Im großen
ZeitOnline-
Interview mit Johannes Böhme erklärt der in Yale lehrende Rechtshistoriker
Samuel Moyn, weshalb es
Russlands Zustimmung braucht, um Putin in
Den Haag wegen des Angriffskrieges zu belangen und warum die
Humanisierung des Krieges Kriege "moralisch akzeptabel" werden ließ: "Direkt nach der französischen Revolution versuchten Aktivisten, beides gleichzeitig abzuschaffen: den Krieg und die
Sklaverei. Beides waren grausame, scheinbar vermeidbare Praktiken. Mit der Sklaverei waren sie erfolgreich, mit dem Krieg nicht. Es ist in Vergessenheit geraten, wie absurd die Abschaffung der Sklaverei vielen damals erschien. Es gab Menschen, welche die Sklaverei deshalb vor allem humaner machen wollten, etwas weniger grausam. Heute sehen wir, wie diese Anstrengungen eher dazu beigetragen haben, die Institution der
Sklaverei zu festigen, zu bewahren, zu legitimieren." In den letzten Jahrzehnten habe auch die Friedensbewegung an Kraft verloren, meint er.
Nehmt euch ein Beispiel an
Stauffenberg, ruft der Historiker
Thomas Weber Moskaus Eliten in der
Welt zu: "Es braucht regimetreue Persönlichkeiten, die sich gegen Putin wenden und zur Tat schreiten, wenn wir einen langen und brutalen Zermürbungskrieg und Jahre des Elends, der Armut und des Todes vermeiden wollen. Deshalb ist Stauffenberg ein Vorbild dafür, wie Regimetreue in Russland - und in allen Staaten, die sich der Tyrannei zuwenden - auf ihr Gewissen hören und einen Regimewechsel einleiten könnten. Die Einschätzungen westlicher Geheimdienste deuten darauf hin, dass unter den Regimetreuen in Russland die Unzufriedenheit mit dem Krieg wächst, weshalb der 20. Juli 2022 ein guter Zeitpunkt ist, um die
Lehren des 20.
Juli 1944 zu nutzen und die Menschen zu inspirieren, damit sie aktiv werden und erkennen, dass sie mit ihrer Unzufriedenheit nicht allein sind." Sein Rat: Kein Attentat, sondern auch
mal "
njet"
sagen und die Regierungsstruktur untergraben.
In der
SZ nimmt Joachim Käppner den Jahrestag indes zum Anlass, Extremisten jeder Couleur in Erinnerung zu rufen, was
Widerstand eigentlich bedeutet: "Die Rückkehr des Krieges nach Europa durch Putins mörderischen Überfall auf die Ukraine lässt diejenigen im Westen, die sich berufen fühlen, 'Widerstand' gegen freiheitliche Rechtsstaaten zu leisten, als die
Scharlatane erkennen, die sie sind, egal ob
Brandsätze schleudernde Linke in Paris oder
Rechtspopulisten in Deutschland, die 'Freiheit' rufen, wenn sie Unfreiheit meinen. Rechte wie linke Extremisten fordern gern 'Meinungsfreiheit' und beschimpfen den demokratischen Rechtsstaat als 'das System', klagen die 'die Mainstream-Medien' oder 'die Eliten' als geistige Unterjocher an, gegen die man sich wehren müsse. Selten wurde der Widerstandsbegriff auf durchsichtigere Weise
instrumentalisiert. Die Meinungsfreiheit erlaubt es ihnen ganz selbstverständlich, auf den Straßen und im Netz nach Meinungsfreiheit zu schreien - auch wenn sie darunter vor allem die Freiheit verstehen, keine andere andere Meinung mehr hören zu müssen als die eigene Ideologie."