Magazinrundschau - Archiv

Respekt

65 Presseschau-Absätze - Seite 7 von 7

Magazinrundschau vom 09.06.2015 - Respekt

Zum Tod des tschechischen Schriftstellers und Dissidenten Ludvík Vaculík schreibt Martin Šimečka: "Er war es, der den Samizdat-Verlag Edice Petlice gründete und dazu die findige Botschaft an die Polizei ausdachte: "Ausdrückliches Verbot weiterer Manuskriptabschriften", an die sich keiner hielt und deren Anfangsbuchstaben im Tschechischen das Wort VZDOR (Trotz) ergaben. Von ihm habe ich gelernt, wie man mit Trotz nach und nach das Umfeld verändern kann und wie man auf seinem Standpunkt beharrt, auch wenn man mit dieser Haltung hoffnungslos naiv erscheint. (…) Nach dem Jahr 1989 blieb er der, der er immer gewesen war, nur erschienen sein Charakter und seine Ansichten manchmal in einem anderen Licht: Er war bis ins Mark hinein ein konservativer Mensch. Während des alten Regimes hatte ihn sein Festhalten an der Tradition in den Widerstand gegen die Kommunisten getrieben, in der Demokratie gegen alle liberalen Neuerungen. Er war immer der Gleiche, Ludvík Vaculík, nur die Verhältnisse veränderten sich. Ein großer Mann ist von uns gegangen, der Geschichte geschrieben hat."

Magazinrundschau vom 07.04.2015 - Respekt

Die Durchfahrt der US-Militärkonvois auf dem Weg vom Baltikum nach Deutschland hat in Tschechien die Gemüter erregt. Kommunistische und linke Gruppierungen hatten dazu aufgerufen, die Panzer mit Tomaten zu bewerfen, und über die Bedeutung des Konvois wurde überall heiß diskutiert. Doch schließlich empfingen Tausende von Tschechen die Amerikaner freundlich. Marek Švehla ist erleichtert: "Die Menschenmengen, die die Soldaten begrüßten, mochten unterschiedliche Motive dafür haben: von schlichter Neugier über eine Schwäche für Militarismus bis hin zum aufrichtigen Dank für die Präsenz der US-Armee in diesen Breiten. Der Konvoi hat auch gezeigt, dass die Vereinigten Staaten in Tschechien nach wie vor viele Sympathisanten haben. Sogar Sympathisanten mit amerikanischer Flagge im Schrank, die nötigenfalls hervorgeholt wird. (…) Die amerikanische Armee ist hierzulande schlicht ein Symbol der Freheit. Und auch wenn es für manche kitschig klingen mag, entspricht die ausgedrückte Gefühlslage genau den äußeren Umständen, die seit 25 Jahren die angespanntesten überhaupt sind."
Stichwörter: Militarismus, Tschechien, Baltikum

Magazinrundschau vom 24.02.2015 - Respekt

Bei der Verleihung der Český-Lev-Filmpreise hat der Film "Cesta ven" (The Way Out) über eine junge Roma-Frau in Tschechien die meisten Auszeichnungen abgeräumt. Kamil Fila verteidigt den Film gegen Vorwürfe, er sei nur wegen des politisch korrekten Themas so gut weggekommen. ""Cesta ven" ist gerade kein tendenziöser Film. Er erschafft keinen primitiven Feind, hetzt niemanden auf, zeigt keine Schwarz-Weiß-Sicht der Welt. Er ermöglicht es uns im Gegenteil, Roma als Menschen, nicht als Dämonen wahrzunehmen, nicht als Zeile in der Boulevardpresse, nicht als Zahl in der Statistik. (…) Hinter der Abneigung gegen den Film steckt nicht nur Ignoranz - am liebsten melden sich ja jene zu Wort, die den Film gar nicht gesehen haben -, sondern vor allem die eigene Angst: So wie die Roma, die sich derzeit am Rande der Gesellschaft befinden, könnten wir auch enden. Und es ist recht wahrscheinlich, dass mehr weiße Tschechen diesen Status erleben werden als Roma. Nur fehlt ihnen noch das letzte Stigma, die andere Hautfarbe."

Magazinrundschau vom 10.02.2015 - Respekt

Der sozialdemokratische tschechische Staatspräsident Miloš Zeman überraschte kürzlich mit der Behauptung, der Schriftsteller und Journalist Ferdinand Peroutka sei vom Nationalsozialismus fasziniert gewesen. (Peroutka gilt gemeinhin als größter tschechischer Journalist des letzten Jahrhunderts. Als Chefredakteur der demokratischen Zeitschrift Přítomnost arbeitete er in den 20er- und 30er-Jahren unter anderem mit Karl Kraus und Karel Čapek zusammen.) Erik Tabery widerspricht dem Präsidenten heftig: "Im Jahr 1953 sendete Radio Free Europe einen Kommentar von Ferdinand Peroutka, den er betitelte mit "Wer ist Ferdinand Peroutka?" Anlass war die Propaganda, die in der kommunistischen Tschechoslowakei über ihn verbreitet wurde. In seiner Radioansprache sagte Peroutka, die Sekretäre der kommunistischen Partei bezichtigten ihn, sich mit den Nazis "gegen sein Volk verbündet" zu haben. Peroutka fragte vor allem die jungen Leute: "Wenn heute die Zeitung Rudé právo behauptet, ich hätte einst diesen oder jenen Satz geschrieben - wie könnt ihr wissen, ob das wahr ist? Da euch die Möglichkeit genommen wurde, es über eigene Lektüre nachzuprüfen, hängt alles davon ab, ob Rudé právo die Wahrheit sagt." Inzwischen sind wir über sechzig Jahre weiter (…), aber Präsident Miloš Zeman verbreitet die gleichen Lügen über Peroutka wie jene im Jahr 1953." Tabery belegt Peroutkas hitlerkritische Einstellung mit lauter Zitaten von 1933 bis April 1939 und fügt hinzu: "Wenige Wochen später wurde Peroutka ins Konzentrationslager geschickt. Emanuel Moravec bot ihm irgendwann an, nach Prag zurückzukehren und seine Zeitschrift als Kollaborateur weiterzuführen. Darauf antwortete Peroutka, lieber bleibe er im KZ. Ich kann mir keinen größeren Mut vorstellen."

Magazinrundschau vom 13.01.2015 - Respekt

Martin M. Šimečka sieht in den ermordeten Pariser Karikaturisten die Dissidenten der Gegenwart: "Der Mordanschlag in der Redaktion von Charlie Hebdo beweist nicht nur den totalitären Geist fanatischer Islamisten, er bezeugt auch die moralische Kraft der westlichen Zivilisation, die viele schon abgeschrieben haben, und die von den Diktatoren der Welt als schwach belächelt wird, als unfähig, für ihre Überzeugungen Opfer zu bringen. Doch was ist der Tod der französischen Journalisten anderes als der Beweis ihres bewundernswerten Glaubens an die Freiheit, für die sie ihr Leben gaben? Sie wussten schließlich, dass sie sich in tödliche Gefahr begaben. ... Ich fürchte, in Tschechien haben wir das Verständnis dafür verloren. Die Journalisten von Charlie Hebdo und viele andere westliche Journalisten und Intellektuelle sind heute die wirklichen Helden und Dissidenten, sie halten die Werte des Westens hoch, sind die Quelle seiner moralischen Kraft."