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9punkt - Die Debattenrundschau

Gleichsam gereinigte Wesen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.01.2020. Die New York Times erzählt, wie sich mit "Clearview" eine an China erinnernde Gesichtserkennung auch in Demokratien durchsetzen könnte. Alan Rusbridger bittet im Guardian darum, die Geschichte um Prince Harry und Meghan Markle im Kontext zu sehen: Und dieser Kontext ist die massive Abhöraffäre der britischen Boulevardmedien. Der SZ graut's vor der schwedischen Mode der "Normkritik": in Frage stellen, was normal ist, um es dann "integrierend" aufzulösen.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.01.2020 finden Sie hier

Überwachung

In der New York Times berichtet Kashmir Hill in einer Reportage über das kaum bekannte Unternehmen Clearview AI, das mehr als drei Milliarden Bilder von Menschen aus dem Netz gefischt und in einer Datenbank versammelt hat und dazu eine Gesichtserkennungs-App entwickelt, die unter anderem von Sicherheitsbehörden, aber auch Privatfirmen genutzt wird: "Bislang war eine Technologie, die jeden Menschen anhand seines Gesichts identifiziert, wegen der radikalen Aushöhlung der Privatsphäre tabu. Technologieunternehmen, die in der Lage sind, ein solches Tool zu veröffentlichen, haben davon Abstand genommen. 2011 sagte der damalige Google-Vorsitzende, es sei die einzige Technologie, die das Unternehmen zurückhalte, weil sie 'auf sehr schlechte Weise' eingesetzt werden könne. Einige große Städte, darunter San Francisco, haben der Polizei den Einsatz von Gesichtserkennungstechnologie untersagt. Aber ohne jede öffentliche Kontrolle haben im vergangenen Jahr nach Angaben des Unternehmens mehr als 600 Strafverfolgungsbehörden begonnen, Clearview zu verwenden. Es weigerte sich, eine komplette Liste zu erstellen. Der der App zugrunde liegende Computercode, der von der New York Times analysiert wurde, enthält Programmiersprache, um die App mit einer Augmented-Reality-Brille zu kombinieren; die Nutzer könnten damit potenziell jede Person identifizieren, die sie gesehen haben. Das Tool könnte Aktivisten bei einem Protest oder einen attraktiven Fremden in der U-Bahn identifizieren und nicht nur ihre Namen, sondern auch ihren Wohnort, ihre Aktivitäten und ihre Bekannten preisgeben."
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Medien

Alan Rusbridger, ehemals charismatischer Chefredakteur des Guardian, bittet sehr darum, die Geschichte um Meghan und Harry im Kontext zu sehen - und dieser Kontext ist für ihn vor allem die inzwischen fast vergessene Abhöraffäre der britischen Boulevardpresse (unsere Resümees). Vergessen sei sie, so Rusbridger, weil die Boulevardkonzerne Unsummen dafür ausgeben, die Abhörfälle außergerichtlich zu klären: "Die BBC berichtete letztes Jahr, dass die Murdoch-Titel erstaunliche 400 Millionen Pfund an Entschädigungen bezahlt haben und rechnete aus, dass die Gesamtrechnung der beiden Firmen gut eine Milliarde Pfund erreichen könnte." Meghan und Harry haben sich mit mehreren Klagen gegen die Konzerne gewehrt, und das heißt, dass die Zeitungen, die das Bild von der Affäre machen, zugleich Partei sind: "Es gibt die Ebene der Oberfläche - die nicht völlig unwahr ist -, es gibt eine Menge anonymer Quellen mit unterschiedlichen Graden der Zuverlässigkeit, die der Sache Farbe und Kontext geben. Und im Hintergrund gibt es eine ganze Menge höchstbesorgter Zeitungsmanager und ehemaliger Redakteure, die absolut null Interesse haben, das Paar freundlich oder auch nur ausgewogen zu behandeln."
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Ideen

