9punkt - Die Debattenrundschau

Offline mal wieder eine Avocado

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.08.2019. Bernard-Henri Lévy malt sich in La Règle du Jeu die Zerstörung der Hongkonger Demokratie-Bewegung durch China aus. In Zeit online erklärt der amerikanische Philosoph Mark R. Reiff, warum die Sozialdemokratie tendenziell ein Liberalismus ist. In der FAZ fordert der Historiker Felix Ackermann ein Dokumentationszentrum zur Zerstörung Polens und Osteuropas durch die Nazis - und zwar im Berliner Stadtschloss. epd Medien findet unter den AfD-Politikern eine erstaunlich große Menge an Journalisten.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.08.2019 finden Sie hier

Ideen

Auch mit Politikern wie Alexandria Ocasio-Cortez oder Bernie Sanders droht den USA noch lange kein Staatssozialismus, winkt der amerikanische Philosoph Mark R. Reiff im Interview mit Zeit online ab: Er findet das ganze Gerede vom Sozialismus kontraproduktiv und plädiert für einen liberalen Kapitalismus. Derzeit habe man nämlich einen illiberalen Kapitalismus. Reiff erklärt die Unterschiede so: "Liberale bevorzugen Freiheit, Illiberale Autorität. Liberale misstrauen der Konzentration von Macht in den Händen weniger, Illiberale nicht. Liberale glauben, niemand stehe über dem Gesetz. Illiberale stellen Sicherheit und Stabilität über alles, sogar über das Gesetz. Liberale sind der Meinung, alle Menschen hätten den gleichen moralischen Wert, Illiberale schreiben den Mitgliedern ihrer jeweiligen Gemeinschaft einen höheren Wert zu. Liberale finden, die Regierung sollte neutral sein gegenüber unterschiedlichen, vernünftigen Konzepten des guten Lebens. Illiberale glauben, es gebe nur eine Art, ein moralisches Leben zu führen - und die Regierung sollte dafür sorgen, dass jeder seines entsprechend ausrichtet. ... Sozialdemokratisch geprägte Länder in Europa mit einem starken Wohlfahrtsstaat stellen eine mögliche Ausprägung des liberalen Kapitalismus dar."
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Stichwörter: Reiff, Mark R.

Geschichte

Dass es in Berlin ein Mahnmal geben sollte, das an die Zerstörung Polens durch den Hitler-Stalin-Pakt und durch die deutschen Truppen erinnert, steht für den in der FAZ schreibenden Historiker Felix Ackermann außer Frage. Er will aber mehr - ein Dokumentationszentrum, das die Nazipolitik als einen innereuropäischen Kolonialismus darstellt und das darum im Stadtschloss richtig verortet wäre: "Hat sich an Rhein und Spree jemals ein Verständnis dafür durchgesetzt, dass deutsches Großmachtstreben eine Form innereuropäischen Kolonialismus war, der letztlich auch das Ende des Deutschen Reiches verursacht hat? An der seit Jahren geführten Debatte um die zukünftigen Inhalte des Berliner Schlosses kann man wie unter dem Brennglas verfolgen, dass das Erbe des Kolonialismus in Deutschland noch immer vor allem mit dem Streben nach Überseekolonien und dem Kunstraub jenseits Europas assoziiert wird."
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Medien

Viel retweetet wird ein Artikel René Martens' aus epd Medien vom 16. August, der jetzt online gestellt wurde. Er listet all jene AfD-Politiker und -Funktionäre auf, die einst Journalisten waren, übrigens überraschend oft in öffentlich-rechtlichen Medien. Auch bei Alexander Gauland, der in der FAZ für eine Reinigung der Medienlandschaft plädierte,  ist an die journalistische Vergangenheit zu erinnern. "Die längere Zeit dieses Jahrtausends gehörte Alexander Gauland selbst zu den 'Leuten aus den Medien'. Von 1991 bis 2005 war er Herausgeber der Märkischen Allgemeinen Zeitung (die damals noch zur FAZ-Gruppe gehörte...), danach war er acht Jahre lang ständiger Autor für den Tagesspiegel." Die Medien selbst thematisieren diesen Aspekt selten, so Martens: "Bei jenen Medienhäusern, bei denen heutige AfD-Politiker als Redakteure oder Autoren beschäftigt waren, ist von Reflexion in eigener Sache wenig zu spüren."
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Archiv: Medien
Stichwörter: AfD, Gauland, Alexander

