Kenntnisreich und aus eigener Anschauung schildert der Osteuropahistoriker
Dietmar Neutatz in der
FAZ putinistische Geschichtsinszenierungen durch die "Militärhistorische Gesellschaft", die Kirche und in verschiedenen sehr populären Geschichtsmuseen. Überall begegnet er einem "
interessanten Kunstgriff": "Während die
Zaren glorifiziert und die Revolution gegen sie als schändlich bewertet wurden, erhalten die
Kommunisten vom Moment ihrer Machtergreifung an eine positive Wertung, weil es ihnen gelungen sei, die
Autorität des Staates wiederherzustellen."
Ebenfalls in der
FAZ konfrontiert
Claus Leggewie anlässlich des 8./9. Mai verschiedene
Geschichtsbilder in Europa. Das deutsche "Nie wieder Krieg" und die Würdigung der ungeheuren sowjetischen Opfer entheilten dabei
manche Tabuzonen: "Von den mit der Befreiung verbundenen
Gräueltaten der Roten Armee, namentlich den Massenvergewaltigungen, verbot man sich zu sprechen. Tabu war ebenso die Behandlung der in die Sowjetunion
heimgekehrten Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter, die als angebliche Verräter 'filtriert' und in Arbeitslager verschleppt wurden, da sie das Bild eines glatten Sieges über den Faschismus trübten."
Der russische Historiker
Sergei Medwedew fürchtet den heutigen Tag in Russland, "weil ich weiß, dass die Staatsmacht diese zeitlich gerne mit
gründlichen Säuberungen verbindet", schreibt er in der
NZZ. "Der Tag des Sieges hat in Putins Russland eine schwindelerregende Entwicklung erlebt. Aus dem 'Feiertag mit Tränen in den Augen', der er Anfang des Jahrhunderts noch war, wurde eine
militärisch-
patriotische Show - eine gigantische symbolische Maschine, der das Land unterworfen wurde. ... Der Einmarsch in die Ukraine ist der wichtigste und schrecklichste Effekt der militaristischen 9.-Mai-Religion: Anstelle einer Würdigung des Sieges, eines Festakts zum Kriegsende, anstelle einer Feier des Friedens ist Russland dazu übergegangen, den
Krieg zu rühmen. Der Sieg wurde ersetzt durch eine permanente Schlacht. Anstelle eines Aufatmens, eines 'Nie wieder', anstelle des
Bannspruchs '
Bloß keinen Krieg', wie er nach 1945 zunächst gepflegt wurde, hat sich Russland die revanchistische Losung '
Wir können das wiederholen' auf die Fahnen geschrieben."
In der
FR erinnert Aleida Assmann daran, dass die Deutschen bis in die achtziger Jahre hinein den 9. Mai 1945
nicht als Befreiung erlebten, wie es ihnen 1985 Richard von Weizsäcker nahe legte: Das kam erst später, während die Russen über Jahrzehnte einen "Kult des Krieges" pflegten und "die Opfer des Krieges und die
Opfer Stalins eher an Bedeutung verloren haben. In dem Maße, wie hier eine Bewegung von unten nach und nach
vom Staat usurpiert worden ist, wurde einer kriegstreibende Politik Vorschub leistet."
Weiteres: In der
NZZ beschreibt der Historiker
Rasim Marz das schwierige Verhältnis zwischen der
Türkei und der arabischen Welt, war doch das Osmanische Reich jahrhundertelang Kolonialmacht und Beschützer der heiligen Stätten des Islams.