9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.07.2022 - Geschichte

Irgendwie gibt es gerade bei den ganz reichen Familien eine Vergangenheit, die immer noch nicht vergehen will, wie auch der New-York-Times-Artikel über die Kunstsammlerin Julia Stoschek neulich zeigte (unser Resümee). Für die ganz reichen Familien gab es keine Stunde null, vermutet der Historiker David de Jong, Autor des Buchs "Braunes Erbe", im Gespräch mit Daniel Erk im Tagesspiegel, denn die Flicks, Fincks und Quandts haben bis heute großen Einfluss. Darum sei es auch für viele deutsche Journalisten schwierig, über das Thema zu schreiben. Da ist etwa der Herbert-Quandt-Medienpreis, benannt nach einem Mann, der "selbst ein KZ-Außenlager hat bauen" lassen: "Seit 2016 betreibt BMW weltweit Philanthropie im Namen von Herbert Quandt. Die BMW-Erben Susanne Klatten und Stefan Quandt haben 2016 diese Stiftung im Namen ihres Vaters mitgegründet. In der Jury des Herbert-Quandt Medienpreises sitzen einige prominente Journalisten, gemeinsam mit Stefan Quandt: Tanit Koch, die ehemalige Chefredakteurin der Bild-Zeitung, Jan-Eric Peters, der Geschäftsführer der NZZ Deutschland, Michaela Kolster, die Programmleiterin von ZDF Phoenix, und Horst von Buttlar, der Teil der Stern-Chefredaktion ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.07.2022 - Geschichte

Vorsicht bei historischen Analogien, ruft der Historiker Christopher Clark in der SZ und ist sich bewusst, dass wir beim blinden Stapfen durch die Gegenwart nicht auf sie verzichten können. Aber wenn schon, dann lieber im 19. Jahrhundert suchen, sagt Clark: "1848, als ukrainische Patrioten im östlichen Teil der Provinz Galizien eine beschränkte Autonomie innerhalb des Habsburgerreiches forderten, wurden sie - damals von den Polen - mit dem Argument abgewiesen, die Ukrainer seien eigentlich Polen, ihre Nationalität sei erst jüngst durch die Staatskunst der Österreicher erfunden worden - und so weiter. Auch das ist eine Eigenart des Nationalismus: Er ist imstande, die eigene Nation feierlich als heiliges Erbe aus tiefster Vergangenheit zu empfangen und gleichzeitig die des Nachbarn oder Konkurrenten als willkürliches Konstrukt abzutun."
Stichwörter: Clark, Christopher, 1848

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.06.2022 - Geschichte

Das deutsche Wirtschaftswunder basiert nicht allein auf dem Anpacken des Mittelstands in der Nachkriegszeit - sondern auch darauf, das sich die Oetkers, die Flicks, die Fincks und die Quandts in der Nazizeit durch Opportunismus, Arisierungen und Zwangsarbeit kräftig bereicherten. Und anders als behauptet, hat sich das in der Öffentlichkeit gar nicht so weiter herumgesprochen, sagt David de Jong, Autor des Buchs "Braunes Erbe" im SZ-Gespräch mit Niklas Elsenbruch. "Ich möchte mit meinem Buch auch auf die Kontinuität von Macht und Geld hinweisen. Die Familien zählten schon im Kaiserreich und der Weimarer Republik zu den reichsten Deutschen - mit Ausnahme der Porsche-Piëchs. Nach der NS-Zeit konnten sie ihr Eigentum in Westdeutschland einfach behalten, ihre Fabriken, Minen, Häuser, Güter und Aktien. Das war wichtig für das Wirtschaftswunder, aber auch für ihre eigenen Finanzen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.06.2022 - Geschichte

Arno Widmann porträtiert für die FR Walther Rathenau, dessen Ermordung vor hundert Jahren in der heutigen historischen Situation eine Menge Assoziationen auslöst. Widmann schildert Rathenau unter anderem als einen Protagonisten der deutschen Kriegswirtschaft im Ersten Weltkrieg, was ihn wiederum an Habeck erinnert. Dann wird einem schwindlig vor lauter sich in den Schwanz beißender Katzen: "Die Pointe der Geschichte lieferte Russland. Die Revolutionäre dort hatten genau beobachtet, was in Deutschland geschah. Lenin betrachtete die von Rathenau auf die Beine gestellte Kriegswirtschaft des deutschen Reiches als eine 'Maschinerie', mit der der Kapitalismus dem Sozialismus den Weg bereitet hatte. Das Reich hatte vorgeführt, dass eine nationale Volkswirtschaft sich zentral leiten ließ, dass sie dadurch nicht geschwächt, sondern dass ihre Kräfte potenziert wurden."
Stichwörter: Rathenau, Walther, Katzen

