9punkt - Die Debattenrundschau

Dafür viele Likes auf Twitter

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.04.2021. In der Welt fragt Judith Sevinç Basad, wie die woke Linke so abgehoben und dogmatisch werden konnte. Weil die Liberalen so wehleidig geworden sind, antwortet ihr Jan-Werner Müller in der NZZ. In der FAZ will sich Hans Christoph Buch das Leben in Haiti nicht schönreden lassen. In der taz nimmt die Historikerin Karina Urbach mit den Tagebüchern des reaktionären Snobs Chip Channon Einblick in das plüschig-palmige Hohenzollern-Leben in Schloss Cecilienhof. Und natürlich verabschieden die Zeitungen Prinz Philip, den boshaften Prinzgemahl.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.04.2021 finden Sie hier

Ideen

Die Autorin Judith Sevinç Basad, die allein schon für ihren halb gegenderten Titel "Schäm dich! Wie Ideologinnen und Ideologen bestimmen, was gut und böse ist" von links und recht angegriffen wird, betont im Welt-Interview mit Anne-Marie Goldmann, dass sie Foucault und Bourdieu wirklich für tolle Theoretiker hält. Aber die Abgehobenheit und der Dogmatismus der woken Linke geht ihr trotzdem gegen den Strich: "Den meisten Migranten helfen die Gendersternchen genauso wenig wie die Scham der Weißen, die irgendwelche privilegierten Rich Kids im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zur Schau stellen. Man sollte sich viel eher fragen: Wo liegen  die wahren Probleme? Warum werden zum Beispiel gut integrierte Flüchtlinge mit Ausbildungsvertrag immer noch einfach so über Nacht abgeschoben? Aber mit einem Milieu, das nichts mit Foucault und Bourdieu anfangen kann, will sich die Anti-Rassismus-Bewegung nicht wirklich auseinandersetzen. Realpolitik ist ihnen viel zu anstrengend. Leichter ist es, mit dem Finger auf den alten, weißen Mann zu zeigen und dafür viele Likes auf Twitter und Facebook abzuräumen. Es gibt also eine Diskrepanz zwischen realen Problemen und dem abgedrehten Diskurs, den wir momentan führen, der immer mehr ins Rassistische und Reaktionäre abdriftet."

Schnellschreiber Jan-Werner Müller mokiert sich in der NZZ über die Kritiker der Wokeness und wehleidige Liberale: "Es heißt, diese aufmüpfigen Minderheiten würden immer nur an Macht statt an die Wahrheit denken. Schon Foucault habe gepredigt, dass es gar keine Wahrheit gebe. Erstens hat Foucault gar nichts 'gepredigt'. Und zweitens ist an dem Gedanken, dass sich unsere Konzepte und Kategorien des Normalen und Abnormalen, des Gesunden und Kranken, mit der Zeit ändern, vielleicht etwas, na, wie könnte man sagen: Aufklärerisches?"
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Politik

Vor Kurzem hatte die Literaturwissenschaftlerin Johanna Nuber in der Zeit den verzerrten Blick auf Haiti beklagt, der nur Elend in dem Land sehen will. In der FAZ antwortet der Schriftsteller Hans Christoph Buch, der ihr seinerseits ideologische Verblendung angesichts einer grausamen Realität vorwirft: "Jeder Besucher des Landes kennt den würgenden Kontrast zwischen der Schönheit und Würde der Menschen, dem Improvisationstalent der Haitianer und der Kreativität, mit der sie politische Desaster und Naturkatastrophen in einem kaum noch lebbaren Alltag meistern. Ich weiß aus leidgeprüfter Erfahrung - Haiti ist meine zweite Heimat, meine Großeltern lebten und starben dort -, was es heißt, den Hiobsbotschaften neue hinzufügen zu müssen: Erdbeben, Hurrikane, Aids, und zur von Blauhelmsoldaten eingeschleppten Cholera kommt die Pest einer korrupten Regierung, die sich am Elend des Volkes bereichert und weder das Leben noch die Gesundheit der Menschen schützt."
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Stichwörter: Haiti

