Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.10.2025. In der SZ schildert Zeruya Shalev ihre zwiespältigen Gefühle am Tag der Heimkehr der Geiseln - Euphorie darüber einerseits, Angst und Fragen andererseits: Denn zu den freigelassenen palästinensischen Gefangenen gehört auch der Attentäter, der sie im Jahr 2004 fast umgebracht hatte. In der FAZ lernt Heinrich August Winkler einiges über Konrad Adenauer und diese "lästige und unangenehme Sache" namens Berliner Mauer. In der FR fragt sich Karl Schlögel, ob die Europäer den Ernst der Lage begreifen. Und die Buchmesse beginnt: Die FAZ wirft einen Blick auf die Lage der Branche.
Zeruya Shalev wurde selbst bei einem Attentat in Bethlehem 2004 schwer verletzt (Kontext), elf Menschen waren bei diesem Attentat ums Leben gekommen (mehr hier) - in ihrem Roman "Schmerz" von 2015 (der damals bei der Kritik nicht unbedingt gut ankam) thematisierte sie dieses Attentat. Der Attentäter gehört zu den Hunderten palästinensischen Gefangenen, die im Austausch für zwanzig lebende und 28 ermordete israelische Geiseln freigelassenwerden. In der SZ schreibt sie über die Euphorie nach der Heimkehr der Geiseln aber auch über diesen Preis. "Der Gedanke daran, dass der Mann, der unschuldigen Menschen absichtlich so viel Leid zugefügt hat, von nun an auf freiem Fuß sein wird und weiteres Leid zufügen kann, lässt mich ängstlich und beklommen fühlen. Leider kehren die meisten in Abkommen freigelassenen Täter zu Terror zurück, aber noch haben wir keine andere Wahl, als sie massenhaft freizulassen, um unsere Geiseln zurückzuholen. Für einen Moment schießt mir ein Gedanke durch den Kopf, und obwohl ich weiß, dass er naiv ist, kann ich ihn nicht abschütteln: Vielleicht werde ich versuchen, ihn zu treffen. Vielleicht gelingt es mir, ihn zu überzeugen, dass Terror nicht der Weg ist. Wir haben einen so hohen Preis bezahlt, beide Völker, es ist an der Zeit, Kompromisse einzugehen. 'Was ist denn mit dir los, willst du ihm die Chance geben, seinen Job zu Ende zu bringen?', spottet eine Freundin, als sie von meiner Idee hört. Ich weiß, dass das nicht realistisch ist. Aber an Tagen wie diesen, an denen ein seit zwei Jahren herbeigesehnter Traum endlich in Erfüllung geht, erlaube ich mir, weiter mit euch zu träumen."
Die Israelis umarmen einander, die Palästinenser erschießen einander. Die Hamas exekutiert jeden im Gazastreifen, der ihr nicht genehm ist. Den Trumpschen Friedensplan findet Lisa Schneider in der taz gut. Aber optimistisch ist sie nicht: "In einer besseren Welt würde das Momentum der derzeitigen Verhandlungen genutzt, um noch einen Schritt weiter zu gehen: um endlich eine Perspektive für einen neben Israel existierenden, dem Frieden verpflichteten palästinensischen Staat schaffen. Das Momentum wird wohl verstreichen - auch, weil die europäischen Staaten, wie derzeit so oft, über Worte nicht hinauskommen." Über Trumps Tag in Israel und die Friedensverhandlungen von Scharm al-Scheich, berichtet in der tazFelix Wellisch. Und Mirco Keilberth analysiert die Rolle der arabischen Staaten, die in einer ungewohnt konstruktiven Rolle auftreten.
Auf Twitter zirkulieren grauenhafte Videos, die öffentliche Hinrichtungen zeigen. Die Hamas will unterstreichen, dass sie ihre Bevölkerung nach wie vor unter der Knute hat. Diese Videos werden wir nicht einbetten. Hier ein Kommentar des kritischen palästinensischen Intellektuellen Ahmed Fouad Alkhatib, der im amerikanischen Exil lebt.
