Magazinrundschau - Archiv

The Ringer

2 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 30.04.2019 - The Ringer

Der am 14. April verstorbene Science-Fiction-Autor Gene Wolfe war in erster Linie das, was man im englischsprachigen Raum einen "writer's writer" nennt. In Deutschland ist er kaum bekannt (deutsche Ausgaben sind lediglich antiquarisch erhältlich), in den USA galt er als, wenn auch gefeierter, Außenseiter. Insbesondere mit seinen erzählerisch experimentellen "Büchern der Neuen Sonne" hat sich Wolfe als Literat in der Tradition der klassischen Moderne erwiesen, schreibt Brian Phillips in einem großen Abriss von Leben und Werk dieses Autors, der im Brotjob lange Zeit für die Chips-Marke Pringles und als Redakteur für ein Gärtner-Fachmagazin arbeitete, während er sich in seiner Freizeit nicht so sehr Genrekost, sondern vor allem die großen Klassiker des westlichen Literaturkanons einverleibte. "Die vier 'Bücher der Neuen Sonne' stellen einen dergroßen, sonderbaren Triumphe der amerikanischen Phantastik dar: eine Geschichte, die Science-Fiction mit Pulp-Fantasy verschmilzt und beides dann wiederum mit modernistischen narrativen Techniken, katholischer Theologie und Proust'scher Meditation (die New York Times ergänzte das noch um 'Spenser'sche Allegorie, Swift'sche Satire, Dickens'sches gesellschaftliches Bewusstsein und Wagnerianische Mythologie' und das aus gutem Grund). ... Hätten Henri Bergson und St. Augustine gemeinsam eine Ausgabe des Pulpmagazins Weird Tales aus den 30ern zusammengestellt, wäre das Ergebnis diesem Text wohl ziemlich nahe gekommen. Es ist sonderbar genug, dass er überhaupt von irgend jemandem geschrieben wurde. Dass er von dem Typen geschrieben wurde, der sich seinen Kopf über die Zubereitung von Pringles-Chips zerbrochen hat, ist nicht viel aufregender als jede andere Möglichkeit. 'New Sun' wird von Severian erzählt, einem Lehrling aus der Gilde der Folterer, der gemeinsam mit seiner Gilde in einer mysteriösen Festung namens 'die Zitadelle' lebt. Zunächst scheint das Buch in einer mittelalterlichen Fantasywelt angesiedelt zu sein. Doch allmählich wird klar, dass Urth, die Welt dieses Buchs, tatsächlich eine Welt weit in der Zukunft darstellt, deren gegenwärtige Zivilisation sich lediglich in mancher Hinsicht (und, was rasch klar wird, in manch anderen nicht) mittelalterlicher Technologie annähert. Diese Zivilisation ist gebaut auf den Trümmern zahlloser anderer. Die Zitadelle selbst scheint eine Art zerstörtes Raumschiff zu sein. ... Die Sprache des Buchs ist reich, sonderbar, wunderschön und oft buchstäblich unverständlich."

Magazinrundschau vom 18.04.2017 - The Ringer

Was in den Neunzigern wagemutige Filmverleiher wie Miramax leisteten, die seinerzeit auf den Festivals reihenweise Indie-Filme einkauften, ihre Schützlinge ins Rampenlicht brachten und damit die Karrieren zahlreicher, heute namhafter Regisseure beförderten, erledigen heute Netflix und Amazon, die junge Talente auf den Festivals aufklauben und ihnen gesicherte Arbeitsbedingungen bieten. So lautet zumindest die Außendarstellung der beiden IT-Konzerne, die derzeit gezielt auf Wachstum ihres Exklusivangebots drängen und damit neue Talente, aber auch aus dem Mittelbau Hollywoods vertriebene Filmemacher an sich binden. Was für den Nachwuchs im einzelnen mittelfristig von Vorteil ist, könnte sich für die Filmkultur langfristig als Boomerang erweisen, schreibt allerdings Sean Fennessey in einer ausführlichen Hintergrundreportage für The Ringer (einem Magazin, das zu seinem Start im Jahr 2016 allerdings von HBO, also einem direkten Marktkonkurrenten der großen Streamingdienste, finanziert wurde): "'Jetzt gerade gibt es ein Fenster, in dem alle versuchen, ihr Programm anzudicken, aber irgendwann ist ein Punkt erreicht, an dem Amazon genügend Titel im Programm hat und dann kümmern sie sich nur noch um die großen Titel', erzählte mir Produzent Chris Moore, dessen Film 'Manchester by the Sea' von Amazon finanziert und verliehen wurde. 'Und wenn Du ein Abonnent von Amazon Prime bist, ihrem Kerngeschäft, was sollte es Dich da jucken, ob sie nun 50.000 Filme im Angebot haben oder 6 Millionen? Solange Du aus diesen 50.000 das ziehen kannst, was Dich interessiert, was kümmern Dich da die restlichen 5 Millionen, nicht wahr?'"