Magazinrundschau - Archiv

Washington Post

7 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 18.02.2020 - Washington Post

In seltener Partnerschaft lüften Washington Post und das ZDF ein dunkles Geheimnis von CIA und BND: das Mitlesen verschlüsselter Kommunikation von Feinden und Verbündeten, ermöglicht durch die Unterwanderung der für die Verschlüsselung zuständigen Schweizer Crypto AG: "Die Schweizer Firma verdiente bis weit ins 21. Jahrhundert Millionen Dollar durch den Verkauf ihrer Technik an über 120 Staaten, darunter Iran, Juntas in Lateinamerika, Indien, Pakistan und sogar der Vatikan. Was keiner der Kunden wusste: In geheimer Allianz mit dem BND war die CIA Eigentümer der Crypto AG und konnte so jeden der verwendeten Codes knacken … Die der Post und dem ZDF vorliegenden einander ergänzenden Berichte von CIA und BND zeigen, wie sich die beiden Partner über Geld, Kontrolle und ethische Richtlinien streiten, wobei der BND sich immer wieder entgeistert zeigt über den Enthusiasmus der CIA, Verbündete auszuspähen. Beide betonen jedoch den enormen Erfolg der Operationen. Während der 80er Jahre gingen rund 40 Prozent der von der NSA decodierten diplomatischen Kommunikation und 90 Prozent der vom BND genutzten Geheimdaten auf Crypto zurück … Die Berichte rühren kaum an die unbequeme Frage über die Kenntnisse der USA und ihr Handeln bzw. Nichthandeln angesichts von Ländern, die in Attentate, Genozide oder Menschenrechtsvergehen verwickelt waren. Die Enthüllungen geben Anlass zu einer Revision der Interventionsmöglichkeiten der USA in internationalen Krisen … Ronald Reagan gefährdete die Crypto Operationen nach dem Anschlag auf die Diskothek 'La Belle' in Westberlin, bei dem zwei US-Soldaten und eine türkische Frau ums Leben kamen. Er befahl Vergeltungsschläge gegen Libyen und erklärte, man verfüge über unleugbare Beweise für Libyens Verwicklung in den Anschlag. Seine Worte ließen keinen Zweifel, dass die Kommunikation zwischen Tripolis und der Libyschen Botschaft in Ostberlin entschlüsselt worden war."

Magazinrundschau vom 17.09.2019 - Washington Post

Weinanbau an der Mosel

Jason Wilson hat eine Schwäche für deutschen Weißwein, Riesling insbesondere, mit schönen "Umlauts" im Namen. Und so reist er an die Mosel um das Piesporter Goldtröpfchen und mehr zu kosten. Staunend berichtet er über eine junge, lebendige Weinszene, die mit organischen Weinen experimentiert und exzellente trockene Weine produziert (wie zum Beispiel die Gruppe "Message in a bottle"). Dabei hat sie einen kleinen Helfer: den Klimawandel. "Die letzte Ernte 2018 wurde von Weinkritikern weltweit für nahezu perfekt erklärt, viele glauben, dass sie eine goldene Ära trockener deutscher Weine ankündigt. 'In vielerlei Hinsicht hat uns der Klimawandel geholfen', sagt mir der Winzer Johannes Haart. 'Ich experimentiere damit, und schaue, wohin es uns führt.' Haart wählt, wie andere auch, seine Worte sorgfältig aus. Diese Situation ist ganz neu und ein wenig verwirrend. Deutschland gilt seit Jahrhunderten als eine Region mit kühlem Klima, in der die Trauben um ihre Reife  und ihre Gärung kämpften und alkoholarme Weine mit viel Restzucker entstanden. Jetzt, angesichts des unvorhersehbaren Wetters der Welt, ernten die Winzer hier früher im Herbst, mit einem höheren Traubenvolumen und der Herstellung von Wein mit einem höheren Alkoholgehalt - und vor allem trockener. In einigen Ecken der Weinwelt gibt es unbehagliches Flüstern, dass Teile Deutschlands bald bekanntere Gebiete Spaniens, Italiens oder Frankreichs herausfordern könnten, die immer heißer und heißer werden. Wie lange wird es dauern, bis jemand sonnig eine deutsche Weinregion zur 'neuen Toskana' erklärt?"

