9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.05.2022 - Kulturpolitik

Die außergerichtlichen Vergleichs-Verhandlungen mit den Hohenzollern sind gescheitert, meldet Jörg Häntzschel in der SZ: "Das geht aus einem Schreiben des brandenburgischen Finanzministeriums an das Verwaltungsgericht Potsdam hervor, über das der Berliner Tagesspiegel berichtet hat. Vertreter des Bunds und der Länder Berlin und Brandenburg haben laut dem Bericht beschlossen, die Verhandlungen, die seit 2014 geführt und 2019 unterbrochen wurden, nicht fortzusetzen."

Das "anti-adelige Ressentiment in diesem Land hat sich wieder einmal durchgesetzt", ätzt Tilman Krause in der Welt. Dabei habe Georg Friedrich Prinz von Preußen alles für eine gütliche Einigung getan und auch nicht mehr als "lächerliche 1,4 Millionen Euro" verlangt. Aber: "Dieses Land, in dem die Ideologen, die immer ganz genau wissen, was ist und sein soll, den Ton angeben, ist zu einem Aushandeln von Konflikten mit der einstmals herrschenden Klasse auch über hundert Jahre nach dem Untergang der Monarchie noch nicht reif."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.04.2022 - Kulturpolitik

Rund 200 Kulturdenkmäler hat der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine schon beschädigt oder zerstört, schreibt Vanessa Fatho in der FAZ: "Das ukrainische Kulturministerium und die staatliche Agentur für Kunstausbildung haben die Spendeninitiative 'Save Ukranian Culture' gestartet. Mit den Mitteln sollen zerstörte Kulturdenkmäler wiederaufgebaut, Kunstwerke digitalisiert und Kulturinstitutionen unterstützt werden. Das Besondere: In Kooperation mit dem Blockchain-Anbieter Everstake nimmt die Initiative auch Kryptowährung an. Bisher ist mit der Nutzung der digitalen Zahlungsmittel schon eine Summe von mehr als hundert Millionen Dollar an Hilfsprojekte für die Ukraine gespendet worden."

Unter Applaus werden in der Ukraine derweil die ersten russischen und sowjetischen Denkmäler abgerissen, meldet unter anderem Jörg Häntzschel in der SZ: "Viele ukrainische Gemeinden sind außerdem dabei, Straßen umzubenennen, die an Russland erinnern. In Dnipro wird die Straße der 30. Irkutsk-Division ab sofort Straße der ukrainischen Soldaten heißen. In Kiew sollen 60 Straßen umbenannt werden, darunter auch der Leo-Tolstoi-Platz und die gleichnamige U-Bahn-Station. Im Dorf Fontanka bei Odessa entschieden sich die Verantwortlichen - etwas überstürzt vielleicht - , die Wladimir-Majakowski-Straße in Boris-Johnson-Straße umzubenennen, weil der britische Premier Tage zuvor Waffenlieferungen versprochen hatte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.04.2022 - Kulturpolitik

Die Benin-Bronzen werden nach Nigeria zurückgegeben, das ist beschlossen. Nur wohin? Ursprünglich in das von einer privaten Stiftung geplante neue Edo Museum of West African Art, für das die Europäer bereits acht Millionen Dollar gezahlt haben. Aber außer einem Bauzaun ist nichts zu sehen, berichtet Bernd Dörries auf der Seite 3 der SZ. Statt dessen beansprucht der Oba, der traditionelle König, die Bronzen für sich und möchte sie in einem Museum unterbringen, das ihm gehört: "Der Oba entwickelte jedenfalls eigene Pläne für ein 'Royal Museum', einen Ort für Artefakte, die die Briten seinen Vorfahren gestohlen hatten. Entwürfe oder auch nur ein Budget gibt es nicht für dieses Museum, der Palast versprach Details, blieb sie aber bisher schuldig. Vor einigen Wochen kam schon mal der britische Botschafter beim Oba Ewuare II vorbei und überbrachte einen Hahn aus Bronze im Namen der Universität Cambridge. Der König lächelte und brachte den Hahn in seinen Palast."
Stichwörter: Nigeria, Benin, Benin-Bronzen

