9punkt - Die Debattenrundschau

Wir müssen weiter lernen

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.10.2020. Nach dem Mord an Samuel Paty haben in Paris trotz Corona Tausende demonstriert: #jesuisprof. Caroline Fourest macht in Marianne auf die symbolische Dimension des Mords an einem Lehrer aufmerksam. Kenan Malik erklärt im Observer, warum er den Begriff der "beleidigten Community" ablehnt, denn es handele sich um einen Streit  innerhalb dieser Communities. Außerdem: Die SZ ist begeistert vom neu gestalteten Jüdischen Museum in Frankfurt. SZ und Zeit online sind sich uneins über die Rolle der sozialen Netze im amerikanischen Wahlkampf.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.10.2020 finden Sie hier

Europa

Dem Mord an dem französischen Lehrer Samuel Paty, der seinen Schülern - nach Absprache! - Mohammedkarikaturen gezeigt hatte, hat eine Vorgeschichte der Aufstachelung, über die unter anderem Michaela Wiegel in der FAZ berichtet. Der Vater einer Schülerin hatte bereits ein diffamierendes Video gegen den Lehrer in die sozialen Netze gestellt, dann verbündete er sich mit dem bekannten Gefährder Abdelhakim Sefrioui: "Auch Sefrioui nahm ein Video auf und verbreitete es in den sozialen Netzwerken. Es kann noch immer eingesehen werden und klingt wie eine 'Fatwa'. Er verlangte, Paty zu bestrafen, da er im Unterricht die Karikaturen gezeigt und den Propheten beleidigt habe. Sefrioui behauptete, im Namen des französischen Imamrates zu sprechen. Der Gefährder gehört formell noch immer dem Gremium an, auch wenn der Imamrat sich auf Rückfrage von ihm distanzierte." Nun ist laut Wiegel die Frage, wie ernst die Schulleitung und die Behörden diese Vorfälle genommen hatten.

"Mehr als 250 Menschen" mussten in Frankreich seit 2015 durch islamistisch motivierte Angriffe ihr Leben lassen, erinnert in der NZZ Judith Korman. Die französische Gesellschaft "hat sich selbst in Parallelgesellschaften zerlegt", fürchtet Martina Meister in der Welt. "Gegen diese muss Frankreich jetzt einen exemplarischen Kampf führen, der ein Vorbild auch für andere sein könnte. Dazu gehört, sich nichts mehr vorzumachen. Denn die Schule der Republik wird schon seit Jahren unterwandert. Bereits 2004 ist im sogenannten Obin-Bericht darauf hingewiesen worden, dass es in bestimmten Schulen nicht mehr möglich ist, den Holocaust zu unterrichten, die Dreyfuss-Affäre durchzunehmen oder über Voltaire zu sprechen. Selbst die Untreue einer fiktiven Arztgattin aus der Normandie sorgte für Proteste. Was tun, wenn man nicht mehr 'Madame Bovary' im Französischunterricht lesen kann?"

Charlie-Hebdo-Autor Yannick Haenel unterbricht seinen Bericht über den 34. Tag des Charlie-Prozesses in Paris: "Dass man einen Lehrer umbringt, weil er versucht, zusammen mit seinen Schülern nachzudenken, dass man ihn umbringt, weil er sich wie alle Lehrer fast selbst umbringt um zu erklären, dass man niemanden umbringt, weil er nicht so denkt wie man selbst, ist nicht nur eine Abscheulichkeit, sondern ein Attentat auf die Schule selbst, auf die Idee von Erziehung, auf das Nachdenken, das Miteinander-Sprechen, die Aufforderung, selber zu denken. Es ist der Versuch, Erziehung zu negieren."

Auf der Place de la République:


Ein Attentat auf einen Lehrer hat einen besonders symbolischen Aspekt, schreibt Caroline Fourest in Marianne: "Journalisten können warnen, Polizisten können festnehmen, aber wir werden diesem Alptraum niemals entkommen, wenn Lehrer nicht die nächste Generation gegen alle jene Propagandaformen impfen, die uns zerreißen. Das Gegengift, so viel wissen wir, wirkt nur, wenn wenn man unermüdlich die Geschichte dieses Landes erklärt, wie wir unsere Freiheiten  erungen haben, wie wichtig es ist, Divergenz und Beleidigung zu ertragen, Blasphemie und Angriffe auf das Heilige, ohne mit Gewalt zu antworten. Darin liegen unsere Meinungsfreiheit und alle davon abgeleiteten Freiheiten begründet."

