9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.06.2022 - Geschichte

Hierzulande fehlt noch immer das "Verständnis für die Erfahrungen mit sowjetischen Massenverbrechen in Osteuropa und vor allem in der Ukraine", schreibt der Historiker Kai Struve in der SZ: Vor allem in der Wahrnehmung Stepan Banderas und seiner Erinnerung in der Ukraine herrschen in Deutschland zwei Missverständnisse vor, meint er: "Zum einen gibt es eine falsche Deutung des Verhältnisses der Bandera-OUN zu den Deutschen, die in mancher Hinsicht den Verfälschungen der in Russland bis heute fortwirkenden sowjetischen Propaganda ähnelt. Eine gewisse ideologische Nähe zwischen der Bandera-OUN und dem NS-Staat übersetzte sich nicht in eine Unterstützung des deutschen Okkupationsregimes. (…) Zum anderen ist in der deutschen Öffentlichkeit die Bandera-Verehrung in der Ukraine meist als Beleg für die fehlende Auseinandersetzung mit der Kollaboration und für nationalistische, rechtsextreme Tendenzen gesehen worden. Auch eine solche Deutung führt zu falschen Schlüssen, wenn nicht gleichzeitig berücksichtigt wird, dass die Erinnerungsgeschichte an die großen Massenverbrechen des 20. Jahrhunderts in Osteuropa und insbesondere in der Ukraine komplizierter ist als die deutsche oder die westeuropäische. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit der tatsächlichen Verbrechensgeschichte der OUN ist in der Ukraine lange durch die sowjetische und später russische Instrumentalisierung blockiert worden." In der FR fordert auch Harry Nutt, ukrainische Geschichte nachzuholen, am besten mit Büchern von Karl Schlögel und Timothy Snyder.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.06.2022 - Geschichte

Der Historiker Stephan Malinowski hat für sein Hohenzollern-Buch den deutschen Sachbuchpreis bekommen. Damit wird auch Malinowskis Beitrag zu dieser Debatte insgesamt gewürdigt, schreibt Andreas Fanizadeh in der taz: "Die Hohenzollern-Erben durften anfangs auf einen dürftig erscheinenden Forschungsstand setzen. Doch bereits 2014 stellte Malinowski als Sachverständiger des Landes Brandenburg, gestützt auf Akten- und Archivfunde, fest: 'Wilhelm Kronprinz von Preußen hat durch sein in großer Stetigkeit erfolgtes Handeln die Bedingungen für die Errichtung und Festigung des nationalsozialistischen Regimes verbessert. Sein Gesamtverhalten hat der Errichtung und Festigung des nationalsozialistischen Regimes erheblich Vorschub geleistet.' Als er die Forschungsergebnisse 2015 in der Zeit publizierte, den Streit öffentlich machte, gingen die Hohenzollern juristisch gegen ihn vor." Nebenbei sei darauf hingewiesen, dass Malinowski auch sehr früh schon - nämlich 2007 - intensiv kritisch mit postkolonialistischen Theorien auseinandersetzte. Weitere Gratulationen finden sich in der SZ und dem Tagesspiegel.

In der FR erinnert Arno Widmann an die Festnahme Andreas Baaders heute vor fünfzig Jahren.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.05.2022 - Geschichte

Die SZ publiziert einen bislang noch unveröffentlichten Brief Hannah Arendts 1965 an den Spiegel-Redakteur Rolf Becker zur Frage, ob die Schuld von NS-Verbrechern verjähren sollte. Sie ist dagegen, aber wenn doch Verjährung, "dann aber bitte auch einen Schlusstrich unter die Frage der Ostgrenze und Anerkennung der Oder-Neisse-Linie! Und energisches Vorgehen gegen Leute, die von einer Wiedergewinnung des Sudentenlandes faseln. Und last not least, die Anerkennung seitens der Regierung in Bonn, dass Verträge wie der Prager Vertrag vom November 1938 bezüglich des Sudentenlandes, ungültig sind. Wenn man die Sache so macht, was ja so gut wie ausgeschlossen ist, könnte man die Weltmeinung für sich gewinnen - nicht, wie ich glaube, die Meinung des jüdischen Volkes. Aber das sind natürlich reine Phantasien."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.05.2022 - Geschichte