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.06.2022 - Geschichte

In Berlin soll ein "Dokumentationszentrum Zweiter Weltkrieg und deutsche Besatzungsherrschaft in Europa" entstehen, im Bundestag kommt das Projekt in diesen Tagen zur Sprache, berichtet Andreas Kilb in der FAZ. Konzipiert wird es von Raphael Gross, dem Direktor des Deutschen Historischen Museums: "Die ständige Ausstellung ist nicht nach Ländern und Regionen sortiert, sondern in neun Themenbereiche unterteilt, darunter 'Raub', 'Lager', 'Hunger' und 'Kulturzerstörung'. Auch der Schoa und dem Völkermord an den Roma sind eigene Sektionen gewidmet, das Thema Kollaboration erscheint unter 'Angebote und Zwang zur Zusammenarbeit'. Man kann diese Aufteilung als schubladenhaft kritisieren, aber sie entspricht der Logik des Projekts. Das eigentliche Gedenken kann nur dort stattfinden, wo die Untaten geschahen. In Berlin muss es darum gehen, die Besatzungsherrschaft nach der Art der verübten Verbrechen aufzuschlüsseln, wie bei den Anklagepunkten in einem Prozess."

Die Hetze gegen Walther Rathenau begann schon Monate vor dem Anschlag der rechtsextremen Terroristen aus besten Kreisen, erzählt die Rathenau-Biografin Shulamit Volkov in einem Porträt für die Zeit: "Antisemiten attackierten ihn als Juden, andere wollten in ihm unbedingt einen Kriegsprofiteur, einen skrupellosen Kapitalisten, einen Volksfeind sehen. Seit 1920 folgte eine Todesdrohung der anderen. Doch Rathenau ignorierte sie alle. Verflogen waren jetzt seine depressiven Anfälle, seine Zwiespältigkeit und sein Zögern, der nagende Selbstzweifel. Rathenau war ruhig und entschlossen und konzentrierte sich geradezu stoisch auf seine Arbeit: die Zerrissenheit Deutschlands zu kitten und das Land zu stabilisieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.06.2022 - Geschichte

Die SZ bringt eine Seite zum hundertsten Jahrestag der Ermordung Walther Rathenaus. Jüdische Politiker sind stets von Antisemitismus umstellt, schreibt Michael Brenner, Professor für jüdische Geschichte und Kultur in München und Washington, Rathenau nützte es nicht, dass er bis zur Selbstverleugnung assimiliert war. Drei prominente jüdische Politiker wurden in der Weimarer Zeit umgebracht: Rosa Luxemburg, Kurt Eisner und Rathenau. "In gewissem Sinn waren die Attentäter langfristig durchaus erfolgreich. Eisner sollte mit Ausnahme seines Zeitgenossen Paul Hirsch in Preußen der einzige Jude bleiben, der den Titel eines Ministerpräsidenten eines deutschen Flächenstaates trug - und zwar bis heute (lediglich Hamburg hatte als Bundesland mit Herbert Weichmann in den Sechzigerjahren einen jüdischen Bürgermeister). Und nach der Ermordung Rathenaus gab es auch nie wieder einen jüdischen Politiker von Rathenaus Rang aufs Reichsebene." Und Brenner bennent einen erstaunlichen Umstand in der deutschen Gegenwart: "In den deutschen Bundesregierungen gab es bis heute keinen einzigen jüdischer Minister, und im Bundestag saßen in mehr als sieben Jahrzehnten mit Peter Blachstein, Jakob Altmaier und Jeanette Wolff nur drei sich zum Judentum bekennende Abgeordnete."

Thomas Hüetlin, Autor eines Buchs über den Mord an Rathenau, versucht eine Linie zu ziehen zwischen diesem Mord, der von Erwin Kern geplant wurde, und dem heutigen Putinismus. "Nicht umsonst fordert Björn Höcke ein sofortiges Ende der Sanktionen gegen Russland. Kern und seine Verschwörer waren eine Art Avantgarde des Faschismus, der Deutschland später in den Abgrund stürzen sollte, Putin ist der späte Nachfahre solchen Denkens."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.06.2022 - Geschichte

