Magazinrundschau - Archiv

Respekt

62 Presseschau-Absätze - Seite 6 von 7

Magazinrundschau vom 28.06.2016 - Respekt

Überall rumort es. Der Publizist Martin M. Šimečka spürt eine schleichende Revolution heraufziehen, der das Internet eine Stimme gibt: "Diese Revolution betrifft den Wandel selbst zwischen großer und kleiner Geschichte, indem sich die schweigende und passive Mehrheit in eine laute und aktive Masse verwandelt. Man sehe sich jene armseligen Eliten an, denen man Entfremdung vorwirft: wie sie zittern vor jener Masse, die immer lauter schreit, dass die Eliten sie nicht hören würden. ... Facebook hat dieser Menge die Fesseln abgerissen, ihr das öffentliche Sprechen ermöglicht und damit die jahrhundertelang unterdrückte Sehnsucht aus der Flasche gelassen, gehört zu werden. Doch wenn man erst einmal eine Stimme erhalten hat, will man nicht nur gehört, sondern auch angehört werden - und jeder individuell. Das aber ist nicht möglich, da es Millionen solcher Stimmen gibt, und jede ist unterschiedlich. Daher die Erregung jener 'einsamen Masse' (David Riesman): Endlich dürfen wir öffentlich sagen, was wir denken und wollen, und die (die Eliten) pfeifen auf uns!"

Magazinrundschau vom 31.05.2016 - Respekt

"Der Surrealismus ist nicht tot!", konstatiert Jindřiška Bláhová mit Blick auf den tschechischen Filmemacher Jan Švankmajer, für Cineasten seit Jahrzehnten eine feste Größe. Švankmajer sammelt gerade über Crowdfunding Geld für seinen neuen Film "Hmyz" (Das Insekt) mit Motiven des Theaterstücks "Aus dem Leben der Insekten" der Gebrüder Čapek und der Kafkaschen "Verwandlung". "Švankmajer will mindestens 150.000 Dollar einnehmen und hat gute Aussichten auf Erfolg. Innerhalb von zwei Tagen haben sich von Tschechien bis Japan mehr als 800 Leute der Kampagne angeschlossen und 50 Prozent der gewünschten Summe ermöglicht (am Sonntag waren es bereits 70 Prozent, und für den Rest hat der Filmemacher noch mehr als einen Monat Zeit." Švankmajer, einer der Pioniere der Stop-Motion-Technik, ist für seine teils mit Puppen besetzten, skurril-surrealen Filme bekannt. Hier ein Arbeitsbeispiel:


Magazinrundschau vom 10.05.2016 - Respekt

Martin Šimečka macht sich Sorgen um die europäischen Demokratien und zieht einen interessanten Vergleich: "Ich dachte früher, die Natur der Dinge habe gesiegt, als das kommunistische Regime unter dem Druck der Wahrheit zusammenbrach. Aber was ist, wenn die gleiche Natur der Dinge es ermöglicht, dass die Demokratie unter dem Druck der Lüge zusammenbricht? Der Kommunismus hatte zum Schluss nicht mehr genug Kraft und Willen, die Wahrheit zu unterdrücken. (…) Damals habe ich es nicht so stark empfunden, aber heute weiß ich, wie das Regime unter jedem niedergeschriebenen wahren Satz der Dissidenten ein Stück weiter zusammenbrach. Und ich erinnere mich an die damaligen Verteidiger des Regimes, die mich zu polizeilichen Verhören vorluden. Sie waren ohne Energie und ideenlos - und auch wenn sie die Amtsmacht über mich hatten, besaß ich doch Überlegenheit. Das Problem der demokratischen EU besteht darin, dass sie einen Status quo repräsentiert, und es ist, als würden ihr die Energie und die Ideen fehlen, um sich gegen Populisten, prorussische Trolle und eingefleischte Faschisten zu verteidigen."

