9punkt - Die Debattenrundschau

So etwas hat es noch nie gegeben

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.01.2026. Im Iran hat das Regime offenbar ein Blutbad mit Tausenden Toten angerichtet. Vielen soll ins Gesicht geschossen worden sein, berichtet die FAZ. Die Mullahs haben ihre letzten, ohnehin nur taktischen Skrupel abgelegt, schreibt Navid Kermani in der SZ. Die taz berichtet von "Kugelgeld", das die Angehörigen für die Leichen ihrer getöteten Kinder bezahlen müssen. Angesichts der Brutalität ist der Politologe Olivier Roy in der FR wenig optimistisch, dass die Iraner das Regime stürzen können. Data-Mining verstößt nicht gegen Urheberrechte, stellt der Mediziner und KI-Forscher Christof von Kalle in der FAZ klar. Und: Gibt's in Deutschland Zensur?
Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.01.2026 finden Sie hier

Politik

Im Iran hat das Regime offenbar "ein beispielloses Blutbad" mit Tausenden Toten angerichtet, berichtet Friederike Böge in der FAZ. Die Demonstrationen konnte es so erst einmal unterdrücken, aber um welchen Preis. "'Ich bin heute aus Teheran gekommen', heißt es in einer persischsprachigen Sprachnachricht, die der FAZ von einer glaubwürdigen Quelle zugespielt wurde. Sie stammt von einer iranischen Ärztin, die das Land am Montag verlassen hat. 'Ich muss dir sagen, dass die Lage absolut grauenerregend ist', erzählt die Frau einem Freund. 'Sie zerschießen die Leute im wahrsten Sinne des Wortes mit Kriegswaffen.' So wisse sie zum Beispiel aus dem Teheraner Farabi-Krankenhaus, dass dort seit Beginn der Proteste 600 sogenannte Augenhöhlenausräumungen vorgenommen werden mussten. Das bedeutet, die Augen mussten entfernt werden, weil sie nicht mehr behandelt werden konnten. Das Farabi-Krankenhaus ist auf Augenoperationen spezialisiert."

Das Regime selbst hat am Sonntag Videos von der Gerichtsmedizin in Karizak im Süden Teherans verbreitet, schreibt Navid Kermani in der SZ in einem Brief an das iranische Volk. Auf den Fotos sieht man Menschen, die verzweifelt nach ihren Verwandten suchen und zwischen Leichensäcken trauern: "Die Bilder sollen von Freitag sein, heißt es, auch wenn unklar bleibt, wer genau die Leichen sind. Experten, die diese und andere Videos gesichtet haben, sprechen von vielen Kopfschüssen, also gezielten Tötungen." Das bedeutet, dass die Mullahs auch "die letzten, ohnehin nur taktischen Skrupel abgelegt haben." Es bedeutet aber auch, dass sie bald am Ende sind: "Ich kann nicht einschätzen, was gerade in Iran passiert, ohne die Verbindung zu Euch fehlt mir das Gespür, wohin das alles führt, wie viele Ihr seid, wie nah am Abgrund die Herrschaft der Islamischen Republik steht. Aber das weiß ich, dass es mit ihr bald vorbei sein wird, wenn nicht diesmal, dann beim nächsten oder übernächsten Aufstand."

