Magazinrundschau - Archiv

The Ringer

4 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 20.10.2020 - The Ringer

Kennen Sie den noch?



1990 war Vanilla Ice schlagartig ganz groß und genauso schlagartig wieder weg vom Fenster. Erst feierten alle den weißen Rapper, dann fanden ihn alle peinlich. Jeff Weiss hat nochmal aufgeschrieben, wie es dazu kam und man staunt: Im Grunde haben ein einziger Zeitungsartikel, der die (allerdings auch nur leicht) auffrisierte Biografie des Musikers zerlegte, und eine (zugegeben wirklich zum Schreien komische) Parodie des noch blutjungen Jim Carrey (siehe unten) Vanilla Ice binnen kürzester Zeit vom Thron geholt. "In den 30 Jahren seit der Veröffentlichung seines Debütalbums ist es zunehmend schwieriger geworden, jene Welt vor Augen zu haben, in dem sich all dies zutrug. Fragen nach kultureller Aneignung und künstlerischer Integrität bestimmen zwar heute noch den zeitgenössischen Diskurs, aber es ist fast schon nicht mehr möglich, sich eine eine kulturelle Landschaft vorzustellen, in der ein paar negative Artikel, ein Comedy-Sketch und ein ruppiges Gespräch bei einer Late Night Show den größten Künstler der Erde zur Implosion bringen. Man fürchtete damals, dass Ice eine Welt begünstigen würde, in der die drängenden Salven von Public Enemy und NWA niemals die Haushalte der Mittelschicht erreichen könnten. Aber beide haben heute ihren verdienten Ehrenplatz in der Rock & Roll Hall of Fame und letztere sogar ein Biopic, dass mehr als 200 Millionen Dollar umgesetzt hat und für einen Academy Award nominiert war. Nachdem Vanilla Ice und Marky Mark aus dem Rampenlicht getreten sind, wurde kein zweiter weißer Rapper berühmt bis Eminem acht Jahre später die Bühne betrat. Danach dauerte es weitere zehn Jahre bevor Macklemore all dieselben beunruhigenden Fragen aufwarf, die während der Amtszeit von George Bush dem Älteren erstmals gestellt wurden. Hip-Hop ist seitdem vom Pop-Mainstream so umfassend vereinnahmt und eingefasst worden, dass Rapper, viele von ihnen weiß, heute Arenen füllen können, ohne auch nur entfernt mit der Straßenkultur etwas zu tun zu haben."

Magazinrundschau vom 25.08.2020 - The Ringer

Ein ziemlich fleißiger Twitterer weist der New York Times seit geraumer Zeit hartnäckig und alles andere als diplomatisch ihre Tipp-, Satzzeichen- und Grammatikfehler sowie Stilblüten nach - sehr zum Missfallen einiger Journalisten und Redakteure dort. Dahinter verbirgt sich ein (auf Anonymität Wert legender) Rechtsanwalt, hat Ben Lindbergh herausgefunden, der den Hobby-Lektor ausführlich zu seinen Beweggründen befragt hat. Daneben geht es vor allem auch um Journalismus der Gegenwart: Dass die Tippfehler in dem Blatt zunehmen, liege auch daran, dass die Zeitung mit Blick auf die Anforderungen eines überlebensfähigen Digitaljournalismus ihr einst beeindruckend umfangreiches, mehrstufiges Lektorat zuletzt radikal zusammengestrichen hat: "Ihren Umsatz-Peak in den Nullerjahren hat die Zeitung seit der Rezession nicht mehr erreicht, während die Umsätze aus dem Printgeschäft sanken und die aus dem digitalen Geschäft stiegen (im zweiten Quartal 2020 verdiente das Blatt erstmals mehr digital als mit Print). Als der Budgetgürtel enger geschnallt werden musste, war das gut besetzte Lektorat ein leichtes Ziel. ... In den letzten Jahren löste Google Facebook als Hauptquelle für Traffic ab. Google belohnt die erste Veröffentlichung zu einem Thema. In einer Breaking-News-Situation raubt ein zusätzlicher Lektürevorgang wertvolle Zeit, was zur Folge haben könnte, dass ein Artikel bei Google News oder in den Suchergebnissen an einer schlechteren Position auftaucht. Das kostet Klicks. ... Oft ist das absolute Minutensache."