Schuld am Klimawandel ist ganz klar unser unverantwortlicher Individualismus, schreibt der Ökologe Tom Oliver im Guardian. Nicht nur ist die Idee, man sei eine individuelle Person laut Oliver illusorisch - sie schädigt auch die Umwelt: "Neue Forschungen zeigen, dass Menschen mit einem breiteren Sinn für Gruppenidentität (zum Beispiel wenn sie sich selbst als Weltbürger betrachten und nicht als Nationalisten) sich eher für umweltfreundliches Verhalten wie etwa die Reduzierung ihrer Kohlenstoffemissionen einsetzen und sich ehrenamtlich engagieren. Ein neues Zeitalter des Kollektivismus scheint zu beginnen - und das nicht einen Moment zu früh." Wo darf ich mich verkriechen?

Die Schweden haben einen neuen Sport erfunden: die Normkritik, berichtet Thomas Steinfeld in der SZ. Normkritik bedeutet, das, was man für normal hält, in Frage zu stellen, um es dann "integrierend" aufzulösen. Alle machen mit, lesen wir, Schulen, Universitäten Museen und die Wirtschaft. Diese Institutionalisierung der Normkritik erscheint Steinfeld als ein befremdlicher Auswuchs schwedisch-sozialdemokratischen Denkens, wonach "sich die Gesellschaft mit einer Art von Ingenieurwesen verändern lasse: In ihr wurde zuerst die Idee kultiviert, Normen stellten so etwas wie einen ideellen Apparat dar, den man mithilfe überlegenen Wissens (und guten Willens) so justieren könne, dass keine Störungen mehr auftreten. Wobei man sich allerdings fragt, was aus den von ihren (falschen) Normen befreiten Menschen werden soll: Sind sie dann um ihr Fehlverhalten reduzierte, gleichsam gereinigte Wesen, also ideale Staatsbürger?"

In der NZZ geht Simon M. Ingold der neue Moralismus, der jedes Einkaufen bei Amazon und jede Autofahrt verdammt, gewaltig auf die Nerven. Man nennt diese Hypermoral jetzt "woke", also besonders wach sein. Für Ingold nimmt das teilweise perverse Formen an, die umso besser von Rechten (die Ingold ebenfalls kritisiert) ausgenutzt werden können: "So ist es im angelsächsischen Raum mittlerweile üblich, dass Redner im Rahmen von öffentlichen Veranstaltungen aufgefordert werden, ihre angeblichen Privilegien offenzulegen. Eine junge Ärztin würde sich beispielsweise als weiße, heterosexuelle Europäerin und Einzelkind vorstellen (im Weltbild der Wokeness-Bewegung alles Attribute, die einer Entschuldigung bedürfen). Unter dem Deckmantel der Transparenz wird damit ein Bonus-Malus-System weitgehend angeborener Eigenschaften etabliert, das Vorurteile bestätigt, statt sie zu beseitigen. Aufseiten der Privilegierten forciert es zudem eine heuchlerische Selbstkasteiung, die einer reichlich verqueren Logik folgt: Man werte sich ab, um sich den vermeintlich Benachteiligten auf Augenhöhe zu nähern."
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Europa

Vor dreißig Jahren sorgten DDR-Bürger für den Untergang der Stasi und eroberten ihr Hauptquartier. Dieses Ereignis mache wie kein anderes deutlich, wie die Führer der ostdeutschen Bürgerrechtsbewegung "zu Statisten ihrer eigenen Revolution wurden", schreibt der Historiker Hubertus Knabe in seinem Blog: "Während sie noch am Zentralen Runden Tisch mit den Repräsentanten des SED-Regimes über die Zukunft der DDR verhandelten, hatte sich das Gravitationszentrum des Umsturzes zunehmend verschoben. Nicht sie, sondern überwiegend unbekannte DDR-Bürger sorgten im Januar 1990 dafür, dass das wichtigste Herrschaftsinstrument der SED, der gefürchtete Staatssicherheitsdienst, für immer aufgelöst wurde. Erst im Nachhinein haben Bürgerrechtler wie Wolfgang Templin erkannt, dass der heute oft idealisierte Runde Tisch vor allem ein Versuch der DDR-Machthaber war, die Friedliche Revolution wieder unter Kontrolle zu bekommen. 'Wir haben nicht begriffen,' resümierte der Mitbegründer der Initiative Frieden und Menschenrechte, 'dass Modrow uns am Runden Tisch von hinten bis vorne ausgetrickst hat.'"