Magazinrundschau vom 10.11.2015 - Respekt

Martin M. Šimečka glaubt in Mitteleuropa eine "demokratische Gegenrevolution" zu beobachten: "Demokratisch ist sie deshalb, weil die Leute sich frei entschließen, in Ungarn Orbán zu wählen, in Polen Kaczynski, in der Slowakei Fico, und nach jüngsten Umfragen in Tschechien Andrej Babiš wählen würden. Eine Gegenrevolution ist es, weil diese Politiker das genaue Gegenteil dessen repräsentieren, wofür das Jahr 1989 stand. Ihre Wurzeln müssen sehr tief reichen, da sie die vermeintlich unüberwindlichen Gegensätze zwischen diesen vier Männern aufheben: Babiš und Fico sind ehemalige Kommunisten, Kaczynski und Orbán waren einst Antikommunisten. Heute gleichen sie einander wie ein Ei dem andern. Es verbindet sie der Nationalismus - der sich in ihrem Widerstand gegen Flüchtlinge und die Europäische Union sowie ihrer Verachtung liberaldemokratischer Werte ausdrückt."

Magazinrundschau vom 22.09.2015 - Respekt

Brief aus Mitteleuropa: Wichtige Persönlichkeiten aus Polen, Ungarn, Slowakei, Tschechien und anderen Ländern fordern in einem offenen Brief ihre Regierungen und Bürger zur Solidarität mit den Flüchtlingen auf. "Es ist noch nicht lange her, da standen wir selbst vor den Toren Europas …" In einem leidenschaftlichen Appell rufen die Unterzeichner ihre Landsleute dazu auf, das europäische Solidaritätsgefüge nicht zu untergraben. Unter den Unterzeichnern figurieren etwa der frühere polnische Staatspräsident Aleksander Kwaśniewski, die ungarische Philosophin Agnes Heller, der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk. Von tschechischer Seite haben unter anderem der ehemalige Außenminister Karel Schwarzenberg, der Theologe Tomáš Halík, der ehemalige Premier Petr Pithart, Filmregisseur Jiří Menzel, der Politologe Jiří Pehe und der Chefredakteur des Wochenmagazins Respekt Erik Tabery den Brief unterzeichnet. (Freilich könnte man sich wünschen, es wären noch mehr.)

Magazinrundschau vom 11.08.2015 - Respekt

Glaubensfragen: Martin M. Šimečka unterhält sich mit dem polnischen Dominikanerpriester Tomasz Dostatni über die Unterschiede zwischen Polen und Tschechien - das eine Land gilt als eines der katholischsten, das andere als eines der atheistischsten Länder Europas. Šimečka sieht vor allem historische Gründe: Im Unterschied zu Polen habe Böhmen die Erfahrung einer gewaltvollen Gegenreformation gemacht, die die Tschechen vom Glauben abgebracht habe. Dostatni mag die Tschechen hingegen gar nicht so atheistisch sehen und zitiert Petr Pitharts Begriff von der "scheuen Gläubigkeit": "Sie war zum Beispiel typisch für Václav Havel, für Jan Patočka oder Karel Čapek. Auch in Polen gibt es heute diese Menschen, die eine Distanz zur Kirche wahren, aber nicht gänzlich ungläubig sind." In seiner Heimat konstatiert Dostatni bedauernd eine Verhärtung der Seiten: "In Polen haben wir in Kommunismuszeiten die wichtige Erfahrung gemacht, dass in der demokratischen Opposition Gläubige und Nichtgläubige zusammenfanden. Das half damals sehr dem gemeinsamen Dialog. Heute hingehen herrscht in der Kirche ein großes Misstrauen gegenüber den Nichtgläubigen. Tatsächlich haben sich beide Seiten radikalisiert - immer mehr Menschen sind offen antikirchlich eingestellt, zugleich nehmen die Ultrakonservativen zu. Es herrscht mehr Spannung als Dialog."

Magazinrundschau vom 07.07.2015 - Respekt

Anlässlich des 50. Internationalen Filmfestivals Karlovy Vary beschreibt Kamil Fila das Karlsbader Festival als Erfolgsgeschichte: "Jedes Jahr ist es das meistbeworbene, meistbesuchte und auch meistdiskutierte Kulturevent im Land. Vielleicht auch, weil es das teuerste ist und die meisten Gelder aus dem Staatshaushalt erhält. Während hier früher überwiegend sowjetische Filme gezeigt und pflichtschuldigst gewürdigt wurden, die die damalige Supermacht und den Sozialismus feierten, finden sich heute in der Wettbewerbssektion oft Filme aus postsowjetischen und postjugoslawischen Republiken, die in der Regel stark selbstkritisch aufgeladen sind. (…) Dennoch wird sich die Zukunft des Festivals als komplizierter erweisen. Lange Zeit fungierte es als Zusammenschau der anderen "A-Festivals" (Berlin, Cannes und Venedig), doch da nun ein Großteil der besten Produktionen schon im Vorfeld vom Marktlöwen Ivan Hronec für seine Prager Herbstschau Be2Can versammelt wird, weist Karlsbad allmählich ein etwas schwächeres Programm auf und muss vehementer um Neuproduktionen kämpfen."

