
Der katholisch-fundamentalistische und rechtsextreme Tycoon Vincent Bolloré feuert den Verleger
Olivier Nora, der seit zwanzig Jahren den Pariser Verlag Grasset leitet. Der Verlag, in dem Bernard-Henri Lévy, Caroline Fourest, Virginie Despentes, Pascal Bruckner und viele andere bekannte Autoren publizieren, soll künftig von einem Bolloré nahestehenden Manager geleitet werden. Nach Fayard wäre dies das
zweite einst renommierte Haus, das von Bolloré in seinem Sinne gleichgeschaltet wird. Im französischen Verlagswesen kommt diese Entlassung
einem Erdbeben gleich,
schreibt Valérie Marin La Meslée in
Le Point. "Sie ist noch nicht offiziell bestätigt, soll aber eine indirekte Folge der Aufnahme von
Boualem Sansal in den Verlagskatalog von Grasset sein. Olivier Nora hatte das Buch von Sansal zwar bereits eingeplant, der einen Monat zuvor mit seiner Entscheidung, seinen Verlag Gallimard zu verlassen, die Verlagswelt verblüfft hatte, doch der Grund für den Zorn von Vincent Bolloré soll im vorgesehenen Erscheinungstermin gelegen haben: Sansal betonte in jedem Interview - und davon gab es in letzter Zeit eine Menge -, dass sein Buch nach einem Jahr Haft in Algerien bereits fertig sei. Nora wollte es aber erst im November veröffentlichen, zum ersten Jahrestag von Sansals Freilassung..." Lévy hat auf Twitter bereits
angekündigt, Nora folgen zu wollen. Fourest
kommentiert: "Diese Entlassung ist ein Wendepunkt, einer zuviel. Und ein besorgniserregendes Signal."
Sansal selbst bestreitet in einem Gespräch mit dem Fernsehsender
TV5, dass
er der Grund für den Weggang Noras sei: "Er hat mir selbst eine lange Mail geschrieben, in der er sagt, dass ich
nichts damit zu tun habe." Auf die Frage, ob er jetzt ebenfalls den Verlag verlassen werde, antwortet er: "Ich bin doch gerade erst angekommen." Auf die Frage, ob ihm tatsächlich eine Million Euro für sein neues Buch angeboten worden seien, verweigert er die Antwort. Sansal redet in dem Interview auch noch mal über die Umstände seiner Begnadigung: "Als ich gehört habe, dass der
deutsche Präsident auf meine Begnadigung hinwirkt, habe ich als erstes an den algerischen Präsidenten Tebboune geschrieben, um ihm zu sagen, dass ich
alle Gnadenerweise ablehne. Ich will einen neuen Prozess. Das bisherige Urteil ist nicht gültig, ich konnte ja
nicht mal meinen Anwalt sehen. Also lassen Sie uns neu anfangen, sage ich zu Tebboune. Beschuldigen Sie mich aller Taten, die Ihnen einfallen, aber lassen Sie meinen Anwalt kommen und ihn seine Arbeit machen... Ich wollte einen öffentlichen Prozess mit internationalen Beobachtern."
115 Autoren haben in einem
offenen Brief erklärt, den Verlag Grasset verlassen zu wollen,
meldet Franceinfo. Neben den oben genannten gehören Sorj Chalandon, Frédéric Beigbeider, Alain Minc, Vanessa Springora und Raphaël Enthoven dazu. "Noras Ausscheiden markiert eine neue Etappe in der Umstrukturierung der Verlage unter der Kontrolle von
Hachette Livre, der Nummer eins im französischen Verlagswesen und
Nummer 3 weltweit, die in den letzten Jahren von Vincent Bolloré vorangetrieben wurde."