9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Digitalisierung

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.05.2026 - Digitalisierung

Befinden wir uns im Zeitalter der tertiären Oralität? Tilman Baumgärtel, Professor für Medientheorie an der Hochschule Mainz, denkt im Perlentaucher über die Form des "Reels" nach, die sich allenthalben in den sozialen und den stets folgenden traditionellen Medien durchgesetzt haben: "Reels sind ein Medium, das auf verwirrende Weise Eigenschaften ganz unterschiedlicher Medienformen zusammenbringt. Meist zeigen sie Menschen, die frontal in die Kamera reden - manchmal in Kabelkopfhörern mit eingebautem Mikro, aus unerfindlichen Gründen gerne in einem Auto sitzend. Oder vor Ort in ein Mini-Mikrofon mit Fellwindschutz. Oder im selbst gebastelten Studio mit Profigerät mit Schwenkarm und Poppfilter. Sie sind - neben Podcasts und Livestreams - die wichtigsten Mittel einer neuen, oralen Kultur, die im Zeitalter der Sozialen Medien die Schriftkultur zu ersetzen scheint."

Selbst die Trump-Regierung erkennt nun an, dass sie gewisse Sicherheitsvorkehrungen treffen muss, was die Veröffentlichung neuer KI-Produkte angeht, berichtet Andrian Kreye in der SZ. Softwares sollen nun staatlich geprüft werden, der Anlass war das neue KI-Modell Mythos Claude der Firma Anthropic, das laut der Firma zu gefährlich für die Öffentlichkeit war: "Das neue Modell könne selbstständig Schwachstellen in digitalen Systemen aufspüren und daraus Angriffsketten entwickeln, was es zur Bedrohung mache. Streitkräfte, Regierungen und Banken müssten sich dann darauf einstellen, dass Cyberangriffe künftig schneller und ohne großen Aufwand vorbereitet werden können." Wie genau die Prüfungsmechanismen aussehen werden, bleibt abzuwarten, aber Kreye sieht eine Bewegung in die richtige Richtung: "Die alte Silicon-Valley-Logik des erst Bauens, dann Reparierens, greift deswegen nicht mehr. Die eigentliche Erkenntnis ist nun: KI ist keine Software. Sie ist eine Infrastruktur, die man nicht denen überlassen darf, die sie bauen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.05.2026 - Digitalisierung

Die Erziehungswissenschaftlerin Nina Kolleck erklärt im Interview mit der FAS, warum sie ein Social-Media-Verbot für Kinder unter 14 Jahren als Maßnahme zu simpel findet: "Wir brauchen Plattformregulierung statt Nutzerbestrafung. ... Zur Regulierung muss eine fachlich verankerte Digitalkompetenz im Unterricht hinzukommen. Resilienz wächst nicht im Entzug, sondern im Üben. Digitale und politische Bildung sollte zu einem roten Faden verbunden werden, der sich durch alle Fächer zieht. Fragen wie diese müssen behandelt werden: Wie funktioniert so ein Algorithmus? Warum bleib ich immer so lange auf Tiktok, obwohl ich doch nur mal schnell was checken wollte? Wie unterscheide ich Fake News von Fakten? Auf diese Weise wird die eben erwähnte Selbstwirksamkeit gestärkt. Es kommt wie beim Sport, beim Essen oder beim Spielen auf das Maß, den Kontext, die Begleitung an."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.04.2026 - Digitalisierung

Mark Zuckerberg trainiert aktuell seinen Nachfolger selbst: den "Zuckbot". Mit dem sollen seine Angestellten bald kommunizieren können und sich die Kommunikation mit ihren Vorgesetzten sparen, konstatiert Philipp Bovermann in der SZ. "Angestellte sollen den Bot um Rat bitten können. Auch solche, die eigentlich zu weit unten in der Befehlskette stehen, können künftig also in jeder Situation erfahren, was Mark Zuckerberg sagen und wie er entscheiden würde, jedenfalls eine automatisierte Version von Mark Zuckerberg. Immer noch besser, als den direkten Vorgesetzten zu fragen oder selbst entscheiden zu müssen, so die implizite Logik: Selbst die Kopie eines Zuck ist noch besser als die Originale von Menschen, die den Nachteil haben, nicht Mark Zuckerberg zu sein. Aut Zuck, aut nihil. Ein Herrscher, so grenzenlos wie sein Reich. Meta kehrt zurück zu den militärischen Ursprüngen der Unternehmensführung, ergänzt allerdings um die Möglichkeit unendlichen, vollautomatischen Mikromanagements."
Stichwörter: Meta, Zuckerberg, Mark, Ai, KI-Avatare

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.04.2026 - Digitalisierung

Frankreich tut einen sinnvollen Schritt und verlässt die Angebote und Plattformen von Microsoft. Stattdessen sollen alle französischen Behörden auf Linux migrieren, berichtet Andreas Donath in golem.de. Warum jetzt? "Minister David Amiel formulierte es unverblümt: Frankreich müsse aufhören, von Plattformen abhängig zu sein, deren Regeln, Preise und Risiken es nicht selbst bestimmen könne. KI-Ministerin Anne Le Henanff sprach von digitaler Souveränität als strategischer Notwendigkeit. Ob die aktuellen Spannungen zwischen Europa und den USA den Zeitplan beschleunigen, lässt die Regierung offen."