Sol Stern stellt bei Quillette Jeffrey Herfs neues Buch "Israel's Moment" über die direkten Nachkriegsjahre im Nahen Osten vor. Hier finden sich interessante neu Details über den Mufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, der eng mit den Nazis zusammengearbeitet und in Bosnien eine muslimische SS-Division aufgebaut hatte. Nach dem Krieg kam er in Jerusalem in Hausarrest, wo ihn die Franzosen, die an guten Beziehungen zur arabischen Welt interessiert waren, entkommen ließen - auch um einen Auslieferungsersuchen wegen Kriegsverbrechen aus Titos Jugoslawien zuvorzukommen. Wie andere ehemalige Nazis bekam al-Husseini Asyl in Ägypten: 'In Kairo wurde er vom Gründer der islamofaschistischen Muslimbruderschaft, Hassan al-Banna, als siegreicher Held begrüßt. Der Mufti, so al-Banna, sei ein großer Führer, der 'ein Imperium herausgefordert und den Zionismus mit Hilfe von Hitler und Deutschland bekämpft hat. Deutschland und Hitler sind nicht mehr da, aber Amin al-Husseini wird den Kampf fortsetzen'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.05.2022 - Geschichte

Der größte blinde Fleck der Vergangenheitsbewältigung in Deutschland heißt Ukraine, erklärt Timothy Snyder im Gespräch mit Jochen Bittner in der Zeit: "Sie war das Hauptziel von Hitlers Kolonialkrieg, er wollte sie als Kornkammer und Siedlungsgebiet." Snyder kritisiert auch die spezifisch deutsche Kombination von Zerknirschung und Geschäftsinteressen, die allein die Sowjetunion zum privilegierten Gesprächspartner machte: "Die Ukraine hat proportional viel mehr gelitten als Russland. Man vergisst das gern. Warum? Weil es in Moskau immer etwas Wichtiges zu holen gab: Absolution und Rohstoffe. Mit den Ukrainern zu sprechen wäre dagegen nur unbequem gewesen, dort gab es für die Deutschen nichts zu holen. Die Ostpolitik hat deshalb dazu geführt, erst das sowjetische und dann das russische Narrativ des Krieges und der Kriegsschuld zu akzeptieren."

Erstaunlich langsam kommen in den Niederlanden die Kolonialverbrechen ins Bewusstsein, aber es gibt gute Zeichen, berichtet Tobias Müller in der taz, etwa die Ausstellung "Revolution! Indonesien unabhängig" im Rijksmuseum. Und "was die Diskussion um Zwarte Piet angeht, aber auch das Eingestehen der Rolle im transatlantischen Sklavenhandel und der Unterdrückung in den karibischen Kolonien, ist in den Niederlanden in den letzten Jahren durchaus einiges in Bewegung geraten. Im Sommer 2020, als international die Black-Lives-Matter-Kampagne begann, entstand eine neue Dynamik, die diesmal auch das Thema Indonesien nicht aussparte. Ähnlich wie in anderen westeuropäischen Ländern kamen auch hier koloniale Denkmäler in die Kritik."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.05.2022 - Geschichte

Im FAZ-Interview mit Andreas spricht Raphael Gross, Direktor des Deutschen Historischen Museums, über das geplante Dokumentationszentrum zum Zweiten Weltkrieg, über Kolonialismus-Diskurse und Epochenbrüche: "In der Financial Times habe ich neulich einen Satz von Simon Schama gelesen: 'Bad history can kill.' Es ging um Putins Geschichtsverdrehungen und ihre Vorgeschichte im Stalinismus und Nationalsozialismus. Noch im Januar, glaube ich, hätte man einen solchen Satz nicht gedruckt, weil man ihn für die gnadenlose Selbstüberschätzung eines Historikers gehalten hätte. Heute trifft er ins Schwarze. Vor diesem Hintergrund müssen wir uns genau überlegen, wie wir als Demokratie mit Geschichte umgehen, wie wir sie als Mahnung und Korrektiv zur Gegenwart pflegen. Erinnerung und Geschichte sind heute wichtiger denn je. In autoritär regierten Ländern sind historische Museen zu Kampfzonen ideologisch geprägter Geschichtsbilder geworden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.05.2022 - Geschichte