Geschichte

Als ausgesprochen aufschlussreich empfiehlt die Historikerin Karina Umbach in der taz die gerade in Britannien erschienenen Tagebücher des reaktionären Lebenmanns Chips Channon, der sich in den zwanziger Jahren der englischen Aristokratie mit Gehässigkeiten, Antisemitismus und Nazi-Sympathien empfahl. Auch mit den Hohenzollern war er dicke: "Channon war mit zwei Söhnen des Ex-Kronprinzen Wilhelm befreundet und lernte während der Olympiade deren Mutter Cecilie kennen. Das gemeinsame Mittagessen verlief gut, auch wenn der Ästhet Channon dabei die geschmacklose Umgebung ausblenden musste: 'Fritzi (Friedrich von Preußen) führte uns nach Cecilienhof, das die kaiserliche Familie für englisch hält. Es ist ein scheußliches Haus … falscher Tudorstil, kurz vor dem Krieg erbaut. Dass man auf einen See schauen kann, ist eine Erleichterung. Die Inneneinrichtung ist royal: plüschig, palmig … und keine Ornamente außer Fotos von toten Monarchen und ein paar Familienporträts, alle hässlich.'"

Der Historiker Werner Renz erinnert in der FR an den Prozess gegen Adolf Eichmann, den Architekten des Holocausts, der vor sechzig Jahren am 11. April 1961 in Jerusalem begann: "Der Jerusalemer Prozess war ein Meilenstein der internationalen Strafjustiz. Nicht umsonst ist vom Weg von Nürnberg über Jerusalem nach Den Haag die Rede. Eine Tragik will es scheinen, dass drei Akteure der Prozesse von Nürnberg und Jerusalem, die USA, Russland und Israel, dem 1998 geschlossenen Gründungsvertrag für den Internationalen Strafgerichtshof nicht beitraten."
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Wissenschaft

In einem ganzseitigen Gespräch mit Joachim Müller-Jung in der FAZ fordern die beiden offenbar sehr einflussreichen Mediziner Christof von Kalle und Roland Eils eine radikale Digitalisierung des Gesundheissystems. Aber bei aller rhetorischen Verve kann man inhaltlich nur ahnen, worum es geht. Kalle: "Die aktuelle Pandemie hat sehr klar gezeigt, dass unsere Unfähigkeit, klinische Daten gemäß den Wünschen unserer Patienten auf sinnvolle Weise zu verarbeiten, vielen Menschen das Leben oder zumindest ihre Gesundheit kosten kann. Diese Unfähigkeit sollten wir uns nicht länger als beabsichtigten Datenschutz schönreden. Informationelle Selbstbestimmung heißt nicht nur das Recht auf Nichtverwendung. Datenschutz ist für krankheitsbedrohte Patienten in erster Linie sinnvolle Datenverwendung zum Schutz ihres Lebens und ihrer Gesundheit unter Wahrung ihrer Privatsphäre."
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Gesellschaft

Die britischen Medien zelebrieren sehr ausgiebig den Tod von Prinz Philip im Alter von 99 Jahren, auch dem Guardian vergeht jegliche Spottlust. In der New York Times schreibt Tina Brown, eigentlich Expertin für salzige Indiskretionen, sehr pietätsvoll über den Tod des Mann, der stets zwei Schritte hinter der Königin ging und versichert. In der SZ erzählt Christian Zaschke einige Anekdoten aus dem Leben des Prinzgemahls, mit dessen legendärer Boshaftigkeit es höchstens brasilianische Putschisten aufnehmen konnten: "Prinz Philip blickte dem dekorierten Admiral auf die geschmückte Brust, es war 1968, das Königspaar besuchte Brasilien. Nachdem er lange genug auf die Auszeichnungen geschaut hatte, fragte er den Admiral, ob dieser all die schönen Orden auf dem künstlichen See der Hauptstadt Brasília erworben habe. Philip liebte es, Menschen aus der Reserve zu locken. Der brasilianische Admiral hätte beleidigt sein können, er hätte patzig antworten können oder gar nicht. Der Admiral aber sagte: 'Ja, Sir. Nicht durch Heirat.'"
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Stichwörter: Monarchie, Prinz Philip