Europa

In der SZ fasst sich Henrike Roßbach angesichts der SPD-Rhetorik gegen die angeblich faulenzenden "Reichen" an den Kopf: Haben sich die Sozialdemokraten von der Idee des sozialen Aufstiegs verabschiedet? "Solizahler bleibt man schon mit einem Jahresbruttolohn von knapp 74.000 Euro, doch in seinen öffentlichen Rechenübungen beschränkt sich der sozialdemokratische Finanzminister Olaf Scholz konsequent auf den millionenschweren Dax-Vorstand, dem er nun wirklich nicht auch noch zu mehr Netto vom Brutto verhelfen wolle. Andere in der SPD ätzen, heute werde man ja ohnehin eher nicht mehr durch Leistung reich. Wie konnte das passieren? Dass ausgerechnet die SPD es okay findet, so über die Erfolgreichen zu reden? Die Partei, die sich zwar als Stimme der Arbeiter und kleinen Leute versteht, die aber auch wie keine andere für das Recht auf sozialen Aufstieg gekämpft hat. Und jetzt heißt es, Aufstieg ist zwar schön und gut, aber bitte nur bis zu einer von uns festzulegenden Einkommensschamgrenze?"
Archiv: Europa
Stichwörter: Spd, Sozialer Aufstieg

Politik

Bernard-Henri Lévy würdigt in seinem Blog La Rège du Jeu den tragischen Ernst der Demonstranten von Hongkong und stellt die dazu fälligen Fragen: Werden die Demokratien dreißig Jahre nach dem Mauerfall auf der Universalität ihrer Prinzipien auch in Hongkong bestehen? Lévy malt sich auch aus, was passieren würde, wenn Peking die ein paar Kilometer von Hongkong schon gesammelten Truppen einsetzt: "Macht sich jemand eine Vorstellung über die Zahl der zerschmetterten, von Bajonetten getöteten, in Stücke geschnittenen durch den Abfluss entsorgten, verbrannten Körper, welche eine bewaffnete Intervention in diesem gigantischen Tienanmen produzieren würde, wo mit dem Rücken zum Meer nicht nur Tausende oder Zehntausende, sondern Hunderttausende, ja eine oder zwei Millionen Sonntags auf den Straßen sind? Nein. Niemand hat eine Idee davon. Weder in Peking noch anderswo kann irgendjemand das Ausmaß dieses neuen Kampfes von David und Goliath ermessen. Das Bild dieses Feuersturms und dieses einer Apokalypse ähnlichen Blutbads lässt das Blut gefrieren."

Nora Bossong thematisiert in ihrer taz-Kolumne unsere Hilflosigkeit angesichts von Nationalisten wie Bolsonaro, die mit dem Amazonas-Gebiet ein Erbe der Menschheit zerstören. Unsere Empörung auf Facebook jedenfalls rette "nicht nur keinen Busch im Amazonasgebiet, sondern treiben das Weltklima noch weiter auf den Abgrund zu: Beim ersten Googletreffer zum Thema Internet und CO2 landet man beim SWR und erfährt, schon eine Googlesuchanfrage verbrauche 'etwa 0,3 Watt-Stunden (Wh). Hochgerechnet bedeutet das bei 20 Anfragen bereits den Verbrauch einer Energiesparlampe in einer Stunde.' Auch verschlinge das Frankfurter Rechenzentrum mehr Energie als der Flughafen der Stadt. Dann doch lieber offline mal wieder eine Avocado essen."

In einem sehr instruktiven Hintergrundartikel zu den Waldbränden im Amazonas-Gebiet erläutert Ingo Arzt in der taz, dass die Feuer keineswegs das Ausmaß haben, das ihm die aktuelle mediale Aufmerksamkeit zuschreibt. Die Satellitenbilder mit den roten Punkten für jedes Feuer verzerrten das Ausmaß beträchtlich. Außerdem seien es zumeist nicht die unberührten Gebiete, die brennen. Begrüßenswert sei die Aufmerksamkeit aber schon: "Insofern sind die vermeintlichen Satellitenbilder der Feuer nützliche Vehikel einer wichtigen Diskussion. Doch gerade weil die Debatten um eine nachhaltige Landwirtschaft noch Jahrzehnte gehen dürften, ist der sorgfältige Umgang mit Fakten und Bildern wichtig."
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Internet

Dem Internet Archive droht wegen angeblicher Urheberrechtsverstöße eine komplette Sperrung in Russland, berichtet Maria von Behring auf netzpolitik. Für die russische Regierung hätte das nur Vorteile: Der NGO zum Schutz der digitalen Rechte von Nutzer*innen "RosKomSvoboda" zufolge "sind das Internet Archive und seine Wayback Machine nicht nur eine wichtige Quelle für russische Journalist*innen, Forscher*innen und Politiker*innen, die dort auf gelöschte oder Zensur zum Opfer gefallene Seiten zugreifen können. Es diene auch vielen Schiedsgerichten als zuverlässige Beweisquelle im Streit um digitale Inhalte und würde nicht selten während einer Gerichtsverhandlung aufgerufen. Mit ihrer Anfrage auf eine komplette Sperrung würde AZAPI [die russische 'Organisation zum Schutz des digitalen Urheberrechts'] also mehr Schaden anrichten, als ihr bewusst sei."
Archiv: Internet