Magazinrundschau vom 04.06.2019 - Washington Post

In einem größeren Dossier, das die Washington Post zum Massaker am Platz des Himmlischen Friedens vorlegt, sei besonders ein Text der Journalistin Louisa Lim empfohlen, die nach vielen Gesprächen mit Korrespondenten in China herausgefunden hat, dass praktisch alle Journalisten in der Berichterstattung zu dem Jahrestag behindert wurden, aber mehr noch, dass es der chinesischen Regierung gelungen ist, ein bestimmtes Narrativ über den 4. Juni durchzusetzen: Alles in der Berichterstattung konzentriere sich auf das Massaker in Peking. Aber die sieben Wochen zuvor, die Ereignisse in der Provinz, die breite Bewegung zu einer Reform des Landes werden zusehends ausgeblendet - und das auch in ausländischen Medien! "Journalisten mögen den ersten Entwurf einer Geschichte liefern, aber in diesem Fall arbeitet ein repressiver Staat langsam, geduldig und rückwirkend daran, jene Sektionen aus diesem Entwurf zu entfernen, die er aus der Erinnerung tilgen will. Die Botschaft, dass politische Mobilisierung oder sogar die Diskussion darüber um jeden Preis unterdrückt werden, kommt genau zu der Zeit, wo Peking seine Staatsmedien im Ausland expandieren lässt und seine finanziellen Mittel nutzt, um Platz in westlichen Medien zu kaufen, während westliche Tech Firmen bereits freiwillig als Handlager der Zensur arbeiten und Posts zu Tienanmen löschen." (Wie der Guardian bereits 2014 berichtete, d.Red.) Louisa Lim ist Autorin des Buchs "The People's Republic of Amnesia" (mehr hier).
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Magazinrundschau vom 02.05.2018 - Washington Post

Mädchen unerwünscht - so sehen das viele indischen und chinesische Eltern und ließen weibliche Föten abtreiben. Die Folge war klar: Es gibt heute in den beiden Ländern 70 Millionen mehr Männer als Frauen, berichten Simon Denyer und Annie Gowen in einer großen Reportage. Und ihr Status sinkt rapide: "Suresh Kumar träumte einst davon zu heiraten, mit einer Prozession durch die Straßen von Bass, die Braut in Gold gekleidet, mit der Art von Zeremonie, die für indische Männer einst eine fast universelle rite de passage war. Aber nachdem eine Verlobung zerbrochen war, konnte keine andere passende Braut mehr gefunden werden. Sumar macht sogar seinen Highschool-Abschluss nach in der Hoffnung, ein attraktiverer Heiratskandidat zu werden. Es hat nichts genützt. Heute ist er Mitte dreißig, weit über das in Indien übliche Heiratsalter hinaus, und muss sich der bitteren Wahrheit stellen: eine Frau und eine Familie wird es für ihn nicht geben. 'Die Leute sagen: du hast weder Frau noch Kind - warum arbeitest du so hart', erklärt Kumar. 'Ich lache nach außen, aber den Schmerz in meinem Herzen kenne nur ich.' Männer wie er sind isoliert. Sie werden nicht an den großen familiären Entscheidungen beteiligt und sind Gegenstand des Spotts. Es gibt kaum Unterstützung, schon gar keine psychologische. Schlimmer noch, in der traditionellen Kultur der indischen Dörfer haben diejenigen, die nicht verheiratet sind, keine Chance auf weibliche Gesellschaft - Rendezvous' oder eine Freundin sind unmöglich."

Magazinrundschau vom 28.11.2017 - Washington Post

In Nordkorea sind die Hoffnungen auf Reformen und ein Tauwetter im Inneren, die die Bevölkerung einst auf Kim Jong-Un als jungen Quasi-Thronfolger setzten, längst zerstoben - eher ist das Leben noch härter geworden, berichten zahlreiche Geflohene, mit denen Anna Fifield über ihre Erfahrungen gesprochen hat: Die sozialistische Staatsökonomie ist längst zusammengebrochen - auch in Bereichen, in denen sich das Regime als fürsorglich in Szene setzt. Längst suchen die Bewohner des Landes ihren Bedarf auf Schwarzmärkten und in geduldeten Schattenökonomien zu decken. Unter anderem erfährt man auch von dem Schwarzmarkt für eingeschmuggelte Filme aus dem Ausland - für die meisten Nordkoreaner die einzige Möglichkeit, sich ein Bild von der Außenwelt zu machen: "Händler verkaufen gewöhnliche Sachen wie Batterien, Reis oder was auch immer. Die USB-Sticks verstecken sie darin unter dem Ladentisch. Auf dem Markt fragt man die Händler dann, ob sie etwas Leckeres im Angebot hätten. Das ist das Passwort. ... Früher war es so, dass es okay war, chinesische Filme auf USB-Sticks zu sehen. Ins Arbeitslager musste man nur, wenn man mit südkoreanischen oder amerikanischen Filmen erwischt wurde. Doch jetzt, unter Kim Jong-Un, landet man auch für chinesische Filme im Lager. Der Polizei und den Sicherheitsdiensten geht es heutzutage besser. Je mehr Leute sie schnappen, umso mehr Geld verdienen sie."