Ukrainische Denkmäler werden dokumentiert und notdürftig geschützt, russische und sowjetische Denkmäler von den Ukrainern beseitigt. "Schon lange vor Kriegsbeginn hatten die Ukrainer ein kompliziert leidenschaftliches Verhältnis zu ihren Denkmälern", schreibt die Anthropologin Natalja Tschermalich in der NZZ: "Man erinnert sich an die Zerstörungswelle, von der 2014 nach Beginn der Maidan-Revolution die Lenin-Statuen massenhaft betroffen waren. Historiker beschreiben die Denkmäler aus der kommunistischen Ära oft als zu Stein erstarrte Ideologie. Die Zerstörung solcher Symbole nährt die Hoffnung, dass man mit dem zerlegten Stein auch die unerträglich gewordene Vergangenheit beseitigt. In der Ukraine rief der Volkszorn gegen sowjetische Denkmäler die Politiker auf den Plan. Heute sind kommunistische wie nationalsozialistische Symbole verboten. Seither haben Hunderte von Straßen ihre Namen geändert, und Hunderte von Denkmälern aus der Sowjetzeit sind verschwunden. Das ist wiederum bei einigen Intellektuellen auf Ablehnung gestoßen, da sie das sowjetische Kulturerbe - etwa modernistische Schilder aus farbigem Stein - als Teil der ukrainischen Kultur betrachten."

Außerdem: Laut einem Bericht eines Rechercheteams des NDR soll Stern-Gründer Henri Nannen während des Zweiten Weltkriegs in leitender Position an antisemitischer Propaganda beteiligt gewesen sein, berichtet Jens Jessen auf ZeitOnline:  Das Team "hat die Flugblätter ausgegraben, die vom Südstern produziert wurden. Es sind antisemitische Karikaturen und Hetzschriften, die Juden als Drahtzieher und Verantwortliche des Krieges hinstellen und die US-Soldaten als deren unwissende Opfer. Wenn Nannen nicht selbst Autor der Texte war, hat er sie doch als verantwortlicher Redakteur schreiben lassen..." Noch "unerfreulicher erscheint heute, dass niemand zuvor den Verdachtsmomenten nachgehen wollte".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.05.2022 - Geschichte

Im FR-Interview vom Dienstag sprach der in New York lebende russische Philosoph Boris Groys über Russlands Zukunft. (Unser Resümee) Russland versteht sich als der "wahre Westen", sagt er heute im ZeitOnline-Interview und erklärt, weshalb Putin zunächst von Jelzins Nationalismus abrückte: "Putin - ebenso wie die neue russische Oberschicht, aber auch viele Intellektuelle und weite Teile der Öffentlichkeit - wollten eher in die vorrevolutionäre Zeit zurück. Es gab einen Kult um ein verlorenes Russland, das von der Oktoberrevolution zerstört, aber jetzt wiederentdeckt, wiederbelebt, wiedererfunden werden musste. Dabei ging es um das Russland von 1913: eine Kombination aus autoritärem Regime, militärischer Macht und aufstrebendem Kapitalismus. Dieses Russland war aber zunächst nicht primär nationalistisch, sondern imperialistisch. Die nationalistischen Aspekte sind erst mehr und mehr dazugekommen. Nach dem Motto: Wir müssen unsere eigene Kultur entdecken, erfinden, erschaffen - und zwar um uns vom Westen abzusetzen. Gerade letzteres wurde immer wichtiger. Man ist müde geworden, vom Westen als Entwicklungsland behandelt zu werden. Vernimmt man die aktuelle russische Propaganda, bekommt man bisweilen den Eindruck, der Krieg gegen die Ukraine wurde auch lanciert, um die westlichen Sanktionen zu provozieren. Als ob man alles Westliche - McDonald's, Facebook oder Instagram - weghaben wollte, damit Russland sich gemäß seinem 'authentischen Wesen' entwickeln könne."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.05.2022 - Geschichte

