9punkt - Die Debattenrundschau

Selbstbefragung mit unklarem Ausgang

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.01.2020. Die Bundesregierung hat ein modernes Frauenbild, nur bei Einwandererfamilien kümmert sie sich nicht um die Familie, schreibt Necla Kelek im Gießener Anzeiger. Gegen das Freiheitsversprechen des Autos hilft nur eins, findet die taz: Verbote. In der FAZ erklärt Bernd Scherer vom Haus der Kulturen der Welt, was das Anthropzän mit Natur und Kultur macht. Der New Stateman wirft einen Blick auf den per Drohne abgeschossenen Kriegsherren Qassem Soleimani. Die Welt deckt mit Mark Sedgwick die unterirdischen Verbindungen zwischen rechten Ideologien und dem Islam auf.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.01.2020 finden Sie hier

Politik

Oz Katerji kritisiert im New Statesman zwar die Unberechenbarkeit von Donald Trumps Politik. Aber er lässt auch keinen Zweifel daran, dass der iranische General Qassem Soleimani, den Trump per Drohne abschoss, ein extrem furchterregender Kriegsherr der Iraner war: "Soleimani war brutal, gnadenlos und rücksichtslos effizient in seinem Business und erschlachtete sich den Weg zu regionaler Hegemonie quer durch den Nahen Osten… Er hatte einen fast endlosen Vorrat an verarmten, zwangsrekrutierten schiitischen Wehrpflichtigen aus Afghanistan und Pakistan, die er wie eine Truppe aus den Schützengräben des Ersten Weltkriegs als eine menschliche Futwelle ins Territorium schicken konnte, bis jeglicher Widerstand gebrochen war. Ihre Leben waren für ihn offenbar so wenig wert wie das Leben der zivilen Protestbewegungen, die er zerschlagen hatte. Es ist wenig überraschend, dass man in den sozialen Medien Videos von irakischen Demonstranten sieht, die gestern Abend in den Straßen von Bagdad tanzten und jubelten, als sie erfuhren, dass der Mann, der Hunderte ihrer Brüder abgeschlachtet hatte, tot war."

Mohammad Ali Shabani wendet im Guardian ein: "Die USA haben nicht nur einen iranischen Militärkommandanten getötet, sondern auch eine höchst populäre Figur, die selbst unter säkular denkenden Iranern als Hüter des Irans angesehen wird."
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Ideen

"Wir brauchen keinen Gott, um zu wissen, was Gut und Böse ist", schreibt der Journalismus und Religionsexperte Hugo Stamm bei watson.ch und begründet seine These naturwissenschaftlich: "Psychologen und Neurologen sind sich weitgehend einig, dass ethische und moralische Werte nicht primär durch Erziehung vermittelt werden, sondern genetisch verankert sind. Jeder Mensch wird mit einem Sinn geboren, der zwischen Gut und Böse unterscheiden kann. Man kann auch von einem Moralinstinkt sprechen."

Bernd Scherer, Leiter des Hauses der Kulturen der Welt, legt auf der Seite 1 des FAZ-Feuilletons einen ambitionierten Essay zum Begriff des "Anthropozäns" vor, in dem der Mensch zum Akteur in der Geohistorie wird und sich die Begriffe von Natur und Kultur neu konstellieren. Am Ende läuft's auf das Haus der Kulturen hinaus: "Da es darum gehen muss, die Welt neu zu sehen, spielen künstlerisch-ästhetische Verfahren eine herausgehobene Rolle. Neben der sinnlichen Unterscheidbarkeit der neuen Phänomene spielt ihre ethische Einordnung eine bedeutende Rolle, die in sozialen und politischen Praxen eingeübt werden muss... Ein neuer Typ von Kulturinstitutionen könnte diese Probebühne für das 21. Jahrhundert sein."

Jan Küveler ist für die Welt nach Aarhus gefahren, um den dort lehrenden Professor für Islamwissenschaften Mark Sedgwick zu treffen, dessen Buch "Gegen die moderne Welt", eine "geheime Geistesgeschichte" rechter Ideologien im 20. Jahrhundert, im Herbst erschienen ist. Von ihm lernt er, dass der rechte Traditionalismus von einem gewissen René Guénon (1886-1951) begründet wurde, einem privatgelehrten Metaphysiker, "der vom Christentum über die Freimaurerei und den Okkultismus den Weg zum Sufismus gefunden hatte. ... Guénon brauchte die Moderne, um sich in ihr Spiegelbild zu verlieben. 'Das ist wohl der Grund', sagt Sedgwick, 'warum der Traditionalismus überall eine Rolle spielt, nur im Mittleren Osten nicht.' Dort, wo man der Tradition ohnehin verhaftet ist, braucht man keine zu konstruieren. So ist die Konjunktur, die die Erben Guénons zurzeit erleben, von Bannon über die Identitären hin zu Dugin, zweifellos Symptom einer Krise der modernen Welt. Aber eben nicht zwangsläufig im traditionalistischen Sinn verstanden als ihr Scheitern. Liberale Beobachter erkennen darin nur Verunsicherung, einen Zweifel an den eigenen Fähigkeiten, einen Moment der Reflexion und Selbstbefragung mit unklarem Ausgang."