"Europa, schau auf Frankreich", ruft Moritz Förster in einem Kommentar zum Thema bei heise.de: "Paris behandelt digitale Souveränität nicht als Symbolpolitik, sondern als Infrastrukturpolitik. Es geht nicht darum, irgendwo ein europäisches Logo auf ein bestehendes Problem zu kleben. Es geht darum, die technologische Basis des Staates so umzubauen, dass Abhängigkeiten kleiner und Wechsel überhaupt ermöglicht werden. Das klingt weniger glamourös als das nächste Strategiepapier. Es ist aber sehr viel relevanter."
Stichwörter: Digitale Souveränität

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.04.2026 - Digitalisierung

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Wer ein Verbot sozialer Medien für Jugendliche will, mogelt sich nur am Problem vorbei, meint die Bildungsforscherin Nina Kolleck in der taz, denn da die sozialen Medien attraktiv sind, ist es besser, mit ihnen umgehen zu lernen: "Wer erst mit 16 einsteigt, trifft auf die volle, hochoptimierte Wirkung sozialer Medien - in einer Lebensphase, in der Zugehörigkeit, Selbstbild und Vergleich besonders wichtig sind. Was lange eingeschränkt ist, wird attraktiver. Der Einstieg erfolgt intensiver, in einem Alter, in dem viele Jugendliche über Schule kaum noch erreichbar sind. Zugleich ist es ein trügerisches Signal, soziale Medien seien nur bis 16 riskant. Denn viele der Räume, in denen Jugendliche tatsächlich Risiken wie sexuelle Übergriffe oder gezielte Ansprache erleben, etwa auf Plattformen wie Roblox oder Discord, fallen oft gar nicht unter solche Regelungen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.04.2026 - Digitalisierung

Es hat keinen Sinn mehr, die Plattformen regulieren zu wollen, meint der ehemalige Faktenchecker, heutige FC-St.-Pauli-Sprecher und Rechtsextremismusexperte Patrick Gensing in der taz, es kommt drauf an, sie wegzukriegen: "Die eigentliche Herausforderung liegt deshalb nicht in Detailkorrekturen einzelner Plattformpraktiken, sondern im Bruch mit ihrer monopolartigen Stellung über weite Teile politischer Kommunikation. Es geht um die Rückgewinnung öffentlicher Räume, in denen Sichtbarkeit nicht gekauft, Fakten nicht beliebig relativiert werden und demokratische Aushandlung nicht algorithmisch verzerrt wird." Wie genau das geschehen soll - vielleicht im Rahmen eines Sieges von St. Pauli über Bayern München? - erwähnt der Autor leider nicht.
Stichwörter: Plattformkonzerne, Big Data

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.04.2026 - Digitalisierung

In Deutschland haben wir zwar nicht so viel Expertise in Künstlicher Intelligenz, dafür sind wir aber in Ethik gut aufgestellt. Rainer Mühlhoff leitet an den Uni Osnabrück einen Lehrstuhl für Ethik der KI und warnt im Gespräch mit Jacob Gehring von der FAZ vor den neuen Ideologien aus Silicon Valley: "Techideologien liefern eine Art evolutionäre Legitimation für soziale Ungleichheit, Ausbeutung und sogar antidemokratische Staatsformen. Viele Akteure im Silicon Valley glauben, dass gesellschaftliche Probleme primär durch Technologie lösbar sind. Das betrifft etwa Verwaltung, Wirtschaft oder politische Entscheidungsprozesse. In dieser Logik erscheint auch ein grundlegender Umbau von Staat und Gesellschaft als Teil einer "natürlichen" Entwicklung. Politik wird dabei zunehmend durch technologische Systeme ersetzt oder überformt."
Stichwörter: Künstliche Intelligenz