Magazinrundschau vom 09.06.2015 - Respekt

Zum Tod des tschechischen Schriftstellers und Dissidenten Ludvík Vaculík schreibt Martin Šimečka: "Er war es, der den Samizdat-Verlag Edice Petlice gründete und dazu die findige Botschaft an die Polizei ausdachte: "Ausdrückliches Verbot weiterer Manuskriptabschriften", an die sich keiner hielt und deren Anfangsbuchstaben im Tschechischen das Wort VZDOR (Trotz) ergaben. Von ihm habe ich gelernt, wie man mit Trotz nach und nach das Umfeld verändern kann und wie man auf seinem Standpunkt beharrt, auch wenn man mit dieser Haltung hoffnungslos naiv erscheint. (…) Nach dem Jahr 1989 blieb er der, der er immer gewesen war, nur erschienen sein Charakter und seine Ansichten manchmal in einem anderen Licht: Er war bis ins Mark hinein ein konservativer Mensch. Während des alten Regimes hatte ihn sein Festhalten an der Tradition in den Widerstand gegen die Kommunisten getrieben, in der Demokratie gegen alle liberalen Neuerungen. Er war immer der Gleiche, Ludvík Vaculík, nur die Verhältnisse veränderten sich. Ein großer Mann ist von uns gegangen, der Geschichte geschrieben hat."

Magazinrundschau vom 07.04.2015 - Respekt

Die Durchfahrt der US-Militärkonvois auf dem Weg vom Baltikum nach Deutschland hat in Tschechien die Gemüter erregt. Kommunistische und linke Gruppierungen hatten dazu aufgerufen, die Panzer mit Tomaten zu bewerfen, und über die Bedeutung des Konvois wurde überall heiß diskutiert. Doch schließlich empfingen Tausende von Tschechen die Amerikaner freundlich. Marek Švehla ist erleichtert: "Die Menschenmengen, die die Soldaten begrüßten, mochten unterschiedliche Motive dafür haben: von schlichter Neugier über eine Schwäche für Militarismus bis hin zum aufrichtigen Dank für die Präsenz der US-Armee in diesen Breiten. Der Konvoi hat auch gezeigt, dass die Vereinigten Staaten in Tschechien nach wie vor viele Sympathisanten haben. Sogar Sympathisanten mit amerikanischer Flagge im Schrank, die nötigenfalls hervorgeholt wird. (…) Die amerikanische Armee ist hierzulande schlicht ein Symbol der Freheit. Und auch wenn es für manche kitschig klingen mag, entspricht die ausgedrückte Gefühlslage genau den äußeren Umständen, die seit 25 Jahren die angespanntesten überhaupt sind."
Stichwörter: Militarismus, Tschechien, Baltikum

Magazinrundschau vom 24.02.2015 - Respekt

Bei der Verleihung der Český-Lev-Filmpreise hat der Film "Cesta ven" (The Way Out) über eine junge Roma-Frau in Tschechien die meisten Auszeichnungen abgeräumt. Kamil Fila verteidigt den Film gegen Vorwürfe, er sei nur wegen des politisch korrekten Themas so gut weggekommen. ""Cesta ven" ist gerade kein tendenziöser Film. Er erschafft keinen primitiven Feind, hetzt niemanden auf, zeigt keine Schwarz-Weiß-Sicht der Welt. Er ermöglicht es uns im Gegenteil, Roma als Menschen, nicht als Dämonen wahrzunehmen, nicht als Zeile in der Boulevardpresse, nicht als Zahl in der Statistik. (…) Hinter der Abneigung gegen den Film steckt nicht nur Ignoranz - am liebsten melden sich ja jene zu Wort, die den Film gar nicht gesehen haben -, sondern vor allem die eigene Angst: So wie die Roma, die sich derzeit am Rande der Gesellschaft befinden, könnten wir auch enden. Und es ist recht wahrscheinlich, dass mehr weiße Tschechen diesen Status erleben werden als Roma. Nur fehlt ihnen noch das letzte Stigma, die andere Hautfarbe."