Frankreich hat nicht eine oder zwei Gewerkschaftsorganisationen, sondern acht, von extrem links bis christlich demokratisch. Der jüngste französische Streik ist auch ein Kampf der Gewerkschaften gegeneinander, erläutert John Lichfield bei politico.eu. Die Gewerkschaften haben zwar kaum Mitglieder, aber eine große Verhandlungsmacht. Lichfield schildert sie als "Parteien der Arbeitswelt": "Alle fünf Jahre entscheiden Wahlen am Arbeitsplatz darüber, welche Gewerkschaften an nationalen und lokalen Verhandlungen beteiligt sind. Gewerkschaften, die mehr als 8 Prozent bekommen, sind Teil der französischen Verwaltungsstruktur. Sie bekommen 100 Millionen Euro als Subvention vom Staat und nochmal 100 Millionen von den Arbeitgebern. Sie verhandeln über Löhne und Arbeitsbedingungen. Sie sitzen auch in den Ausschüssen des französischen Wohlfahrtsstaats, inklusive des Rentensystems."
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Gesellschaft

taz-Autor Klaus Hillenbrand hat Michael Düllmann getroffen, der will, dass antisemitische Reliefs von deutsche Kirchen verschwinden, darunter besonders, das notorische Relief einer "Judensau", in Wittenberg, über die schon Luther schrieb: "Düllmann, selbst Jude, hat die Stadtkirche auf Entfernung des Reliefs verklagt, weil es eine Beleidigung für Juden darstelle. Den ersten Prozess hat er verloren, aber das ficht ihn nicht an. Am Dienstag will das Oberlandesgericht in Naumburg in der Berufung darüber verhandeln, was aus der 'Judensau' wird. Düllmann sagt: 'Solange die 'Judensau' an der Kirche hängt, solange das von der Stadt unterstützt wird, ist die Kirche antisemitisch belastet.' Nein, zu Staub zermalmen will Düllmann die 'Judensau' deshalb nicht. Das Relief gehöre nicht in die Öffentlichkeit, sondern in ein Museum, wo sein Kontext erklärt werden könne, meint er."

Der Salzburger Politikwissenschaftler Farid Hafez, einer der Herausgeber des umstrittenen "European Islamophobia Reports", beschwert sich in der taz über die seiner Ansicht nach islamkritische Einstellung der neuen türkis-grünen Regierung in seinem Land, auch in der Bildungspolitik: "Der Religionsunterricht sollte sich an 'pädagogischer Qualität und staatsbürgerlicher Erziehung orientieren', heißt es weiter. Ist das der Weg zur Dienstbarmachung von Religion für den Staat? Die Trennung von Staat und Kirche hatte die inhaltliche Einmischung in den bekenntnisorientierten Religionsunterricht bisher verhindert. Und ob die christlichen Kirchen das mit sich machen lassen sei dahingestellt."

Der Philosoph Andreas Brenner wendet sich in der FAZ gegen das heutige Seniorenmarketing, das Storys vom Altsein erzähle, "die geprägt sind von den Bildern der Jugend. Die Wirkung ist fatal: Wer heute alt ist, darf es nicht sein und soll stattdessen sein, wie er vor Jahrzehnten gewesen ist. Sowohl in der Kleider- und Haarmode wie in den Freizeitaktivitäten werden den alten Menschen heute die Bilder der Jugend als Vorbilder vorgehalten und sie animiert, sich so zu geben, wie sie vielleicht einmal waren, aber altersbedingt immer weniger sind."
Archiv: Gesellschaft