All over Telegram, Hamas channels are making it clear and repeating their slogan: "We are the flood; we are the day after." Their terrorists emerged from the tunnels, and when they're not executing or shooting Gazans, they walk around markets, steal aid & impose taxes like a… pic.twitter.com/0bRg9NVC4v
Die jahrzehntealte Partnerschaft zwischen den USA und Israel hat ihren Zenit mit Donald Trump überschritten, konstatiert der PolitikwissenschaftlerStephan Bierling in der NZZ. Das liegt daran, dass Trump sich nun Richtung Saudi-Arabien und anderen Öl-Staaten orientieren könnte und zum Anderen an einer zunehmend anti-israelischen Haltung, auch in der MAGA-Bewegung. "Eine Gallup-Umfrage ergab im Juli 2025, dass nur mehr 32 Prozent der Amerikaner Israels Militäroperation in Gaza unterstützen. Während es bei den Demokraten gerade noch 8 Prozent waren, lagen die Werte bei Unabhängigen bei 25 und bei Republikanern bei 71 Prozent. (....) Selbst junge Republikaner und Maga-Isolationisten wie die Abgeordnete Marjorie Taylor Greene und der Talkshow-Host Tucker Carlson kritisieren Israel immer schärfer. Im Moment mag der jüdische Staat militärisch in der stärksten Position seiner Geschichte und der neue Hegemon im Nahen Osten sein. Doch ohne die Unterstützung der Weltmacht USA könnte alles auf Wüstensand gebaut sein."
Hunderte Kinder sind in Lüneburg ermordet worden. Den Nazis galten sie wegen Behinderungen als nicht lebenswert. So erprobten sie an ihnen ihr "T4"-Programm. Nun hat in Lüneburg die "Euthanasie-Gedenkstätte Lüneburg" eröffnet, und taz-Autor Klaus Hillenbrand lässt sich von der offenbar recht charismatischen Leiterin Carola Rudnick, Jahrgang 1976, durch die Räume führen: "Zu jeder Schublade, zu jedem Bild und zu jedem Objekt erzählt sie eine Geschichte, atemlos schnell, engagiert bis in die Haarspitzen. Über Jahre, so berichtet sie, habe sie die ursprüngliche Schau begleitet und schließlich vom Kopf auf die Füße gestellt. Früher waren dort nicht nur die Opfer, sondern selbst die Täter anonymisiert. Bloß keinem auf die Füße treten. Nur nicht die Gefühle von Verwandten verletzen, die sich möglicherweise ihrer Vorfahren wegen genierten. Rudnick hat das geändert. 'Sollen sie mich doch verklagen', habe sie damals gedacht, sagt sie. Es kam keine einzige Klage."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Heinrich August Winkler liest für die FAZ einen Band mit bisher unbekannten Dokumenten zu Adenauers Ostpolititk. Dass Adenauer mit dem Osten des eigenen Landes nicht allzuviel anzufangen wusste, geht aus folgender Passage hervor: "Auf den Beginn des Baus der Berliner Mauer am 13. August 1961 reagierte Adenauer zur Überraschung und Enttäuschung vieler seiner Landsleute äußerst zurückhaltend. Er bat 'alle Deutschen', den Maßnahmen der DDR 'mit Ruhe (...) zu begegnen und nichts zu unternehmen, was die Lage erschweren, aber nicht verbessern kann'. Am 16. August nannte der Kanzler im Gespräch mit Smirnow den Mauerbau 'eine lästige und unangenehme Sache, die über das Nötige hinaus hochgespielt worden sei. Er wäre der sowjetischen Regierung dankbar, wenn sie da etwas mildern könnte.'"