Außerdem: In der NZZ erzählt Hans Maier, wie stark Philosophen in Frankreich in die Politik hinein wirken. Und Kumiko Ahr-Okutomo überlegt, ebenfalls in der NZZ, ob nicht demnächst eine Frau den japanischen Kaiserthron besteigen könnte.
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Gesellschaft

Ökologische Debatten in der taz: "Das Auto ist, bei allem Postmaterialismus, immer noch ein Freiheitsversprechen", schreibt die taz-Redakteurin Svenja Bergt in einem kleinen Essay. Und ihre Antwort? "Die Ungeschlagenheit des Autos anzuerkennen heißt, den Weg frei zu machen für Maßnahmen, die wirklich helfen. Weil sie ordentlich wehtun und das Auto als Gesamtkonzept unattraktiv machen. Und das sind: Verbote. Die aktuelle Debatte über eine konsequente Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen ist absurd. Das ist so 1970er. Geschwindigkeitsbegrenzung? Wir brauchen Fahrverbote. Bei hohen Feinstaubwerten. In Innenstädten. Bei Smoglagen."

Und ihre Kollegin Margarete Moulin erzählt stolz von ihrem Beitrag zur allgemeinen Tugendhaftigkeit: "Immer weniger oft kann ich, will ich .. schweigen, wenn wieder mal einer von seiner Reise nach Sri Lanka berichtet, vom geilen Kitesurfing-Trip nach Frankreich schwärmt oder vom Gletscherskitag, dank Schneekanone schon Ende Oktober. Ich frage also, welchen Energieverbrauch das Ausnutzen einer Ski-Saisonkarte eigentlich so bedeutet. Bohre nach, warum die Freundin Flugreisen macht, aber zugleich in der Rolle der gütigen Flüchtlingshelferin aufblüht. Weiß sie wirklich nicht, dass sie mit ihrem CO2-Ausstoß Fluchtgründe kräftig mitproduziert?"

Der Grünen-Politiker Robert Habeck hat vor Weihnachten gefordert, alleinreisende Kinder unter den Flüchtlingen aufzunehmen, eine populistische und blinde Forderung, findet die Feministin Necla Kelek in einem Zeitungnetzwerk (hier im Gießener Anzeiger). 92 Prozent aller alleinreisenden Kinder seien männlich und und würden als "Quartiermacher" vorausgeschickt. Sie transportierten nebenbei ein archaisches Familienbild. "Das Patriarchat kehrt zum Beispiel in seiner muslimisch-orientalischen Form zurück und entmündigt mitten unter uns Frauen und Kinder. Während der Kampf für die Emanzipation für die deutschen Frauen erfolgreich war, erscheinen Kinder- und Zwangsehen, Ferienhochzeiten, selbst Polygamie und Frühmutterschaft in Teilen der Gesellschaft wie selbstverständlich. Jedenfalls ist nicht bekannt, dass Familienministerin oder Jugendämter besondere Anstrengungen unternehmen, um Frauendiskriminierung und Rechtlosigkeit besonders in diesen Gruppen zu problematisieren." Keleks neues Buch handelt von der "unheiligen Familie" und den hier angesprochenen Familienstrukturen.
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Medien

Mehrfach sind Journalisten öffentlich-rechtlicher Sender jüngst von Rechtsextremisten angegriffen worden und wurden von den Sendern nur halbherzig unterstützt, mit dem Argument, dass sie ja "Freie" seien (unser Resümee). Peter Weissenburger schreibt dazu in der taz: "Das ist nicht nur deshalb bitter, weil die Sender offenbar weiter die Geschwindigkeit unterschätzen, in der Hass auf Einzelne niedergehen kann. Sondern weil freie Journalist*innen wesentlich angreifbarer sind als fest angestellte. Zwei Drittel der Beschäftigten im Programmbereich der Sender sind 'frei', schätzt die Gewerkschaft Verdi. Die Sender sparen, weil die Landesregierungen den Rundfunkbeitrag niedrig halten. Dieser wird zwar bald wohl um 86 Cent angehoben, doch liegt das unter der Teuerungsrate. Gleichzeitig stecken die Sender mitten in der Digitalisierung und brauchen mehr Personal; schließlich gilt es mehr Kanäle zu bespielen." (Verstehen wir das richtig: Die Sender lassen die Freien im Regen stehen, weil sie zu wenig Gebühren bekommen?)
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