Und was ist schon "Beleidigung", fragt Kenan Malik im Observer: "Was als 'Beleidigung einer Community' bezeichnet wird, ist meist ein Kampf innerhalb diese Communities. Es gibt Hunderttausende Menschen in muslimischen Gemeinden im Westen wie in Ländern mit muslimischer Mehrheit rund um die Welt, die auf  der Religion basierte reaktionäre Ideen und Institutionen bekämpfen - Schriftsteller, Karikaturisten, politische Akvcisiten, die angesichts von Blasphemie-Gesetzen jeden Tag ihr Leben riskieren."

Dieses Video des zwölfjährigen Schülers Pape Byram ist in den sozialen Medien viel geteilt worden: "Wir müssen weiter lernen. Sonst werden die Terroristen gewinnen. Sie werden sagen: 'Nun, wir haben sie getötet, und jetzt lernen sie nicht mehr und wollen nicht mehr zurückkommen'. "Nein, im Gegenteil, wir müssen weitermachen."



Christine Longin kommentiert in der taz: "Es braucht einen Aufschrei - so wie nach dem Attentat auf Charlie Hebdo und den jüdischen Supermarkt im Januar 2015, als Millionen Menschen für die Meinungsfreiheit auf die Straße gingen und als in vielen Redaktionen, Büros und Wohnungen der Slogan 'Ich bin Charlie' hing. Es muss klar werden, dass die Französinnen und Franzosen sich nicht den Mund verbieten lassen, dass im Land der Aufklärung jeder das Recht hat, sich gegen die radikalen Auswüchse einer Religion zu stellen." Hier der Bericht der taz.

Aber warum braucht es den Aufschrei nur in Frankreich? In den nächsten Tagen recherchieren die Medien sicher zu der Frage, wie deutsche Lehrer Aufklärung zum Thema Meinungsfreiheit verbreiten. Bei der GEW findet sich unter "Aktuell" zwar ein Solidaritätsaufruf... aber nur für die Streikenden im öffentlichen Dienst.

In der NZZ wirft die Bonner Politikwissenschafterin Shushanik Minasyan dem türkischen Staatschef Erdogan vor, für seine Unterstützung der aserbaidschanischen Armee im Karabach-Konflikt gegen Armenien selbst jihadistische Kämpfer aus Syrien zu nutzen: "Während die Welt die Konfliktparteien mit Friedensappellen an den Verhandlungstisch zu bringen versucht, blockt Ankara diese Bemühungen ab. Erdogan fordert den aserbaidschanischen 'Bruder' demonstrativ auf, keinerlei Kompromisse einzugehen, und sichert dabei Unterstützung jeglicher Art zu. Damit verleiht er dem Konflikt eine neue Dimension und lässt die unmittelbare Mitverantwortung der Türkei an der gewaltsamen Eskalation als unbestritten erscheinen. ... Mit dieser neuen Dimension des Karabach-Konfliktes steigt die Gefahr, dass sich die gesamte Kaukasusregion zur Hochburg jihadistischer Gruppierungen entwickelt. Moskau versucht bereits mit konkreten Massnahmen, diese Entwicklung einzudämmen.
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Politik

Der thailändische Journalist Pravit Rojanaphruk spricht mit Sven Hansen von der taz über die nicht abebbenden Proteste der Jugend des Landes gegen ihren komplett durchgeknallten König: "Jetzt sind politische Treffen ab fünf Personen verboten, sogar Selfies von den Demos ins Netz zu stellen ist strafbar. Die Jungen zeigen, dass sie so nicht leben wollen. Sie wollen unbedingt mitbestimmen. Für sie muss es möglich sei, den König zu kritisieren. Sie denken eher an eine Monarchie wie in Japan oder Großbritannien, wo sich Kaiser und Königin strikt der Verfassung unterwerfen und aus der Politik raushalten müssen. Es ist für sie inakzeptabel, dass Thailands König Militärputsche absegnet. Sie wundern sich, warum der König als reichster Monarch der Welt von den Steuern in Thailand bezahlt wird, obwohl er meist in Bayern lebt."
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Stichwörter: Thailand

