25 Jahre Perlentaucher
Statistischer Zufall
Von Denis Scheck
02.03.2025. "Literaturkritik vergleicht immer Äpfel mit Birnen."Denis Scheck antwortet auf die Kritikerumfrage des Perlentaucher.25 Jahre Perlentaucher: Wir fragen die bekanntesten Kritiker und Kritikerinnen Deutschlands: "Welches waren für Sie die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000" (Editorial). Als Orientierung haben wir ihnen diese Liste mit den meistbesprochenen Büchern der deutschen Literatur seit 2000 mitgegeben. Am 13. März feiern wir mit dem Deutschland Literaturarchiv in Marbach und der Frage: Wohin geht die deutsche Literatur? Das Archiv der bisherigen Beiträge finden Sie hier. D.Red.
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Auf eine Frage des Perlentauchers: "Welches waren die wichtigsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000?"
Warum lässt sich ausgerechnet der sonst so weltläufige Perlentaucher zu seinem Jubeltag auf eine mit beiden Beinen in der Nationalphilologie des 19. Jahrhunderts steckende schwachsinnige Verengung in der Fragestellung ein? Nach dem Tod von W. G. Sebald 2001 findet sich unter den für mich wichtigsten Veröffentlichungen der letzten 25 Jahre kein deutschsprachiges Buch. Alles andere müsste angesichts einer Weltbevölkerung von über 8 Milliarden und einer großzügig auf 130 Millionen geschätzten Zahl von Menschen mit Deutsch als Muttersprache auch schon ein arger statistischer Zufall.
Was waren die Bücher, die mich im letzten Vierteljahrhundert prägten, umtrieben und mein Denken bestimmten? An erster Stelle muss ich das Werk von David Foster Wallace nennen. Mir persönlich ist der messerscharf argumentierende Essayist Wallace genauso wichtig wie der Romancier von barock anmutender Sprachkraft. Fiction wie non-fiction von David Foster Wallace zeichnet eine diskrete, nie auftrumpfende Komik aus, wie man sie sonst nur bei der Portalfigur des vorangegangenen Jahrhunderts Dr. Franz Kafka aus Prag findet. Sein Roman "Infinite Jest", den ich dank eines Hinweises seines amerikanischen Lektors Gary Fisketjon für mich entdeckte, war eine der wirklich augenöffnenden Lektüren für mich. 2001 durfte ich das erste auf Deutsch veröffentlichte Buch von David Foster Wallace bei Kiepenheuer & Witsch herausgeben. Zusammen mit dem Chilenen Roberto Bolano und seinem Femizid-Roman "2666" bildet David Foster Wallace das Dioskurenpaar der Weltliteratur im 21. Jahrhundert, ihr Werk ein gigantisches Hinweisschild mit der Aufschrift: "Hier geht's lang!"
2006 veröffentlichte Thomas Pynchon seinen Schwanengesang auf den Anarchismus "Against the Day". Ihm zur Seite möchte ich Michel Houllebecq mit "La carte et le territoire" von 2012 stellen - eine Vorschau auf Westeuropa als gigantisches Freilichtmuseum, die mit jedem Tag mehr Wirklichkeit wird. Schließlich Philip Roth, der im Jahr 2000 seine amerikanische Trilogie mit "The Human Stain" abschloß. Und gar keine Frauen? Margaret Atwood, Annie Ernaux, Ursula K. Le Guin, Siri Hustvedt oder Zadie Smith könnte ich genauso gut nennen.
Und da reicht wirklich gar nichts in deutscher Sprache Geschriebenes heran? Literaturkritik vergleicht immer Äpfel mit Birnen. Am schnellsten fällt mir Christoph Ransmayr ein mit "Atlas eines ängstlichen Mannes" und "Cox". Dann auch Werke von Judith Hermann, Christian Kracht, Antje Ravic Strubel, Thomas Hettche, Sibylle Lewitscharoff, Katja Lange-Müller, Daniel Kehlmann, Jenny Erpenbeck, Arno Geiger, Martin Mosebach, Julia Schoch, Lutz Seiler, Clemens J. Setz, Felicitas Hoppe, Reinhard Jirgl, Saša Stanišićs, Judith Schalansky, Iris Wolff oder Wolf Haas. Nach Anciennität, aber nicht nur danach, wäre Martin Walser sicher als erster zu nennen.
