Der
S.
Fischer Verlag zieht von Frankfurt
nach Berlin - das erfuhren die Mitarbeiter gestern auf einer Betriebsversammlung. Mit Sparen hat das nichts zu tun, beteuert im Interview mit der
FAZ Verlagsleiter
Oliver Vogel. Es gehe mehr um Atmosphärisches, das Gefühl, in Berlin besser für die kommenden Umbrüche auf dem Buchmarkt vorbereitet zu sein, was Vogel in der vor vier Jahren gegründete Dependance in der Berliner Rosenstraße gelernt hat: "In einer Zeit von
mobiler Arbeit, in der nicht alle jeden Tag im Büro sind, sind Verlagsräume nicht mehr bloß ein Arbeitsplatz, sondern in unserer Vorstellung auch ein
Begegnungsort - für uns mit unseren Autorinnen, aber auch für unsere Autorinnen mit dem Literaturbetrieb und mit Leserinnen. Und darüber hinaus ist das Berliner Büro auch ein Veranstaltungsort geworden. Die Rosenstraße hat
das Netzwerk im Kulturleben verbessert. Wir sind da und spüren das. Wir haben dort inzwischen bestimmt
dreißig Veranstaltungen für Presse und Buchhandel gemacht. Unser Theaterverlag hatte große Veranstaltungen mit seinen Autorinnen und Dramaturgen und Regisseurinnen dort. Vor ein paar Wochen haben sich an einem Wochenende dreißig russische Autoren in unserem Konferenzraum getroffen, der dafür eigentlich viel zu klein ist, und den 'PEN Sprachen Russlands' gegründet. Das Verlagsgeschäft beruht auf
Begegnungen und Gesprächen, da schafft die Präsenz in Berlin Möglichkeiten."
Nach Suhrkamp jetzt S. Fischer - der Verlust für Frankfurt ist "
unbeschreiblich", klagt in der
FAZ Andreas Platthaus. Dabei ist es die viel geschäftigere Stadt! "Aber sie leidet unter dem Ruf als
Traditionshauptstadt der Buchbranche. Und hier kommt die Verantwortung von Frankfurt selbst zum Tragen. Besonders ernsthaft wurde S. Fischers Abwanderungsüberlegungen offenbar nicht entgegengearbeitet. So verliert sie hundert Verlagsarbeitsplätze. Und an
einem Konzept, das den Status einer Buchstadt auf anderes basiert hätte als das, was schon seit Jahrzehnten da ist, fehlt es gleich ganz."
Nicht so tragisch
findet Michael Hesse den Umzug in der
FR: "Frankfurt unterdessen verfügt nach wie vor über eine
lebendige Anzahl an Verlagen, wie man mit Blick auf Schöffling & Co., Klostermann, Campus, Büchergilde oder Frankfurter Verlagsanstalt sagen kann. Fischer will in der Stadt neue Räume suchen, die auch repräsentativen Zwecken dienen und Platz für Veranstaltungen bieten. Das bisher genutzte Gebäude in der Hedderichstraße befindet sich nicht im Eigentum des Verlags und wäre ohnehin
umfassend sanierungsbedürftig. Unabhängig von der Verlagerung nach Berlin hätte sich S. Fischer daher auch in Frankfurt nach neuen Räumen umsehen müssen."
Die deutsche Buchbranche, "wie sie jahrzehntelang zuverlässig funktioniert hat, exisitert in ihrer alten Form heute nur noch
in Spurenelementen", kommentiert Felix Stephan den Umzug in der
SZ: "Lange haben Verlage Schriftsteller aufgebaut und ihre Romane und Gedichtbände veröffentlicht, die daraufhin in den Feuilletons der Print-Zeitungen besprochen und von informierten unabhängigen Buchhändlern ihren Kunden empfohlen wurden. Diese Infrastruktur ist in den vergangenen Jahren
rasant geschrumpft, nur noch zwanzig Prozent seiner Bücher verkauft S. Fischer heute über den stationären Buchhandel. Das Gros aber läuft über den Quasimonopolisten Thalia und digitale Vertriebswege, Community-Marketing und direkte Zielgruppenansprache in den sozialen Medien."
In der
Zeit macht sich Götz Hamann Sorgen. "
Rechte" Autoren wie Ulf Poschardt, Pauline Voss und Julian Reichelt besetzen die Bestsellerlisten - wo sie dann in der Regel allerdings die kulturelle Hegemonie der "
Linken" beklagen. All diese Autoren verdanken ihr Karacho den sozialen Medien, so Hamann, aber dennoch, es handelt sich nicht einfach um recycelte Tweets: "Die Erfolge in den Bestsellerlisten, zumal über mehrere Wochen hinweg, sind real,
getragen von Leserinnen und Lesern, die eine Erklärung für ihr eigenes Leiden an der Gegenwart suchen. Bestsellerlisten bilden vielleicht keine politischen Mehrheiten ab, sind aber als politischer Ideenwettbewerb zu verstehen. Und hier sticht der gegenwärtige Mangel an frischen liberalen oder progressiven Ideen mit Bestsellerpotenzial deutlich ins Auge. Wenn linke Soziologen wie Hartmut Rosa oder Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey einen
Mangel an Zukunftserzählungen beklagen, dann findet sich ein Beleg dafür in ebendiesen Leerstellen. Und so breiten sich die antilinken Mahner und Warner in diesen Monaten ziemlich ungehindert aus."
Außerdem: Auch der Journalist
Jan Fleischhauer teilt in seinem
neuen Buch kräftig gegen die Linke aus. Im
NZZ-Interview kritisiert er aber auch neue rechte Formate wie
Nius. Dort beginne "jeder Tag mit dem Untergang Deutschlands, und von da geht es nur noch abwärts. Deutschland geht jeden Tag mehr unter. Diese
Begeisterung für die Apokalypse kenne ich sonst nur von in der Wolle gefärbten Linken."