreitet die gleichen Lügen über Peroutka wie jene im Jahr 1953." Tabery belegt Peroutkas hitlerkritische Einstellung mit lauter Zitaten von 1933 bis April 1939 und fügt hinzu: "Wenige Wochen später wurde Peroutka ins Konzentrationslager geschickt. Emanuel Moravec bot ihm irgendwann an, nach Prag zurückzukehren und seine Zeitschrift als Kollaborateur weiterzuführen. Darauf antwortete Peroutka, lieber bleibe er im KZ. Ich kann mir keinen größeren Mut vorstellen."

Magazinrundschau vom 13.01.2015 - Respekt

Martin M. Šimečka sieht in den ermordeten Pariser Karikaturisten die Dissidenten der Gegenwart: "Der Mordanschlag in der Redaktion von Charlie Hebdo beweist nicht nur den totalitären Geist fanatischer Islamisten, er bezeugt auch die moralische Kraft der westlichen Zivilisation, die viele schon abgeschrieben haben, und die von den Diktatoren der Welt als schwach belächelt wird, als unfähig, für ihre Überzeugungen Opfer zu bringen. Doch was ist der Tod der französischen Journalisten anderes als der Beweis ihres bewundernswerten Glaubens an die Freiheit, für die sie ihr Leben gaben? Sie wussten schließlich, dass sie sich in tödliche Gefahr begaben. ... Ich fürchte, in Tschechien haben wir das Verständnis dafür verloren. Die Journalisten von Charlie Hebdo und viele andere westliche Journalisten und Intellektuelle sind heute die wirklichen Helden und Dissidenten, sie halten die Werte des Westens hoch, sind die Quelle seiner moralischen Kraft."