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.04.2022 - Kulturpolitik

In NRW hat es Ina Scharrenbach, Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung (CDU), geschafft, das Denkmalschutzgesetz des Landes zu kippen. Künftig sollen nicht mehr unabhängige Denkmalschutz-Experten über Abriss oder Sanierung alter Gebäude bestimmen, jetzt dürfen das einfache Angestellte einer Gemeinde, auch ohne jede Fachkenntnis. Dabei ist die Behauptung, der Denkmalschutz stehe dem Klimaschutz im Wege oder verhindere die Nutzung alter Gebäude als Wohnungen, längst widerlegt, ärgert sich in der SZ Laura Weißmüller. Das zeige nicht zuletzt die preisgekrönte Renovierung der Naumannsiedlung in Köln. "Die Wohnsiedlung aus den Zwanzigerjahren wurde nicht nur umfassend saniert, sondern auch verdichtet - statt 450 gibt es dort nun 611 Wohnungen - trotzdem wurde der Charakter des Quartiers erhalten. Neuen Wohnraum in Denkmalen zu schaffen, auch in Industriebauten oder in Kirchen, dagegen spreche gar nichts, solange möglichst viel von den Spuren der Geschichte bewahrt wird, sagt Steffen Skudelny [Vorstand der Deutschen Stiftung Denkmalschutz]. Das könne maßgeblich bei der Bekämpfung von Wohnungsnot helfen. Was aber im Sinne des Denkmalschutzes nicht ginge: 'Investoren, die meinen vom Denkmal nur profitieren zu können.' Das Prinzip Luxus-Sanierer will von alten Gebäude nur die Fassade übrig lassen und die Immobilie hochpreisig vermarkten." Das wird jetzt offenbar leichter in NRW.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.04.2022 - Kulturpolitik

Im Gegensatz zu den Nazis, die den Kanon von unerwünschten Künstlern "säuberten", ordnen Putins Ideologen einen jeden ihrem historischen Relativismus unter, schreibt der ukrainisch-amerikanische Kunsthistoriker Konstantin Akinsha in der NZZ. Plötzlich sitze der faschistische Philosoph Ivan Iljin neben Nikolai Berdjajew, dem Theologen, der an die existenzielle Rolle der Freiheit glaubte, Malewitsch oder Schostakowitsch werden ihrer "Bedeutung entkleidet" - und sogar Memorial-Gründer Andrei Sacharow bekommt ein Denkmal gesetzt, erzählt Akinsha: "Eines schönen Tages, nachdem Wladimir Putin sich von Moskau auf den Weg nach Den Haag aufgemacht haben wird, werden die Russen vor der gewaltigen Aufgabe stehen, ihre kulturellen Schafe von den kulturellen Böcken zu trennen. Man kann nur hoffen, dass sie das Zeug haben, ihre imaginäre 'Zivilisation' wieder auseinanderzunehmen, um ihre nationale Kultur zu restituieren, mit all ihren menschlichen Schwächen. Das wird eine neue Erfahrung sein, denn die Russen haben nie aus postkolonialer Perspektive auf ihre Klassiker geblickt, sie haben nie ein Ohr gehabt für die imperialistischen Untertöne ihrer großen Romane und Gedichte. Beginnend mit den späten 1920er Jahren, war die Fetischisierung der klassischen Literatur ein wesentliches Element des stalinistischen Kulturmodells."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.03.2022 - Kulturpolitik

In der NZZ berichtet der in Russland geborene und in Kiew aufgewachsene Schriftsteller Andrej Kurkow vom Versuch, ukrainische Kulturgüter vor der Zerstörung zu schützen, von den Kriegsfolgen für das Bildungssystem und der "kollektiven Abkehr der Ukrainer von der russischen Kultur. Sie ist bereits im Gang, und dazu bedurfte es keiner Parlamentssitzung. Das Parlament hat lediglich ein Gesetz verabschiedet, gemäß dem die Einfuhr sämtlicher russischer Bücher und Publikationen zum Verkauf in der Ukraine verboten ist. Natürlich wird es in den besetzten Gebieten keine ukrainischen Bücher und Zeitschriften geben, solange sie nicht befreit sind; dort wird alles ausschließlich russisch sein. Es gibt da bereits jetzt kein ukrainisches Radio und Fernsehen mehr, sondern nur noch russische Sender, die Kreml-Propaganda ausstrahlen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.03.2022 - Kulturpolitik