Magazinrundschau vom 30.04.2019 - The Ringer

Der am 14. April verstorbene Science-Fiction-Autor Gene Wolfe war in erster Linie das, was man im englischsprachigen Raum einen "writer's writer" nennt. In Deutschland ist er kaum bekannt (deutsche Ausgaben sind lediglich antiquarisch erhältlich), in den USA galt er als, wenn auch gefeierter, Außenseiter. Insbesondere mit seinen erzählerisch experimentellen "Büchern der Neuen Sonne" hat sich Wolfe als Literat in der Tradition der klassischen Moderne erwiesen, schreibt Brian Phillips in einem großen Abriss von Leben und Werk dieses Autors, der im Brotjob lange Zeit für die Chips-Marke Pringles und als Redakteur für ein Gärtner-Fachmagazin arbeitete, während er sich in seiner Freizeit nicht so sehr Genrekost, sondern vor allem die großen Klassiker des westlichen Literaturkanons einverleibte. "Die vier 'Bücher der Neuen Sonne' stellen einen dergroßen, sonderbaren Triumphe der amerikanischen Phantastik dar: eine Geschichte, die Science-Fiction mit Pulp-Fantasy verschmilzt und beides dann wiederum mit modernistischen narrativen Techniken, katholischer Theologie und Proust'scher Meditation (die New York Times ergänzte das noch um 'Spenser'sche Allegorie, Swift'sche Satire, Dickens'sches gesellschaftliches Bewusstsein und Wagnerianische Mythologie' und das aus gutem Grund). ... Hätten Henri Bergson und St. Augustine gemeinsam eine Ausgabe des Pulpmagazins Weird Tales aus den 30ern zusammengestellt, wäre das Ergebnis diesem Text wohl ziemlich nahe gekommen. Es ist sonderbar genug, dass er überhaupt von irgend jemandem geschrieben wurde. Dass er von dem Typen geschrieben wurde, der sich seinen Kopf über die Zubereitung von Pringles-Chips zerbrochen hat, ist nicht viel aufregender als jede andere Möglichkeit. 'New Sun' wird von Severian erzählt, einem Lehrling aus der Gilde der Folterer, der gemeinsam mit seiner Gilde in einer mysteriösen Festung namens 'die Zitadelle' lebt. Zunächst scheint das Buch in einer mittelalterlichen Fantasywelt angesiedelt zu sein. Doch allmählich wird klar, dass Urth, die Welt dieses Buchs, tatsächlich eine Welt weit in der Zukunft darstellt, deren gegenwärtige Zivilisation sich lediglich in mancher Hinsicht (und, was rasch klar wird, in manch anderen nicht) mittelalterlicher Technologie annähert. Diese Zivilisation ist gebaut auf den Trümmern zahlloser anderer. Die Zitadelle selbst scheint eine Art zerstörtes Raumschiff zu sein. ... Die Sprache des Buchs ist reich, sonderbar, wunderschön und oft buchstäblich unverständlich."
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Magazinrundschau vom 18.04.2017 - The Ringer

Was in den Neunzigern wagemutige Filmverleiher wie Miramax leisteten, die seinerzeit auf den Festivals reihenweise Indie-Filme einkauften, ihre Schützlinge ins Rampenlicht brachten und damit die Karrieren zahlreicher, heute namhafter Regisseure beförderten, erledigen heute Netflix und Amazon, die junge Talente auf den Festivals aufklauben und ihnen gesicherte Arbeitsbedingungen bieten. So lautet zumindest die Außendarstellung der beiden IT-Konzerne, die derzeit gezielt auf Wachstum ihres Exklusivangebots drängen und damit neue Talente, aber auch aus dem Mittelbau Hollywoods vertriebene Filmemacher an sich binden. Was für den Nachwuchs im einzelnen mittelfristig von Vorteil ist, könnte sich für die Filmkultur langfristig als Boomerang erweisen, schreibt allerdings Sean Fennessey in einer ausführlichen Hintergrundreportage für The Ringer (einem Magazin, das zu seinem Start im Jahr 2016 allerdings von HBO, also einem direkten Marktkonkurrenten der großen Streamingdienste, finanziert wurde): "'Jetzt gerade gibt es ein Fenster, in dem alle versuchen, ihr Programm anzudicken, aber irgendwann ist ein Punkt erreicht, an dem Amazon genügend Titel im Programm hat und dann kümmern sie sich nur noch um die großen Titel', erzählte mir Produzent Chris Moore, dessen Film 'Manchester by the Sea' von Amazon finanziert und verliehen wurde. 'Und wenn Du ein Abonnent von Amazon Prime bist, ihrem Kerngeschäft, was sollte es Dich da jucken, ob sie nun 50.000 Filme im Angebot haben oder 6 Millionen? Solange Du aus diesen 50.000 das ziehen kannst, was Dich interessiert, was kümmern Dich da die restlichen 5 Millionen, nicht wahr?'"