Die Buchmesse beginnt. Im Börsenverein der Buchhandels wechselt die Leitung. Karin Schmidt-Friderichs tritt turnusgemäß ab, es folgt der Kleinverleger Sebastian Guggolz. Ein Zeichen, findet Andreas Platthaus im Leitartikel der FAZ zur Lage der Branche. Die Kleinverlage übernehmen inhaltlich immer mehr die Arbeit größerer Häuser - und können doch immer seltener eigenständig existieren. Dass der Berenbeg Verlag schließt, ist ebenfalls ein Zeichen. Andere Probleme kommen hinzu. Der Gewinner des Deutschen Buchpreises, Dorothee ElmigersRoman "Die Holländerinnen", "ist seit Wochen nicht lieferbar, weil es selbst einem vergleichsweise so großen Verlag wie Hanser nicht gelingt, Nachauflagen drucken zu lassen. Das ist geschäftsschädigend für den Buchhandel, dem der Trubel um die Preisverleihung gewöhnlich sichere Umsätze garantiert. Mit der Buchherstellungsinfrastruktur liegt also erkennbar etwas im Argen. Auch das wird die diesjährige Buchmesse umtreiben." Mehr über den Buchpreis im heutigen Efeu.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Anhänger von Trump und der AfD wollen die demokratischen Institutionen nicht ersetzen oder sich selber als Elite platzieren - am liebsten wollen sie sie brennen sehen, konstatieren die Soziologen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey in ihrem neuen Buch "Zerstörungslust" und im SZ-Interview mit Andreas Tobler und Sandro Benini. Dabei sprechen sie auch von einem "demokratischen Faschismus": "Nachtwey: Die befragten Personen haben immer wieder betont, dass sie sich als Demokraten verstehen. Für den historischen Faschismus hingegen war die Demokratie das Feindobjekt schlechthin. Heute geht es Rechtspopulisten und Rechtsextremen angeblich um eine andere, eine bessere Demokratie - bloß sehen wir in den USA und beispielsweise auch in Ungarn, dass diese Bewegungen die Demokratie aushebeln. Denn alle, die nicht dazugehören, sollen entfernt oder beherrscht werden. Die angebliche demokratische Erneuerung setzt in den USA auf Grausamkeit, Gewalt und neue Hierarchien. Amlinger: Der Begriff Rechtspopulismus ist zu schwach, weil er diese gewaltvollen Momente nicht erfasst. Rechtspopulistische Politikerinnen und Politiker wollen dem Volk zu seinem Recht verhelfen, indem sie letztlich dafür plädieren, die Eliten auszuwechseln, statt die Institutionen als solche zu zerstören."
Die deutsche Politik und die deutsche Gesellschaft haben schon einmal gezeigt, dass sie sich durch russisches Gas bestechen lassen und Wladimir Putin in der Folge nicht so genau auf die Finger schauen, erklärt der Historiker und Friedenspreisträger Karl Schlögel im FR-Interview mit Michael Hesse. Ob sich Deutschland in Zukunft mit mehr Ruhm bekleckert? "Die Belastungen sind enorm und werden zunehmen. Die Frage ist: Wie sieht eine politische Kultur aus, die diese bewältigt, vielleicht sogar daran wächst? Man kann nur hoffen, dass die Deutschen, die Europäer insgesamt, den Ernst der Lage begreifen. Aber es wird Risse geben - durch Gesellschaften, durch Staaten, durch Europa. Orbáns Politik zeigt das. Alles ist offen. Verteidigungsfähig zu werden, ist das Gegenteil von Militarisierung: Si vis pacem, para bellum - Wer den Frieden will, muss sich auf den Krieg einstellen. Das verlangt aber auch eine neue, souveräne Öffentlichkeit, die nüchtern über diese Dinge spricht." Außerdem: In der NZZstellt Ulrich M. Schmid den Hofstaat von Wladimir Putin vor.
Der bulgarische Journalist Christo Grozev ist beim Medienfestival Prix Europa als "europäischer Journalist des Jahres" ausgezeichnet worden. Er hatte unter anderem für den Online-Recherchedienst BellingcatPutins Giftmörder identifiziert. Nun steht er selbst auf Putins Abschussliste. Im Gespräch mit Yelizaveta Landenberger von der FAZ schildert er unter anderem, was das für sein persönliches Leben heißt: "Überall, wo ich mich mehr als ein paar Stunden aufhalte, gilt es als 'nicht sicher'. Wenn ich meine Familie in Österreich besuche, habe ich dasselbe Schutzteam wie der Präsident. Ich kann also nicht länger als ein paar Tage bleiben, denn ich raube dem österreichischen Staat seine Ressourcen. Das ist generell die Situation in Europa - dass man auf einer Todesliste steht und dennoch nicht priorisiert wird. Und ich denke, Putin hat aktuell größere Probleme: den Krieg in der Ukraine. Das gibt mir etwas Freiheit, zu reisen."
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