Trotz der "koordinierten Kommunikationssperre der Machthaber" gelangen tröpfchenweise Informationen aus dem Iran nach draußen, berichtet Daniela Sepehri in der taz, "beispielsweise über das Satellitennetzwerk Starlink. Sie zeigen Leichensäcke, die sich stapeln. Menschen versuchen verzweifelt, ihre Angehörigen zu identifizieren. Familien berichten, sie müssten 'Kugelgeld' zahlen - umgerechnet rund 4.800 Euro -, um die Leichen ihrer getöteten Kinder freizubekommen. Andere werden gezwungen, falsche Sterbeurkunden zu unterschreiben: Herzinfarkt oder Organversagen als Todesursache. Wieder andere sollen öffentlich erklären, ihre Kinder seien Mitglieder der Basidschmilizen gewesen, die von Protestierenden getötet wurden. Ärzten zufolge sind die Krankenhäuser überfüllt, es fehlt an Chirurgen. Mindestens 12.000 Menschen sollen während der jetzigen Protestwelle, die am 28. Dezember begann, vom Regime getötet worden sein, die meisten am Donnerstag und Freitag. Die Zahl hat das iranische Exilmedium Iran International recherchiert, gestützt auf Quellen aus dem Obersten Nationalen Sicherheitsrat, dem Präsidialamt, der Revolutionsgarde, medizinischen Einrichtungen sowie auf Aussagen von Augenzeugen und Angehörigen. ... Unabhängig überprüfen lässt sich das derzeit nicht. Genau das ist Teil des Problems."

Die iranische Regisseurin Mahnaz Mohammadi kämpft schon lange gegen das iranische Regime und wurde mehrmals inhaftiert. Im SZ-Gespräch erklärt sie den großen Symbolgehalt brennender Moscheen: "Die Bedeutung dieses Akts kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Denn das, wofür Moscheen stehen, verleiht den Männern ihre Autorität, ihre Sonderstellung. Es ist das Symbol des Patriarchats. Und ich rede jetzt nicht über die Religion Islam, die man anzündet, ich rede vom politischen Islam. Die Islamische Republik nutzt ja Religion nur, um Macht auszuüben. Es ist ein Vorwand, um das Volk zu unterdrücken und sich selbst zu bereichern. Als es noch Internet gab, also vor ein paar Tagen, war die Rede von 35 brennenden Moscheen im ganzen Land, darunter die bekannte Abu-Zar-Moschee in Teheran, die als Symbol des Regimes gilt. Und ein sehr heiliger Schrein in der Stadt Dezful. So etwas hat es noch nie gegeben."

Der Politologe Olivier Roy ist im FR-Interview nicht so optimistisch, was einen Sturz des Regimes im Iran angeht. Ja, die Regierung ist schwach, aber der eigentliche Gegner sind die Pasdaran: "Etwa 200.000 Angehörige der Revolutionsgarden sowie Hunderttausende Basidsch-Milizionäre leben direkt vom Regime. Die Pasdaran kontrollieren mittlerweile rund die Hälfte der iranischen Wirtschaft. Für diese Menschen wäre ein Sturz des Systems existenzbedrohend. Das unterscheidet Iran grundlegend von Syrien unter Assad oder von Tunesien und Ägypten 2011, wo sich die Sicherheitsapparate am Ende weigerten, die Diktaturen zu verteidigen."

In der taz fragt Shila Behjat die iranische Diaspora, ob jetzt wirklich der Moment ist, Reza Pahlavi zu kritisieren oder Pahlavi-Kritiker als linke Ratten zu beschimpfen? "Und deshalb frage ich euch aus der iranischen Diaspora ganz direkt: Könnt ihr es mit eurem Gewissen ausmachen, eure eigenen politischen Interessen und persönlichen Kränkungen auf dem Rücken solcher Menschen auszutragen wie dem von Bahá'i Mahvash Sabet, die bereits fast zwanzig Jahre im Gefängnis sitzt? Die dort bleiben wird, solange es dieses Regime gibt? Auf dem Rücken der vermutlich Tausenden Toten unter den Protestierenden?"