Geschichte

Gerhard Matzig berichtet in der SZ begeistert von seinem Besuch im renovierten Jüdischen Museum in Frankfurt am Main, das ab Mittwoch den Neubau von Volker Staab eröffnet und eine "ungemein facettenreich organisierte, immer persönlich inszenierte, von Menschen und vom Alltag erzählende" neue Dauerausstellung zeigt: "Sie findet immer wieder aus dem 'Es war einmal' in das Präsens nicht des Raunens, sondern des vergegenwärtigenden Begreifens. Wer sich nach dieser kenntnisreichen, informativen und anschaulichen Ausstellung nicht öffnet für eine Erzählung, die nicht allein ein Narrativ der Schoah ist, sondern auch eine Geschichte vom Glück und vom Glücken, nicht allein vom 'die', sondern vom 'wir', dem ist kaum zu helfen."
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Kulturpolitik

Im Interview mit der SZ begreift der Veranstalter Marek Lieberberg beim besten Willlen nicht, warum die Live-Kultur in der Coronakrise strenger behandelt wird als Fußball, Flieger oder die Öffis. Und warum sie so wenig finanziell unterstützt wird, obwohl sie eigentlich eine sehr gesunde Branche sei, die Kredite auch zurückzahlen werde: "Wir müssen nicht auf Dauer alimentiert werden. Wir brauchen Hilfe zur Selbsthilfe, und diese Hilfe kommt nicht schnell genug, nicht umfangreich genug. Und sie kommt im Kleid einer grotesken Bürokratie. ... Die Veranstalter können anhand ihrer Zahlen nachweisen, dass Sie bis zum Lockdown profitabel gewirtschaftet haben. Wir wissen allerdings nicht, von welchem Zeitpunkt an wir weiterarbeiten können. Wenn ich also einen Kreditantrag mit einer sogenannten negativen Fortführungsprognose begründe, verhindert diese Erwartung gleichzeitig dessen Genehmigung. Absurdes Theater. Catch 22."

Ideen

Amartya Sens Friedenspreisrede wurde per Video übertragen, denn wegen der Pandemie waren "erstmals weder Preisträger noch Laudator und weniger als siebzig Gäste in der Frankfurter Paulskirche", schreibt Philipp Krohn in der FAZ. Der Börsenverein stellt Sens Rede nicht zum Lesen zur Verfügung. Die FR druckt die Rede in ihrer Printausgabe. Bei Deutschlandfunk Kultur hat er sich interviewen lassen. Catherine Newmark resümiert: "Schon von Beginn seines Forscherlebens an hat er die ökonomische Benachteiligung von Frauen zum Thema gemacht, Anfang der 1990er-Jahre war er Gründungsmitglied der Internationalen Gesellschaft für feministische Ökonomie. 'Die Wirtschaftswissenschaften sind ja überwiegend männlich dominiert - nicht nur in dem Sinne, dass überwiegend Männer sie verkörpern, sondern auch die Fragestellungen kreisten häufig um typisch männliche Themenfelder. Und die Fragestellungen, die für Frauen relevant waren, kamen weniger häufig in den Blick. Ich halte das für ein echtes Versagen.'"

In der SZ schildert Felix Stephan den paradoxen Hintergrund, den Sen in seiner Rede reflektierte: "Im Laufe seines Lebens haben Demokratisierung und wirtschaftliche Globalisierung tendenziell immer mehr Menschen Chancen auf ein würdevolles Leben auch außerhalb der klassischen Industrienationen zur Verfügung gestellt. In seiner Frankfurter Dankesrede zeigte er sich allerdings alarmiert. Die Welt, sagte Zen, sehe sich konfrontiert mit einer 'Pandemie des Autoritarismus'."

In der NZZ fordert Hans Ulrich Gumbrecht ein Denkmal für Jürgen Habermas: "Deutschland als jene politische Nation, die auch an ihrer Sorge um Konsens und Uniformität gescheitert war, mit den Gesten intellektueller Auseinandersetzung demokratisch wiederbelebt zu haben, das sollte ein Denkmal für Jürgen Habermas in Berlin wert sein. Denn sein Denken könnte im Mainstream der bundesrepublikanischen Gegenwart, in den es eingemündet ist, sonst vergessen gehen."