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.03.2026 - Digitalisierung

Vor ein paar Monaten, als wegen Trump-Äußerungen die Empörung mal wieder groß war, beschlossen europäische Regierungschefs mehr auf "digitale Souveränität" zu setzen, dringend nötig, da ein Großteil europäischer Verwaltungen Microsoft mästet. Eine Umfrage der europäischen Suchmaschine Ecosia zeigt aber, dass seitdem kaum etwas geschehen ist, berichtet Sophia Coper in der FAZ. Immerhin: Das Land Schleswig-Holstein stemmt sich tapfer gegen die Riesen, "setzt dabei auf Open-Source-Programme in der Verwaltung. Browser und Suchmaschinen stammen indes von US-Anbietern, so das Ergebnis der Erhebung von Ecosia. Man verfolge 'keine ausdrückliche 'buy european strategy', erklärt Digitalminister Dirk Schrödter auf Anfrage der FAZ, digitale Souveränität erreiche man nicht, wenn man sich statt von US-Unternehmen von europäischen Unternehmen abhängig mache. Aus Sicht der Landesregierung sei es wichtig 'auf Lösungen zu setzen, die in einer aktiven Developer Community entwickelt werden', sagt Schrödter."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.03.2026 - Digitalisierung

Buch in der Debatte

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Wir treten gerade in eine neue Epoche ein, die von Trumps Aufkündigung eines globalen Welthandels und seiner destruktiven Außenpolitik geprägt ist, aber noch mehr vom digitalen Kapitalismus, meint im Interview mit der FR der Historiker Quinn Slobodian. Für diesen Wandel steht vor allem Elon Musk, über den Slobodian zusammen mit Ben Tarnoff gerade ein Buch geschrieben hat. Er leugnet nicht die "destruktiven, inhumanen und zutiefst misanthropischen Seiten" von Musks Weltbild, erkennt aber auch seine Stärken an, zum Beispiel "sein klares Gespür für die Verwundbarkeit einer Weltwirtschaft, die so stark von fossilen Energieträgern abhängt. Seit den 2000er-Jahren propagiert er die Vision von Elektrifizierung und erneuerbaren Energien, und das ist einer der Schlüssel seines Erfolgs gewesen. ... Heute betont Musk erneut die zentrale Bedeutung der Sonnenenergie. Eine seiner derzeit großen Wetten ist die Idee orbitaler KI-Rechenzentren, die den Energieengpass des generativen KI-Sektors überwinden sollen, indem Rechenzentren im Weltraum betrieben, durch das Vakuum gekühlt und direkt mit Sonnenenergie versorgt werden."

Ein Gericht in Los Angeles hat entschieden, dass die Social-Media-Anwendungen von Meta und Youtube süchtig machen und psychische Schäden verursachen" berichtet Andrian Kreye in der SZ. Die beiden Firmen müssen nun "insgesamt sechs Millionen US-Dollar (5,2 Millionen Euro) Schadenersatz und Strafen an die Klägerin bezahlen". Gleichzeitig wurde Meta in New Mexico "zu einer Geldstrafe von 375 Millionen Dollar verurteilt, weil sie trotz besseren Wissens keinen ausreichenden Kinder- und Jugendschutz gewährleistet habe". Dies könnte zu nachhaltigen Veränderungen der digitalen Welt führen, hofft Kreye: "Die Urteile und alle kommenden Verfahren sollten ein Anstoß sein, die Digitalkonzerne zu zwingen, ihre Strukturen zu überarbeiten. Technisch ist es möglich, die Suchtmechanismen und die Schwachstellen in den Griff zu bekommen. Ökonomisch nicht. Meta und Google gehören zu den erfolgreichsten Geschäftsmodellen in der Geschichte der Menschheit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.03.2026 - Digitalisierung

Auf X können Nutzer das Sprachmodell Grok dazu auffordern, jemanden mal so richtig zu "roasten", also zu beleidigen, wobei der Chatbot dann in die untersten Schubladen greift, schreibt Stefan Niggemeier in der SZ. "Ließe sich auch gegen X oder xAI als Anbieter der Beleidigungsmaschine vorgehen? Der Anwalt Tobias Voßberg meint, ja: ''Roasts' sind eindeutig Persönlichkeitsrechtsverletzungen, die öffentlich verbreitet werden. Betroffene können gegen X Unterlassungs- und Beseitigungsansprüche geltend machen.'" Vor Gericht könnte X für die Beleidigungen zur Verantwortung gezogen werden, da ihr Chatbot dahinter steckt und nicht ein einzelner User sich diese Formulierungen ausdenkt. "X könne mit der 'Roasting'-Funktion ohne geeignete Maßnahmen, um schwere Beleidigungen zu verhindern, auch gegen den Digital Services Act der EU verstoßen. Jedenfalls sieht Voßberg als Hauptverantwortlichen im juristischen Sinne klar X als Betreiber - und nicht den Nutzer, der ein 'Roasting' in Auftrag gibt."