Das eine Gedenken kann das andere begraben. Juri Konkewitsch beschreibt das in der taz in einem interessanten kleinen Essay am Beispiel der Stadt Luzk im Westen der Ukraine. Hier war das Gedenken mal polnisch. Nach dem Krieg setzten die Sowjets das übliche Siegerdenkmal in die Stadt: nur für die Soldaten der Roten Armee. Und auf dem Gelände eines ehemals polnischen Friedhofs, der planiert worden war. Und selbstverständlich wurde nicht 1939, sondern 1941 als Beginn des Krieges angegeben. "Ideen, an dem Denkmal etwas zu verändern, gibt es seit Langem. Doch sie gingen bisher stets in den Ausflüchten der Behörden unter. Für besagtes Objekt ist das Kulturministerium zuständig, und dort hieß es immer: Wir können nichts verändern, nicht einmal das Datum. Als die Raketen einschlugen, war es mit den Ausreden vorbei, eine Anordnung des Bürgermeisters genügte plötzlich."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.05.2022 - Geschichte

Kenntnisreich und aus eigener Anschauung schildert der Osteuropahistoriker Dietmar Neutatz in der FAZ putinistische Geschichtsinszenierungen durch die "Militärhistorische Gesellschaft", die Kirche und in verschiedenen sehr populären Geschichtsmuseen. Überall begegnet er einem "interessanten Kunstgriff": "Während die Zaren glorifiziert und die Revolution gegen sie als schändlich bewertet wurden, erhalten die Kommunisten vom Moment ihrer Machtergreifung an eine positive Wertung, weil es ihnen gelungen sei, die Autorität des Staates wiederherzustellen."

Ebenfalls in der FAZ konfrontiert Claus Leggewie anlässlich des 8./9. Mai verschiedene Geschichtsbilder in Europa. Das deutsche "Nie wieder Krieg" und die Würdigung der ungeheuren sowjetischen Opfer entheilten dabei manche Tabuzonen: "Von den mit der Befreiung verbundenen Gräueltaten der Roten Armee, namentlich den Massenvergewaltigungen, verbot man sich zu sprechen. Tabu war ebenso die Behandlung der in die Sowjetunion heimgekehrten Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter, die als angebliche Verräter 'filtriert' und in Arbeitslager verschleppt wurden, da sie das Bild eines glatten Sieges über den Faschismus trübten."

Der russische Historiker Sergei Medwedew fürchtet den heutigen Tag in Russland, "weil ich weiß, dass die Staatsmacht diese zeitlich gerne mit gründlichen Säuberungen verbindet", schreibt er in der NZZ. "Der Tag des Sieges hat in Putins Russland eine schwindelerregende Entwicklung erlebt. Aus dem 'Feiertag mit Tränen in den Augen', der er Anfang des Jahrhunderts noch war, wurde eine militärisch-patriotische Show - eine gigantische symbolische Maschine, der das Land unterworfen wurde. ... Der Einmarsch in die Ukraine ist der wichtigste und schrecklichste Effekt der militaristischen 9.-Mai-Religion: Anstelle einer Würdigung des Sieges, eines Festakts zum Kriegsende, anstelle einer Feier des Friedens ist Russland dazu übergegangen, den Krieg zu rühmen. Der Sieg wurde ersetzt durch eine permanente Schlacht. Anstelle eines Aufatmens, eines 'Nie wieder', anstelle des Bannspruchs 'Bloß keinen Krieg', wie er nach 1945 zunächst gepflegt wurde, hat sich Russland die revanchistische Losung 'Wir können das wiederholen' auf die Fahnen geschrieben."

In der FR erinnert Aleida Assmann daran, dass die Deutschen bis in die achtziger Jahre hinein den 9. Mai 1945 nicht als Befreiung erlebten, wie es ihnen 1985 Richard von Weizsäcker nahe legte: Das kam erst später, während die Russen über Jahrzehnte einen "Kult des Krieges" pflegten und "die Opfer des Krieges und die Opfer Stalins eher an Bedeutung verloren haben. In dem Maße, wie hier eine Bewegung von unten nach und nach vom Staat usurpiert worden ist, wurde einer kriegstreibende Politik Vorschub leistet."

Weiteres: In der NZZ beschreibt der Historiker Rasim Marz das schwierige Verhältnis zwischen der Türkei und der arabischen Welt, war doch das Osmanische Reich jahrhundertelang Kolonialmacht und Beschützer der heiligen Stätten des Islams.