Im Welt-Gespräch mit Josefin Herrmann überlegt die Iran-Expertin Holly Dagres, welche Rolle Donald Trump spielen könnte, der dem Regime gedroht hat: "Aus Sicht des klerikalen Establishments ist das beunruhigend, denn Präsident Donald Trump ist zu allem fähig. Ich bin mir sicher, dass man dort deswegen nicht ruhig schläft. Gleichzeitig hat sich für die Führung aber auch eine Art Gelegenheit ergeben, da Trump einen Deal mit der Vizepräsidentin Venezuelas geschlossen hat. Das bedeutet, dass das Regime von Nicolás Maduro formal weiterhin im Amt ist, er selbst das Land aber nicht mehr führt. Ich kann mir daher gut vorstellen, dass sich das klerikale Establishment diese Entwicklung anschaut und sich fragt: 'Wie können wir einen ähnlichen Deal mit Trump machen?'."
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Digitalisierung

Die Aussage "Das Gras ist grün" ist urheberrechtlich nicht geschützt, und das mit gutem Grund, erinnert Christof von Kalle in der FAZ. Kalle ist Mediziner und Direktor der Forschungsklinik Luxemburg, wo KI-Anwendungen für die klinische Forschung entwickelt werden. Er kritisiert die EU, weil sie ein Opt-out erlaubt, mit dem sich Rechteinhaber gegen Data-Mining wehren können. Doch "das europäische Urheberrecht schützt keine Tatsachen, eine Ideen, keine Erkenntnisse. Geschützt ist allein die konkrete individuelle Ausdrucksform, sofern sie eine persönliche geistige Schöpfung darstellt. Das ist kein juristisches Detail, sondern zivilisatorische Voraussetzung für freien Diskurs. Ohne diese Trennung gäbe es kein Lernen, keine Wissenschaft, keinen Journalismus." Und darum kann das Urheberrecht auch nicht gegen KI angewendet werden, erklärt Kalle, denn sie kopiert nicht, sondern analysiert, wertet Informationen aus. "Eine KI lernt, dass Gras grün ist, weil diese Information häufig und hoch gewichtet vorkommt - nicht, weil ein Autor sie formuliert hat. Rechtlich ist das näher am Lesen als am Kopieren." Kalle warnt davor, dass die europäische KI-Forschung damit blockiert werde.
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Medien

Karikatur von Eric Salch. Charlie Hebdo
Großes Entsetzen über eine Karikatur bei Charlie Hebdo, die am offiziellen Trauertag der Schweiz für die Opfer von Crans-Montana veröffentlicht wurde. Sie zeigt unter der Überschrift "Les Brulés font du ski" (Die Verbrannten fahren Ski) zwei bandagierte Skifahrer in Abfahrt. Der Titel ist eine Anspielung auf Patrice Lecontes Filmkomödie "Les Bronzés font du ski" (Die Braungebrannten fahren Ski) aus dem Jahr 1979, erklärt in der FAZ Andreas Platthaus, der sich fragt, warum nun gleich wieder geklagt werden muss, denn gegen die Opfer von Crans Montana gehe es hier nicht: "Zynismus? Allemal. Zugleich aber auch ein grober Keil auf einen groben Klotz, denn die Tourismusbranche von Crans-Montana wirbt nach der Brandkatastrophe und den davon provozierten Reiserücktritten immer offensiver damit, dass die dortigen Skilifte weiterhin offen sind und ideale Abfahrtbedingungen herrschen. Ökonomisch ist das verständlich, aber nicht weniger zynisch. Die Redaktion von Charlie Hebdo weiß bei aller Lust an der Provokation ganz genau, was sie ins Visier nimmt: Hier sind es nicht die Toten, sondern jene Lebenden, die sich um nichts sorgen außer ihren Einnahmen."
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Gesellschaft

"In den meisten Gesprächen, die ich in Schulen oder in Gefängnissen führe, gibt es eine viel bessere Diskussionskultur als an den Universitäten", betont Ahmad Mansour im NZZ-Gespräch: "Diese Leute sind dankbar, wenn sie ernst genommen werden. Wir reden über autoritäre Vaterfiguren, über Antisemitismus oder Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, über den Unterschied zwischen Religiosität und Radikalität. All diese Themen sind in ihrem Alltag da. Natürlich wäre es einfacher, ihnen zu sagen, 'ihr armen Migranten seid diskriminiert, alle anderen sind schuld', so wie das andere machen. Dann gibt es keinen Widerspruch. Aber wenn ich sage, jetzt reden wir über Homosexualität, dann sind die Leute hellwach, dann entstehen oft sehr gute, emotionale Diskussionen, die beide Seiten zum Nachdenken bringen."