Vor hundert Jahren wurde Walther Rathenau ermordet. Heinrich August Winkler schildert in der FAZ anschaulich die chaotischen politischen Verhältnisse in der Zeit. Die linken Fraktionen vereinigten sich kurz in der Trauer und spalteten sich dann wieder in der Gewaltfrage. Streit auch im bürgerlichen Lager: "Am 25. Juni schleuderte der Reichskanzler, der Zentrumspolitiker Joseph Wirth, der an der Spitze einer Minderheitsregierung mit Ministern von SPD, Zentrum und DDP stand, in einer Sondersitzung des Reichstags, auf die deutschnationale Fraktion deutend, die vielzitierten Worte entgegen: 'Da steht der Feind, der sein Gift in die Wunde eines Volkes träufelt. Da steht der Feind - und darüber ist kein Zweifel: Dieser Feind steht rechts.' Das Protokoll verzeichnet an dieser Stelle 'stürmischen langanhaltenden Beifall und Händeklatschen in der Mitte und links, auf sämtlichen Tribünen. Große langandauernde Bewegung.'" In der NZZ erinnert der Historiker Ulrich Schlie an das Attentat. In Deutschlandfunk Kultur erinnert eine ganze Reihe an die politischen Morde vor hundert Jahren.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.06.2022 - Geschichte

Der Historiker Manfred Berg erinnert in der Zeit an den amerikanischen Diplomaten George F. Kennan, der in einigen berühmten Aufsätzen den Charakter der stalinistischen Herrschaft beschrieb. Die Parallelen zu heute sind unheimlich: "Stalin und die sowjetischen Machthaber seien von einem tief in der russischen Geschichte verwurzelten Misstrauen und einem Minderwertigkeitskomplex gegenüber dem Westen besessen, von dem sie sich bedroht und verachtet fühlten. Nichts fürchteten sie so sehr wie den offenen Austausch mit der Welt, der den 'archaischen' Charakter ihrer Herrschaft entlarven könnte. Die entscheidende Triebkraft der sowjetischen Politik ist nach Kennans Einschätzung nicht das 'Feigenblatt des Marxismus', sondern ein paranoides Sicherheitsstreben, das nach der Vernichtung aller potenziellen inneren und äußeren Gegner trachte."
Stichwörter: Kennan, George, Berg, Manfred

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.06.2022 - Geschichte

Wenn deutsche Firmen die Geschichte ihrer Nazivergangenheit aufarbeiten lassen, hoffen sie meist, dass sich die Sache damit erledigt hat. Der niederländische Autor David de Jong, dessen Buch "Braunes Erbe. Die dunkle Geschichte der reichsten deutschen Unternehmerdynastien" letzten Monat erschienen ist, findet das im Interview mit der NZZ etwas zu einfach, wie er am Beispiel der Quandts erklärt: Sie hatten "fast 60.000 Zwangs- und Sklavenarbeiter beschäftigt und enorm von Enteignungen profitiert, sowohl was jüdische Betriebe in Deutschland betraf als auch solche in den besetzten Gebieten." Unternehmerfamilien wie die Quandts "sollten vor allem Transparenz herstellen", so Jong, "und etwa auf den Websites der Firmen, Medienpreise, Stiftungen oder Lehrstühle, die den Namen Quandt oder Porsche tragen, kommunizieren, was in den Studien über Unternehmer wie Günther und Herbert Quandt oder Ferry Porsche steht. Meinetwegen sollen sie deren Erfolge feiern, aber sie müssten auch die dunklen Seiten zeigen. Stattdessen legen die Erben einen erstaunlichen Mangel an Reflexion an den Tag: In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat Stefan Quandt vor Jahren einmal über den Schutz des Privateigentums geschrieben und vor Enteignungen und staatlichen Interventionen in der Wirtschaft gewarnt. Er hat wohl vergessen, dass sein Vater und sein Großvater von Enteignungen profitiert haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.06.2022 - Geschichte

Angesichts der Plünderung der ukrainischen Getreidelager durch die russische Armee fühlt sich der Schriftsteller Juri Andruchowitsch in der NZZ an den Holodomor erinnert. Es drohe eine Katastrophe, warnt er. Der Versuch Russlands, Kontrolle über die "Kornkammer Europas" zu bekommen, hat System, fährt er fort: "Wenn ich heute Fotos sehe, auf denen ukrainische Dörfler mit ihren Traktoren erbeutete russische Panzer abschleppen oder, nur mit Äxten und Mistgabeln bewaffnet, russische Soldaten gefangen nehmen, dann beschleicht mich eine Vermutung: Es handle sich in Wirklichkeit um postmoderne Repliken jenes scheinbar vom russischen Zarismus und später auch Bolschewismus vernichteten kulturellen Paradigmas, in dem Pflügen, Säen und Kämpfen gleichwertige Aufgaben waren. Der Kampftraktor des ukrainischen Bauern erscheint als maximal ausgeprägte Verkörperung seiner ererbten aufständischen und Partisanen-Mentalität."