Außerdem: "Neusprech ist überall" meint der Schriftststeller Christoph Hein, dessen Rede für den Sprachenverein "Fruchtbringende Gesellschaft" in Köthen die Berliner Zeitung veröffentlicht. In der NZZ warnt der Gräzist Anton Bierl dringend davor, die sogenannten Orchideenfächer  an den Universitäten abzuschaffen.
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Internet

In Belarus führt die Regierung von einen systematischen Feldzug gegen Journalisten, berichtet Felix Ackermann in der NZZ. Die Demonstrationen werden in den offiziellen Medien unterschlagen, kritische Journalisten wie Ruslan Kulewitsch oder Alexandra Dynko verhaftet und gefoltert, Internetportale blockiert. "Obwohl Ruslan Kulewitsch und Alexandra Dynko gerade erst von staatlichen Stellen verfolgt wurden, ist 2020 ein Höhepunkt ihres Berufslebens. Beide werden auf der Straße von Fremden angesprochen, die ihnen für ihre Arbeit danken. Noch nie waren freie Informationen so wichtig für die Fähigkeit der weißrussischen Gesellschaft, sich selbst jenseits der offiziellen Machtvertikale zu organisieren. Dazu beigetragen hat das soziale Netzwerk Telegram, das so programmiert ist, dass es nicht blockiert werden kann. Die Informationen werden direkt zwischen den Endgeräten der Nutzer ausgetauscht, ohne über zentrale Server zu gehen. Das ermöglicht Journalisten, aber auch jedem anderen Bürger des Landes, über die Situation vor der eigenen Haustür zu berichten und die so generierte Nachricht an ein breites Publikum zu senden."

Mark Zuckerbergs Facebook wurde viel kritisiert, weil es Donald Trump und seine Anhänger unterstütze (siehe 9punkt vom Samstag). Die Republikaner sehen das ganz anders, berichtet Michael Moorstedt in der SZ: "Aktueller Anlass ist eine Geschichte in der New York Post, in der die Ukraine-Geschäfte des Sohnes des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Joe Biden einmal mehr ausgebreitet wurden. Der Text warf allerdings mehr Fragen nach seiner Seriosität und der Herkunft seiner Fakten auf als nach tatsächlichen Unregelmäßigkeiten des demokratischen Lagers. Überraschend schnell beschränkten Twitter und Facebook deshalb die Verbreitung des Artikels. Und noch viel schneller beschwerten sich mächtige Republikaner daraufhin über die vermeintliche Zensur und vermuteten eine Parteilichkeit der digitalen Plattformen zugunsten der Demokraten." Laut Moorstedt ist das vollkommener Unsinn: "In einer nicht enden wollenden Strähne liegt Donald Trump selbst auf den ersten Plätzen der zehn erfolgreichsten Links bei Facebook."

Heike Buchter ist da auf Zeit online sehr viel kritischer: "Die Vorgänge um die angeblichen Biden-E-Mails zeigen wieder einmal deutlich, wie die Giganten der sozialen Medien de facto zu Schiedsrichtern in der öffentlichen Diskussion geworden sind. ... Vor dem Aufstieg der sozialen Medien hätten konkurrierende Medien und Journalisten die Berichte der New York Post auf Schwachstellen abgeklopft. Sie hätten eigene Quellen befragt, hätten weitere Informationen gesucht. Aus eigenem Interesse, um im Wettbewerb vorn zu liegen. Doch dieser Prozess braucht Zeit. Der Fall Hunter Biden zeigt einmal mehr: Wenn es um Aufmerksamkeit, Geschwindigkeit und Reichweite geht, haben Twitter, Facebook und Co. die traditionellen Medien längst abgehängt."

Außerdem: Ohnmächtig und ideenlos hat Europa zugesehen, wie zuerst in Amerika und später in China die Herrschaft über unsere Daten übernommen wurde. Jetzt fordert die Städteplanerin Francesca Bria im Gespräch mit Niklas Maak von der FAZ: "Die EU könnte sagen: Die Daten, die in Europa generiert werden von unseren Bürgern, sind ein öffentliches Gut, das kann man nicht stehlen, und wenn ihr einige davon nutzen wollt, müsst ihr uns bezahlen."
Archiv: Internet