Außerdem: Steven Zeitchik macht sich Sorgen um die Zukunft von HBO - mit dem absehbaren Ende von "Game of Thrones" steht der einstige TV-Pionier ohne ersichtlichen Nachfolger für die Erfolgsserie da und muss sich in einem neu-strukturierten Markt orientieren, der mehr und mehr einem Haifischbecken gleicht.

Magazinrundschau vom 15.11.2016 - Washington Post

Kathy Cramer hat gerade in den USA ein vielbeachtetes Buch veröffentlicht, "The Politics of Resentment", für das sie jahrelang die Landbevölkerung in Wisconsin interviewt hat. Dabei hat sie allerhand gelernt über die Wähler, die jetzt überraschend - und eigentlich gegen ihre eigenen Interessen - Donald Trump gewählt haben. Diese Menschen, erklärt sie im Interview mit der Washington Post, hegen ein tiefes Gefühl der Bitterkeit gegen die Eliten, von denen sie sich politisch gegängelt, persönlich verachtet und ökonomisch ausgetrickst fühlen. Darum wird immer wichtiger, wer man selbst ist und wer zu einem spricht, sagt Cramer: "In der Politik geht es immer weniger um Fakten und politische Richtungen. Es geht vor allem um Identitäten, die Leute überlegen, welche Art von Person sie sind und welche Art andere sind. Für wen bin ich und gegen wen bin ich? Politik ist ein Teil davon, aber Politik gibt nicht die Richtung vor. Die Leute überlegen: Ist das jemand wie ich? Ist das jemand, der versteht, wer ich bin? Wir denken zu viel darüber nach, wer für welche spezielle Politik steht. Statt dessen sollten wir versuchen zu verstehen, wie jemand die Welt sieht und seinen Platz darin - dann werden wir auch viel besser vorhersagen können, wie er wählt und welche Kandidaten ihn ansprechen."

Lesenswert in diesem Zusammenhang ist auch Alec MacGillis' Reportage für Propublica aus dem Rust Belt.

Magazinrundschau vom 09.06.2015 - Washington Post

Craig Timberg erklärt in einer großen Reportage, wie es dazu kommen konnte, dass das Internet heute für Hacker und Geheimdienste eine so leichte Beute darstellt. Im großen historischen Abriss macht er uns dabei nicht nur mit dem (noch relativ gut überschaubaren) Internetvorgänger ARPA bekannt, sondern zeigt auch die fatalen Folgen der Implementierung des TCP/IP-Standards in den frühen 80ern auf, auf den sich der Datenverkehr im Netz bis heute stützt. Hätte man diesen nicht von vornherein mit kryptografischen Techniken versehen können? Womöglich schon, erfahren wir. Jedoch: "Zur Verschlüsselung und Dechiffrierung von Nachrichten brauchte es jede Menge Rechnerleistung, die wahrscheinlich sogar die Anschaffung neuer teurer Hardware nötig machen würde, um wirklich zu funktionieren. ... Auch lauerten im Hintergrund politische Konfikte: Die National Security Agency (...) hatte ernsthafte Bedenken, wenn es darum ging, Verschlüsselung auf öffentlichen oder kommerziellen Netzwerken zuzulassen. ... "In jenen Tagen war es für die NSA noch immer möglich, einem Professor einen Besuch abzustatten und zu sagen: "Bitte sehen Sie doch davon ab, diesen Aufsatz über Verschlüsselung zu veröffentlichen." Als die 70er verstrichen, ließen Cerf und Kahn von ihren Versuchen, TCP/IP und Kryptografie miteinander zu verbinden, ab und resignierten vor den Hürden, die sie als unüberwindbar empfanden. Zwar war es noch immer möglich, Datenverkehr mittels eigens entwickelter Hard- und Software zu verschlüsseln, doch entwickelte sich das Internet zu einem Kommunikationssystem, das zu weiten Teilen offen arbeitet - was nach sich zieht, dass jeder mit einem Zugang zum Netzwerk dessen Datenverkehr überwachen kann."