Aufregung über Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther, der bei Lanz (ZDF) gefordert hat, mehr gegen Fake News zu tun. Er habe damit "Zensurmaßnahmen gegen kritische Nachrichtenportale" gefordert, kritisierte der Deutsche Journalistenverband, außerdem regten sich das Portal Nius auf und die Welt. In der FAZ winkt Michael Hanfeld ab. Günther habe "mitnichten der großen Zensur das Wort geredet", wie er später auf Instagram klargestellt habe. Er habe sich vielmehr "gegen 'Fake-News und politische Kampagnen durch sogenannte 'alternative Medien' positioniert'. 'Aktivismus, ob von linker oder von rechter Seite', sei 'kein Journalismus'. Die 'Reaktionen ebendieser 'alternativen' Medien' seien 'das perfekte Beispiel, wie Verkürzung, gezieltes Weglassen und bewusste Falschinterpretation zur Methode geworden sind. Das hält keine Gesellschaft dauerhaft aus.' Quod erat demonstrandum würden wir an dieser Stelle sagen", so Hanfeld mit Blick auf Nius und Welt.

Für die Strafrechtlerinnen Elisa Hoven und Frauke Rostalski zeigt sich hier hingegen ein zweifelhafter Begriff von Pressefreiheit, wie sie in einem Essay bei Zeit Online darlegen: "Ein Ministerpräsident möchte definieren, welche Texte und Medien unter die Pressefreiheit fallen. Aktivismus und Stimmungsmache mögen kein guter Journalismus sein, sie bleiben aber von Art. 5 des Grundgesetzes geschützt. Unsere Verfassung unterscheidet aus guten Gründen nicht nach Seriosität oder Wertigkeit eines Presseinhalts, das Boulevard-Blatt kann sich ebenso auf die Pressefreiheit berufen wie die Qualitätszeitung. Denn wer sollte auch verbindlich entscheiden, welche Inhalte guter und welche schlechter Journalismus sind? Eines ist gewiss: Nicht ein Vertreter der staatlichen Gewalt, die durch die Presse gerade kontrolliert werden soll."

Im Interview mit der NZZ behauptet der amerikanische Forscher Andrew Lowenthal, es gebe in Deutschland "ein 'Zensur'-Netzwerk aus 330 Regierungsbehörden, NGO, universitären Arbeitsgruppen, Faktencheckern, Think-Tanks und Stiftungen'", annonciert Elke Bodderas, die ihn als Spezialisten für digitale Bürgerrechte, Autor und Mitbegründer der gemeinnützigen Initiative Liber-Net vorstellt und interviewt. "Die US-Regierung hat ihre Probleme mit der Meinungsfreiheit eher im Offline-Bereich", sagt Lowenthal. "Der entscheidende Unterschied zwischen Deutschland und den USA liegt auf einem anderen Feld. In Deutschland geschieht die Zusammenarbeit zwischen Staat und NGO offen, legal und selbstverständlich. In den USA ist sie eingeschränkt durch das First Amendment, also den ersten Verfassungszusatz, der die 'freedom of speech' schützt. In Deutschland fließen Hunderte Millionen Euro an NGO, die zum Teil direkt mit Polizei und Sicherheitsbehörden zusammenarbeiten und ihnen Ermittlungen oder Erkenntnisse melden. Manche NGO agieren faktisch als Auftragnehmer der Regierung. Dieses System ist größer als alles, was wir in den USA gefunden haben. ... Die zentralen Hubs für Staatsgelder sind Hate-Aid, Respect, die Amadeu-Antonio-Stiftung, die Alfred-Landecker-Stiftung."
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