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Auf eine Frage des Perlentauchers: "Welches waren die wichtigsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000?"
Warum lässt sich ausgerechnet der sonst so weltläufige Perlentaucher zu seinem Jubeltag auf eine mit beiden Beinen in der Nationalphilologie des 19. Jahrhunderts steckende schwachsinnige Verengung in der Fragestellung ein? Nach dem Tod von W. G. Sebald 2001 findet sich unter den für mich wichtigsten Veröffentlichungen der letzten 25 Jahre kein deutschsprachiges Buch. Alles andere müsste angesichts einer Weltbevölkerung von über 8 Milliarden und einer großzügig auf 130 Millionen geschätzten Zahl von Menschen mit Deutsch als Muttersprache auch schon ein arger statistischer Zufall.
Was waren die Bücher, die mich im letzten Vierteljahrhundert prägten, umtrieben und mein Denken bestimmten? An erster Stelle muss ich das Werk von David Foster Wallace nennen. Mir persönlich ist der messerscharf argumentierende Essayist Wallace genauso wichtig wie der Romancier von barock anmutender Sprachkraft. Fiction wie non-fiction von David Foster Wallace zeichnet eine diskrete, nie auftrumpfende Komik aus, wie man sie sonst nur bei der Portalfigur des vorangegangenen Jahrhunderts Dr. Franz Kafka aus Prag findet. Sein Roman "Infinite Jest", den ich dank eines Hinweises seines amerikanischen Lektors Gary Fisketjon für mich entdeckte, war eine der wirklich augenöffnenden Lektüren für mich. 2001 durfte ich das erste auf Deutsch veröffentlichte Buch von David Foster Wallace bei Kiepenheuer & Witsch herausgeben. Zusammen mit dem Chilenen Roberto Bolano und seinem Femizid-Roman "2666" bildet David Foster Wallace das Dioskurenpaar der Weltliteratur im 21. Jahrhundert, ihr Werk ein gigantisches Hinweisschild mit der Aufschrift: "Hier geht's lang!"
2006 veröffentlichte Thomas Pynchon seinen Schwanengesang auf den Anarchismus "Against the Day". Ihm zur Seite möchte ich Michel Houllebecq mit "La carte et le territoire" von 2012 stellen - eine Vorschau auf Westeuropa als gigantisches Freilichtmuseum, die mit jedem Tag mehr Wirklichkeit wird. Schließlich Philip Roth, der im Jahr 2000 seine amerikanische Trilogie mit "The Human Stain" abschloß. Und gar keine Frauen? Margaret Atwood, Annie Ernaux, Ursula K. Le Guin, Siri Hustvedt oder Zadie Smith könnte ich genauso gut nennen.
Und da reicht wirklich gar nichts in deutscher Sprache Geschriebenes heran? Literaturkritik vergleicht immer Äpfel mit Birnen. Am schnellsten fällt mir Christoph Ransmayr ein mit "Atlas eines ängstlichen Mannes" und "Cox". Dann auch Werke von Judith Hermann, Christian Kracht, Antje Ravic Strubel, Thomas Hettche, Sibylle Lewitscharoff, Katja Lange-Müller, Daniel Kehlmann, Jenny Erpenbeck, Arno Geiger, Martin Mosebach, Julia Schoch, Lutz Seiler, Clemens J. Setz, Felicitas Hoppe, Reinhard Jirgl, Saša Stanišićs, Judith Schalansky, Iris Wolff oder Wolf Haas. Nach Anciennität, aber nicht nur danach, wäre Martin Walser sicher als erster zu nennen.
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