Elena Witzeck schildert in der FAZ, wie Kulturpolitik unter dem Rassemblement national (ehemals Front national) aussieht, der in der Stadt Perpignan regiert. Dort "beschloss die Regierung, das Wappen der Stadt zu ändern, auf dem früher 'Perpignan, die Katalanin' stand. Es zeigt jetzt Johannes den Täufer, was für ein laizistisches Land ein beachtenswerter Schritt ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.03.2022 - Kulturpolitik

Die Ethnologin Isabelle Reimann forscht über menschliche Überreste, meist aus ethnologischen Kontexten, in Berliner Museen. Im Gespräch mit Susanne Memarnia von der taz sagt sie: "Als Provenienzforscherin weiß ich natürlich um den schwierigen und langwierigen Prozess, die Identität und Herkunft der Menschen zu ermitteln. Schockiert hat mich eher, wie wenig die Institutionen in Berlin bei der Provenienzforschung bislang aktiv mit den Herkunftsgesellschaften zusammenarbeiten und wie wenig diese als Expert*innen einbezogen wurden und werden. Die hiesigen Institutionen können die Fragen der Herkunftsgesellschaften nach dem Verbleib der Überreste ihrer Ahnen gar nicht beantworten, ohne erst eine Forschung anzustoßen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.03.2022 - Kulturpolitik

In diesem Jahr sollen 1100 Benin-Bronzen nach Nigeria zurückgehen, in einen Staat, der Homosexualität unter Todesstrafe und auch den Einsatz für LGBTQ-Rechte unter Strafe stellt, schreibt Boris Pofalla in der Welt. Die Restitution ist richtig, aber die sich auf die Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit berufenden Verhandlungen über eine Neugestaltung der kulturpolitischen Beziehungen wären ein Anlass gewesen, über das Thema zu reden, so Pofalla: "Statuen rein, Schwule raus, das scheint der Deal zu sein zwischen Nigeria und Europa. (…) Über ihre Menschenrechtspolitik wird dann keiner mehr reden, so wie jetzt schon nicht. Das ist schlecht. Und es muss nicht so sein. Wenn Deutschland mit Nigeria verhandelt, dann tut es das nicht mit einer Herkunftsgesellschaft oder einer Königsfamilie, sondern mit einem souveränen Staat. Ein solcher Staat aber kann sich, wenn es um internationale verbriefte Menschenrechte geht, nicht auf Bräuche oder angeblichen Volkswillen berufen. Er muss Mindeststandards erfüllen. Die Strafbarkeit von Homosexualität in Afrika, übrigens als solche ein koloniales Relikt, ist kein Schicksal. Botsuana, Angola und Mosambik haben sich bereits davon verabschiedet, in anderen afrikanischen Ländern existierte sie nie."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.03.2022 - Kulturpolitik

Viel Kritik musste Petra Kahlfeldt seit ihrer Ernennung zur neuen Berliner Senatsbaudirektorin einstecken, in einem Offenen Brief wurde eine Neubesetzung des Postens gefordert, Kahlfeldt wird Konservatismus und Ästhetisierung baukultureller Fragen vorgeworfen. (Unsere Resümees). "Ich komme ja von Haus aus der Transformationsecke", sagt Kahlfeldt gegenüber Niklas Maak in der FAZ: "Geprägt habe sie die Idee der behutsamen Stadterneuerung; sie ist auch bei ihren Kritikern als Expertin für Bestandssanierungen anerkannt. Was Kahlfeldt zum Bauen selbst sagt, könnten erst einmal auch ihre Kritiker unterschreiben: dass es 'absolut unökologisch' sei, 'in Amortisationszyklen und in Abrisszyklen zu denken'; und dass 'die Idee des langlebigen und qualitativ hochwertigen Bauens zentral sein muss'. Scheitert diese Idee nicht schon an der Bodenspekulation? 'Boden ist keine vermehrbare Ressource, die ist knapp. Es sind die Grundstücke da, es ist die Infrastruktur da, und trotzdem wird nicht gebaut', sagt Kahlfeldt: 'Das ist unsolidarisch. Es kann nicht sein, dass jemand von dieser Knappheit profitiert. Hier sollte etwas passieren.' Aber was? 'Es gab schon die Überlegung zu sagen, die Baugenehmigung gilt nur drei Jahre. Oder sie erlischt beim Wiederverkauf. Da bewegen wir uns aber auf juristisch dünnem Eis.'"